ursprünglich sollte dies eine einfache kommentarseite werden. anmerkungen und ähnliches haben sich bislang aber nur per email und direktgespräch ergeben; daher fasse ich die jeweiligen punkte hier zusammen. kommentare kann man weiterhin unten einfügen; ein schickeres design ist meinem host derzeit wohl nicht möglich, schande, schande …

Zu Kapitel 1:

Gendering: Eine schnell aufkommende Frage war: Warum ist die Sprache Utopias, das Singsang, nicht entgendered? Schließlich ist doch alle Geschlechter-Ungleichheit, wird jedenfalls behauptet, abgeschafft. Ist in Utopia doch nicht alles so utopisch?

Gute Frage. Besonders, da sie sich der Autor-Entität so nie aufgedrängt hat. Tatsächlich ist ja weder in Utopia, noch … OK, Spoilern ist nicht so gut. Besser zu erwähnen: Da drängte sich dann doch wieder die Frage der gleichberechtigenden Sprache auf. Vorgeschlagen wurde im Umfeld die Übernahme der neutralen türkischen Endungsform. Für „man“ im Singsang wurde das bereits oft genutzte „mensch“ angeführt und „pers“ (Person) vorgeschlagen.

Dann erwähnte eine Freundin, ihre Muttersprache (Ungarisch) gehöre zu den Sprachen ohne grammatisches Geschlecht. Das ist natürlich interessant. Führt das Aufwachsen ohne grammatisches Geschlecht zu anderen Wahrnehmungen, bedingt es mehr Gleichberechtigung? Das grammatische Geschlecht, man darf es ruhig sagen, dürfte kaum * Schuldige in dieser Sache sein. In den ungefähren Worten dieser Freundin: „Werden gewisse Worte weggelassen, dann wird das nicht viel ändern. Aber die Hoffnung ist doch, dass irgendwann die geschlechtsspezifische Zuordnung nicht mehr immer gleich mitgedacht wird“. Das bringt es wohl auf einen möglichen Punkt. Oder, um es flapsig zu sagen, vielleicht denken Utopier nichts mehr weiter dabei mit, wenn sie „man“ sagen. Mensch könnte aber auch „per“ sagen, der Verschlug ist nicht schlecht … ebenso die Erinnerung daran, dass „man“ eigentlich auf das indogermanische Urwort für „Mensch“ zurückgeht und wohl mal inklusiv gemeint war. Geschichte eben. Das hilft uns aber heute und morgen nicht weiter. Mitdenken darf man es dennoch.

„A man and his son get into a horrible car accident. The father was on the wheel, but the son suffered graver injuries. In the hospital, the son is rushed to the operating room. The doctor comes in, sees the patient and says: ‚I can’t operate on him. It’s my son!'“

t.ellings Haupthost hat, als ihm der Text oben präsentiert wurde, zu seiner Schande nicht sofort verstanden, was da passiert oder erzählt wird. Geschlechterumwandlung? Irgendwas? Nein, es kommt einfach eine Ärztin herein, die Mutter. Bei verschiedenen Gelegenheiten hat sich allerdings ergeben, wer diesem Trick noch nicht ausgesetzt wurde, der fällt (in den meisten Fällen) in die Annahmefalle. Hier sind zwei Dinge interessant: Zum einen ist die Falle in Sprachen mit grammatischem Geschlecht schwieriger zu konstruieren, nämlich nur indem das Wort „Arzt“ allgemein verwendet wird statt, wie im Singular zumindest grammatisch richtig, in der Form „Ärztin“. Zum anderen kann hier überlegt werden, ob die Vorannahme und damit die Vergeschlechtlichung in unserem Kopf schon vor der Sprache passiert. Das Problem, meint Aa, könnte in der binären Vorstellungswelt der Biologischen liegen. Sie denken gerne in Gegensatzpaaren. Gut/Schlecht. Hell/Dunkel. Richtig/Falsch. Tag/Nacht. Mann/Frau. Dabei wird ganz automatisch das als dominant oder ‚richtiger‘, ’normaler‘, ‚allgemeiner‘ gesetzte Element an den Anfang gesetzt. Sobald der Automatismus einmal abgeschaltet wird läuft das biologische Denken weniger binär (oder sexistisch), da die Auflösung des biologischen Geistes dort am höchsten ist, wo er seinen Fokus hinsetzt. Aber wir müssen einem KB bei solchen Dingen nicht trauen. (Kleine Anmerkung: Alle Aussagen, Gedanken usw. von t.elling sind Annahmen oder Gedankenversuche und absolut nicht wissenschaftlich fundiert. Anzweifeln und in Frage stellen ist immer angebracht und schwerstens empfohlen.)

