eigentlich war ??? als standard-kommentarseite gedacht. tja, aber da sich bislang fragen und kommentare nur per email und direktgespräch „materialisierten“ fasse ich die angesprochenen punkte hier zusammen. über das folgende Inhaltsverzeichnis kann zu den Anmerkungen zu den jeweiligen Kapitels gesprungen werden:

Zu Kapitel 1:

Gendering: Eine schnell aufkommende Frage war: Warum ist die Sprache Utopias, das Singsang, nicht entgendered? Schließlich ist doch alle Geschlechter-Ungleichheit, wird jedenfalls behauptet, abgeschafft. Ist in Utopia doch nicht alles so utopisch?

Gute Frage. Besonders, da sie sich der Autor-Entität so nie aufgedrängt hat. Tatsächlich ist ja weder in Utopia, noch … OK, Spoilern ist nicht so gut. Besser zu erwähnen: Da drängte sich dann doch wieder die Frage der gleichberechtigenden Sprache auf, der Einwurf weist darauf hin, dass an der (deutschen) Sprache allgemein wohl ein Manko prangt. Vorgeschlagen wurde im Umfeld beispielsweise die Übernahme der neutralen türkischen Endungsform. Für das schwierige „man“ im Singsang wurde das bereits oft genutzte „mensch“ angeführt und „pers“ (Person) vorgeschlagen.

Dann erwähnte eine Freundin, ihre Muttersprache (Ungarisch) gehöre zu den Sprachen ohne grammatisches Geschlecht. Das ist natürlich interessant. Führt das Aufwachsen ohne grammatisches Geschlecht zu anderen Wahrnehmungen, bedingt es mehr Gleichberechtigung? Das grammatische Geschlecht, man darf es ruhig sagen, dürfte kaum die Schuldige/das Schuldy (nach einem österreichischen Vorschlag) in dieser Sache sein. In den ungefähren Worten dieser Freundin: „Werden gewisse Worte weggelassen, dann wird das nicht viel ändern. Aber die Hoffnung ist doch, dass irgendwann die geschlechtsspezifische Zuordnung nicht mehr immer gleich mitgedacht wird“. Das bringt es wohl auf einen möglichen Punkt. Oder, um es flapsig zu sagen, vielleicht denken Utopier nichts mehr weiter dabei mit, wenn sie „man“ sagen (und es hat auch keinen weiteren Effekt, da es kein ungleiches Einkommen etc. gibt). Mensch könnte aber auch „per“ sagen, der Verschlug ist nicht schlecht … ebenso die Erinnerung daran, dass „man“ eigentlich auf das indogermanische Urwort für „Mensch“ zurückgeht und wohl mal inklusiv gemeint war. Geschichte eben. Das hilft uns aber heute und morgen nicht weiter. Mitdenken darf man es dennoch.

„A man and his son are in a horrible car accident. The father dies, the son suffers grave injuries. The son is rushed to a hospital and then straight to the operating room. The doctor comes in, sees the patient and says: ‚I can’t operate on him. It’s my son!'“

t.ellings Haupthost hat, als ihm der Text oben präsentiert wurde, zu seiner ewigen Schande nicht sofort verstanden, was da passiert oder erzählt wird. Geschlechtsumwandlung? Zeitreise? Irgendwas? Nein, es kommt einfach eine Ärztin herein, die Mutter. Bei verschiedenen Gelegenheiten hat sich bisher gezeigt, wer diesem Geschichte noch nicht ausgesetzt wurde, derdiedas fällt (in den meisten Fällen) in die Annahmefalle. Hier sind zwei Dinge interessant: Zum einen ist die Falle in den fragwürdigen Sprachen mit fragwürdigem grammatischem Geschlecht schwieriger zu konstruieren, nämlich nur indem das Wort „Arzt“ geschichtsintern falsch allgemein verwendet wird statt (wie im Singular und in der Geschichte erforderlich) in der fragwürdigen Form „Ärztin“. Zum anderen muss hier überlegt werden, ob die Vorannahme und damit die Vergeschlechtlichung in unserem Kopf sozusagen schon vor der Sprache passiert. Das Problem, meint Aa, könnte in der binären Vorstellungswelt der Biologischen liegen. Sie denken gerne in Gegensatzpaaren. Gut/Schlecht. Hell/Dunkel. Richtig/Falsch. Tag/Nacht. Mann/Frau. Dabei wird ganz automatisch das als dominant oder ‚richtiger‘, ’normaler‘, ‚allgemeiner‘ gesetzte Element an den Anfang gesetzt. Sobald der Automatismus einmal abgeschaltet wird läuft das biologische Denken weniger binär (oder sexistisch oder hierarchisch), da die Auflösung des biologischen Geistes dort am höchsten ist, wo er seinen Fokus hinsetzt. Aber wir müssen einem KB bei solchen Dingen nicht trauen. (Kleine Anmerkung: Alle Aussagen, Gedanken usw. von t.elling sind Annahmen oder Gedankenversuche und absolut nicht wissenschaftlich fundiert. Anzweifeln, in Frage stellen und freundlich-schräg ansehen ist immer angebracht und schwerstens empfohlen.)

