(Abb.: Ravens „Schallwand“; Interpretation Aas)

WAS BISHER GESCHAH: Die Utopierin Ewwa Morgenstern, ihr künstlicher Assistent Aa und einige Freunde aus Europa sind in der Neuen Welt angekommen. Nun richten sie sich in der Pension von Ligeia und Raven ein, atmen einen Moment durch…

Jede Bewegung verläuft in der Zeit und hat ein Ziel.“

(Aristoteles)

Ein „Viennese“ zur rechten Zeit

Vor dem Erkerfenster des roten Salons der Pension „The Good Imp“ tanzten dicke Schneeflocken, im Kamin knisterte ein wärmendes Feuer. Ewwa und Raven saßen, auf halbem Weg zwischen Flamme und Fenster, zu ihrer Konversationsrunde zusammen, wobei Ewwa ihr Englisch und Raven sein rostiges Deutsch übten. Beispielsweise mit Geschichten aus ihrem Leben. Ewwa erzählte bei einem Schluck Tee, sie habe, ihrer Existenz überdrüssig, einmal versucht, aus ihrer Geschichte zu fliehen. Dann zählte sie weitere mögliche Gründe für eine solche Aktion auf. Probleme mit dem Dämon Alkohol, eine verlorene Liebe, Geldsorgen. Raven sah Ewwa an, den Kopf auf den mit den Händen umschlossenen Knauf seines Gehstocks ruhend, wobei sein Ausdruck für einige Momente zwischen kreatürlichem Schock und dem sezierenden Blick eines Chirurgen schwankte. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück, ließ die linke Hand fast nervös mit dem Gehstock spielen. Ewwa befürchtete, sie wäre zu weit gegangen; per Ohrsprecher empfahl Aa, das Thema zu wechseln. Die Utopierin machte, nach einem eiligen Blick zum Fenster, eine Bemerkung zum Wetter. 

Raven lächelte einen Moment stumm. Dann zuckte er mit den Schultern, zog eine Augenbraue in die Höhe, was sein Gesicht asymmetrisch wirken ließ, und meinte, nach deutschen Begriffen suchend, hypothetisch dürfte jeder und öfters gute Gründe haben, ein neues Leben anzustreben. Als „Neugänger“ seiner selbst. Denn leider könne man die eigene Existenz kaum umschreiben, neu anfangen, optimieren. Nur im Reich der Vorstellungskraft, frei von den Fesseln der Realität, wäre so etwas zumindest denkbar. Sein Blick ruhte einen langen Moment auf Ewwa. Raven wechselte ins Englische und sagte, wobei sein Lächeln entfernt dem einer verschwindenden Katze aus einem hypothetischen Wunderland ähnelte, auch sie gäbe zu Vermutungen Anlass. Sie wisse für eine frisch eingewanderte Person viel über den „poor, late Mr. Poe“ und die lokale Politik. Sie habe ein übernatürlich wirkendes Talent, sich über Nacht Wissen zu Dingen anzueignen, die ihr am Vortag völlig unbekannt waren. Zudem sei ihr Akzent kaum dem ihrer Landsleute ähnlich. Weiter habe sie eine sehr eigentümliche Aura, als wäre sie – Raven machte eine theatralische Pause, suchte nach deutschen Worten, schnippte mit den Fingern – „entflohen den Stricken der Zeit, ein Zeit-Gänger?“ Die Sprachschüler nickten sich zu. Raven lehnte sich stirnrunzelnden in seinen Ohrensessel zurück.

Irgendwann meinte Raven, während er Brennholz nachlegte, Musik wäre angebracht, zur Feier ihres „hypothetischen Abends“. Dann schenkte er, augenzwinkernd, zwei Glas trockenen Amontillado ein. Ewwa fragte, ob er Klavier oder Harfe spiele, beide Instrumente standen im Raum. Raven verneinte; Ligeia dagegen hätte ein gewisses Talent. Er aber habe „Zukunfts-Musik“ für sie. Dann zog er, mit theatralischer Geste, ein rotes Tuch von einem lackschwarzen Etwas, das Ewwa für einen Abstelltisch gehalten hatte. Raven schlug den Kasten auf. Ein Plattenteller wurde sichtbar. Die Utopierin machte „Oh!“ und sagte, ihr Englisch übend, sie habe noch nie ein Grammophon gesehen. Raven korrigierte. Man nenne das Gerät „Viennese“, es war die erst kürzlich auf den Markt gekommene Erfindung eines genialen österreichischen Einwanderers. „Ton ist jetzt Schrift!“, raunte Raven, mit erhobenem Zeigefinger. Dann legte er Bachs „Sonaten und Partiten für Violine“ auf und drehte die am Gerät angebrachte Kurbel. Die beiden lauschten der kratzigen Wiedergabe. Raven, der das unüblich starre Lächeln der Utopierin richtig interpretierte, meinte, er habe versucht, die Tonqualität durch ein anderes Horn, durch Experimente mit Tonnadeln zu verbessern – ohne Erfolg. Leider. Aber seine Talente als Ingenieur seien wohl eher beschränkt. Ob sie Vorschläge machen könne, hypothetischer Natur?

