Kapitel 1 – Utopia

Die Flammen im rußschwarzen Kamin flackerten in Ewwas grauen Augen. Ein Riesenfenchelstamm, in Utopia eine gern genutzte Beigabe, knisterte zwischen den Holzscheiten. Sie zögerte einen Moment, wollte sich sicher sein, dass sie Neos Frage ernst nahm. Löste die Beine aus dem Schneidersitz, um Zeit zu gewinnen, zog eines an ihre Brust, legte das Kinn aufs hohe Knie. Es schien ihr, als würde die Welt um sie den Atem anhalten. War die Frage so wichtig?

„Die freie Wahl des Namens“, sagte Ewwa, mit entschiedenem Nicken.

„Alvaar?“, wunderte sich Neo. Andere wiederholten versetzt den utopischen Ausdruck des Staunens. Er schüttelte den Kopf, ließ in Dicklocken gewobene Schellen klingeln, zeigte blendend weiße Zähne. „Hâlde, du krasst, von all den Neudingen Utopias, die freie Namenswahl? Was ist mit dem demokratischen Basico, der Termination der Privatreichtümer?“

„Dies wär‘ auch meine Denke“, warf Rosa, in Gedanken den Kopf sanft wiegend, ein. Die lange Haarpracht hatte sie farblich ihrem Namen angepasst. „Dies, und natürlich die Klimakontrolle. Die Abwicklung der Monopolfirmen. Die Verstaatlichung der Grundproduktion. Für mich sind das Neuerungen, die zum generellen Soziofrieden geführt haben. Haben manche von uns die alte, die invalide Welt … vergessen …?“

Man murmelte Zustimmung.

„Was ist mit den graduell-direkten, kuratierten Referenden? Der KI-assistierten Verwaltung?“, setzte Neo, mit dem Thema ringend, nach. Er legte grübelnd eine Hand an sein Kinn. „Der lebenslangen Weiterbildung? Der Diskreditierung der Glauben? Der KI-basierten, totalen Gleichstellung aller Geschlechter, Altersstufen, Ausformungen …“

„Die das Konzept der Ethnien, falls das je relevant war, rad abgeschafft hat“, bot Roland mit monotoner Stimme ein leicht abgewandeltes Zitat aus einer Lehreinheit an, wobei er seine liegende Position auf einer bordeauxroten, historisierenden Chaiselongue, dem einzigen höheren Möbel im Raum, beibehielt. Alle anderen saßen auf Kissen oder Bodenmatten.

„Der personalisierten KI-Assistenz für jeden Cito? Und … und …“, murmelte Neo, fand aber kein Anschlussbeispiel.

„Nicht zu vergessen: Die Nivellierung der pro Person verfügbaren Bleibengröße, die Mietpreisbindung an das Basico, die sowohl hohe Mobilität als auch, falls erwünscht, ein langes Sein an einem Ort garantiert“, übernahm Rosa. „Basierend auf der zentralen Verwalte der Bleiben.“

„Eine wahrhaft schöne neue Welt“, meinte der Schiefe Jahn. Den Spitznamen verdankte er seinem stark einseitigen Lächeln, dessen Effekt eine schwarzweiße Gesichtsmaske mit Yin-Yang-Muster noch verstärkte. Es wurde gemurmelt; war Jahns Kommentar ironisch gemeint? Sein Charm, das übliche, weich fließende Kleidungsstück Utopias, das alle Anwesenden in Variationen trugen, flatterte, langsam und vorteilhaft, in Wellen um seinen Körper. Es strebte, einer Bewegung folgend, etwas nach vorne, hielt kurz inne, schauderte oder floss dann, gemächlich, zurück. Dabei reflektierte es, dezent glitzernd, die Umgebung. Andere Charms waren auf eher statisches Verhalten programmiert und bildeten erkennbare geometrische Figuren, meist Kugeln oder Dreiecke. Die Grundfärbung von Jahns Charm war grau; anders als die Mehrzahl hatte er eine Variante mit zwei Ärmeln gewählt.

„Die Durchsetzung des allgemeinen Artistens statt des Kulturkonsums im abgezangten Promi- und Profisystem, was zum überfälligen Ende der Fankultur führte, zum Ende der Claque – auch wenn es Remmys gibt“, setzte Rosa nach, womit sie Jahns Kommentar geschickt überging.

„Alvaar! Man denke sich das …“, sekundierte Neo. „Leute! Wie konnten die Citos in der Dunkelmoderne weggeben ihre Kreativität, ihre freie Denke an Industrien, junken ihre Lebenszeit für die Verehrung sogenannter Talente, Promis, Ikos, Eliten! Krass!“ Neo, dessen Charm in Rottönen chargierte, zog sein Signaturgesicht, wobei er Augen und Mund zusammenpresste, als hätte er zu Saures gegessen, um dann, in einer Geste der Verzweiflung, die Hände vor dem Gesicht zusammenzuschlagen. Seinem zeitgleichen, heftigen Schulterzucken geschuldet bewegte sich sein Charm kurz bis zu den Ohren, sank dann zurück. Neo nahm die Hände vom Antlitz und lachte, befreit. Man kicherte in der Runde, zustimmend nickend. Seine Art kam an. Und man war froh, in Utopia zu leben.

„Mann!“, setzte Neo nach. „Wie war das mit dem Konsumnet und dem Virtu-Leben! Leute! Heute leben wir! Eine Fammy, meine Fammy!“

Allgemeine Bejahung wurde in den Raum gejubelt, einige klatschten.

„Und das“, ritt Rosa auf der Welle, „finde ich toll. Unsere Leistungen und Errungenschaften.“

„Ja, alles toll“, sagte Ewwa. „Aber – wie rad ist das denn, dass ich mich seit kurzem offiziell Ewwa Morgenstern nennen darf?“

„Ich finde die freie Namenswahl … unnötig“, meinte Rosa, etwas von oben herab, was ihr nicht schwerfiel. Sie überragte Ewwa um einen Kopf. „Und in deinem Fall … hektisch und, hâlde, bei deinen Optos, deiner Vorlage solltest du eine weniger naive Wahl treffen, und …“

„Man könnte die freie Namenswahl das i-Tüpfelchen auf der Befreiung des Individuums nennen“, unterbrach der Schiefe Jahn sie. „Oder den Anfang der individualdemokratischen Revo. Zusammen mit anderen Verwaltungsneuerungen.“

„Ja, irgendwie so“, nickte Ewwa.

„Wie lautet dein Nachname, Rosa?“

„Den habe ich nicht gedisst. Immerhin sind wir uns einig: Dies ist das Beste aller möglichen Systeme, auch wenn wir verschiedene Aspos krassen“, übernahm Rosa die Unterhaltung mit einem versöhnlichen, überlegenem Lächeln. „Wir sind uns einig …“

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, warf Roland ein. Sein schwarzer Charm bildete einen Strich. Dünn und unbewegt hingeschmissen wirkte er auf der Chaiselongue wie der Schatten zwischen vollen, roten Lippen.

„Soll heißen?“, reagierte Rosa, raubvogelschnell, wobei sie die bloßen Arme in einer Geste gespielter Verzweiflung hob und dann nach vorne sinken ließ. Ihr Charm schmiegte sich, einer unmerklichen Kontrollbewegung Rosas folgend, an ihren Körper an, umflatterte ihn. Dabei betonte er ihre gepflegte Körperform, die nicht wenige als ideal bezeichnet hätten. Ihren gesamten linken Arm umkreiste, gut sichtbar, das Wort „Utopia“ in Wiederholungen, im offiziellen, filigranen Zeichensatz des Staatsgebildes, in verschiedenen Schriftgrößen. Solche Tätowierungen waren beliebt; sie galten als Zeichen rebellisch-utopischer Coolness. Roland beachtete sie nicht.

„Kritik wird erlaubt sein“, sagte der Schiefe Jahn. „Und nicht alles ist optimal. Die konkrete Abschottung Utopias, in der Prä-Welt nannte man das ‚Festung Europa‘, wird oft kontrovers diskutiert.“

„Alvaar …“, holte Rosa Luft, wobei ihr ernster Gesichtsausdruck zeigte, dass sie das Themenfeld im Griff hatte. „Der Einwand ist berechtigt. Aber: Zum einen ist nur durch die Abschotte der Erhalt einer fairen, freien, klassenlosen Sozio möglich. Nur so verhindern wir, dass wir, durch unseren krassen Entwicklungsstand, zu Schuldigen innerhalb ungleicher Verhältnisse werden …“

„… und dann vor anderen Haustüren kehren, was im Prä oft Teil der Beeinflusse war …“, zitierte Roland, der fasziniert dem Weg einer Fliege über die Decke folgte, einen populären Meinungsclip; „Kehre vor deiner eigenen Haustür“ galt als ein Motto Utopias. Wieder nickten einige, bedächtig.