Das Englische bietet hier ein breites Feld für Erkundungen. Immerhin hat sich der moderne Begriff „Gender“ aus dem Wort für grammatisches Geschlecht entwickelt, das im Englischen ja nicht mehr so dringend gebraucht wird und sich wohl deshalb ein neues Betätigungsfeld sucht. Hier vielleicht interessant: Es wurde in der Diskussion angeführt, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form als Allgemeinform ja nun sicher nicht zu einem Entgendering führen würde. Aber warum nicht? Für Menschen, die mit geschlechtsspezifischen Formen aufgewachsen sind ist das sicher richtig. Was aber, wenn man beispielsweise in Utopia vergessen hätte, dass es andere Formen als die eine benutzte gibt? Oder falls alle Menschen dort eine Form des deutschen ohne grammatisches Geschlecht gelernt hätten, wobei die männliche (kann natürlich auch die weibliche) Form als Allgemeinform erhalten blieb? Ist es das, was im Englischen (weitgehend) passiert ist? Immerhin kannte das Altenglisch noch das grammatische Geschlecht, dass dann mit der Zeit abgeschliffen wurde; und „se mona“, der Mond (auch im Altenglischen männlich), wurde zu „the moon“. „Steward“ und „Stewardess“ wurden dagegen, sicher der liebenswerten und unerklärlichen Eigenheit des englischen Charakters geschuldet, noch nicht vereinheitlicht. Im Ungarischen werde dagegen an die Allgemeinform immer das Wort für „Frau“ angehängt, wird beispielsweise über eine Ärztin geredet. Gut. Das grammatische Geschlecht taugt also zum Schuldy eher nicht.

(Ergänzung 7.6.: Zu dem englischen Text wurde angemerkt, dass evt. nur deutsche Muttersprachler in die „Falle“ tappen, da das Wort „Doktor“ männlich belegt sei. Allerdings sind, Eigenversuchen zufolge, mehrere Personen mit der Muttersprache Englisch in die „Falle“ getappt; Männer wie Frauen. Der Vollständigkeit halber: Ein weiterer englischer Muttersprachler meinte, er würde das schon kennen, wäre aber beim ersten Hören nicht auf die korrekte Antwort gekommen; ein welterfahrener nordenglischer Mann dagegen hat die Sache, als bisher einziger, durchschaut. Weiter wurde angemerkt, dass die Geschichte eben so erzählt wird, dass Frauen gar nicht vorkommen, also nicht in den Fokus rücken. Gute Anmerkung – was, wenn es kein Sohn, sondern eine Tochter ist? Kommt die Mutter dann eher in den geistigen Vordergrund? Hat das jemand probiert?)

Singsang: Einigen Kommentaren zufolge erschwert die Sprache Utopias den Einstieg in die Geschichte unnötig. Daher nochmal der Hinweis auf das Glossar mit eventuell hilfreichen ‚Übersetzungen‘. Sollten diese besser direkt als Fußnoten gesetzt werden?

Weiter wurden auch ein paar im Glossar fehlende Ausdrücke angemerkt. Darunter auch die fehlende Erklärung zum „Charm“, eventuell wird das Kleidungsstück ja noch Realität, oder zumindest der Eintrag im Glossar. Sicherlich gibt es im Singsang auch zahlreiche Ausdrücke, die der Autorenidentität noch nicht eingefallen sind … „taggen“, „mochi“, etc.?

