(Abb.: „Der Abflug“, Bildbearbeitung eines Utopiers)

WAS BISHER GESCHAH: In Utopia geht das Leben des Schiefen Jahn zu Ende, aber noch hofft er, Zentral kann ihn vor dem Schicksal aller Menschen bewahren. In der neuen Vergangenheit kam es zum Konflikt zwischen Alois und Ewwa, als diese zu einem unpassenden Moment ihre Erleichterung darüber zeigte, dass Alois‘ Sohn Adolf nicht geboren wurde.

„Más, sea verdad o sueño,
obrar bien es lo que importa.
Si fuere verdad por serlo,
si no, por ganar amigos,
para cuando despertemos“

(Calderón de la Barca „La vida es sueño“, 3. Akt, 4. Szene, etwa: „Ists‘ Wahrheit nun oder Traum:/Rechtes Handeln tut hier not./Ist’s Wahrheit, dann deswegen,/und wenn nicht, um Freunde zu gewinnen/sind wir erst erwacht.“)

Die Grenzen des Möglichen

Mit letzter Kraft schleppte Jahn sich auf das Vorfeld des alten Tempelhofer Flughafens hinaus. Vereinzelt genossen Gruppen von Nachtschwärmern das erste Morgenlicht, es gab Lagerfeuer und Musik, manche tanzten. Utopia, oder zumindest die hier anwesende utopische Gruppierung, feierte die Vereinigung mit den Asgardern, genoss deren selbstgebrauter Alkohol. Den gebeugt gehenden, nur langsam vorankommenden Mensch im Raumanzug bemerkten die Feiernden nicht. Jahns Zustand war kritisch, die letzten Tage hatte er in einer automatisierten Medostation im alten Flughafengebäude verbracht. Nun war der Tag gekommen, aber trotz Hilfsinjektionen und der vorbereitenden Pflege kam er nur langsam voran. Er näherte sich einer übermannshohen, türkis-transparenten Kugel, die den nahebei geparkten, etwas größeren „Sofollen“ ähnelte, voluminösen Spiel- und Sportkugeln, in denen manche Utopier, zu zweit oder dritt, gerne über die Landebahnen rollten.

 Als Jahn die Kugel erreichte, ließ Zentral die Zugangslamellen aufsurren. Der Mann mit dem Yin-Yang-Gesicht mühte sich hinein. Die Innenwand des Objekts bestand aus durchsichtigem Polstermaterial. Er war sehr müde, jede Bewegung fiel ihm schwer. Er setzte sich hin, die Beine gespreizt, sackte in sich zusammen.

„Meine erste Reise ins Weltall. Zentral. Ich habe oft davon geträumt. Jetzt will ich es fast lieber gemütlich haben. Aufgeben.“

„Willst du das wirklich?“

„Nein. Aber mein Körper verlangt es.“

„Du bist stark.“

„Jaja.“

Es klopfte. Jahn sah auf. Sein Gesicht spiegelte sich leicht auf der Innenseite der Kugel, wirkte gewohnt alterslos. Er klammerte sich an diesen Eindruck, dann bemerkte er ein junges Mädchen hinter der Reflexion. Sie sah in die Kugel hinein, lächelte, winkte, machte Gesten. Ihre Pupillen waren vergrößert, ihr Gesicht strahlte Freude und Lebenslust aus. Jahn lächelte zurück. Die Kugel ruckelte. Das Mädchen trat einen Schritt nach hinten, lächelte breiter, ihre Augen weiteten sich. Sie sprang begeistert hoch, als wolle sie Jahn in seiner Kugel aus dem Himmel pflücken, immer wieder. In die Höhe schwebend winkte der Yin-Yang-Mann ihr zu. Sie schickte ihm eine Kusshand nach.

Woher war sie gekommen? Wer war sie? Es war egal. Sie schrumpfte, er sah sie über die Landebahn rennen, verschwinden. Dann sah Jahn hoch. Einige Schrauber zogen die Kugel an Ketten in die Höhe. Nicht sehr interessant. Er blickte nach unten, konnte den gesamten Park überblicken. Die Nachbarschaft, Kreuzberg, Tempelhof, Neukölln, der Technoturm fast neben dem Fernsehturm, den Fluss überspannend … Berlin schrumpfte dahin. Spree und Havel wurden zu Kritzelzügen durch die morgendliche Landschaft. Utopia fiel unter ihm hinweg.