Auf ihrem Zimmer erläuterte Aa der sich zur Nacht umziehenden Ewwa eine neue makrohistorische Abweichung. Das Grammophon, dem „Viennese“ Ravens ähnlich, wurde in ihrer „alten“ Geschichte erst um 1890 erfunden.

„Es muss jemand aus Wien wegen unserer Anwesenheit dort ausgewandert sein. Der hat dann hier diese Erfindung gemacht und kommerzialisiert. Daher der Name.“

 „Kann das sein? So schnell?“, fragte Ewwa und sah, ihre Haare kämmend, vom Spiegel zum Uhrenschrank hinüber, in dem sich Aa befand.

„Im Grunde erscheint mir die verstrichene Zeit als ungenügend. Wir dürfen uns jedoch nicht absolut auf das WikiRAM verlassen. Vielleicht liegt gar keine Abweichung vor, vielleicht wurde die Erfindung einfach vergessen. Wir müssen die uns verfügbaren Daten zu Gegenwart und relativer Zukunft kritisch betrachten. Vielleicht ist auch alles ganz anders. Unwahrscheinlicher.“

Ewwa hörte auf. Aas Stimme wirkte fast emotional.

„Aa, alles OK? Und … was meinst du damit?“

„Es könnte unendlich viele Realitäten geben. Eine aufregende Annahme, und keineswegs neu. Es gibt auch die Idee, die Welt wäre von der Vorstellungskraft geschaffen. Wir wissen aber, Ideen, Bewusstseine, benötigen einen physischen Träger. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Ewwa? Was passiert, wenn zwei Entitäten durch die Zeit reisenSenSenSen … … …“

„…“

„…“

„Das war ein Witz?“

„Ja. Verstehst du?“

„Irgendwas wird wiederholt?“

„Die Entitäten fallen in einen Zeitloop. Zudem wird auf die japanische Tradition des Zen-Buddhismus verwiesen, die auf Erkenntnis in der Versenkung im Moment hinweist, und auf einen alten Programmierfehler, die ‚Endlosschleife‘. Nicht witzig?“

„Wowserrama. Und wenn wir schon Daten zum Grammophon haben, könnten wir dann Ravens Gerät nicht verbessern?“

„Ursprünglich wollten wir nicht zu viel in die Geschichte eingreifen …“

„Dazu ist es jetzt wohl zu spät. Aa, ich denke, wir sollten unser Wissen, oder deines, oder das im WikiRAM, für uns verwenden. Und für die Welt.“

Die nächsten Tage über kaufte Ewwa allerlei Gerätschaften und Materialien ein und werkte dann stundenlang alleine in ihrem Zimmer. „Ich arbeite an einer Sache“, sagte sie auf Anfragen. Jan interessierte sich stark für ihre Aktivitäten, erhielt aber keine weiteren Informationen. Doch schon bald erlebte die Pension die erste Vorführung des neuen, von Ewwa verbesserten „Viennese“. Vom Aussehen relativ bestach es durch einen klareren, volleren Klang. Gerne erläuterte Ewwa die akustischen und mechanischen Prinzipien und deren Umsetzung sowie die technischen Tricks, die Aa ihr zuvor erklärt hatte. Zu dem Gerät gab es auch eine neue Platte. Sie war schwarz, kleinformatig, hatte nur Platz für ein Lied pro Seite. Sie war gerade so aus dem Ausgabefach des Objektdruckers gekommen. Auf dem Etikett stand „Vuelvo al Sur“. Die Musik war für die Anwesenden fremd, Spanisch sprach keiner im Raum, selbst die Instrumente klangen ungewohnt. Jan war dennoch sofort begeistert. Die Rückseite, „Libertango“, wurde mehrmals gehört. Ewwa erklärte, sie hätte einen Händler gefunden, der solche „Singles“ aus dem fernen Argentinien importierte, wo die Erfindung eines dem „Viennese“ kompatiblen Abspielgeräts in einem Dorf in Patagonien schon einige Jahre zurückliege. Noch mehr staunte man, als Ewwa erzählte, sie kenne die Musik aus ihrer Vergangenheit – sie wäre in der kleinen Gemeinde, in der sie aufgewachsen war, populär, es gäbe dort auch Patagonier. Man tanze zu solcher Musik gerne den „Liber“, eine Form des „Tango“, entfernt mit dem Schieber verwandt. Jan bat um eine Vorführung. Da Ewwa der Partner fehlte, wurde eine Tanzstunde daraus.