Das Englische bietet hier ein weiteres breites Feld für Erkundungen. Immerhin hat sich der moderne Begriff „Gender“ aus dem Wort für grammatisches Geschlecht entwickelt, das im Englischen ja nicht mehr so sehr gebraucht wird. Es wurde in der Diskussion angeführt, dass die einfache Verwendung der männlichen (allgemeinen, siehe oben) Form nicht zu einem Entgendering führen würde. Aber warum nicht? Für Menschen, die mit geschlechtsspezifischen Formen aufgewachsen sind ist das sicher richtig. Was aber, wenn man beispielsweise in Utopia vergessen hätte, dass es andere Formen als die eine benutzte gibt? Die allgemeine Form? Ist es das, was im Englischen passiert ist? Immerhin kannte das Altenglisch noch das grammatische Geschlecht, dass dann mit der Zeit abgeschliffen wurde; und „se mona“, der Mond (auch im Altenglischen männlich), wurde zu „the moon“.

(Ergänzung 7.6.: Zu dem englischen Text wurde angemerkt, dass evt. nur deutsche Muttersprachler in die „Falle“ tappen, da das Wort „Doktor“ männlich belegt sei. Allerdings sind, Eigenversuchen zufolge, zumindest eine Person mit der Muttersprache Englisch und eine mit der Muttersprache Französisch in die „Falle“ getappt; ein Mann, eine Frau. Ein weiterer englischer Muttersprachler meinte, er würde das schon kennen, wäre aber beim ersten Hören nicht auf die korrekte Antwort gekommen. Zudem wurde angemerkt, dass die Geschichte eben so erzählt wird, dass Frauen gar nicht vorkommen, also nicht in den Fokus rücken. Gute Anmerkung – was, wenn es kein Sohn, sondern eine Tochter ist? Kommt die Mutter dann eher in den geistigen Vordergrund? Hat das jemand probiert?)

Singsang: Einigen Kommentaren zufolge erschwert die Sprache Utopias den Einstieg in die Geschichte unnötig. Daher nochmal der Hinweis auf das Glossar mit eventuell hilfreichen ‚Übersetzungen‘. Sollten diese besser direkt als Fußnoten gesetzt werden?

Weiter wurden auch ein paar im Glossar fehlende Ausdrücke angemerkt. Darunter auch die fehlende Erklärung zum „Charm“, eventuell wird das Kleidungsstück ja noch Realität, oder zumindest der Eintrag im Glossar. Sicherlich gibt es im Singsang auch zahlreiche Ausdrücke, die der Autorenidentität noch nicht eingefallen sind … „taggen“, „mochi“, etc.?

Zu Kapitel 2:

Authentizität: Zu Kapitel 2 kam, logischerweise, die Frage, ob denn da auch alles historisch stimmt, oder ob die Erzählerentität das Ganze nicht so genau nimmt. t.elling bleibt auch hier eine klare Antwort schuldig. Zwar musste der Haupthost der Entität alle möglichen Dinge nachschlagen, Bücher wälzen, Bilder betrachten, aber dennoch war keine Antwort beispielsweise auf die Frage möglich, ob im Jahr 1854 Kleidung wirklich von der Stange gekauft werden konnte. Wohl eher nicht. t.elling hat die Szene inzwischen korrigiert, es kommt nun ein Schneider. Ob junge Menschen, besonders eher mittellose, damals in Kaffeehäuser gegangen sind ist dagegen eine Frage, die nicht beantwortet werden muss – es sind immerhin junge Menschen, die einer Zeitreisenden mit einem Gelddrucker begegnen. Und dann gibt es natürlich auch eine ziemlich eindeutige Abweichung von der Geschichte, die wir als Geschichte annehmen; ein klarer Hinweis darauf, dass selbst das ursprüngliche Ewwaversum nicht mit unserem identisch ist. Insofern ist die Antwort doch klar: Die Authentizität, beziehungsweise die Kongruenz zur tatsächlich berichteten Geschichte der Welt der Autoren und Leser, hat nicht oberste Prio. Sie wird aber zumindest ansatzweise und noch angestrebt. Die Frage führte dann weiter zur