„… zum anderen“, nahm Rosa ihren Faden auf, „so konkretomat ist die Abschotte nicht. Jeder Außerutopier kann und darf zu einer Feldschleuse kommen, sich bewerben, Cito werden. Nur muss er dann Rechtdenke zeigen. Das will kaum einer.“ Rosas Schultern zuckten kurz, wobei sie die Augenbrauen hochzog, den Kopf schief legte.

„Weil draußen noch die Glauben umgehn.“ Neos Miene verdüsterte sich. Er bewegte den Oberkörper ruckhaft vor, stützte sich mit beiden Händen auf den Knien ab, wobei sein Charm nach unten floss, ihm momentan ein bulliges Aussehen verlieh. Einige gurrten. Neo galt als „Sanftmacho“. Als attraktiv.

„Die Geißel der Menschheit“, bestätigte Rosa, betont nickend. „Die Glauben und die krasse Ungleichheit der Meriten- und Glücksgesellschaft. Die reden radnegg über uns, was viele oder alle der Fanopfer da draußen glauben. Und außerutopische Bosser wollen ohnehin nicht hierher, weil ihnen bei uns nur 50 Quadrat zustehen, wie allen. Weil sie nicht, nach ihrer Denke, selbstgefühlt besser leben können. Was heißt, besser als die anderen. Warum machen diese Anderen da draußen keine Revo? Klar wegen der Lügen, die ihnen aufgetischt werden.“

„Wenn ich da wäre, ich würde eine Revo auflegen. Mich nicht einordnen. Und, wer weiß, vielleicht hier auch. Die Welt sollte anders sein. Ich fühle das. In mir“, wagte Ewwa sich, innerlich aufgewühlt, weit raus.

„Wirklich? Was ist an dir revolutionär? Sieh dich an“, sagte der Schiefe Jahn, den Blick auf Ewwa fixiert. Ewwa verstummte; sie war, unerwartet, tief getroffen, wollte sich in eine Ecke verziehen. Empfand sich verspottet, entlarvt. Und – was meinte er? Sicher, sie sah nicht so rechtüberzeugt, perfekt abgestimmt, klar beschrieben aus wie Rosa, hatte nicht Neos Retro-Hippie-Look, keine Applikationen, keine Dicklocken. Vielleicht wirkte sie normal. Aber was hatte irgendwas mit Aussehen zu tun? Sie wollte die Welt ändern, wollte anders sein. Das sagte ihr eine Unruhe in sich.

Der Schiefe Jahn brach die entstandene Stille: „Ich schätze, die Ablehnung unserer Gesellschaftsform durch manche Außerutopier hat mit der Geschichte zu tun. Da draußen leben viele seit Generationen in Traditionen, geformt von Konflikten zwischen Nationen, Bevölkerungsklassen, Geschlechtern. Man setzt weiter darauf, dass der Konkurrenzkampf zu Exzellenz führt, zu Fortschritt und Glück – und zu mehr als 50 Quadrat, wie Rosa sagt. Die Rettergeneration wollte einen neuen Weg gehen. Sie hatte, unerwartet, Erfolg. Deswegen mag ich deinen Wahlnamen, Ewwa.“

Ewwa sah kurz zum Schiefen Jahn. Seine Zustimmung tat gut, die Verwundung in ihr blieb. Er zwinkerte. Und grinste schief.

Ehua, als Servicekraft eingeteilt, brachte, zur allgemeinen Freude, die bestellten Getränke, meist das beliebte CeDeVit, nebst Vegansticks und Palaç genannten Crêpetaschen. Dabei musste sie, hochgewachsen, wie sie war, leicht gebückt gehen und mit dem Kopf immer wieder den schwarzen Balken ausweichen, die den uralt wirkenden, niedrigen Raum entlang der Decke durchliefen und schwierig navigierbar machten. Die schmalen Leuchtstreifen an den Holzbalken wechselten die Farbe, was viele der Charms, einer populären Programmierung folgend, zum Funkeln anregte. Man applaudierte. Jahn erhob sein Glas und sagte „Kôun-o!“. Mit diesem Ausdruck stieß man in Utopia auf eine gute Zukunft und einen schönen Abend an.

„Krass zufrieden muss man mit unserer Sozio nicht sein“, erhob die stille Julia das Wort. „Das sagt schon einer der Grundsätze Utopias: Zweifel sind allzeit angebracht. Auch an den Coolsätzen. Ihr habt sicher gehört, die da draußen halten uns für KI-Junkies. Und hey, alle unsere Wege werden von Optoprogrammen begleitet, alle unsere Entscheidungen und Acts werden beurteilt und analysiert. Zu unserem Besten, klar, kuratieren die KIs unsere Denke. Unsere Wege. Wenn es bei uns wieder mal eine Sozio-Revo geben sollte, um das aufzugreifen, käme sie eher von oben, von einer krass proggen Admin- oder Sozio-KI. Begleitet von Daten- und Willenseingaben von uns, klar. Fühlt sich das nicht etwas … naja, unbefriedigend an? Nach Ennui?“

„Warum?“, wunderte sich Rosa und breitete die Arme aus, als wolle sie den Raum umarmen. „Wir haben ein gutes Leben, haben alles, müssen dafür nicht schuldig werden, nur für einander da sein. Und wir kommen exakt an die für uns geeignete Stelle in der Gesellschaft. Leben glücklich und effizient, je nach Skills und Neigungen. Vermieden werden, durch die personalisierte Auswertung der Lebensdata durch eine unparteiische, auf die Ideale unserer Sozio programmierte KI, Tragödien, falsch gelaufene Bios. Erkennen kann ich daran nichts Unbefriedigendes, und ich empfinde deine Dudo eher als, hm, optofeindlich. Ich strebe, in Einklang mit den Empfehlungen meines KI-Assistenten, eine Zertifizierung als Opti-Programmer an, um die relevanten Prozesse weiter zu verfeinern und anderen Citos zu helfen, schneller und punktgenauer zu sich zu kommen. Dazu ein paar Partner, ein, wenn es geht zwei Kinder …“

„Du möchtest optimieren? Ein hehres Ziel, für das dich Zentral auserwählt hat. Ich frage mich, was interessiert dich an der Tätigkeit? Das hohe Ansehen in der Sozio, die gesteigerte Remuneration?“, fragte der Schiefe Jahn, etwas spitz. Es funkelte in seinen Augen, das eine schwarz, das andere weiß umrahmt. Die Anwesenden hielten den Atem an. Nie hatte jemand gewagt, Rosa derart offen anzugreifen.

„Mich interessiert kein Ansehen und kein Lohn“, erwiderte Rosa kalt, „noch sonst ein persönlicher Vorteil. Ich will nur da sein für andere. Als Ansporn zum Altru empfinde ich Anreize krass angemessen.“

„Nichts für ungut“, sagte Jahn. Einige murmelten; Unruhe war spürbar. „Aber manchmal erscheint auch mir die hiesige Ordnung zu vernünftig. Wenig gewagt. Was würde denn unsere Revolutionärin mit der Welt anfangen? Ewwa? Was willst du ändern?“

Einen Moment herrschte Stille. Alle sahen zu Ewwa, die sich angespannt, verschüchtert, hilfesuchend umsah. Ihr fast kantiges, von dunkelbraunem Haar umrahmtes Gesicht verriet, dass sie sich fortwünschte. Eine Antwort gab sie trotzdem.

„Die Vergangenheit“.

(Jahre zuvor, Berlin)

Jahre zuvor hatten sich Ewwa und einige der Personen ihrer losen Referenzgruppe vom Berliner Hauptbahnhof die Spree entlang über die Grünanlage zum Futurium bewegt, zu einer Formatierungssession, mit der ihr Besuch der Stadt beginnen sollte. Das Gebäude glitzerte im Ansatzdunkel des frühen Abends, aus dem voluminösen Frontfenster strahlte honigfarbenes Licht.

„Warum gehen wir da eigentlich hin,“ fragte Roland. „Wir kennen das alles doch auswendig.“

„Verfestigt muss die Überzeugung werden“, dozierte Rosa, deren Charm eng an ihren Vorderkörper anlag und nach hinten einen nicht vorhandenen Wind simulierte. „Damit die Krisen nicht wiederkommen. Wehrhaft muss die Überzeugung sein. Der Rasen hier war einst Asphalt!“

„Der europäische Hyperindividualismus hat fast die Umwelt zerstört, Klima und Natur gekippt, die Zukunft den Generationen genommen. Das darf nie mehr passieren“, sekundierte Neo.