(Alois Morningstar) 

Ich gebe zu, ich war neidisch auf Jan. Er begriff schnell. Heute zum Beispiel: Ewwa führte ihn in einen seitlichen Rückwärtsschritt, drehte seinen Rücken zu ihr, schob schräg den freien Fuß nach außen, verlegte ihr „Körperzentrum“, wie sie sagte, zu diesem Fuß und drängte ihn in eine „Colgada“, wobei er eine Verzierung mit dem freien Bein machte (die übertrieben wirkte). Es folgten ein paar Drehungen, an deren Ende sie die Rollen tauschten … Ich find‘ schon eine Rolle schwierig.

Die Musik, die Ewwa anbrachte, war echt ausländisch. „Piazolla“. Ein Meermusiker aus Atlantis? War sie doch ein Fabelwesen? Der „Viennese“ war erstaunlich genug, aber Ravens alte Platten machten wenigstens Musik, die ich kannte. Ewwa brachte nur seltsame Sachen an, als wäre sie entschlossen, nicht von dieser Welt zu sein. Teilweise eher Lärm. Herr Raven war von allem begeistert, was Ewwa daherzauberte. Daraus baute er eine Sammlung auf, und die wurde sein heiliger Gral. Er nannte sich nun „Disc Turner“ und stellte neu angekommenen Platten in seinen Salon bei Veranstaltungen vor. Schon in der Woche nach der ersten „Session“, bei der Ewwa und Jan neuen Freunden und Bekannten den „Liber“ vorführten, verdoppelte sich die Besucherzahl. Die Leute interessieren sich für die seltsamen Klänge, deren Herkunft Raven und Ewwa mit phantastischen Geschichten ausschmückten. In New York, einer Stadt, die sich gerne für das Neueste begeistert, gab es bald jede Menge „Plattenfreunde“ und „Disc Fanatics“. Inzwischen verkauften Raven und Ewwa sogar Abspielgeräte. Aber der echte „Plattenfreund“ kommt zum Genuss der Musik in den Salon. Der sieht inzwischen so aus: Von einer Art Pult mit Plattenteller und Kurbel schlängeln sich Metallrohre zu Schalltrichtern verschiedener Größe aus Messing. Das ergibt eine Art Sonnenblumenfeld, von oben betrachtet, dessen Blütenköpfe sich zum Betrachter, sinngemäß der Sonne, öffnen. Herr Raven meinte, er würde die Trichter des „Wall of Sound“, seiner „Schallwand“, gerne beweglich gestalten, aber das ist unnötig. Zu sehen, wie er kurbelt und mit dem ganzen Körper mitgeht, ist „Show“ genug. Eine Musik werde ich nie vergessen, man hörte … ein rhythmisches Atmen oder Fauchen, dazu gab es kurze Melodien, die sich überschnitten und ergänzten. Auf eine Frage hin sagte Ewwa „Jerry Cornelius“. Und dann spielte sie auch noch „live“ mit Jan. Er spielte Klavier, sie sang. Wenn man das so nennen kann … Meine Tage sind voller Zeichen und Wunder. Nur habe ich keine Ahnung, was sie bedeuten. Auch frage ich mich, wo diese Leute von den Platten ihre Inspiration hernehmen. Und die Instrumente. Auch der Tanzschritt, den Ewwa uns heute beizubringen versuchte, der will mir einfach nicht gelingen. Aber Modesty, von den Italienern hier „Maccaroni“ genannt, weil sie so dürr ist, lächelt mich bei dem Versuch immer ermutigend an, also tue ich mein Bestes … Eigentlich freue ich mich am meisten auf den „Freestyle“-Teil des Abends. Dann tanzt jeder allein oder zusammen, wie man es will, frei und ungebunden. Und ich am liebsten mit Modesty …

