in gesprächen mit verschiedenen lesern (und damit letztlich mitautoren) kam immer wieder die frage auf, was den eigentlich das wesen einer utopie sei. oft wurde auch gefragt, warum man utopia, das leben dort ist ja als utopisch gesetzt, überhaupt verlassen wollen kann, warum ich die geschichte also überhaupt begonnen habe. ich bat meinen freund pagan eosen, etwas zu dem thema zu schreiben. das ergebnis kann hier eingesehen werden. ich kommentiere das jetzt mal nicht. würde mich aber über rückmeldungen oder auch weitere anmerkungen zum thema utopien freuen und diese gerne auch hier veröffentlichen, falls erwünscht und erlaubt.

Wie viel Utopie ist in t.ellings Utopia (falls überhaupt)?

Von Pagan Eosen

Eines der zentralen, oder zumindest vordergründig zentralen, also eines der plakativen Themen des Textes „Ewwa (oder: die Fallstricke der Zeit)“ der Entität t.elling ist das der Utopie. Der Roman beginnt in einem Land mit dem einfallsreichen Namen „Utopia“, das irgendwann nach unserer Gegenwart in einer jahreszahllosen (und daher ja wohl ahistorischen) Zukunft existiert oder ist, deren zeitliche Distanz zu uns unbenannt bleibt.

Es scheint mir angebracht, kurz etwas zum Begriff der Utopie zu sagen oder sogar eine entsprechende Diskussion zu beginnen oder loszustoßen. Die Entität t.elling hat mich während einer weinseligen Unterhaltung mit großen, von tanzenden Sternchen umgebenen Augen gebeten, genau das zu tun. „Sonst tut es vielleicht keiner“, greinte t.elling lächelnd, und zwirbelte mir am Barte, was mich ungeheuer nervt, was „Helling“ (so nennen ich die Entität, wenn sie mir auf den Keks geht) genau weiß. Und klar hat die Entität recht. Wer würde sonst was zu so einem Textchen sagen wollen? Eine Entität zu sein hat übrigens seine Vorteile, denn es ist schwierig, sowas wegen nervigem Verhalten einen Satz heißer Ohren zu verpassen oder sie beispielsweise am Barte zu ziepen, den t.elling wegen der relativen oder eher angeberischen Geschlechtslosigkeit auch gar nicht hat. Ständig chargiert die Entiät, mal jung und androgyn, dann wieder runzelig und alt wie eine Hexe aus Hamlet, dann stellt sie sich als Pfeife rauchendes, Wein schlürfendes Eichhörnchen dar, es nervt. Weiter nutzt t.elling gerne die Normalos wie mir verwehrte Expressivität imaginärer Entitäten, beispielsweise so hippe Anime-Tricks wie den mit den plötzlich größer werdenden Augen, oder der mir-nix-dir-nix zur Strichmalerei übergehenden Erscheinung („Strichmännchen“, meinte t.elling, dürfe ich eigentlich nicht sagen; wegen dem „Männchen“; immer korrekt, jaja). Das ging mir noch mehr auf die Nerven, also versuchte ich, t.elling (im Moment wie ein androgyner japanischer Geheimagent wirkend) mit dem Schirm (es regnete) auf den gerade vorhandenen Hut zu hauen. Würde es ein Feuerwerk geben, die Entität in einen Vortex stürzen, oder sonstwas, was hoffentlich weh tut? Leider ging der Schirmschlag daneben, aber t.elling rang mir aufgrund meines Angriffs das Versprechen ab, diesen Text zu verfassen. Als Entschuldigung. Nun. Wenn’s dem inneren Frieden dient.