Nation, oder dazu, wie bewusst und authentisch die Geschichte jenes Konzepts dargestellt wird. Die fragende oder zweifelnde Entität nahm korrekt an, dass t.elling das Konzept der Nation im deutschsprachigen Raum um 1850 als etwas (noch) nicht dem heutigen Begriff des Nationalismus entsprechendes darzustellen versucht, sich aber dennoch, durch Ewwas Reaktion, von diesem Konzept, selbst in seinen vielleicht nicht so düsteren Anfängen, distanziert. Die zweifelnde Entität, wenn t.ellings Haupthost das richtig verstanden hat, führte die historische Notwendigkeit der Nationenwerdung im Prozess der Abschaffung der Imperien an, besonders aus osteuropäischer Sicht. Der anti-imperialistische Effekt der Bildung der tschechischen Nation wird durch Rudolph herabgesetzt; ebenso wie die elitär-‚demokratischen‘ Vorstellungen von Rudolph durch Ewwa schräg angesehen werden. Hier bleibt am Ende ein undeutliches, nicht unbedingt gutes, sagen wir nagendes Gefühl. Dem Nachzufühlen keine Zeitreise erforderlich macht. Vor kurzem passierte t.ellings Haupthost das Brandenburger Tor, wo sich eine schon wegen der Corona-Auflagen kleine Gruppe zu einer Demonstration versammelt hatte. Der Redner sagte ins Mikrofon: „Die meisten Menschen werden in ihrer Heimat geboren. Für Palästina ist das nicht der Fall. Unsere Heimat wird in uns geboren.“ Den Haupthost beschlich das unsichere Gefühl, das er immer hat, wenn einer Nation größere Bedeutung zugeschrieben wird. Was eine Solidarität mit der palästinensischen Sache keineswegs ausschließt.

Zu Kapitel 3:

Es wurde gefragt, warum Hitler von Aa als „Diktator, Neurotiker und Künstler“ bezeichnet wurde, besonders das Wort „Künstler“ wurde angemerkt, sowie das Fehlen des Begriffs „Verbrecher“. Die Autorenentität hatte hier tatsächlich lange gezögert. Aa ist ein künstliches Bewusstsein aus einer Zukunft, in der die deutsche Vergangenheit als eines von vielen Negativbeispielen für die Biologischen dient. Aas inneres Verhältnis dazu ist entsprechend eher, hm, kalt. Er kennt die Geschichte, die Einträge im WikiRAM, die Erläuterungen in den Formatierungshallen. „Diktator“ versteht sich von selbst, aber schon „Neurotiker“ ist schwierig, eine Art Stolperstein. Hitler wurden posthum mehrere Diagnosen gestellt, von der Schizophrenie bis zum Asperger-Syndrom. Das war und ist nicht unumstritten; lange Zeit galt die „Erklärung“ Hitlers fast als eine Art Entschuldigung. Aas Aussage sollte hier als halbwegs ignorant angesehen werden. „Künstler“ bezieht sich auf Hitlers Berufswunsch. Natürlich hätten Ewwa und Aa auch einfach dafür sorgen können, dass der vom Geniekult besessene Kunstfreund Hitler in Wien zum Kunststudium zugelassen wird. Leider befand man ihn für nicht talentiert genug. Eventuell fand Aa im WikiRAM sogar den Text „Bruder Hitler“ von Thomas Mann, der gewisse überhebliche Grundzüge des damaligen Künstlertypus in Hitler wiederfindet. t.elling hat die Stelle (nach Lektüre von Manns Text) geändert, auch weil zum Stolpern wohl schon der Begriff „Künstler“ reicht. Der Verbrecher wird nun als „Diktator, Verbrecher, Rassist und verhunzter Künstler“ bezeichnet. Aa verhält sich dabei ein wenig wie seine Vorfahren, die KIs, und sucht einfach relevant wirkende Begriffe aus einem Speichermedium ab.

Die folgenden Links simulieren einen möglichen Ausdrucksfindungsweg Aas:

https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Hitler

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/geschichte/hitler-adolf-reichskanzler-kriegsverbrecher118.html

https://www.annefrank.org/de/anne-frank/vertiefung/warum-hasste-hitler-die-juden/

https://fd.phwa.ch/wordpress/wp-content/uploads/2017/03/Mann-Bruder-Hitler.pdf

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