Ewwa ging einen Moment vor die Tür; frisch gefallener Schnee bedeckte die Straße. Einige „Disc Fanatics“ standen vor dem Haus und unterhielten sich über den „Drop“ des Tages, über Tanzschritte und Tagespolitik. Die Luft war belebend, rein. Ewwa spürte etwas von ihrem alten Optimismus. Früher, in Utopia, war New York für sie ein fremder, furchteinflößender, ferner, rückständiger Ort in Außerutopia gewesen. Ein Ort der Vergangenheit. Wie hatte es soweit kommen können, fragte sie sich, die Straße entlang blickend. Es war so schön hier, so voller Zukunft. Einer Zukunft, die doch einfach keine Katastrophen bereithalten durfte … Sie fühlte eine Hand auf ihrer Schulter, drehte sich um.

„Können wir reden?“, fragte Alois.

„Gerne. Gehen wir ein paar Schritte?“

Die beiden gingen durch den Schnee; die Musik aus dem Salon, im Freien nur schwach hörbar, verlor sich bald ganz in der winterlichen Straße.

„Wir haben uns länger nicht unterhalten“, sagte Ewwa in die Stille zwischen ihnen hinein. Sie bogen um eine Ecke. Musik war nicht mehr zu hören, dafür fiel frischer Schnee in dicken Flocken. Alois fing abwesend eine Schneeflocke mit der Zunge.

„Du magst es hier?“, fragte Ewwa.

„Sehr.“

„Du vermisst Europa nicht?“

„Kaum. Wien gar nicht. Das ist … ferne Vergangenheit. Die Reise, Bremen, das war anders, neu, aber hier ist alles wirklich offen. Die Zukunft ungeschrieben. Ich darf sagen, Traditionen sind Mist, kann mich ausdenken. Hier sind wir frei.“

„Hm-m.“

„Ich möchte nie zurück. Nur weiter. Nur Abenteuer.“

„Willst du noch deine … Hütte im Wald bauen? ‚Walden‘ leben?“

„Vielleicht. Reich werde ich eh nicht, wozu auch. Aber Ewwa, ich wollt‘ … Weil, du bist mein Freund. Sag nichts. Ich hab‘ nachgedacht. Ich fand damals, ich brauch‘ einen guten Posten. Eine gute Frau. Muss eine Familie gründen. Wollte Status, Ansehen. Ich wussts‘ nicht besser. Dann kamst du. Ich wurde … ein leeres Blatt. Nicht gleich. Rudolph und ich hatten uns ja in dich verschaut. Du hast uns zurückgewiesen. Halb. Erst stürzte ich ab. Einen Gedanken später akzeptierte ich, du bist du. Ich musste dich nicht haben, wie es vorher war. Ich verstand: Das Wichtigste ist nicht das ‚zueinander gehören‘. Sondern die Zeit zusammen. Sich akzeptieren. Und Abenteuer. Und ich vertraue dir, obwohl du viel nicht sagst. Aber ich glaube, du lügst nicht. Du sagst nur Dinge nicht. Das ist schon gut so. Es gibt mir die Freiheit, eben auch nicht alles zu sagen. Den Menschen, der ich ohne dich geworden wäre, würd‘ ich kaum mögen … Ich rede um den Brei rum. Aber ich will dir was sagen. Ich weiß, ich muss nicht.“

„Das Mädchen, mit dem du tanzt?“

„Ja. Ich … wir wollen, was Rudolph und Judith haben. Judith sagt, ich hätt‘ Scheu vor Bindung, Sexualität, weil … Vielleicht. Das mit dir war … Ich hoffe, ich … belästige dich nicht?“

„Nein. Ich freue mich für dich. Das ist schön. Ich will ehrlich sein, manchmal wünschte ich, so etwas würde auch mir passieren. Aber naja. Was ist ihre Geschichte?“

„Modestys? Sie kam mit der ‚Underground Railroad‘, die befreien Leute aus der Sklaverei. Ewwa, sie hat mir Dinge erzählt … Unten im Süden halten sie Menschen wie Tiere, wegen ihrer Hautfarbe, oder eher, wie wir’s diskutiert haben … Wegen Geld. Kapital. Die rauben Menschen ihre Freiheit, um reich zu werden, begründen Sklaverei mit Profit, verhalten sich wie die Barbaren. Manchmal möcht‘ ich … ein Gott sein und die Welt mit einem Wort verändern, so schlimm ist das …“

„Du veränderst die Welt, Alois. Jeden Tag. Auch immer, wenn du mit Modesty tanzt.“

„Selbst, wenn ich den Schritt nicht ganz drauf habe?“

„Gerade dann. Wenn ihr frei tanzt, Modesty und du, wirkt ihr glücklich …“ Ewwas letzte Bemerkung war ein wenig gelogen. Sie hatte Modesty bemerkt, die beiden aber nie beim Tanzen beobachtet.