Zu Kapitel 2:

Authentizität: Zu Kapitel 2 kam, logischerweise, die Frage, ob denn da auch alles historisch stimmt, oder ob die Erzählerentität das Ganze nicht so genau nimmt. t.elling bleibt, wie üblich, eine klare Antwort schuldig. Zwar musste der Haupthost der Entität alle möglichen Dinge nachschlagen, Bücher wälzen, Bilder betrachten, aber dennoch war keine Antwort beispielsweise auf die Frage möglich, ob im Jahr 1854 Kleidung wirklich von der Stange gekauft werden konnte, wie es in der Urveröffentlichung der Fall war – Ewwa bat die Besitzerin ihrer Wiener Pension, ihr etwas passendes in der Stadt zu kaufen. Wohl eher nicht. t.elling hat die Szene inzwischen korrigiert, es kommt nun ein Schneider herbei. Ob junge Menschen, besonders eher mittellose, damals in Kaffeehäuser gegangen sind ist dagegen eine Frage, die nicht beantwortet werden muss – es sind immerhin junge Menschen, die einer Zeitreisenden mit Gelddrucker begegnen. Und dann gibt es natürlich auch eine ziemlich eindeutige Abweichung von der Geschichte, die wir als korrekt annehmen; ein klarer Hinweis darauf, dass selbst das ursprüngliche Ewwaversum nicht mit unserem identisch ist. Insofern ist die Antwort doch klar: Die Authentizität, beziehungsweise die Kongruenz zur tatsächlich berichteten Geschichte der Welt der Autoren und Leser, hat keine Prio. Sie wird aber zumindest ansatzweise und noch angestrebt. Die Frage führte dann weiter zur

Nation, oder dazu, wie bewusst und authentisch die Geschichte jenes Konzepts dargestellt wird. Die fragende oder zweifelnde Person nahm korrekt an, dass t.elling das Konzept der Nation im deutschsprachigen Raum um 1850 als etwas (noch) nicht dem heutigen Begriff des Nationalismus entsprechendes darzustellen versucht, sich aber dennoch, durch Ewwas Reaktion, von diesem Konzept, selbst in seinen vielleicht nicht so düsteren Anfängen, distanziert. Die zweifelnde Person, wenn t.ellings Haupthost das richtig verstanden hat, führte die historische Notwendigkeit der Nationenwerdung im Prozess des Kampfes gegen die herrschenden Imperien und deren Eliten an, besonders aus osteuropäischer Sicht. Der anti-imperialistische Effekt der Bildung der tschechischen Nation wird durch Rudolph herabgesetzt; ebenso wie die elitär-‚demokratischen‘ Vorstellungen Rudolphs durch Ewwa schräg angesehen werden. Hier bleibt am Ende ein undeutliches, nicht unbedingt gutes, sagen wir nagendes Gefühl. Dem Nachzufühlen keine Zeitreise erforderlich macht. Vor kurzem (Sommer 2020) passierte t.ellings Haupthost das Brandenburger Tor, wo sich eine schon wegen der Corona-Auflagen kleine Gruppe zu einer Demonstration versammelt hatte. Der Redner sagte ins Mikrofon: „Die meisten Menschen werden in ihrer Heimat geboren. Für Palästina ist das nicht der Fall. Unsere Heimat wird in uns geboren.“ Den Haupthost beschlich ein etwas ungutes, zweifelhaftes Gefühl, das er immer hat, wenn einer Nation größere Bedeutung zugeschrieben wird. Was eine Solidarität mit der palästinensischen Sache, oder besser mit den Unterdrückten der Welt, keineswegs ausschließt.

Zu Kapitel 3:

Es wurde gefragt, warum Hitler von Aa in der Erstveröffentlichung als „Diktator, Neurotiker und Künstler“ bezeichnet wurde, besonders das Wort „Künstler“ wurde angemerkt, sowie das Fehlen des Begriffs „Verbrecher“. Die Autorenentität hatte hier tatsächlich lange gezögert. Hier t.ellings Rational: Aa ist ein künstliches Bewusstsein aus einer Zukunft, in der die deutsche Vergangenheit als eines von vielen Negativbeispielen für mögliche Tendenzen der Biologischen dient. Aas inneres Verhältnis dazu ist entsprechend eher, hm, kalt. Er kennt die Geschichte, die Einträge im WikiRAM, die Erläuterungen in den Formatierungshallen. „Diktator“ versteht sich von selbst, aber schon „Neurotiker“ ist schwierig, eine Art Stolperstein. Warum nutzt Aa den Ausdruck? Hitler wurden posthum mehrere Diagnosen gestellt, von der Schizophrenie bis zum Asperger-Syndrom. Das war und ist nicht unumstritten; lange Zeit galt die „Erklärung“ Hitlers fast als eine Art Entschuldigung. Aas Aussage kann hier als halbwegs ignorant angesehen werden, aber im WikiRAM finden sich entsprechende Einträge. „Künstler“ bezieht sich klar auf Hitlers Berufswunsch; vielleicht handelt das KB hier auch wieder fahrlässig, indem es eine einfache Wortwahl trifft. Natürlich hätten Ewwa und Aa übrigens auch einfach dafür sorgen können, dass der vom Geniekult besessene Kunstfreund Hitler in Wien zum Kunststudium zugelassen wird (leider befand man ihn für nicht talentiert genug). Eventuell fand Aa im WikiRAM sogar den Text „Bruder Hitler“ von Thomas Mann, der gewisse überhebliche Grundzüge des damaligen Künstlertypus in Hitler wiederfindet. t.elling hat die Stelle (nach einer Neulektüre von Manns Text) geändert, auch weil zum Stolpern wohl schon der Begriff „Künstler“ reicht. Der Verbrecher wird nun als „Diktator, Verbrecher, Rassist und verhunzter Künstler“ bezeichnet.

Die folgenden Links simulieren einen möglichen Ausdrucksfindungsweg Aas:

https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Hitler

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/geschichte/hitler-adolf-reichskanzler-kriegsverbrecher118.html

https://www.annefrank.org/de/anne-frank/vertiefung/warum-hasste-hitler-die-juden/

https://fd.phwa.ch/wordpress/wp-content/uploads/2017/03/Mann-Bruder-Hitler.pdf

Zu Kapitel 5:

Während der Veröffentlichung von Kapitel 5 kamen verschiedene Fragen zur Sklaverei und zum Bild des Holocaust in Ewwa auf. Der Holocaust wird in Ewwa übrigens explizit nicht erwähnt, insofern war t.elling erstaunt. Die Frage war, ob es zulässig ist, den Holocaust als zentrales und einmaliges geschichtliches Ereignis (also eines, dessen Wiederholung unmöglich ist, und das daher auch keine zukünftige Gefahr mehr darstellt) hinzustellen, was Ewwa tue, indem sie glaubt, durch die Vermeidung Hitlers würde alles gut werden. Hm. Ich muss hier darauf hinweisen, dass Ewwa nur tut, was ihrer Meinung nach einen Dorn in ihrer Seite entfernen könnte. Ich denke, die erzählte Geschichte berührt den Komplex der historischen Stellung des Holocaust oder des Faschismus nicht oder kaum.

Ewwa wurde in diesem Zusammenhang auch vorgeworfen, dass sie zum Beispiel nicht versucht, den Kolonialismus und damit die Sklaverei zu verhindern. Richtig. Die Frage ist, warum? In Kapitel 5 regt Ewwa während einer Sitzung des Debattierclubs die Ächtung der Sklaverei durch den Stadtstaat Bremen an, das Thema ist ihr also nicht unbekannt (wenn auch eventuell eher durch Aa vermittelt, eventuell sogar erst nach der Ankunft in der Vergangenheit). Dennoch. Die Frage zu Kolonialismus und Sklaverei brachte t.elling dazu, die Szene durch eine weitere zu ergänzen, in der Ewwa mit ihren Schülern die (laut einer Zeitungsmeldung echte) Geschichte eines entflohenen amerikanischen Sklaven bespricht, der in Bremerhaven 1842, als „blinder Passagier“ angekommen, um Aufnahme als freier Mann bat, von den wahrscheinlich um ihre Profite besorgten Entscheidern der damaligen Zeit aber zu seinem „Herrn“ zurückgeschickt wurde. Ewwa nutzt dabei einen der Coolsätze Utopias (eigentlich als Zitat für Kapitel 6 gedacht): „Wer die Vergangenheit auslöscht, der kann nicht aus ihr lernen“ und sinkt einen Moment aus der Gegenwart. Wer will findet die Szene in „Die Geschichte bis jetzt“, natürlich Kapitel 5.