Der Name des ausgedachten Staates bezieht sich, wer ahnt es nicht, auf das gleichnamige Buch des englischen Autors Thomas Morus. Die Herleitung lässt sich schnell auffinden, er bedeutet im klassischen Griechisch wahlweise „Nicht-Ort“ oder „guter Ort“. Einen „Nicht-Ort“ stellt das t.ellingsche Utopia nun aber nicht sehr überzeugend vor. Die entsprechenden Szenen spielen in den deutschen Städten Bremen und Berlin (zwei B-Städte – was will uns „Helling“ damit sagen?) und damit ziemlich konkret real verortet. Utopia, der Staat (dessen Ausdehnung außerhalb der beiden genannten Städte vorläufig unbekannt bleibt; allerdings macht schon die zusammengesuchte Sprache der Bürger Utopias klar, es handelt sich eher um ein Sammelsurium als um ein auf Nation, Ethnie oder echter Kultur begründetes Gebilde) möchte aber „gut“ sein. Oder so wahrgenommen werden. Genauer möchte Utopia in den Augen seiner Bürger „nicht-schlecht“ sein, denn die „Formatierung“ der Staatsbürger erfolgt, mein Eindruck, durch die gewollte Ablehnung einer korrekt als „schlecht“ erinnerten Vergangenheit. Namentlich erwähnt werden dabei der deutsche Faschismus, die Klimakatastrophe, Religionen (schon sprachlich als „Glaube“ herabgesetzt) und der Fanismus (ein von „Helling“ eingeführtes Negativum, das hier nicht weiter interessiert). Insgesamt eine wunderliche Auswahl, die willkürlich wirkt. Es ist aber sicher durchaus gewollt, dass die im Buch vorgestellte „Formatierungshalle“ Utopias im real existierenden Berliner Futurium verortet ist, einer Art Multifunktions-Museum, das Besucher auf eine bessere Zukunft einstimmen will. „Helling“ scheint schon das zu viel des Guten zu sein, oder irre ich mich?

Die allgemeine Definition einer Utopie ist, zitieren wir die (deutsche) Wikipedia, Stand Juli 2020: „der Entwurf einer möglichen, zukünftigen, meist aber fiktiven Lebensform oder Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist“. Klar findet t.elling einiges an dieser Definition zweifelhaft. Warum? Zum einen, so dozierte Seine Entität, ist das morussche Ur-Utopia nicht in der Zukunft angesiedelt; es ist einfach räumlich getrennt. Na gut. Stimmt, aber egal. Zum anderen seien die Ideale der meisten Utopien durchaus Reflexionen zeitgenössischer Wertvorstellungen. Naja. Nun aber genug der t.ellingschen Greinerkritik des sehr informativen Wiki-Artikels. Ich halte es für hilfreicher, die üblicherweise unter „Utopien“ zusammengefassten Vorstellung mal kurz zusammenzufassen, und sehe da drei Monaden (wie ich Grundkonzepte nenne): Schlaraffenland, Idyll und Utopia. Ich führe das mal aus:

Im Schlaraffenland sind die natürlichen Ressourcen so übermäßig vorhanden, dass jedes Beschaffungsproblem unvorstellbar ist. Fische fliegen gebraten in bereitwillig geöffnete Münder, in den Flüssen schwimmt man in verschiedensten Weinen, sollte es Geld geben, so wird es in unbegrenzter Menge bedingungslos an Interessenten ausgegeben und hat jegliche Bedeutung verloren; man könnte daraus Röcke machen. Wer plötzlich des Mittags bei einem Stadtspaziergang Lust auf Süßes kriegt, der beißt ins Bürgermeisteramt aus nachwachsender Sachertorte (einen anderen Sinn kann es kaum haben). Steht einem der Sinn nach aufwendigeren Freuden, so kann man eine der vielen Aperol-Wolken auswringen (erreichbar über Kirchtürme) und etwas Flusswasser dazugeben. Insgesamt ist das Schlaraffenland das Ideal der (für den animalischen Menschen) perfekten Umwelt, die nicht manipuliert werden muss. Eine Zivilisierung, das gemeinsame Erheben aus dem Urschlamme, findet nicht statt. Warum auch? Selbst den schlabberigsten Schmerbauch kriegt man durch einen beherzten Sprung in die überall bereitgestellten Jungbrunnen auf erfrischende Art nebst eventueller Essensreste wieder los. Besonders schwere Fälle rollen Freundesgruppen hinein.