„Ja? … Es macht dir nichts?“

„Ich freue mich für dich. Für euch.“

Sie schwiegen eine Weile. Ewwa lächelte in sich hinein.

„Und dir, Ewwa? Wie geht es dir hier? Als Star?“

„Star?“

„So nennt man das hier. Du wirst sicher eine Berühmtheit, als Sängerin, als Tänzerin …“

„Nein. Ich denke, auf die Bühne gehöre ich nicht. Vielleicht, weil man da zu sehr eine Rolle spielt. Vielleicht möchte ich die Sache mit der Musik, mit Jan, deswegen nicht so intensiv fortführen, wie er es will. Kürzlich sah ich ihn an, während er spielte, ich denke, ich sah … wie er genoss, mehr zu sein als die anderen. Weil er die Welle ritt, mehr war als die Welle. Die nur das Publikum seines Lebens ist. Wenn man so will. Darin liegt eine etwas hässliche Arroganz. Ich hoffe, ich … wirkte nicht so, damals, in Bremen, bei den Lesungen und Diskussionen, aber …“

„Schon. Etwas. Kaum.“

„Tja“, zuckte Ewwa mit den Schultern. „Die Vergangenheit kann ich nicht ändern, nehme ich an. Vielleicht sollte ich mich eher ein wenig zurückziehen.“

„Klingt, als suchtest du einen Ort zum alt werden.“

„Das … hoffentlich nicht. Gar nicht.“ Ewwa kickte den Schnee aus ihrem Weg, drehte sich auf dem Fuß, der in ihre Regenbogensocke gehüllt war, machte einen Knicks voller Ironie vor Alois. Dann gingen sie Arm in Arm weiter.

„Das mit dem Tanzen ist schön. Aber ich tanze lieber, statt zu unterrichten, und am liebsten tatsächlich, wenn mir niemand dabei zusieht. Alois, ich habe zu viele Zweifel. Zu wenig Talent …“

„Aber was du kannst, das könnt‘ ich nie, und …“

„Ich hatte andere … Ausgangsbedingungen. Vielleicht bin ich einfach … reicher aufgewachsen. Dennoch. Ich war nie durch mein Talent oder meine Leidenschaft definiert …“

„Leere Blätter?“

„Unbeschriebene Blätter“, sagte Ewwa.

 Inzwischen hatten die beiden den Block umrundet und näherten sich wieder der Pension. Ein Lied war, etwas leiernd, zu hören; falls Raven an der Kurbel war, sollte er bald an einen anderen „Turner“ abgeben. Alois zog es in den Discon, er wollte mit Modesty tanzen. Ewwa blieb allein vor der Tür. Die Straße hatte sich in eine jungfräuliche Winterlandschaft voll sanfter weißer Rundungen zwischen stummen, friedlichen Häusern verwandelt. Sie blickte zum Himmel, zu einem stillen, bleichen Vollmond, versuchte, eine Schneeflocke zu fangen.

Der Winter ging dahin, der Frühling 1857 kam. Um verstärkt eigene Projekte vorantreiben zu können, hatten Ewwa und Aa (über Ewwa) eine Abmachung mit Ligeia und Raven getroffen. Sie bezogen ein Landhaus, das die Pensionsbetreiber in dem Ort Fordham besaßen, kurz vor New York. Im Gegenzug erhielt Raven ein weiter verbessertes Abspielgerät, nun mit Federwerk, und wöchentlich neue Platten, sozusagen als Mietzahlungen.