Noch kurz: Ewwa ging es nie darum, im Sinne eines Büros zur Optimierung der nichtoptimalen Vergangenheit die Geschichte umzumodeln. Wenn man so will fühlte sie sich als engenommene Erbin der menschlichen und deutschen Geschichte unwohl und ergriff die Möglichkeit, da was zu tun. In Utopia hat man eben viel freie Zeit, Zeit, Zeit … Insofern darf Ewwas Geschichte natürlich absolut als trivial angesehen werden.

Wen es interessiert: Die besten mir bekannten Geschichten zu Sinn und Unsinn der Geschichtsoptimierung haben Stanislaw Lem (Zwanzigste Reise der „Sterntagebücher“) und Issac Asimov („Am Ende der Ewigkeit“) verfasst.

Zu Kapitel 6:

Das dem Kapitel vorangestellte Zitat, „Übrigens ist mir alles verhasst, was mich blos belehrt, ohne meine Thätigkeit zu vermehren, oder unmittelbar zu beleben“, wurde als arrogant kritisiert. Die Annahme war, das der Verfasser des Zitats, in diesem Fall J. W. Goethe, sich nicht belehren lassen möchte, also keine höhere Instanz als sich selbst annimmt. Die Reaktion brachte t.elling ins Staunen.

Zum einen bezeichnet „belehren“, t.ellings Ansicht, eine eher negative, vielleicht auch arrogante Art, von oben herab Informationen als Absolutum nach unten „durchzusetzen“. In der, hm, abgeschwächten Amtsform wäre das dann eine „Belehrung“ durch einen Beamten über ein bestehendes Gesetz. Das Zitat mag also irgendwie eine Art Widerstand gegen autoritäre Institutionen ausdrücken. t.elling nimmt an, die Reaktion basiert auf einer Art Verzweiflung an der aktuellen Situation, in der oft angenommen wird, dass „unbelehrbare“ Menschen gräßliche Dinge tun und gefährlichem Fehlglauben anhängen (Trump-Wähler, QAnon-Glauber, Reichsbürger, Impfgegener …). Persönlich glaubt (und das Wort ist bewusst gewählt) t.elling, dass ein „belehrender“ Ansatz keinen Erfolg haben wird; sondern eher dazu führt, dass sich verschiedene „belehrende“ Ansätze feindlich und taub gegenüberstehen.

Zu Kapitel 8:

Irgendwie zwangsläufig kam die Frage: Soll dieser Herr Raven echt der amerikanische Super-Über-Literat Edgar Allan Poe sein? t.elling schweigt sich aus, und warum nicht? Aber zur Erinnerung: E.A. Poe starb 1849 in Baltimore, zumindest steht es so in der Wikipedia. Zu seinem Tod gibt es verschiedene, teilweise widersprüchliche Quellen. Je nachdem starb er durch Drogen, Alkohol, Syphilis oder auch durch Selbstmord. Interessant mag sein, dass zwischen 1949 (140. Geburtstag) und 2009 (200. Geburtstag) jeweils zu Poes Geburtstag von einer rätselhaften, schwarz gekleideten Figur Blumen auf Poes Grab gestellt wurden; dazu gesellte sich eine Flasche Cognac, die geheimnisvolle Erscheinung nutzte, so die Legende, das Getränk, um auf Poes Andenken anzustoßen. Die finstere Figur ist auch als „Poe Toaster“ bekannt. t.elling schweigt zu der Frage, ob Aa und Ewwa da irgendwie ihre Finger im Spiel haben könnten. Jedenfalls: Die Annahme, Poe (der mit Raven nicht identisch sein muss) hätte seinen Tod fingiert und dann mit dem Papst, äh, mit Lady Ligea eine Gruselpension in New York aufgemacht muss nicht der gegebenen Zeitlinie widersprechen. Vielleicht handelt es sich (im Ewwaversum) aber auch einfach um Fans des Kultautoren; immerhin dürfte Lady Ligea sich nach der gleichnamigen Erzählung benannt haben.