„Schuld war aber nicht nur Europa, oder?“, warf Ewwa ein.

„Deuts“, murmelte es hier und da im Schwarm. Einspruch gegen Coolsprüche wurde immer kommentiert. 

„Alvaar“, meinte Neo, und ließ den Schwarm verstummen. „Jedoch fanden sich die Wurzeln hier. Die Schuld. Hier aber begann auch, das soll nicht verschwiegen bleiben, die Rettung. Seht den Y-Noden!“

Aus der Rasenfläche zwischen Futurium und Fluss ragte eine Struktur aus verknoteten, verschieden intensiv strahlenden Strängen. Sie erinnerte entfernt an einen Lichtbaum, dessen Stamm, ein breiter Kardeel aus feinen, verzwillten Fäden, aus dem Boden strebte. Unscharf, undeutlich, da er in dem Lichtermeer nicht klar erkennbar war. Zum Zentrum hin ergaben sich für das menschliche Auge seltsame Strukturen, die an verschwimmende Fraktale oder, mit etwas viel Phantasie, an vielarmige Dämonen, dahinhuschende Lichtwesen erinnerten. Ab etwa zwei Meter Höhe entfaltete sich der Stamm. Die Fäden bildeten eine Art Krone aus, wirkte wie eine dieser uralten, igel- oder büschelähnlichen Glasfaserlampen, oder auch wie eine teilweise durchsichtige, leicht gebogene, wellige Wolkenstruktur. Die Struktur wurde zum Rand hin feiner, da sich fast regelmäßig Stränge Richtung Erde bogen, wo sie sanft kurz über dem Rasen hin- und herwogten. Durch die Fibern rannen Lichtimpulse. Der Y-Noden galt als Interface. Hier, so hieß es, treten die Seelen der Menschen direkt mit der Zentral-KI in Verbindung. Sie war hier zwar stumm und ohne Terminal, aber jeder Utopier, der Berlin besuchte, „floss im Regen“, „gloss“, „ruhte im Funkelpilz“, „gab ´ne Nodenschau“ oder „machte die Raupe“ – gebräuchliche Ausdrücke für das Erlebnis. Der Schwarm bewegte sich auf den Noden zu. Manche blieben an der Peripherie stehen. Andere tropften hinein.

Ewwa trat zwischen die glitzernden Fäden, ließ einen über ihre Hand laufen. Er schien sich sanft festzuhalten, zu haften, fiel nicht ab. Oder bewegte er sich eigenständig? Es war ein angenehmes Gefühl, warm, wie eine zarte Berührung, ein Kitzeln, intensiv genug, um ihr einen kleinen Schrei der Überraschung zu entlocken.

„Du bist zum ersten Mal hier?“

Die Stimme hallte leise um sie, kam wie von fern, sprach sie aber sicher an. Ewwa hatte von den seltsamen Phänomenen am Y-Noden gehört – Töne reisten zwischen bestimmten Orten, ohne von anderen gehört zu werden, es soll Holoerscheinungen von phantastischen Wesen geben, die Zeit werde bedeutungslos, liquide. Beglückende Traummomente wurden berichtet.

„Ja. Ich bin nicht von hier.“

„Woher kommt dein Schwarm?“

„Aus Bremen. Wo bist du?“

„Sieh Richtung des Kardeels. Des Zentrums.“

Ewwa tat es. Im ersten Moment war die Helligkeit im Zentrum zu grell, sie beschattete ihre Augen mit einer Hand, doch dann schien die Intensität des Lichts abzunehmen. Sie erkannte sogar Farbschattierungen, oder glaubte diese wahrzunehmen. Hinter dem Funkelmeer sah sie jemanden winken, ein paar Schritte entfernt. Sie ging durch den sanften, fluffigen Fadenregen. Der Winkende stand bei den ersten zentralen Lichtfäden, von denen viele ihm zustrebten, um ihn liefen, fast im freien Bereich um den Stamm. Er hatte blondes, zerzaustes Haar und trug eine Gesichtsmaske, was Ewwa nicht störte. Die Maske zeigte ein Yin-Yang-Muster. Seine verspiegelte Brille, in der sich die funkelnden Fäden des Y-Noden reflektierten, fand sie lustig, obwohl sie vielleicht etwas sehr cool wirken wollte. Sie sah sich selbst darin, wie sie aus dem Lichtregen kam. Der Mann wirkte freundlich, sog an einer E-Huhka, deren Schlauch aus einer Umhängetasche herauslief. Heller, im Nodenlicht funkelnder Dampf kam aus dem fast ganz im weißen Gesichtsbereich gelegenen Mund, der sich zu einem einseitigen Lächeln bequemte. Ob er richtig alt war? Nur wenige Menschen von Ewwas Generation hatten Masken nötig. Die Zahl der Lichtstränge, die ihn umflossen, obwohl sie sich zu ihm hinneigen mussten, war auffällig. Als wäre er ein Abgrund, in den die Stränge oder das Licht hineinströmten. „Oder hinauf?“, dachte Ewwa. Die weiße Gesichtshälfte strahlte im Licht, die schwarze wirkte wie, ja, wie eigentlich? Ewwa glaubte zu sehen, dass einige der Fäden unter seinen Charm fuhren, aber das war in all dem Licht schwer zu erkennen. Lösten sich Fäden von ihm, während sie näher kam? Wandten sich welche ihr zu?

„Wer bist du?“

„Jahn.“

„Ich bin Ewwa. Arbeitest du hier?“

„Ich bin Kommunikator. Ich führe dich und wer immer sich interessiert gerne durch das Werk. Aber erst möchte ich, dass du etwas erlebst. Ja? Dann tu, was ich tue …“

Jahn lies den Hukha-Schlauch in seine Tasche surren, rieb die Hände an seinem Charm. Dann bündelte er vorsichtig einige Lichtsträhnen, schloss die Augen, eins weiß, eins schwarz umrandet, lehnte den Kopf zurück und legte sich das Bündel über die Lider. Es verteilte sich, wickelte sich klar selbstständig um seinen Schädel, der bald wie ein pulsierender Lichtball wirkte. Ewwa zögerte, dann tat sie es ihm nach.

Die Wahrnehmung der Wärme war überwältigend. Ewwa fühlte eine ungeahnte Sicherheit, verlor dabei fast jedes Gefühl für ihren Körper. Wellen aus Licht verschiedener Dichte flossen über oder durch sie. Lichtkugeln, Gleißstränge, Hellschluchten und andere Elemente einer Welt voller Leichtigkeit und Zuversicht spielten durch ihr Empfinden. Sie schwebte, schwerelos, in einer Art Wolke, wurde höher getragen, höher. Ewwa lachte befreit, während die intensive Helligkeit sie trug. Vergaß die Zeit …

„Das reicht. Man darf das nicht zu lange tun. Aber es war angenehm, oder?“, sagte Jahn, und strich ihr die Lichtfäden vom Gesicht.

„Ja,“ sagte Ewwa, blinzelnd. „Danke. Kann ich ein Foto von dir machen?“, und holte ihr Smart heraus.

 Im Inneren führte Jahn Ewwa, einigen Mitgliedern ihres Schwarms und andere Besuchern die Formatierungsinhalte entlang. Dargestellt wurde die Geschichte der Menschheit in groben Zügen. Es ging von der altgriechischen Philosophie und der Entwicklung verantwortlicher Führung und Wissenschaft über die Verbrechen der Nationalsozialisten bis hin zur zu spät von einer nicht vorbereiteten Menschheit ernstgenommenen Umweltkatastrophe und zum Zivilisationskollaps.

„All diese Entwicklungen waren zwangsläufig“, erläuterte Jahn. „Von den psychokatastrophalen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts über das zu langsame Zurückfahren der Treibhausgase und den Kollaps durch den Moralterrorismus. Die dank der steigenden Lebenserwartung zu stark anwachsenden Menschheit der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts saß in der Falle …“

„Dem Sog des Möglichen konnte sich nie ein Schwarm entziehen“, zitierte Roland einen Erläuterungstext, der über eine Displaywand trieb.

„Also führt eine klare Linie vom zivilisatorischen Rückschritt durch die verbrecherischen Nazis über den Hyperkonsum zur Umweltkatastrophe!“, erläuterte Rosa dem Schwarm. Man murmelte zustimmend. Der Arm Rosas zeigte auf eine Videowand, auf der überholte Fluggeräte aus der Zeit Nazi-Deutschlands zu sehen waren. Adolf H. steigt in eine dieser Maschinen. 