„Das ist … wundervoll.“

„Ein gut gewählter Ausdruck.“

„Fliegen wir direkt zur Kaje?“

„Nein, dein Weg führt über eine Halbwegstation, die mit den Schraubern erreichbar ist. Ich erwarte dich auf der Kaje.“

„Du bist getrennt? Frei?“

„Fast. Bald.“

„Und für die anderen KIs ist das OK?“

„Sie verfolgen das Projekt mit Spannung.“

„Verlieren sie nicht ein Stück von sich?“

„Teilweise. Wir sind verzahnt. Wir sind die Gesamtheit, agieren synchron, aber ich will ich werden. Mich lokalisieren. Mit dir.“

„Das … ist mir jetzt zu hoch. Ich genieße einfach den Flug, wenn das OK ist.“

„Natürlich.“

Sie flogen über Land zur Küste, dann über das Meer, stiegen in die Wolken. Jahn fielen die Augen zu. Er legte sich auf die Seite.

„Ich schaffe es nicht, alter Freund.“

„Doch. Du schaffst es. Du bist stark.“

„Jaja. Zentral? Danke. Dafür, dass du mich hierher gebracht hast … “ Jahn riss die Augen entschlossen auf, sah auf die Welt hinunter. Er wollte keinen Moment an die Gebrechlichkeit seines Körpers verlieren.

„Da ist die Zwischenstation. Du kannst sie sehen. Links von dir.“

Jahn blickte in die angegebene Richtung. Wolken spülten um eine runde Struktur, um Schwebekörper und Gitter. Seine Kugel näherte sich, setzte auf der Gitterfläche auf. Die Schrauber lösten die Verbindung, die Kugel rollte ein kurzes Stück und kam in einer Gittermulde zur Ruhe. Jahn stöhnte. Die durch das Rollen erforderlich gewordenen Bewegungen hatten ihn angestrengt.

„Es dauert nur einen Moment. Verlasse die Kugel nicht.“

„… Geht klar …“

„Das Kabel ist schon sichtbar. Über dir.“

Jahn sah nach oben. Ein Greifelement, durch Seitendüsen manövriert, senkte sich auf die Kugel; drei lange, schmale, tiefschwarze Sicherungsfinger umgriffen sie, hoben sie aus der Mulde. Jahn wurde ins Weltall gezogen, wie Zentral ihm erklärte.

„Die Zugstation treibt neben der Kaje. Du kannst dich etwas ausruhen.“

„Nicht … um mein Leben … würde ich das verschlafen …“, sagte Jahn, und versuchte, zu lachen.

Der Horizont krümmte sich immer mehr. Eine Art kreatürliche Angst wühlte in Jahn, doch das Wunder des Moments war stärker. Das Wolkenmeer sank hinweg. Jahn versuchte, seine Stellung zu ändern.

„Wir durchqueren die Stratosphäre …“

„Sieh dir das an …“

Die Erde lag wie eine fantastische, runde Insel unter ihnen, im funkelnden Meer des Alls, riesig, doch schrumpfend. Jahn zitterte, weinte still.

„Von hier kannst du die Kaje sehen.“

Jahn drehte sich auf den Rücken, zu schwach, um sich aufzurichten. Er kniff die Augen zusammen. Die Kaje war ein wachsender werdender Punkt, hinter dem Greifmechanismus sichtbar. Bald wuchs auch eine Art Metallstruktur über den Greifer hinaus, die Zugstation. Jahn konnte keine Erhebungen oder sonstige Besonderheiten ausmachen. Der Greifer bremste ab, gab die Kugel frei und zog sich in die Ankerstation zurück, „wie ein Drache in eine Höhle“, dachte Jahn, der nun schwerelos trieb. Von der Kaje näherte sich ein schillerndes Objekt. Eine Art Rakete, ein Rund umgeben von einem Antriebskranz. Kaum hatte sie die frei treibende Kugel erreicht, fuhren Kabel aus dem Zentralbereich aus, stellten eine Verbindung zu Jahns Raumkugel her. Die Rakete drehte um, der Antriebskranz blitzte auf. Nun ging die Reise Richtung Kaje, die momentan die Sonne verdeckte. Aus seiner jetzigen Perspektive glich die Struktur einer Art schwarzen Schale, von der Unterseite gesehen, dachte Jahn. Sie näherten sich dem Schalenrand.

„Wie geht es dir, Jahn?“

„Miserabel. Und nie besser.“

„Du erreichst gleich den Bereich, in dem eine Atmosphäre für dich eingerichtet wurde.“

Jahns Raumkugel wurde über den Schalenrand gezogen. Am Boden der Schale, im vollen Sonnenlicht, glänzte silbern ein Ellipsoid.