Im Idyll ist der Mensch fraglos und nachhaltig zufrieden; er hat immer und garantiert genug. Hier geht es nicht um Überfluss, sondern um das Ruhen in der angenehmen Gegenwart, deren nicht übermäßigen Anstrengungen man genießt. Es geht um Naturverbundenheit, Freude an der Kreation, um das Schauen der Welt und der eigenen, richtigen Position darin. Man existiert sozusagen im Paradies, im Garten Eden, in den Werbeträumen der großen Monoreligionen; was man sicher nicht sieht, das sind Kohlegruben oder Pauschalreiseangebote. Es ist das Ideal der inneren Ausgeglichenheit, der Existenz im bukolischen Hier-und-Jetzt. Vielleicht auch die des Kindes, denn man ist beschützt und erkennt, alles ist wohlgeordnet. Oh Papa, oh Mama, wie schön ist unser Bauernhof! Da werd ich besser niemals groß! Ich nehme an, eine Zivilisation kann man das nennen (die Bauern des Idyll wissen ja, was sie tun), aber sicher keine, die sich entwickelt oder wandelt. Warum auch? Es dürfte sich fast sogar um die Endform der kommunistischen Entwicklungskette handeln. Fast, denn:

In einem Utopia dagegen ist nicht die Umwelt oder die innere Befindlichkeit ideal, sondern die Gesellschaftsform; jeder ist an seinem Platze, trägt optimal zum gemeinsamen Glück bei, das naturgemäß Vorrang hat. Alle werden, wofür sie geboren wurden: Regent, Wissensarbeiter, Kunstschaffender, Arbeiter oder auch mal Clown. Wer partout nicht passen will, der hat in einer solchen Vorstellungswelt meist wenig zu sagen oder als krank angesehen. Der Einzelnen wird belohnt, indem er sanft an seinen Platz verwiesen wird. Es ist das Ideal der korrekt organisierten Gesellschaft. Hier ist man zivilisiert, hier muss man‘s sein. Eine weitere Optimierung ist kaum nötig. Hier stimmt t.ellings Vorstellung, denn das Utopia des Textes ist ja eine Welt, in der (laut der Utopierin Rosa und den „Coolsätzen“ jenes Staats) jeder nach geeigneter Beratung an seinen Platz kommt. Es ist eine erstrebenswerte Welt, in der sich glücklich leben und schaffen lässt, warum will man da überhaupt weg? Tja. Wie t.elling mir gegenüber nach längerem Hin-und-Her meinte habe seiner verquerten Meinung nach „fast jedes Utopia nötigerweise elitäre Tendenzen“.

Aha. Warum? „Weil es sich jemand ausgedacht hat, es einem Masterplan folgt, weil Menschen platziert werden“, schwurbelte die Entität, immer bereit, ihren Textversuch zu verteidigen. „Utopien können religiös, wissenschaftlich, faschistisch, kommunistisch sein, sie wollen, müssen immer ihre Insassen formen“, ging es weiter. Ich versuchte, die Entität etwas zu erhellen:

„Ach. Und wenn meine Utopie ist, dass eben jeder frei ist und tun und lassen kann, was er will? Wo bleibt dann deine elitäre Tendenz?“

„Haben wir dann eine angedachte Gesellschaftsform?“

„Klar doch! Friede, Freude, Eierkuchen!“

„Dann wirst du Recht haben. Ich sagte allerdings ‚fast jede‘, mein Lieber.“

„Was ist mit Anarchie? Aber sowas kapierst du ja nicht. Taoismus? Zenon, Alter/Alte/Altes, Zenon!“

„Erinnerst du dich, dass ich den Anarchismus oft als Ideal bezeichnet habe? Die offene Diskussion und so? Egal: Utopia, in meinem Text, ist eben ein übliches Utopia, mit vorgegebenen Werten, und …“

„Wieso ist es dann ein Utopia?“

„Jemand in der Geschichte meiner Geschichte …“

„Und was ist dann mit deinen elitären Tendenzen?“

„Ich denke …“

„Nichts bleibt von deiner Idee, du RAKE (Recht Allgemein Konservative Entität)! Nichts!“

„Helling“ hatte seine Kapuze übergezogen, lächelte verhuscht und sah in diesem Moment verdammt weiblich aus, und weit jünger als sonst. Gezeichneter auch. Ein wenig wie „Heidi“. Um mich abzulenken, was bei mir natürlich nicht zieht. Ich bat um weitere Getränke, während t.elling begann, mir verschiedene ausgesuchte Utopien aus der Literatur vorzustellen, die seine Theorie belegen sollten.