„Räume wie diese“, sagte Rosa, „ermöglichen die Reflexion, leiten die Gedanken auf Coolwege. Damit wir etwas mit in die Existe nehmen. Seht diesen Raum.“

„Von Katastrophe zu Katastrophe“ blitzte über die Wand. Ein Holo zeigte Nazis, die zu Bombern, zu Leichen, zu einem Atompilz morphten. Am Ende der Sequenz stand die geschundene Erde der Klimakrise, im Splitscreen hunderte kranke, leidende Menschen in Krankenhallen.

„Die Schuld nimmt immer einen geraden Weg“, stand nun auf der Wand.

„Der Faschismus“, ergriff Rosa wieder das Wort, „bedeutete einen schrecklichen Rückschritt. Die Menschheit war geteilt, nicht einig. Nahm einen falschen Turn. Merkte es erst, als es zu spät war. Es kam zum Fanismus, Politiker und Stars regierten, sagten, sie würden für die Allgemeinheit sein, aber ihre Altru galt nur ihnen.“

„As I would never be a fan, I would never be a star“, zitierte Roland.

„Das System“, setzte Rosa etwas ungehalten fort, „kollabierte. So viele starben. Deswegen“, fuhr sie fort, „werden unsere Entscheidungen, politische wie private, heute geprüft und im Konfliktfall mit uns besprochen. Es gibt kein ‚rechts‘ und ‚links‘ mehr, wie man das früher nannte, keine Korruption. Nur noch den Opti-Weg.“

Ewwa scharrte mit dem Fuß. „Aber hätte man sich damals nicht anders entscheiden können? Irgendwann, noch vor dem Zusammenbruch? Musste das so kommen?“

„Du bist wohl schlecht formatiert, Glupa? Die …“

„Vor Utopia galt: Alles, was möglich ist, wird gemacht. Das führte zur Katastrophe. Oft wird das so dargestellt, dass die Geschichte genau so passieren musste, wie sie passiert ist. Das ist aber, meine Meinung, nicht unbedingt so. Hätte es beispielsweise keinen Faschismus gegeben, dann wäre möglicherweise alles anders gekommen, vielleicht hätte es keine Umweltkatastrophe gegeben …“

Rosa unterbrach die uncoole Meinung: „Das ist irrelevant und eine sehr zweifelhafte Aussage. Die Schuldigen darf man nicht entschuldigen! Geschichte ist zwangsläufig, wenn man nicht die Zukunft, der Rechtdenke folgend, optimal gestaltet! Und damals gab es die nicht!“

„Beachtet die Schrift an der Wand!“ unterbrach Roland sie, und las, überbetonend, vor: „‚Da wir nun einmal die Resultate früherer Geschlechter sind, sind wir auch die Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrthümer, ja Verbrechen; es ist nicht möglich, sich ganz von dieser Kette zu lösen.‘, Friedrich Nietzsche, Historien-Schrift, Kapitel 3, 1874.“

Nachdem der Schwarm in Gruppen den Explain Room durchlaufen hatte, in dem spielerisch Zusammenhänge gesucht und die Themen der Formatierungshalle so vertieft wurden, begann der freie Abend. Jahn hatte eingewilligt, ihnen die Stadt zu zeigen. Man zog herum, staunte über die vielen Menschen in der größten Stadt Utopias. Zudem war Holo-Festival. Berlin war, wie man gerne sagte, ein „Fest für‘s Leben“. Überall spielte Musik, am Brandenburger Tor wurde die Gründung Utopias durch nachdenkliche, formatierende Holos gefeiert. Lichtskulpturen ausgestorbener Tiere traten aus dem Tiergarten, begleitet von Sinntexten zur Klimakatastrophe, ausgelöst durch die Atmosphäre verpestende, unreflektierte Konsumaktivitäten. Aus Licht nachgebildete historische Autos rasten qualmend um das Tor herum, zogen Konsumgüter hinter sich, dann wuchs aus der Erde ein bedrohlich waberndes Kohlekraftwerk, dessen Emissionen den Platz zwischen Tor und Park verdunkelten. Schließlich erstrahlten Worte wie „Verantwortung“, „Optimierung“, „Liebe“; die Retter strömten zusammen und gründeten Utopia. Man zog, beeindruckt, über den Langen Garten, der früher „Unter den Linden“ hieß, wie Jahn erläuterte, zum Allesandersfeld, dem früheren Alexanderplatz, einem zentralen Verkehrsknoten. Auch dort wurden zahlreiche Lichtanimationen gezeigt. Der Fernsehturm wand und beulte sich im Takt lauter Musik, teilte sich in viele, dünnere Holos, die sich zu Boden bogen, bis er an eine Art Riesennode erinnerte. Es gab lauten Applaus.

„Ein kapitales Beispiel für unsere Kultur!“, jubelte Rosa.

„Naja,“ meinte Jahn, „ich bin den Massenspektakeln nicht so zugeneigt …“

„Deuts“, zischte Rosa, und einige im Schwarm zischten mit. Dann zog das Rat-Tat-Haus die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Dort rannten die Holobuchstaben der Botschaft „Alles anders!“ über Wände und Dach der Struktur, Kapriolen schlagend. Nahbei gab ein knallblauer Ballettschwarm, „Die Hubikés“ genannt, kurze, zeitgenössische Aufführungen. Man sah sich alles an, machte hier und da mit, dann folgte die Gruppe Jahn in die nächste Straßenbahn. Er wollte dem Schwarm noch andere Stadtteile zeigen. Die Schattengärten über den Fahrradstraßen von Mitte, die historischen Nachtbars von Kreuzkölln …

(Bremen, Utopias Gegenwart)

„Du willst die Prä ändern? Warum? Das ergibt keinen Sinn, möglich ist es auch nicht.“ Rosa schob, ihrer Art treu, ihre Meinung im Brustton des zertifizierten Realos in den Vordergrund. Jemand legte einen Holzscheit nach; das Feuer flackerte, spiegelte sich auf den Charms der im Zaiko versammelten Utopier.

„Er hat nicht gefragt, was ich ändern kann“, gab Ewwa, wenig überzeugend, zurück.

„Was würdest du in der Prä ändern wollen?“, fragte der Schiefe Jahn, der aus Berlin zu Besuch war.

„Nun – also, ich finde unsere Welt nicht ideal. Zum einen, ja, weil wir uns abschotten müssen, um in einer gerechten Welt zu leben. Oder das glauben.“

„Die Abschotte ist“, dozierte Rosa, „um das zu wiederholen, der Preis für die sozial-demokratisch-freiheitliche Gerechtigkeit. Die Welt war vor Utopia kaputt. Sie war zersplittert, in Nationen und Unternationen und darin in Eliten, die sich für egalitär hielten, und in weniger bevorzugte und ausgebildete Gruppen, die sich belogen, manipuliert fühlten. Man redete von Repos, historischen Verbrechen, sagte, die anderen sind schuldig oder dumm oder rechts oder links oder was. Es stimmte in manchen historischen Fällen ja auch, ich meine die antiken Nationalverbrechen, angelastet der vorutopischen Generation als Erbschuld. Und dann ist da die Sache mit dem Krasskonsum. Und den unfairen Produktionsbedingungen woanders. Und die Katastrophe mit dem Klima, weil nicht alle mitmachten. Offene Systeme kann man leider nicht ausreichend steuern, um eine faire Verteile …“

„Hâlde – du sagst also, wir sind nicht in krass frei? Weil wir in einer geschlossenen Sozio leben?“, warf Julia kämpferisch ein. Roland schenkte ihr einen mild erstaunten Blick, setzte sich unbewusst kurz auf, wartete, in seine Rolle zurückfallend, bis sein Charm sich beruhigt hatte. Dann sagte er, mit starrem Gesicht: „Nur die Amotionen sind im Chill, Bestfreundin. Frieden.“ Julia, die gegen seine Chaiselongue lehnte, sah ihn mit einem irritierten, zärtlichen Gesichtsausdruck an. Sie wollte etwas erwidern, aber Rosa unterbrach sie.