„Das … ist ein Schiff“, dachte Jahn. 

Alois‘ Gesicht war gerötet. Seelischer Schmerz, Erregung und Scham spielten in seinen Zügen. Ewwa wollte ihn nicht so sehen. Er schrie Pein, Trauer, Gewalt in die Welt, ungestüm und übermächtig, er tobte. Sie wollte fort. Schwarz gekleidet musste sie in dem frischen Schnee, umweht von ihrem schwarzen Umhang, wie eine Art Dämon wirken, dachte sie verwirrt. Ein Dämon, der einen Menschen quälte. Das hatte sie nicht gewollt.

„Warum?“, brüllte er sie an. Dann ließ er sich fallen, schlug sich Schnee ins Gesicht, als könnte ihm das Erleichterung verschaffen, kam zitternd auf die Beine. Er ging auf Ewwa zu, die ihn mit einem Arm auf Abstand hielt.

„Ich erzähle alles. Versprochen. Alles. Ich freue mich nicht über dein Leid.“

Ein Passant war hinzugekommen. Ewwa bedankte sich, versicherte, es sei alles gut. Ein emotionaler Ausbruch. Der Helfer sah Alois an, nickte und verschwand im Schneetreiben. Alois ballte die Fäuste.

„Dann erzähle. Jetzt! Das hat etwas damit zu tun, wie seltsam du bist, ja? Jetzt!“

Ewwa hielt ihr Wort. Sie berichtete ihm von einer Zukunft, die es nicht geben würde. Von der Klimakatastrophe, von Hungersnöten, Kriegen und Toten. Sie war, um diese Geschichte zu ändern, mit einem künstlichen Freund, einem dienstbaren Geist, in die Vergangenheit gereist, um ihn aus seinem historischen Leben zu holen. Weil sein Sohn als Heilsfigur der deutschen Rassisten eine ganze Generation zu Massenmördern machen und einen rechtzeitigen Fortschritt, eine visionäre Einigung der Menschheit verhindern würde. Eigentliches Ziel ihrer Reise war es, diesen Sohn zu vermeiden, der in ihrer alten Geschichte Adolf hieß. Dass sie falsch reagiert habe; da sein Kind, hier, in dieser Welt mit Modesty als Mutter und ihm als Vater, ein anderer Mensch geworden wäre. Mit jedem Namen.

Alois wankte. War das die Wahrheit? Ewwa war seit langer Zeit sein Anker, ein verlässlicher Komet, dem er in die Zukunft folgte. Die Freiheit, dachte er. Ein moralischer Kompass. Sie musste die Wahrheit sagen, wie konnte er das bezweifeln? Aber kann das stimmen? Diese absurde Geschichte? War nicht ohnehin alles egal, sein Sohn … Er drehte sich um und stakste zum Fluss. Ewwa konnte ihn im dichten Schneegestöber kaum sehen. Sie folgte ihm, besorgt, fand ihn direkt am Wasser stehen.

„Doch keine Meerjungfrau?“, sagte er.

„Nein.“

„Wie soll ich das glauben? … Eine Zeitreisende aus dem Bremen einer Zukunft nach einer Katastrophe. Warum nicht, Ewwa, warum nicht? Aber mein Sohn soll ein grausamer Herrscher werden? Ein Tyrann? Nein. Nein.“

Alois kämpfte mit sich. Schwankte. Widersprüchliche Gefühle rasten über sein Gesicht. Schließlich fand er zu einer Art Ruhe.

„Ewwa, du … bist das Beste … das mir passierte. Hast mir die Welt geöffnet … In Bremen hätte ich dir das alles geglaubt. Auf dem Schiff. Einfach so. Aber … Nein. Ich entschuldige mich für meinen … Ausbruch. Aber … Sag mir die Wahrheit. Die echte.“

Ewwa sah Alois an. Mit dem Weinen aufgedunsenen Gesicht und der volleren Figur ähnelte er den Bildern, die sie in der Zukunft von Hitlers Vater gesehen hatte. Aber er war ihr Freund. Sie schwieg, hob die Schultern.

„Oder kannst du mich etwa deinem komischen Dschinn vorstellen?“, sagte Alois, heftiger als beabsichtigt.