Ich bin fair und fasse hier kurz zusammen, was mir in Erinnerung geblieben ist: In „New Atlantis“, einem Text von Francis Bacon von 1627, ist die beschriebene ideale Welt (Meinung der RAKE) proto-wissenschaftlich und hierarchisch geprägt. Sie sei voller „aufgeklärter Herren und zufriedener Untergebenen“ (hellingsche Worte), wobei Wissen, vorgegebenes Talent und Religion zentrale Rollen spielen (was auch sonst?). Das individuelle Glück ist, wie t.elling behauptete (ich hatte keine Zeit, den Text zu lesen) „wahrscheinlich stark reglementiert und manifestiert sich hauptsächlich in öffentlichen Anerkennungen der Leistungen, besonders der Fortpflanzungsleistung“. Dieses „Glück der Unterordnung“ hat t.elling, laut Eigenaussage, bei der Erstvorstellung Utopias beeinflusst. Aber zurück zum Thema.

Die oben von mir vorgeschlagene Unterteilung (Schlaraffenland, Idyll, Utopia) ist sicher nicht streng und absolut. Und um sie auf den vorliegenden Text anzuwenden: t.ellings Utopia könnte im ersten Kapitel doch durchaus ein Idyll sein und Idylla heißen. Es sind schließlich alle glücklich, sicher in ihrer Ablehnung des anderen (bösen), an ihrem Platz zufrieden. Könnte man jedenfalls denken, wenn nur diese Ewwa nicht anecken würde. Sie wird irgendwie sogar mit den Platzhaltern für fehlgeleitete Leute, den „Deutsen“, in Verbindung gebracht (da spielen wohl irgendwelche privaten mimosenhaften Tendenzen der Entität oder auch ihres Haupthosts, eines unangenehmen Menschen, mit hinein). Hier zeigt sich: t.elling hat nicht weit genug gedacht, würde in seinem Utopia gegen die Regeln verstoßen, dann müssten doch Aktivisten oder Ordnungskräfte ankommen und das mokieren („Tun sie, diese Agenten sind praktisch alle, aber …“ bla bla bla). Also. Das utopische Idyll des Romans ist eben kein Kleid, das gut zu Ewwa passt. Naja, sie könnte ja raus, die Option wird erwähnt. Aber was passiert? Kurzer Ausflug: Im Ur-Idyll, dem biblischen Eden, werden Adam und Eva, die Verwandtschaft mit Aa und Ewwa ist kindlich einfach konstruiert, aus dem Glück vertrieben, da sie das Denken erlernen. In t.ellings Geschichte verlassen Ewwa und ihr künstlicher Assistent Aa (ein Vertreter der herrschenden KI-Verwaltung, eine elitäre Dose, sozusagen) Utopia (wo Ewwa, unnötiger Wink mit dem t.ellingschen Zaunpfahl, in einer „Eden“ genannten Wohnsiedlung lebt) aus freien Stücken. Vielleicht fliehen sie sogar. Ewwa scheint im Bremen der Vergangenheit fast eine Art eigenes Utopia zu finden, sie fühlt sich freier, individueller. Toll. Sie hat ja nun auch nicht mehr den höheren Ansprüchen Utopias zu genügen! Und was will t.elling uns damit sagen: Nur auf der Flucht wird man zu sich selbst? So baut man kein Haus!

Nun aber zu einem anderen Punkt. Einige der bisher gestellten und durchaus berechtigten Fragen zu den ersten Kapiteln wunderten sich über das Verhältnis der Autorenentität zur Religion. Ich erwähne dies, da Religionen als Utopien angesehen werden können, schließlich bilden sie gern ideale Gesellschaftsordnungen ab, wenn auch die „Erlösung“ im allgemeinen auf das „danach“ verlegt wird. Im Licht des oben gesagten ist t.ellings Text meiner Meinung nach nicht antireligiös, sondern transreligiös, da zumindest eine der bekannten Religionsgeschichten nicht nur ins absolut diesseitige übersetzt, sondern auch noch umgedreht wird. Es gibt kein Paradies nach dem Tode, sondern nur das, was wir mit (und nicht „aus“) unserem Leben machen. Hier bin ich übrigens ganz einer Meinung mit t.elling. Kommt vor. Aber selten.

Ich möchte einen kleinen Gedankensprung machen: Wenn, wie oben angedeutet, die Religion eine Art Utopie darstellt, stellt dann das wirkliche Leben eine Art Dystopie dar?