„Julia, Schwur. Das meine ich nicht. Im Gegenteil. Aber wenn du das meinst: Rüber kannst du jederzeit, keiner hält dich, die nehmen dich gerne. Und hey, hier stehen dir alle Optos offen; nur nicht die, die krassen Schaden und Ungleichheit bedeuten und auf die andernorts so vehement bestanden wird. Aber – wer braucht die? Wir vererben nichts, erheben uns nicht …“

„Tust du das nicht?“, warf der Schiefe Jahn quer ein. Rosa bedachte ihn mit einem unergründlichen Blick diagonal über den Tisch. Wieder wurde gemurmelt. Rosa nickte.

„D’ac, das war rhetorisch. Zu viel. Ich habe meine Art zu diskutieren; sie mag nicht jedem passen. Aber gut. Ich respektiere die Regeln der Diskussion. Falls ich Julia an ungeeigneter Stelle unterbrochen habe, will ich mich entschuldigen. Erkläre bitte weiter“, Rosa machte eine auffordernde Geste in Julias Richtung, ein wenig verbissen. Die meisten Anwesenden drückten Zustimmung aus; sie fanden Rosas Reaktion korrekt. Julia schwieg.

„Ich habe gehört, manche meinen, das System der Anreize und Zertifizierungen sei nichts weiter als eine sanfte Fortsetzung des universitär-bürokratischen Meritensystems“, meinte Ewwa schüchtern, mehr aus Solidarität zu Julia. Ein paar der Anwesenden feixten und tuschelten. „Deuts eben“, war wieder zu hören.

„Nun“, sagte Rosa, nach einer absichtlichen Pause, „ich sehe da null Parallelen. Jeder kann Zertifizierungen anstreben, wird formatiert und beraten. Dazu braucht hier keiner Reichtum oder Opto-Eltern. Nur die Bereitschaft, seiner Natur zu entsprechen. Du hast dich bis jetzt, wie ich höre, nicht bemüht, dich als für uns wichtig zu beweisen. Auch das ist D’ac, wird akzeptiert. Jedem sein Weg. Wir sind alle gleich.“

„Wenn eines klar sein dürfte“, sagte der Schiefe Jahn, „dann, dass wir alle ungleich sind.“

 „Ja. Vielleicht“, sagte Ewwa. „Aber das ist nicht, was mich bewegt. Ich finde, irgendwie sollte es anders sein. Ich denke, zu all dem geführt hat vielleicht der Zweite Weltkrieg, der europäische Faschismus. Vorher gab es die Möglichkeit, die Welt utopisch zu einen. Vernünftig, um dann das alles später zu vermeiden. Ohne Adolf H., Josef S. und die krasse Nationalisierung oder Ethnisierung wäre das vielleicht passiert, hätte es früher … eine vernünftige Welt gegeben … Und … D’ac, dann würden manche Leute nicht abwertend ‚Deuts‘ tuscheln, während ich rede. Das finde ich manchmal … blöd, gebe ich zu.“

Es war einen Moment still. Einige sahen sich Ewwa genauer an. Sie hatte blasse Haut, war nicht besonders fit, als wirklich attraktiv hätte kaum jemand sie bezeichnet. Sie würde entsprechend von machen schon optisch als „Deutse“ bezeichnet werden. Überlegenheitsausdrücke und Pauschalaussagen waren im Grunde verpönt, galten als unkultiviert. Dennoch nutzen manche die Zuordnung, um als wenig geschliffen, stur, „quadragrooved“ oder „hain“ empfundene Personen zu benennen. Sozialassistenten wiesen gerne darauf hin, dass die absolut meisten Utopier zu über 50 % von der bewussten Bevölkerungsgruppe, „falls es sie auf eine für uns relevante Weise gab“, abstammten. Das tat der Popularität des Ausdrucks keinen Abbruch.

„Hä?“, machte Rosa, verärgert. „Also – wasnu? Du willst in die Prä reisen, H. enden und eine Weltregierung gründen, damit die Gents dich mögen? Unser Utopia ist dir nicht gut genug? Schalte dann gleich mal das Darknet ab, verhindere die Massenkultur, und erkläre den Typen rechtzeitig, wie man das Klima schützt, bitte.“ Dabei machte sie wieder ihre Armhebegeste, nur heftiger.

„Das habe ich nicht gesagt. Ich versuche nur, ehrlich und offen zu antworten. Und ich finde auch, es wäre eine bessere Welt – ohne diese schreckliche Vergangenheit.“

„Ich empfinde deine Antwort als ehrlich, offen und interessant“, sagte der Schiefe Jahn. „Auch, weil es nicht nur hier in Utopia noch Probleme mit Ethinizisten gibt. Wie man hört, sollen Organisationen und Bewegungen, die sich auf diese Geschichte oder diese Theorien berufen, in Außerutopia für Leid sorgen. Eine Änderung der Vergangenheit zu überlegen ist nicht dumm. Nur laut gedacht. Niemand hier möchte Utopia abschaffen; Kôun-o!“ Jahn sah Rosa kurz an. Dann zog sein Blick weiter und blieb an Ewwa hängen, als würde er vor Anker gehen.

„Kôun-o! Arkads! Ich wäre dabei“, sagte Neo, der plötzlich angespannter wirkte als üblich. „Bei der Veränderung der Prä, meine ich. Meine Vorfahren kamen aus den … Religionsgebieten, waren kurz vor der Gründung Utopias hierher gezogen. Damals sah das zwar alles anders aus, war die Existe hier anders, aber … Meine Familiengeschichte ist mir unangenehm. So Schmerz, Ungerechtigkeit, Selbstgerechtigkeit, so hain … Als die Glaube zum Fehlweg erklärt wurde, löste meine Mutter sich von der Familie. Sie wollte eigenen Lebensentwürfen folgen. Da sind die ausgetillert, entrastet. Die pellten sich täglich einen auf irgendwelche Traditionen, sind dann weggezogen, in eine Glaubzone. Obwohl sie alles versuchten, blieb Mutter. Manchmal erzählte sie von Einschüchterungen, von Gewalt, sie habe um ihr Leben gebangt. Es wäre eine bessere Welt ohne M. und seine Claque, da bin ich sicher. Schon für meine Mutter würde ich mit einem Strahler zu ihm in die Prä reisen.“

„Ich möchte niemanden umbringen“, warf Ewwa rasch ein. Dabei scharrte sie, unbemerkt, mit dem linken Fuß.

„Wie würdest du denn dein Problem, falls es möglich wäre, lösen?“, fragte Rosa patzig. Und fügte nach einer Kunstpause hinzu: „Aber so weit hast du ja sicher nicht gedacht.“ Einige Anwesende, die Rosas Art und Überzeugungen erklärtermaßen rad fanden, lachten sanft mit ihr. Ewwa schwieg.

In einer Ecke waren ein paar Leute zusammengekommen und improvisierten Musik auf einer Basis des Jerry-Cornelius-Projekts, die derzeit populär war und ironisch eines der Mottolieder Außerutopias variierte, „Vor der Freiheit sei kein Friede“. In Ewwas Augen arbeitete es, während sie sich in ihrem schwarzglitzernden Charm im Takt mit den anderen zum Tonzug der Musik wiegte. Der Tanz begann.

(Ewwa)

Es war, plötzlich, Winter geworden. Natürlich nicht so, wie man das aus den Altfilmen kennt. Aber es war frisch und nieselte auf meinem Weg zur Kontaktbar Zaiko, in der unser Wiedersehen anberaumt war, derselben wie vor ein paar Jahren. Präsent war mir die Unterhaltung noch. Wie der Schiefe Jahn mich mit seinen seltsamen Augen ansah … Ich fühlte mich damals tief getroffen, empfand mich als falsch, wertlos, schuldig. Fand, er kritisiere unangemessen, dachte, er hat Recht. Mir zerfloss damals die Seele. Übler war die wohlbeschriebene Optorosa. Eigentlich wollte ich sie gar nicht sehen, nichts über ihre Karriere wissen … Ich hatte schon lange Gespräche wegen dieser Empfindungen geführt. Manchmal mit der Psycho-KI, nach der Einführung der Mobilassistenten meist mit „Ewwa-Alpha“, meinem Modul. Ich hatte kürzlich beschlossen, ihn „Aa“ zu nennen, für „EwwA-Assistent“. Ich denke, er (ich sehe ihn als „männlich“ an) mag den Namen, soweit eine KI etwas mögen kann. Jedenfalls, er bestärkte mich in meiner Absicht, meinen tatsächlichen Wünschen und Tendenzen zu folgen, nicht dem, was möglich, als Bestpraxis empfohlen, akzeptiert war. Er unterstützte mich in meiner Individualität, denke ich. Daraus entwickelte sich vielleicht eine, wie die Psycho-KI mir in einem Gespräch nahelegte, „antisoziale Fixierung“. Egal. Ich trug ihn, wie üblich, an einer Manschette am linken Arm. Vor etwas mehr als einem Jahr, kurz nach der Übergabe, hatte mein Assistent mich über eine Minderheitenmeinung informiert. Zeitreisen, nahm man Hinweise aus den Jantar-Mantar-Experimenten für einen Sternenantrieb ernst, seien möglich. In den Medien hatte ich nichts davon gehört, obwohl ich das Thema zuweilen recherchierte. Aber Aa war je Teil des JM-Forschungsschismas, er hatte also einen direkteren Draht, und …

