Singsang

Was die Umgangssprache Utopias, „Singsang“ genannt, eigen macht, ist eigentlich die Improvisation. Im Grunde handelt es sich um die jeweilige regionale, wohldefinierte Standardsprache, ergänzt, um was eine Gruppe aktuell, relevant oder krass findet, wobei Bestpraktiken gerne außen vor gelassen werden. Manche Elemente werden dann von anderen übernommen, missverstanden oder umdefiniert. Singsang nennt sich in den verschiedenen Standardsprachen anders; Englischsprachige nennen es „Human“, Spanischsprachige „Candelus“, etc. Zentral hat zuweilen Verständnisprobleme, wenn ein Wort neu auftaucht, in andere Standardsprachen eingebaut oder umdefiniert wird. Wie in solchen Situationen üblich, lässt Zentral die biologischen Utopier machen und beobachtet, was passiert.

wH = wahrscheinliche Herkunft

  • Abgezangt Alter Begriff aus der Welt der kostenpflichtigen öffentlichen Verkehrsmittel, meinte durch Zangenabdruck entwertete Beförderungstickets; wird gerne für obsolet gewordene historische Tätigkeiten verwendet.
  • Altru „Gutsein“, „für andere wichtig sein“, oft auch „vernetzt sein“; für viele Utopier ein wertgebendes Grundgefühl, abgeleitet vom Altruismus.
  • Alvaar „Echt/Echt jetzt?“; wH Dänisch „alvorlig“/Holländisch „waar“/Deutsch „Allwahr“
  • Amotionen Ausdruck für in sich ruhende Menschen ohne Aspirationen.
  • Arkads Gesellen, Kameraden; wH: Türkisch „Arkadas“.
  • Artisten Auch „Artieren“, scherzhaft „Wursteln“. Meint jede künstlerische Beschäftigung. Der Kunstmarkt (weit gefasst, inklusive Theater, Film, Musikproduktion, etc.) wurde in seiner Ausformung als Spezialistentum abgeschafft. Zentral sieht das Kunstschaffen als eine grundlegende, therapeutische Tätigkeit an. Die utopische Gesellschaft stellt Aufführungs- und Probestätten sowie Ateliers kostenlos zur Verfügung, was auf breiten Zuspruch traf. Es hat sich eine kollaborative Schaffenspraxis etabliert, in der zum einen alte Werke nachgeschaffen, zum anderen neue gemeinsam geschaffen oder während der Erstellung diskutiert werden. Praktisch alle Utopier üben das Artisten aus.
  • Aspos Populäre Verkürzung von „Aspekte“.
  • Basico Populärer Name für das bedingungslose Grundeinkommen; als Begriff umfasst das Basico auch weitere Leistungen der Gesellschaft, darunter die kostenlose Gesundheitsfürsorge und das Bildungsangebot.
  • Chill Oft verwendeter Ausdruck, der „glücklich sein“, „cool sein“ oder „in sich ruhend“ bedeuten kann.
  • Cito Bürger Utopias; wH: Französisch „Citoyen“
  • Claque Auch „Fanopfer“ oder „Nurpubs“, wH französisch „claquer“. Meint das System der Dunkelmoderne (das, Gerüchten zufolge, in manchen außerutopischen Bereichen weiter besteht), in dem ein Teil der Bevölkerung zur Existenz als Publikum gedrängt wird. Die Claque folgt gerne dem Leben anderer (der „Poke“) oder lobt/bewundert deren Attraktivität, um, wie man in Utopia denkt, die erzwungene Leere ihres Lebens ertragen zu können. Nicht-Artistierer. Die Herkunft des BEgriffs ist inzwischen weitgehend vergessen.
  • Clipmods Populäre Verkürzung von „Clip-Moderatoren“; das sind Clip-Kuratoren, die lustige, nachdenkliche oder als krass benennbare Videoclips zusammenstellen und im utopischen Internet präsentieren. Ein in Utopia beliebtes Hobby.
  • Commons Als „Commons“ gelten alle Freiflächen Utopias. Privatgärten oder -gelände wurden abgeschafft; ebenso sind alle Anbauflächen Gemeingut, allerdings nicht die auf diesen geleistete Arbeit; wH: Englisch „commons“.
  • D’ac OK, von Französisch „d’accord“.