Dies kann man weiter ausführen. Das oben von mir vorgeschlagene Dreierlei der utopischen Vorstellungswelten dürfte mehrere gemeinsame Nenner aufweisen, mich interessiert hier die Vorstellung einer Allgemeingültigkeit. Besonders deutlich ist das in der Utopie, in der eine Platzierungsrichtigkeit erreicht werden soll. Der Ansatz ist leicht technokratisch (oder eben irgendwie-kratisch). Es nimmt nicht wunder, dass in dystopischen Geschichten, das Genre bildete sich während der industriellen Revolution und aufgrund der sie begleitenden Fortschrittsskepsis heraus, fast immer Individuen durch eine absolut durchgesetzte Gesellschaftsordnung in etwas beschnitten oder behindert werden. Das wirkt heute rückschrittlich. Das Individuum wird ja, auch dank der aktuellen Krisen, endlich als das angesehen, was es ist: Einem Rädchen, das gut ist, wenn es an die anderen denkt, da es damit auch sich selbst dient.

Eine der bekanntesten Dystopien ist sicherlich Aldous Huxleys „Brave New World“. Interessant ist für unser Thema, dass der Roman im Grunde eine Art Idyll beschreiben mag – nur will oder kann der Protagonist, John Savage, sich nicht in dieses Idyll einfinden. Die Bürger der schönen neuen Welt sind glücklich, zufrieden, sollten es aber, laut Savage, nicht sein. Er lehnt sogar eine Grundfeste der Gesellschaft des Romans, die ständige sexuelle Erfüllung, ab. Darin scheint er Ewwas Bruder zu sein, aber in diesem Punkt bin ich mir unsicher, denn sie ist irgendwie unscharf (Witz intendiert) geschrieben. t.ellings Utopierin lebt in einer Welt der (zumindest angedeutet) offenen Sexualität, interessiert sich aber nicht dafür. Das ist seltsam; sie ist eine Frau, ein Mensch, wie kann sie das ablehnen? In ihrer Vorstellungswelt ist es dennoch kein Problem, Alois Schicklgruber zur Not zu verführen, um die Katastrophen der ihr bekannten Geschichte zu verhindern und Karmapunkte zu sammeln. Als der Schritt unnötig wird, freut sie sich kurz, das ist alles. Später sagt sie, mehr oder weniger, dass sie an Pärchenbildung „rad nicht interessiert“ ist. Ist „Ewwa“ etwa eine asexuelle Utopie? Kann es sowas überhaupt geben, ist das nicht einfach rückschrittlich gedacht? Schließlich hat sich doch in der Geschichte der Zivilisation ein Trend zur Ausformung von immer mehr verschiedenen eindeutigen Sexualitäten gezeigt, keine Abkehr davon. Ist sie aindividuell? Interessanterweise wird auch Aa nur durch eine Setzung Ewwas als männlich identifiziert … Gerade fällt mir noch ein, t.elling erwähnte, in einer älteren Fassung des Textes würde in einer Unterhaltung klar, dass die meisten Bürger Utopias „auf Anfrage verfügbare Psychopharmaka“ nutzten, um Sexualität und Alltagsglück zu optimieren. Die Textstelle wurde auf Kritik einer Erstleserin gestrichen, der Lesbarkeit willen. Sie wird recht gehabt haben, aber: Hm. Ist Ewwa vielleicht sogar ein Experiment der Zentral-KI und wurde, ähnlich wie die wenig intelligenten Kasten der „Brave New World“, darauf getrimmt, Elternschaft als unnatürlich anzusehen, zum eigenen Besten? Sollte Ewwa dann nicht eher gegen diese Zentral-KI rebellieren (dann wäre sie ein misslungenes Experiment, aber warum nicht?)? Schwer zu glauben, aber „Helling“ behauptet, hier nicht von Huxley beeinflusst zu sein.