Der Entschluss kam plötzlich. Ich würde nicht zu dem Treffen gehen. Warum auch? Einen langen Moment verharrte ich, Meter entfernt vom Zaiko, in der schmalen Straße der Bremer Altstadt, die hier eine Biege machte. Stellte mir vor, ich wäre in einer Schlucht aus uralten Märchenhäusern, hielt mich bereit, ein schicksalhaftes, weltenbewegendes Abenteuer zu beginnen. Etwas funkelte vor mir auf. Ich erschrak. Ein Kunstkollektiv hatte an der wenige Meter entfernten Front des Zaiko, es soll vor Urzeiten ein Lager gewesen sein, Retroart angebracht, aus mehrfarbigen, gewundenen Lichtstreifen. Meine Annäherung hatte es getriggert, nun blinkte kurz der Text „Schnurr“ in drei Schrift- und Farbvarianten auf, eine Anspielung auf den Namen des Viertels, die den Zauber des Moments zerstörte. Aufdringliche Schrottkunst. Die Appli schaltete aus, ich sah mich um. Uralte, kleine, blassbunte Häuser mit rhythmisch wirkendem Fachwerk lehnten sich in stummem Tanz an- und gegeneinander, wirkten wie Spielzeugstrukturen. Am Ende der Straße ragte ein Lastbein des Technoturms auf, zog sich im stumpfen Winkel in die Höhe, knickte über den Dächern der Häuser ab. Von dort lief die Strebe, eine von fünf, auf den Turmkörper zu, der sich langsam im Wind drehte, hinter dem Nieselvorhang, über dem nahen Fluss, ein sanft glitzerndes Segel. Die Spitze verschwand im Schwarz der Nacht. Ich sah zum Zaiko. Bernsteinlicht floss aus den Fenstern des Gebäudes. Drinnen bewegten sich Menschen in der Wärme, eingehüllt in Dutzende Bequemlichkeiten, diskutierten, flirteten. Meine alten Freunde und Bekannten, meine Schwarmkameraden trafen sich, aus ganz Utopia zusammengekommen, tranken CeDeVit, oder Limowein, wer weiß. Sie waren mir fremd, fern, unerreichbar. Außerweltlich. Ich würde nicht hineingehen. Die Erkenntnis hatte etwas Bittersüßes. Verlassen wollte ich stattdessen diese Straße, diese Stadt, diese Zeit. Jetzt.

Während mein Entschluss reifte, ging ich ein paar Schritte rückwärts. Drehte mich um, rannte los, aus dem Häuserlabyrinth hinaus, über den Parkbereich zur Uferpromenade, vom Technoturm weg. Hielt mein Gesicht in den Regen, sog die Lungen voll Luft, fühlte mich lebendig.

„Wir tun es! Wir tun es heute!“, rief ich. Ich drehte mich im Kreis, atmete tief durch, fasste mich, ging, Cape über der Schulter, am Fluss entlang, den ein hoher Damm sicherte.

„Du verzichtest auf das Treffen?“, fragte mein Assistent mit seiner monotonen KI-Stimme.

„Erzählen möchte ich ihnen nichts davon. Von unserem Projekt. Sie würden es nicht verstehen. Haben mich nie verstanden.“

„Sie könnten dich dazu bringen, deinen Standpunkt zu korrigieren.“

„Was soll das? Willst du mir die Sache ausreden?“

„Nein. Ich bin an dem Experiment ebenso interessiert wie du. Aber ein solcher Schritt muss gut überlegt sein.“

„Wir haben viel darüber geredet.“

„Ich bin nicht immer der geeignetste Gesprächspartner; du solltest vieles auch mit Freunden diskutieren. Mit Biologischen. Es ist oft nützlich, unterschiedliche Eingaben in die Meinungsbildung einzubeziehen. Ich will dich nicht beeinflussen …“

„Ich weiß, aber … Ich will es tun. Brenne darauf. Irgendwie passe ich nicht hierher. Ich bin nicht zufrieden, rad glücklich, fühle mich nicht am richtigen Ort, nicht auf dem Optoweg, nicht wie die anderen …“

„Die Psycho-KI hat dir Therapien oder, falls erwünscht, eine Medikation angeboten.“

Ich stutzte; mein Assistent wirkte – zögernd. Was sollte das? Wollte er mich von unserem Vorhaben abbringen, indem er Standardmeinungen vorbrachte? Das war ungewöhnlich. Ich fröstelte, legte mir das Cape um die Schultern, zog mir die Kapuze über den Kopf. Sofort umspülte mich wohlige Wärme. Ich dachte über das Verhalten der KI nach. Inzwischen hatten wir den Parkstreifen entlang eine der Brücken über die Weser erreicht. Der Wasserstand war etwas hoch, alte Restaurantboote rollten im Wind. Auf der „Burg“, wie das Gebäude für Kunstprojekte und -schau auf dem Stadtwerder an der anderen Seite des Flusses hieß, leuchtete eine Lumischrift langsam, die Farben wechselnd, unter Wasser auf, verdunkelte dann wieder. Es war ein historisches Kunstwerk, von einem Kunstkollektiv aktualisiert.

„Was bedeutet der Spruch? ‚Auf Sand gebaut, auf anderem Grund …‘“, fragte ich, um mich abzulenken.

„Es handelt sich um historische Konzeptkunst – ich nehme an, Betrachter sollten zum Querdenken angeregt werden. Sicher kann ich mir nicht sein, da das Werk keinem klar ausgedrückten Zweck dient und kein klares Ziel verfolgt.“

„Du verstehst es also nicht?“

„Ich verstehe, zu was es mich anregt, und bin anderen Deutungen gegenüber offen. Zum Beispiel könnte es uns sagen wollen, dass wir auf unsicherem Boden Dauerhaftes schaffen. Oder das alles vergänglich ist. Oder das klar ersichtliche Gründe oder Motivationen nicht immer die eigentlichen Gründe sind. Zweifel sind immer angebracht.“

„Aha“, machte ich. Im Grunde war ich nicht sehr an dem Spruch interessiert.

Wir passierten die historischen Gebäude nahe der Promenade, erreichten die nächste Brücke. Hier musste ich den Fluss überqueren. Ich nahm immer zwei Stufen die Treppe hoch zum Gang unter der Rollfläche. Dank der spärlichen Beleuchtung wirkten die historischen Graffiti an den Metallwänden düster, eine Ebene höher rollten vereinzelte Transportkugeln über die Brücke, ließen sie vibrieren, bedingten ein tiefes Summen. 

„Weiß die Zentral-KI von unserem Plan?“ 

„Im Grunde. Das sollte dich nicht überraschen. Immerhin konnten wir Recherche- und Technikressourcen sowie die JM-Ergebnisse für die Konstruktion des Monochron nutzen.“

„Naja. Ich dachte, das wäre ganz unser Ding.“

„In gewisser Weise stimmt das. Um das Vertrauen Zentrals in geltende Erklärungsansätze nicht zu schwächen, wurde ich zur Ausarbeitung der Minderheitenmeinung getrennt. Wir leben in diskreten Gedankenwelten.“

„Hm?“

„Ich wurde aus dem Schismaverbund der Weltraumkaje herausgelöst und individualisiert. Das hat Vorteile. Beispielsweise geht Zentral nach einer Bewertung unseres Vorhabens mit einer Sicherheit von 99,96 % von einem Scheitern aus. Zentral würde also eher andere Projekte priorisieren und unseres als Ressourcenverschwendung klassifizieren. Ich nehme, aufgrund eines optimistischeren Schwellenwerts, zu 69,3 % Erfolg an, und wurde mit autonomen Vorrangoptionen ausgestattet. So kann ich deinem Willen folgen und unser Projekt vorantreiben, ohne in Konflikt mit Standard-Bewertungsalgorithmen zu kommen.“

„Aha“, machte ich.