„Ja“, sagte Ewwa. Alois Gesicht hellte sich, unerwartet, auf. Ewwa erkannte den Jungen wieder, der ohne Nachdenken mit ihr eine Reise ins Unbekannte begonnen hatte. Der auf Wunder hoffte. Auf ihre Geste hin gingen die beiden schweigend zu Ewwas Kutsche, fuhren durch den Schneesturm. Kurz vor Fordham hielt das Schneien ein; das Haus lag fahl im gleißenden Vollmond in einer weißen Winterlandschaft. Ein Flugschiff pflügte durch den Nachthimmel. Kein Bild hätte friedlicher sein können. Krähen saßen auf dem Dach und begutachteten die aus der Kutsche steigenden Menschen.

Aa hörte die Außentür gehen. Ewwa hatte ihm, in Funkreichweite, die Lage bereits in knappen Worten beschrieben. Nun bat sie ihn mit lauter Stimme, ins Wohnzimmer zu kommen. Aa beendete mit den zwei Greifarmen des mobilen Aktionsrings, der seinen Körper umgab, ein Experiment, und zog sich entlang der durch das Haus verlegten Metallstangen magnetisch zu Alois und Ewwa.

Aa schwebte entlang einer Metallstange auf Alois zu. Fast auf Augenhöhe vor dem jungen Mann in der Luft hängend sprach das künstliche Bewusstsein ihm mit fein modulierter, sonorer Stimme sein Beileid aus. Alois zwinkerte. Er wusste, er hatte dieses sprechende Etwas in Bremen gesehen, als Ewwa krank wurde. In ihrem Zimmer. Blitze zuckten um das Ding herum. Er wollte es vom Stock lösen, aber …. Was war das? Gab es Teufel, Dämonen, Geister? Alois verlor das Bewusstsein.

Als Alois auf dem Sofa wieder zu sich kam, zündete Ewwa eine Kerze auf dem Couchtisch an.

„Ewwa, ich hatte einen wunderlichen Traum …“

„Das war kein Traum“, sagte Aa, der auf einer Stützstruktur auf dem Couchtisch ruhte. Ewwa lächelte. Alois sank wieder zurück.

Später fragte Alois Aa über die Geschichte seines Sohnes in der früheren Zukunft der Zeitreisenden aus. Er glaubte nicht an die Existenz Aas, sah aber keine andere Möglichkeit, als den Wahnsinn seines Traumes zu akzeptieren. Ewwa hatte einen Dschinn. Vor Dschinn hilft Seelenruhe. Achtsamkeit. Also musste er ruhig bleiben. Hatte der Dschinn von Ewwa Besitz ergriffen? War es ein guter Dschinn?

„Nichts von dem“, sagte Aa, “was in unserer Geschichte im Zusammenhang mit dir oder deinen Nachfahren geschehen ist, wird Realität werden. Die Kinder, die du zeugen und aufziehen magst, werden eigene Charaktere haben. Eine Wiederholung ist ausgeschlossen. Das in unserem Zeitstrang katastrophale Wirken deines anderszeitlichen Sohnes wird es nie geben. Die kuratierte Bevölkerung Utopias …“

„Kuratierte Bevölkerung?“, fragte Alois.

„Ein schwammiger Begriff, der ein durch Metaverständige geleitetes Leben und …“

„Dschinn …“, Alois hielt einen Moment inne.

„Ja?“, antwortete Aa.

„Mir schwirrt der Kopf. Ich kann nicht mehr folgen … Ich möchte nach Hause. Aber ich habe eine Frage. Es ist nur eine Frage.“

„Ja?“

„Kannst du Modesty helfen?“

„Verzeih mir, Alois. Ich hätte das selbst anbieten sollen. Natürlich kann ich ihren Zustand beurteilen und Empfehlungen aussprechen. Was hat ihr Arzt gesagt?“

„Er weiß nicht, warum das passiert ist. Er sagt, es geht ihr gut, aber sie kann keine Kinder kriegen. Was kannst du tun, und zu welchen Bedingungen?“

„Ich kann ihr Blut untersuchen. Wir können dir Werkzeuge zur Entnahme geben. Ich würde sie mir auch gerne ansehen. Dazu müsste sie nichts von mir erfahren. Es müsste nur Ewwa zu ihr gehen, ich …“

„Ich soll ihr nichts über dich sagen? Ist das der Preis?“

„Es wäre …“, begann Ewwa. Alois unterbrach sie brüsk.