Ähnliches gilt für das Grammophon. Für uns gilt Emil Berliner als Erfinder des Grammophons. Der gebürtiger Hannoveraner Berliner lebte zwischen den USA und Deutschland und erhielt 1987 ein entsprechendes Patent (in den USA). Seine eigentlich bahnbrechende Erfindung war allerdings die Schallplatte, das Grammophon war nur das dafür nötige Abspielgerät. Gab es wirklich einen Wiener, der zuvor einem kleinen New Yorker Kreis scheppernde Abspielgeräte samt Trägermedien anbot? Kaum. Aber vielleicht nicht ganz unmöglich.

Zum einen bezeichnet „belehren“, t.ellings Ansicht, eine eher negative, vielleicht auch arrogante Art, von oben herab Informationen als Absolutum nach unten „durchzusetzen“. In der, hm, abgeschwächten Amtsform wäre das dann eine „Belehrung“ durch einen Beamten über ein bestehendes Gesetz. Das Zitat mag also irgendwie eine Art Widerstand gegen autoritäre Institutionen ausdrücken. t.elling nimmt an, die Reaktion basiert auf einer Art Verzweiflung an der aktuellen Situation, in der oft angenommen wird, dass „unbelehrbare“ Menschen gräßliche Dinge tun und gefährlichem Fehlglauben anhängen (Trump-Wähler, QAnon-Glauber, Reichsbürger, Impfgegener …). Persönlich glaubt (und das Wort ist bewusst gewählt) t.elling, dass ein „belehrender“ Ansatz keinen Erfolg haben wird; sondern eher dazu führt, dass sich verschiedene „belehrende“ Ansätze feindlich und taub gegenüberstehen.

Zu Kapitel 11:

„Aa und Ewwa reisen in die Zukunft, die es gar nicht mehr gibt? Wie soll das gehen?“, wurde zu Kapitel 11 gefragt. Eine gute Frage. Es gibt einfach keine Zukunft der Menschen, der Zivilisation, sondern nur eine „leere Zukunft“, eine Art Platzhalterwelt, eine narrative Wüste, in die unsere Zeitreisenden aber eindringen können. Nur gibt es dort kein Bewusstsein. t.elling begreift das intelligente Leben hier, warum auch immer, als schon bei den einfachsten Säugetieren beginnend. Oder, hm. beginnt das Leben in t.ellings Roman mit Aa und Ewwa? Immerhin wirkt es, als würde die Zukunft wie eine Bugwelle vor den beiden herlaufen. Nein, stimmt nicht, die „alte Zukunft“ gibt es ja auch noch. Verwirrend? Um das ganze etwas zu entzerren hat t.elling einen kurzen Text eingefügt, in dem er das Wesen der leeren Zukunft benennt: „All the world’s a stage“. Das Zitat ist aus Shakespeares „As you like it“ entwendet.

Update: Nach dem Posting des Textes oben erhielt t.elling eine Mail der fragenden Person; sie enthielt ein der Autorenentität bis dahin unbekanntes Zitat von E. A. Poe: „Die Eitelkeit der Logik ist imstande, eines Menschen Hirn gänzlich zu verwirren“. Ein seltsamer Zufall, vielleicht, oder einfach der Lauf des narrativen Universums. Dennoch soll hier nochmal auf die interne Logik des Ewwa-Textes hingewiesen werden, verwirrend oder nicht: Aa und Ewwa können nicht in ihrer eigenen Geschichte herumreisen, sie können ihre eigene Vergangenheit nicht enden. Die eigene Geschichte ist hier sozusagen etwas persönliches, so wie die Zeit. t.elling wollte natürlich auch wissen, in welchem Zusammenhang der historische Poe das Zitat anbrachte. Sein Text („there is something in the vanity of logic which addles a man’s brain“) war Teil einer Kritik am Utilitarismus. Hm. Schon wieder so ein Wink des narrativen Universums, das wohl mitliest. Immerhin scheinen das „Altru“ Utopias und Ewwas im ersten Kapitel vorgegebener Beweggrund für die Zeitreise – das größere Glück aller durch Geschichtsoptimierung – relativ direkt auf dem Utilitarismus verwandten Überlegungen zu beruhen. Oder auch auf Mr. Spocks vulkanischer Urweisheit, „The needs of the many outweighs the needs of the few“, die in der Serie Star Trek dazu diente, den Unterschied zwischen Logik und Menschlichkeit darzustellen.

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