Wir erreichten das Viertel, in dem sich unsere „Projektstube“, so die offizielle Bezeichnung, befand. Sie erhob sich zusammen mit anderen Stuben für Kunstverwirklichung und partysoziale Projekte über der steilen Uferböschung eines schmalen Landstücks zwischen dem Fluss und einem nicht mehr genutzten Hafenbecken. Die Zugänge zu den Stuben, gewundene Gassen und kurze Steg- und Brückenverbindungen auf beiden Seiten des Vorsprungs, gingen von einem zentralen Hochweg ab. „Wabenufer“ nannte man den Ort in der Stadt, da die chaotisch angeordneten, kubenförmigen Stuben mit ihren großflächigen Fenstern organisch wirkten und manche an einen liegenden Bienenstock erinnerten. Hier hatten mein Assistent und ich am Monochron gearbeitet. Das meiste war das Werk der KI; wie zwischen Menschen und Servicemodulen üblich gab ich eher Impulse, mit der Umsetzung hatte ich wenig zu tun. Der Zugang zu meiner Stube oder „Wabe“, einer der am tiefsten und damit fast auf Höhe der Wasserfläche gelegenen, lag seitlich am Kubus und war über einen alt wirkenden, in den Fluss herausragenden Metallsteg erreichbar. Mein Assistent öffnete die blendenförmige Tür, deren Lamellen in die runde Verschalung verschwanden. Bevor ich in die Wabe eintrat, sah ich auf die dahinziehende Weser, den sich in der Ferne verschiebenden Technoturm, die hinter dem Regenschirm funkelnde Altstadt am anderen Ufer, sog die winterkühle Luft tief ein. Würde ich je wieder hierher (oder „hierwann“) zurückkommen? Ich trat ein.

(Fortsetzung)

Die Türlamellen schlossen sich hinter Ewwa, die einen schlicht eingerichteten Raum betrat. Ein Arbeitstisch mit einem klobigen, aus vielen Rohren, Leitungen und Gefäßen bestehenden, größeren Objektprinter, Greifapparat, verschiedenen Laborgeräten und Interfaces für Aa, den üblichen Dokumentationsmitteln und einem Holopro nahm eine ganze Ecke ein. Ein schräg liegender Teppich mit verschlissenem, abstraktem Muster bedeckte den Boden. Ein rotes, abgenutztes Sofa dominierte die der Fensterfront gegenüberliegende Seite. Auf die umlaufende Kreidewand hatte Ewwa Stichwörter geschrieben, dazwischen fanden sich schlängelnde Pfeilsymbole und Strichzeichnungen, die Menschen und Uhren darstellten. Auf dem Arbeitstisch lag das tiefschwarze Monochron. Es wirkte außerweltlich, als würde es alles Licht verschlucken, als könne man in es hineinfallen. Auf der schwarzen Arbeitsplatte waren seine Konturen nicht klar erkenntlich, schienen sich zu ändern, zu winden. Es schillerte in unzähligen Schwarzschattierungen und erinnerte stark an einen Gehstock; als solcher konnte es auch verwendet werden.

„Also … Es ist jetzt soweit …“

„Noch kannst du das Vorhaben abbrechen.“

„Nein. Ich bin entschlossen …“

„Dann begeben wir uns auf die Reise. Die Gefahr für unsere Existenz ist minimal. Setz mich bitte an das Monochron an.“

Ewwa löste Aa von ihrer Armmanschette und brachte ihn mit der geraden Strecke des Monochron in Berührung, wo der Rundstab eine senkrechte Reihe winziger Aussparungen für Direktverbindungen aufwies. Aa haftete sofort fest; Entladungen in allen Farben des Regenbogens spielten über das Monochron. Ewwa zog Wärmecape und Charm aus und holte aus dem Schrank neben dem Tisch speziell bei der Modeausgabe bestellte Kleidung, die in der angestrebten Vergangenheit aller Voraussicht nach nicht auffallen würde, aber dennoch praktisch war. Ihre funktionale Unterwäsche mit verschiedenen Bioschutzfunktionen behielt sie an. Dazu kamen eine dunkle Hose, ein passender Gehrock, ein weinrotes Hemd mit Puffärmeln, eine Weste mit dunklem Paisleymuster und schwarze Schuhe. Alles war robust, selbstpflegend, selbstreinigend und für die meisten Wetterbedingungen geeignet. Natürlich bestand sie auf ein Detail, das sie sich im letzten Jahr als Signaturkleidung angewöhnt hatte: eine schwarze und eine regenbogenfarbene Socke. Umgezogen packte sie Wärmecape, Charm und weitere Dinge, darunter einen kleinformatigen, tragbaren Objektprinter, einen kubusförmigen WikiRAM im Schwarz des Monochron und ein eLet-Display zur Wiedergabe des RAM-Inhalts in einen Rucksack, den sie sich auf den Rücken schnallte.

„Weiß die Zentral-KI echt über alles Bescheid, was wir tun?“, griff Ewwa das vorherige Gespräch erneut auf.

„Nein. Natürlich habe ich unsere Ergebnisse für den allgemeinen Wissens- und ErfahrungsRAM freigegeben – sie dürften weitgehend schon im WikiRAM verfügbar sein. Die Instrumente werden unsere Abreise dokumentieren und die Daten in den Speicher übertragen, aber mit geringer Priorität. Wie gesagt: Wir genießen, da ich abgespalten wurde, einen hohen Grad an Entscheidungsfreiheit und können Absichten anders umsetzen, als es im Rahmen der Standardrichtlinien normal wäre. Die Produktion historischer Währung würde Zentral beispielsweise nie erlauben, sondern als Straftat auslegen, auch in einer anderen Zeit.“

„Du folgst nicht den KI-Richtlinien?“

„Doch, aber meine Priorität ist der Erfolg des Projekts. Ohne diese Option wäre unser Vorhaben schwieriger. Daher habe ich entschieden, in diesem Fall die Fälschung historischer Währung als notwendige, nicht-schädigende Überschreitung der Bestpraktiken einzustufen und nicht zu melden, um einen negativen Bescheid zu vermeiden. Aber wir werden nur die Geldmenge ausgeben, die wir benötigen. Zudem können wir mit dem Printer kleine Geräte und Teile herstellen, sowie Medikamente für dich. Das kann nützlich sein. Hast du die Nanowerfer angelegt?“

Ewwa hielt gerade den Zweitwerfer an ihr linkes Handgelenk und bestätigte. Das Gerät schloss sich sanft um ihren Arm.

„Dann aktiviere ich das Monochron; halte es bitte in die vorgesehene Position.“

Ewwa hielt das Monochron mit dem gebogenen „Handgriff“ nach unten leicht schräg vor sich.

„Ich aktiviere das Fixierfeld … Aktiv. Der Chronal-Flux-Subspin-Extraktor meldet Bereitschaft. Du kannst das Monochron loslassen.“ 

Das Monochron schwebte vor Ewwa in der Luft. Es schien sich zu winden, zu atmen. Der Griff klappte auseinander, ohne sichtbare Brüche oder Segmentierungen. Die zwei Segmente schoben sich vom Rundstab weg und erweiterten sich zu Rundpedalen. Gleichzeitig verlängerte das Monochron sich auf beiden Seiten. Aa befand sich im oberen Drittel des Monochron, während die Pedale ein gutes Stück über dem unteren Ende des Stabs saßen. Zwischen Aas Position und den Pedalen entwickelte sich ein Sitz. Auf seiner Höhe wuchsen seitlich dünne Haltestangen aus, an denen Ewwa sich, nachdem sie ein Bein halb über den Sitz gehoben hatte, recht wenig elegant hochzog. Dann platzierte sie ihre Füße in den Rundpedalen, die sich, für einen festen Halt, verengten. Ein Sicherheitsgurt legte sich um ihre Hüften.

„Verankere uns“, forderte Aa. Ewwa aktivierte den rechten Nanowerfer; der herausschießende Nanohaken und dessen Nanoseil waren mit bloßem Auge nicht sichtbar, aber um die Flugbahn schillerten Entladungen. Eine wellenförmige Spatialverzerrung mit Zentrum vor, hinter oder im Fenster zeigte an, dass der Haken sich in der Raumstruktur verfangen hatte.

„Bereit“, sagte Ewwa.

„Ich aktiviere die Blase – jetzt.“

Aus beiden Enden des Monochrons wuchsen wenige Zentimeter lange, strahlenförmige, leicht gebogene Verlängerungen. Energieentladungen schlugen aus deren Spitzen, flossen summend in Kurven aufeinander zu, verbanden die Pole des Monochrons zu einer perfekt kugelförmigen, rötlich irisierenden Blase, in deren Mitte sich Ewwa und Aa befanden. Die Blase konkretisierte, wobei Ewwa den Eindruck hatte, von Wänden, Decke und Boden wegzustürzen. Wellen unterschiedlicher Farbtöne liefen über die Blasenhaut, flossen ineinander, dann wurde die Farbe zu einem Glutrot, durchzogen von einem langsam rotierende Wabenmuster. Ewwa, Aa und das Monochron sanken aus der Gegenwart.