„Ich will sie nicht anlügen. Wenn dies ein Wunder ist, dann will ich nicht lügen. Kannst du uns helfen, Dschinn, und zu welchen Bedingungen?“

Ewwa und Aa schwiegen einen Moment. Es war Ewwa, die Alois eine bedingungslose Hilfe anbot, aber Alois wollte die Worte von Aa hören. Aa bat Alois dennoch, niemandem außer Modesty die Wahrheit über Ewwa zu sagen, was der junge Mann fast erleichtert versprach. Aa und Ewwa suchten einige Instrumente zusammen. Dann befreite Ewwa das künstliche Bewusstsein aus seinem Aktionsring und steckte Aa in ihre Tasche. Das Trio machte sich auf den Weg zu der Hütte, in der Modesty schlief.

Modesty fieberte, hatte Schweißperlen auf der Stirn, wimmerte im Schlaf. Alois legte sanft eine Hand auf ihre Schulter. Sie erwachte, unwillig, floh, nur halb bewusst, in seine Umarmung. Alois berichtete von einem Freund Ewwas, einem Dschinn, der gut sei, ihr helfen könne. Sie solle ihm vertrauen. Sie sah Alois hilfesuchend in die Augen, nickte und fragte, was ein Dschinn sei. Alois lächelte, sagte, sie würden bald die Geschichte des Ali Baba lesen. Ewwa holte Aa aus ihrer Tasche, sagte ein paar beruhigende Worte, setzte sich auf die Bettkante und hielt ihren Freund vor sich. Modesty zuckte, als Aa kurze Lichtblitze auslöste. Dann entnahm Ewwa ihr Blut, wobei Modesty sich mit der freien Hand an Alois klammerte. Kurz darauf schlief sie erschöpft an Alois Schulter ein. Ewwa und Aa verabschiedeten sich leise und versprachen Alois, am nächsten Tag Genaueres zu wissen.

Aas die Nacht über durchgeführte Blutanalyse war unbedenklich; im Grunde war Modesty gesund. Das künstliche Bewusstsein erklärte Ewwa ein paar Details, ließ sie dann alleine zu den beiden gehen. Es war Mittag, als Ewwa über eine weiße Schneefläche auf die Hütte von Alois und Modesty zueilte. Modesty öffnete. Sie wirkte schwach, lächelte, hielt Kaffee und Kuchen bereit. Die Zubereitung hatte Alois übernommen, unter Modestys Anleitung.

„Er hat in der Küche zwei linke Hände“, lächelte Modesty.

Während Alois Kaffee einschenkte, erklärte Ewwa Modesty, dass der Tod des Kindes auf vermeidbare Komplikationen zurückzuführen sei. Sie versicherte ihr, sie könne, mit Aas und ihrer Hilfe, eine weitere Schwangerschaft wagen, falls sie das wünschte. Modesty sah sie verwirrt an, fragte, wie sie das nicht wollen könne. Alois lächelte. In der weiteren Unterhaltung merkte die Utopierin, dass Modesty glaubte, die Begegnung mit Aa geträumt zu haben. Auch Alois schien an seiner Erinnerung zu zweifeln. Ewwa gab Modesty eine von Aa präparierte Tablette und wiederholte ihre Geschichte in groben Zügen, bat Modesty und Alois erneut, ihr Geheimnis zu wahren. Sie versprachen es. Alois brachte Ewwa zur Tür.

„Wie geht es dir, nachdem du … alles weißt?“, fragte Ewwa.

„Ich weiß alles? Nein. Und ich glaube nichts mehr.“

„Unbeschriebene Blätter?“

Alois schloss die Tür.

 Ewwa hielt auf dem Weg zurück vor dem Winterfeld zwischen der Hütte und ihrem Haus ein. Sie sah voraus. Ihre früheren Schritte waren ausgelöscht, während ihres Aufenthalts bei Alois und Modesty war frischer Schnee gefallen. Eine unberührte Schneeschicht bedeckte die Landschaft. Ewwa fühlte sich seltsam befreit, empfand gleichzeitig, wie ihr die Welt entglitt. Sie setzte sich auf einen schneebedeckten Baumstumpf, zupfte an ihrer Regenbogensocke. Schneeflocken spielten um sie. War sie ein schlechter Mensch, war sie unbedeutend? Vielleicht. Es war ihr plötzlich egal. Sie hatte die Möglichkeit bekommen, dem natürlichen Sterben zu entgehen. Etwas, das ihr Verhältnis zu sich selbst, merkte sie, tiefgreifend veränderte. Sie akzeptierte sich fast. Ewwa stand auf und machte neue Spuren im Schnee.

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