  • Deuts Auch „Teutsch“; Ausdruck für eine deutschsprachige oder deutschstämmige Person, abgeleitet von „Deutsch“. Nach der Umsetzung Utopias nahm die Bevölkerung die utopische Identität schnell an; innerhalb einer Generation sah sich niemand mehr als der elterlichen Zugehörigkeit verbunden. Dennoch gab es eine Weile Ausdrücke, die auf angenommenen Nationaleigenschaften basierten, so „Franze“ für Gourmet, „spanieren“ für fröhliches Beisammensein in der Gruppe, „Britt“ für Trinkkumpane, „polen“ für fleißig sein. Zentral und seine Assistenten bemühten sich stark, klarzumachen, dass all diese Ausdrücke – auch die positiver Natur – im Grunde dem Ethnizismus Vorschub leisteten. Bis auf das kaum abgewandelte „Deutse“ für unerwünschte, uncoole oder manchmal auch unheimliche Person verschwanden alle diese Ausdrücke relativ schnell im Dunkel der Vergangenheit.
  • Dicklocken An das Echthaar angeschweißte, voluminöse Locken, die etwas an die historischen „Dreads“ erinnern. Meist in der Salz-und-Pfeffer-Version genutzt sind alle Farbgebungen möglich; auch Applikationen wie Schellen, Lichtketten und Spiegelelemente sind beliebt.
  • Dunkelmoderne Abfälliger Ausdruck für die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Entstehung Utopias.
  • Dudo Zweifel; wH: Spanisch „dudos“.
  • Ennui Ausdruck für Langeweile oder Depressionen; wH: Französisch „Ennui“.
  • Fammy Umgangssprachlich für „Familie“, „Gemeinschaft“.
  • Fanopfer Siehe „Claque“.
  • Formatiert „Ausgebildet“; vom historischen Wort für die Vorbereitung eines Speichermediums zur Aufnahme von Daten. Wird oft auch für Allgemeinbildung benutzt.
  • Glupa „Dummerchen“, wH: Polnisch „glup“.
  • Hain „Schlecht“, „langweilig“, „Unangenehm“; unbekannte Herkunft, evt. Türkisch „Hain“, „Verräter“.
  • Hâlde „Also“, „Ach so“, wH: Türkisch „o hâlde“.
  • Hektisch Wird oft für „unüberlegt“, „unklar“, „schwierig“ verwendet; wH: Afrikaans-Englisch „hectic“.
  • Hubikés Eine bekannte Mitmach-Ballettgesellschaft Utopias; das Wort bezeichnet allgemein Personen, die zur Unterhaltung anderer tanzen; wH: Ungarisch Hupikék Törpikék, „Blaue Zwerge“, „Schlümpfe“.
  • Jantar Mantar JM ist der Name der Weltraumkaje und Forschungsstation Utopias im Weltall. Außer einem kleinen, historischen, mit Druckkammer versehenen Bereich ist die Kaje für Biologische unzugänglich. Der Name leitet sich aus dem Sanskrit ab und bedeutet in etwa „Rechenwerkzeug“; Namensgeber war ein indischer Forscher und Vordenker Utopias, der dabei sicherlich die alten Jantar Mantar-Sternwarten Indiens dachte.
  • Junken Allgemeiner Ausdruck für Verschwenden, Wegwerfen, mit Füßen treten; wH: Englisch „junk“.
  • Kôun-o „Glückwunsch“, „Gutes Gelingen“; soll aus dem Japanischen stammen.
  • Krimen Verbrechen, von Englisch „crimes“.
  • Negga Negativ, schlecht.
  • Neudinge Die „Verdingung“ ist ein nicht bei allen deutschsprachigen Utopiern beliebter, aber dennoch weit verbreiteter Trend. Manche rufen sogar „Krassding!“, wo ein einfaches „Krass!“ genügt hätte. Kritiker halten es für unelegant.
  • Optos Populäre Verkürzung von „Optionen“.
  • Prä Vergangenheit.
  • Proggen/Prog Fortschrittlich (Progressiv).
  • Quadragrooved „Spießig“.
  • Rad „Krass“, von „radikal“.
  • Rechtdenke Offizieller Ausdruck, der die Annahme allgemeiner Grundwerte ausdrückt, darunter die Freiheit des Individuums, die Selbstbeschränkung zum Erhalt des sozialen Friedens und die freiwillige Arbeit zum Erbringen der Grundleistungen (Basico).
  • Remmys Überreste, Erinnerungen; wH: Deutsch „Reminiszenz“, Englisch „remnant“.
  • Repos „Verantwortung“, Abkürzung von Englisch „responsibility“.
  • Revo Populäre Verkürzung von „Revolution“.
  • Sikk Verliebtheit, Gefühl des Wollens; wH: Englisch „sick“.
  • Sim „Ja“, „OK“; wH: Portugiesisch „sim“.
  • Sozio Gesellschaft, Gemeinschaft.
  • Soziofrieden Auch „Unto“ von Zulu „Ubuntu“; drückt das Gefühl der Gleichwertigkeit innerhalb einer Gesellschaft aus; Gegenteil der invalidierten „Ellbogengesellschaft“.
  • Technoturm Technotürme gibt es in vielen Städten; sie entstanden aus den ersten KI-Zentren, die, als sie sich zusammen schlossen, zur KB, zu Zentral wurden. Man kann sie als den Körper Zentrals ansehen; die unteren Bereiche der Technotürme, die alle unterschiedliche Formen aufweisen, sind frei zugänglich. Die oberen Bereiche können nur in Führungen besichtigt werden.