Ich möchte meine Anmerkungen hier fürs erste beenden, man wird sehen, wie die Geschichte weitergeht. Nur ein letzter Gedanke sei noch erlaubt, zum Thema des elitären Aspekts der Utopien. Im ersten Kapitel wird klar, dass zumindest Rosa sich für eine Führungsposition zu empfehlen sucht, insoweit es in Utopia für Menschen sowas gibt. Ihr Mittel zum Zweck scheint die absolute Anerkennung der anderen Mitglieder der Eliten (der tragenden Meinung) zu sein, ähnlich wie es in unserer Realität funktionieren mag. Sie greift Ewwa an, da diese einen für sie nicht relevanten, individuellen Aspekt ihrer privaten Lebenswelt hervorhebt, sich also als wenig relevant outet. Ein Einwurf: Wäre Rosa nicht die bessere Heroine? Ich sehe sie als schöne Frau, ethnisch vielleicht eine Mischung aus Roma und europäischer Aristokratie, eine spannende Person mit spannender Geschichte und eigentümlich ansprechendem Äußeren. Ewwa dagegen ist eine Art Mauerblümchen, irgendwann altert sie auch noch rapide … wo bleibt da die Utopie? Ist Ewwa einfach eine ewig konservative Person, ein Rückschritt, wie John Savage, wird sie zu Recht kritisiert? Zerstört sie eine gute Welt? Ist es das, was t.elling sagt? Möglich, dass ich ihn falsch verstanden habe … Immerhin wird nicht einmal Ewwa negieren, dass die Gattung Mensch in Sachen Umweltzerstörung, Überbevölkerung und Ungerechtigkeit ein nicht mehr auszugleichendes Minus auf dem Konto hat. Im Gelingen und der Theorie Utopias zeigt sich doch, das alles miteinander verwoben ist, wie durch eine Art heiliges Band, und das bedingt eben ein Gesetz, eine Vernunft, eine Wahrheit und einen richtigen Platz für alle. Nur diese komische Ewwa will das nicht wahrhaben, und dieser Aa auch nicht, bei dem die booleschen Operatoren durcheinander gekommen sind. Aas und Ewwas wird es eben immer geben, Störenfriede, die nicht einsehen, dass sie es gut haben da, wo sie sind und wie sie sind.

Ich möchte noch zwei im Moment in mir aufschäumende Fragen klar formulieren. 1) Wird Ewwa „unauffällig“ aus Utopia entfernt (Aa könnte ein Agent Zentrals sein), da sie unpassend ist?; und 2) ist t.ellings Roman das Werk reinen Greinertums, das Gejammer einer zu kurz gekommenen Entität? Immerhin „läuft“ die utopische Gesellschaft doch sehr gut. Die Menschen haben ein gutes Leben und glauben an die richtigen Dinge. Warum etwas ändern, warum weggehen? Ich selbst sehe den Text als ein romantisches Heraufbeschwören eines Individualismus, der den Kampf gegen die Kollektive, das richtige Sein, gegen die wahren Talente, ja gegen die Wahrheit längst verloren hat. Die Apologetik eines egozentrischen, asozialen Individuums, dessen zusammengestoppelte „Utopie“ es ist, zu sein und nicht zu vergehen, und das dafür sogar bereit ist, die Flucht aus Utopia (und dessen Zerstörung!) zu wagen. Jemand, der denkt, das Leben wäre des Todes wegen eine Art Beleidigung. Nichts könnte dümmer sein. „Nichts könnte weniger elitär sein …“, maulte „Helling“ schwächelnd dagegen. Klar. Was bringt denn dieser sinnlose, kindische Aufstand gegen das Unvermeidliche? Erwachsen, mit etwas Intelligenz und Erfahrung gesegnet, setzt man sich in die Ecke und sieht die Welt an, findet das Glück im Schauen, findet sich mit dem passierten Platz im Schicksalsrad ab. Alles andere ist Schaum, Fehlglaube! Übrigens scheint Ewwa im fünften Kapitel darum bemüht, aus wirtschaftlicher Not eine Stellung für sich zu erreichen, drückt sogar den Wunsch aus, die lokale Gesellschaftsordnung zu beeinflussen. Will sie in eine wie auch immer geartete Führungsposition aufsteigen? Zeigt der Roman also nur eine Art ewigen Kreislauf, in dem von unten nach oben gedrängt wird, gegen jeden Sinn und Verstand? Gibt es gar einen Zeit-Krieg, bei dem Morgen gegen Gestern aufmuckt und dem so eins auf die Latte gibt, dass es kein Morgen mehr gibt?

Wir werden sehen, was die (mir übrigens sehr sympathische, auch wenn ich manchmal etwas kritisch sein muss) Autorenidentität (die ich sogar für mittelmäßig talentiert halte) zu diesen absolut konstruktiv gemeinten Einwürfen sagt.