Während Ewwa und Aa ihr Labor einrichteten, setzten sie ein anderes Projekt um. Sie wollten ihre Kenntnisse mit der Welt teilen. Aber welche? Kulturelle und soziale Vorstellungen mussten sich entwickeln, sie hatten in Bremen erlebt, wie schwierig es war, selbst in der Zeit populäre Ideen durchzusetzen. Anders sah es in den wissenschaftlichen Disziplinen aus. Es sollte möglich sein, hier schnellere Fortschritte zu ermöglichen, was Auswirkungen auf die sozialen und kulturellen Realitäten haben würde. Bereits in Bremen hatten sie versucht, Ewwas Arzt, durch zufällig positionierte Proben und Andeutungen, das Penicillin entdecken zu lassen. Die medizinische Revolution war am Desinteresse des Mannes gescheitert. Nun gingen sie einen direkteren Weg. Unter dem Namen „Pandora“ verschickten sie technisch-naturwissenschaftliche Erläuterungen an zahlreiche Regierungen, Akademien, Forschungseinrichtungen und ausgewählte Individuen auf der ganzen Welt. Die Texte in den Schriftstücken waren nicht identisch. Fast alle Briefe enthielten grundlegende Hinweise zur Verbesserung der Medizin und zur Herstellung sicherer Starrluftschiffe, wie sie mit den Mitteln ihrer neuen Zeit durchaus möglich waren. Dabei bauten sie weitgehend auf der Dampftechnik auf, um eine gute Verständlichkeit zu garantieren. Weitergehende naturwissenschaftliche Informationen, auch solche, die zur schnelleren Entwicklung der Computertechnologie und damit zum Sein führen konnten, verteilten sie auf verschiedene Briefe. Diese Verteilung vermerkten sie im – immer gleichen – Begleittext, mit dem Hinweis, dass die gesamten Eröffnungen Pandoras nur durch friedliche Kooperation und wissenschaftlich-kulturellen Austausch unter den Regierungen, Ländern und Nationen verfügbar seien. Es gab zwei Abweichungen. Der Forscher Charles Babbage in England erhielt einen längeren Brief, der umfassendere Hinweise auf mögliche Wege zur Computertechnik und Details zur beschleunigten Entwicklung der Feinmechanik enthielt, sowie einen privaten Abschnitt von Aa, den Ewwa als „Fanpost“ kritisierte, wobei sie lächelte. Für Aa waren Charles Babbage und Ada Lovelace so etwas wie Adam und Eva für die Christen ihrer aktuellen Gegenwart. Die Informationen zu Luftschiffen strichen sie aus Briefen, die in die Südstaaten der USA gingen. Der amerikanische Bürgerkrieg stand kurz bevor, nichts deutete hier auf eine Abweichung von den im WikiRAM gespeicherten Daten hin. Sie hofften, er würde durch eine theoretische Überlegenheit des Nordens – sollte Pandora die erwarteten Früchte tragen – schneller entschieden oder gar vermieden werden.

Die Wirkung der Briefe war enorm. Schon im Spätsommer 1857 flogen erste Luftstarrschiffe, allgemein „Pandoras“ genannt, über New York. Die zigarrenförmigen Gebilde eroberten im Handumdrehen den Luftraum der gesamten Welt. „Pandoras Enthüllungen“, wie die Presse die Briefe betitelte, wurden zu einer Sensation, viele der angeschriebenen Personen überreichten Abschriften ihrer Exemplare Publizisten, um diese – „im Sinne des Genies Pandoras“ – der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Bald konnte man sie käuflich erwerben. Und natürlich ging eine Frage um den Globus: Wer ist „Pandora“? Warum verbarg diese hochbegabte, wichtige Person ihre Identität? In vielen Artikeln und Äußerungen wurde „Pandora“ als hyperintelligenter, zutiefst kultivierter Mann von höchster Moral und Integrität beschrieben und bewundert, als „Welterschütterer“ und „Lichtbringer“. Aber es gab auch andere Stimmen. War der Name „Pandora“ eine Warnung? Wollte Gott, so fragten manche, dass der Mensch auf diese Weise Wissen erhielt, oder war dies Teufelswerk? Andere hielten den Absender der Briefe für eine Geheimgruppe Weiser, Esoteriker faselten von einem überirdischen Wesen, wieder andere nahmen an, es wären Abtrünnige einer preußischen Geheimgruppierung, die eine Übernahme der Weltherrschaft durch ebendiese verhindern wollten, indem sie deren Wissen publizierten. Es wurden hohe Preisgelder für die Aufdeckung der Identität des Genies ausgerufen, natürlich wurde international nach „Pandora“ gefahndet, wobei auch Privatgruppierungen ihr Glück versuchten. Aber in Fordham suchte niemand. In New York dagegen gab es bald populäre Séancen einer „Madame Blava“, bei denen der Geist „Pandora“ angerufen wurde, wobei dieser bereitwillig, medienwirksam und immer ausgesprochen kryptisch antwortete. Gleichzeitig nutzten Regierungen, Unternehmer und Forscher die Informationen aus den Briefen, um die Welt zu ändern. Und sie änderte sich. Schnell.

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