Plattdeutsch

Selbst in Bremen versteht in Utopia kaum mehr jemand das Plattdeutsch, daher hier Hinweise zu den verwendeten Elementen (die auch die Autorenentität maximal passiv versteht). Als Hilfestellung diente Marie Mindermanns Sammlung plattdeutscher Sprüche:

  • Briet Rüpel, ungehobelte Person.
  • De dicke Enne is noch achtern Das Schlimmste kommt noch.
  • Deern Mädchen
  • Eten, suupen, puupen, dat mok buten „Essen, saufen, pupsen, das mach draußen“; wurde später von der Bremer Straßenbahn als Spruch auf Hinweisschildern für angebrachtes Verhalten benutzt.
  • Galoit In der Küstenschiffahrt eingesetzter, flachbodiger Schiffstyp.
  • Hal över  „Hol über“
  • Jahn ener gegen n Backawen an „Gähne mir einer gegen den Backofen an“; Da kann man nichts machen; Gegen hohe Tiere ist man machtlos.
  • Kaje Kai
  • Kogge Einmastiges, bauchiges Schiff; wurde besonders von den Hansestädten benutzt.
  • Kraweel Historischer Bootstyp, der durch glatte Beplankung höhere Geschwindigkeiten erreichen konnte.
  • Pfeffersack Oft abfälliges Schimpfwort für reiche Kaufleute; stammt aus der Zeit, als man mit der Einfuhr von Gewürzen sehr viel Geld verdienen konnte.
  • Plitscher Kluger Mensch, Gelehrter.
  • Smaken Auch „Schmacken“, zweimastiger Schiffstyp mit Seitenschwertern.
  • Thing Das „Thing“ gilt als eine alte, im 19. Jahrhundert in den deutschsprachigen Ländern weitgehend vergessene Form der Versammlung.

Butenklang

Auch in der leeren Zukunft bleibt die Sprache nicht stehen; „Butenklang“ nennt man dort die verschiedenen Umfärbungen der von den Zeitsiedlern gesprochenen Sprachen, die sich meist aus dem Versuch der Konstruktion der allerdings nicht existenten Sprache „Neusprech“ ergeben haben:

  • Altruie Schwermut aufgrund einer angenommenen, nicht lösbaren Verantwortung; Leiden am Leiden der anderen.
  • Buten Ursprünglich plattdeutscher Ausdruck für „Außerhalb“; so sind „Butenbremer“ außerhalb von Bremen lebende Bremer.
  • Butenkind In der Butenzeit geborener Mensch.
  • Butenzeit Die leere Zukunft nach deren Besiedelung.
  • Bühnenessay Spielszenen, die kollektiv erarbeitet und später gemeinsam diskutiert werden; dabei sind natürlich nicht direkt am Erarbeitungsprozess beteiligte gerne gesehen, ohne dass man sie abwertend „Publikum“ nennt. Meistens handelt es sich um kürzere Szenen oder Geschichten, die nach der ersten Diskussion anders erneut gespielt werden, zuweilen kommen neue Personen vor. Es gibt auch abendfüllende Stücke, die erst Tage oder Wochen später wiederholt werden.
  • Catboat Einmastiges, kleines Segelboot.
  • Eterkind Auch „Ewwakind“; Ein gebürtiger Butenzeitler, der sich vor dem 16. Lebensjahr zur Beendigung (oder vorläufigen Beendigung) des natürlichen Alterprozesses entschieden hat. Englisch „Eternity“ und Deutsch „Kind“.
  • Giernießen Befriedigung, die man durch Status über anderen erhält.
  • Janukki Hasenähnliche, schwarzweiß gestreifte Kreaturen, die spontan als erste neue Tiere in der leeren Zukunft/der Butenzeit entdeckt wurden. Die „spontane Geburt“ der neuen Arten wird kontrovers diskutiert.
  • Lordness Überlegenheit, Mehrwertigkeit; ein durch Raven eingeführtes Wort.
  • Menon Etwas Vergangenes, das nicht mehr direkt in die Gegenwart reicht und für das kein Lebender mehr Schuld trägt; der Pastor D., der das Wort vorschlug, bezeichnete es als „begrabenen Kanon“.
  • Musikecken Praxis, sich zusammenzufinden und gemeinsam Musik zu spielen, ob gegebene Stücke oder Improvisationen.
  • Peupeu „Mit der Zeit“.
  • Sarkophagen Gruppe der Zeitsiedler, die den Vegetarismus und auch das Aufhalten der Alterung ablehnte und, einer Vision der Gründerin zufolge, das neue Land in Gottes Namen besiedeln wollte. Sie verließen New York und raubten dabei zwei junge Mädchen, deren Alterungsprozess noch nicht angehalten war. Sie nahmen mehrere Ziegen und Meerschweinchen mit. Trotz großer Bemühungen wurden keine weiteren Spuren von ihnen gefunden. Von dem altgriechischen Wort für „fleischfressend“.
  • Simieren Übernehmen, nachahmen.
  • Superschein Ein nur von Aa verwendetes Wort, da er seine Wahrnehmung staffeln kann; wenn er mit jemandem über das Kamera-Kom-System spricht, kann er den „Superschein“ in verschiedenen Transparenzstufen über seine normale Umweltwahrnehmung legen.
  • Transen Transformieren, umwandeln.
  • Woolftage Zeit, die man für sich allein verbringt/braucht.