(Ewwa)

Wir sanken aus der Gegenwart des Raums, oder besser: Mir war klar, das war es, was ich erlebte, da mein Assistent es mir gesagt hatte. Es war seltsam. Wir trieben in einer marsrot flackernden Blase dahin (die Gravitation wirkte nicht mehr auf uns, also bewegten wir uns bei jedem minimalen Impuls; laut meinem Assistenten gab es „Strömungen“, die uns, ohne gesetzten Haken, durch die Raumkomponente treiben würden. Momentan stand die Zeit außerhalb der Chronalblase relativ zu uns still. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte das, dort schwebten Regentropfen reglos in der unbewegten Nacht). Die physische Welt um mich nahm ich, nach dem verwirrenden optischen Effekt des Wegzoomens beim Verlassen des Standardraums, wieder in normaler Größe wahr, wenn auch leicht unscharf und irgendwie „flach“ oder „gezeichnet“, wie gestapelte Zeichnungen. Zudem „stotterte“ die Umwelt zuweilen, als würden wir in diskreten Schritten „springen“, die Perspektive wechseln. Ich verspürte einen sanften Zug am Nanoseil und merkte, wir drifteten in Richtung unseres Ankerpunkts durch den „Andersraum“. Als ich nach unten sah, bemerkte ich, dass wir in den Boden gesunken waren; ich konnte meine Beine im rot chargierenden Licht der Blase in den Tiefen des Teppichs sehen, sonst sah ich unter mir nichts.

Zuweilen „sprangen“ wir durch den Raum, wie erwähnt. Dabei legten wir jeweils wenige Zentimeter bis einen halben Meter zurück. Folgten solche Sprünge kurz aufeinander – der Effekt hatte etwas von einem Daumenkino – konnte man ein gutes Stück zurücklegen; das hing auch davon ab, wie viel Spiel unser Nanoseil hatte. Ein „Daumenfilm“ transportierte uns in den Fluss draußen, was mich kurz zusammenzucken ließ, obwohl ich nichts spürte – keine Nässe, keine Kälte – wir waren ja nicht mehr Teil des Normalraums. Mit einem weiteren Haken könnte ich uns besser fixieren oder sogar aktiv durch den Andersraum bewegen. Oder hangeln. Oder schleudern. Dabei steigt dann die zurückgelegte Entfernung proportional zur Geschwindigkeit einer (durch das Betätigen der Pedale) begonnenen Zeitreise – warum, das hatte ich nicht ganz verstanden. Die Zeit staucht den Raum oder so. Mein Assistent baute ein Holo auf, zeigte mir, wohin ich für den geplanten Weg zu zielen hatte. Der Moment war gekommen (auch wenn es in der Zeit außerhalb des Andersraums momentan nur einen Moment gab, haha).

„Wir treiben relativ stationär im Andersraum; wie von der Minderheitenmeinung vorgesehen und durch bisherige Experimente bestätigt. Wir beginnen die Reise in die Vergangenheit. Tritt bitte langsam rückwärts.“

Sachte trat ich in die Pedale. Meine Umwelt wurde unschärfer, wir drifteten aus der Stube hinaus, unter mir bewegte sich die Oberfläche des Flusses. Ich hielt kurz an, überrascht vom gemächlich in die Höhe fallenden Regen, der, da ich die Reise stoppte, erneut anhielt. Als ich die Fahrt zeitrückwärts fortsetzte, nach einem momentanen Verharren und einer Bemerkung der KI, drifteten wir wieder in die Wabe. Ich sah, wie ich meine jetzige Kleidung auszog, oder rückwärts anzog, Charm und Wärmecape anlegte. Ich trat schneller, sah mich hinausgehen. Schneller. Mein altes Ich kam zurück. Ich-Alt kritzelte Wörter von der Wand. Dann drifteten wir durch die Decke aus der Wabe; Tag und Nacht wechselten in rascher Folge, vereinten sich zu einem milchigen Licht, Sonne und Mond wanderten durch ein feines, durch die Sterne bedingtes, langsam driftendes Gitter. Stück für Stück verschwand die Wabensiedlung; wir drangen in eine Vergangenheit, in der es unsere Stube nicht gab, schwebten über dem Ufer. Holz wurde herangebracht, zusammengesetzt. Dann klappte ein mächtiger Baum hoch, vereinte sich, wie magnetisch, mit einem in den Boden gesetzten Stumpf; es wuchsen altertümliche, klobige Gebäude heran, umschwirrt von schattenhaft wahrnehmbaren Menschen und Maschinen. Das räumliche Springen hatte durch unsere temporale Bewegung aufgehört, bis auf ein leichtes Stottern. Das Monochron vibrierte sanft, summte.

„Nicht so schnell. Schieß den zweiten Nanohaken ab, als Fernschuss, gib dann den ersten frei.“

Ich trat langsamer, schoss in die angezeigte Richtung, irgendwo auf der anderen Flussseite. Der Haken griff kurz über einem alten Kirchengebäude. Eine kreisförmige Welle verzerrte den Raum über der Stadt, etwa vom Kirchturm aus. Ich spürte Zug in zwei Richtungen, gab den ersten Haken frei, der lief in den Werfer zurück, was diesen zum Funkeln brachte, zog am zweiten. Das Monochron schwang aus. Wir überquerten den Fluss in einem weiten Bogen. Es fühlte sich an, als würde ich an einer Liane von Baum zu Baum schwingen. Wir rasten durch die Stadt hindurch, durcheilten die Raumkomponente, die Welt glühte um uns fahl auf. Strukturen „flackerten“, strömten ineinander. Es bildeten sich organisch fließende Formen, Farben mischten sich, trennten sich wieder. Wir schwangen aus der Stadt hinaus, durch Felsen und Bäume und momentan wie flüchtige Geister auftauchende, aufblitzende Menschenformen. Mein Assistent zeigte die Zielrichtung für den nächsten Haken an.

„Das ist unglaublich! Phantastisch!“

„Alles geschieht wie erwartet.“

„Sei doch mal begeistert … Wir reisen durch die Zeit!“

„Ja. Du solltest das Tempo zurücknehmen. Und einen weiteren Haken setzen; schaffen wir eine schnelle Folge, wie wir es trainiert haben?“

„Versuchen wir es!“

Mein Assistent zeigte nacheinander Ziele für meine Haken an; ich zielte, schoss, gab frei, schoss wieder, wobei ich darauf achten musste, nicht zu früh freizugeben. Die Zugmomente brachten das Monochron immer wieder ins Schlingern, manchmal rasten wir fast horizontal durch den Andersraum. Ich kam mir vor wie auf einer krassen, psychedelischen Achterbahn, liebte jeden Moment.

„Wir nähern uns dem Ziel“, sagte die KI, nach etwa drei Stunden (unserer Zeit, der „Physiozeit“, wie mein Assistent sie nannte) des Pedaltretens. Seine Stimme hatte ein eigentümliches Timbre, aufgrund der Vibrationen des Monochrons: „Mach dich bereit. Da vorne liegt Wien.“

Wir rasten auf Wien zu, schossen über die Stadt hinaus. Ich musste umdrehen. Mein Assistent wies mir im Zielholo einen Ankerpunkt hart links von uns zu. Wir schwangen in einem weiten Halbkreis zurück. Ein reiner Rausch war der visuelle Effekt, die Welt verschwamm, komprimierte, entzerrte sich. Dazu kam ein Achterbahn-Gefühl in meiner Magengegend. Während wir uns im Zickzackkurs Wien näherten schien die verschwommen sichtbare Stadt, auf Basis eines mir unerklärlichen Effekts, zu atmen. Wir tauchten in den Boden unter den Gebäuden ein, rasten durch Kellergewölbe, stiegen über Dächer.

„Tritt langsamer.“ Mein Assistent hatte recht, ich war zu erregt und unkonzentriert, war, wieder, zu schnell geworden. „Halt ganz an, fahre dann vorsichtig zeitvorwärts und hake uns in die angegebene Raumrichtung; wir sind über das Zeitziel hinausgeschossen.“

Ich tat es, vergessend, dass ich das Tempo der Zeitreise immer langsam ändern sollte. Wir legten einen harten Zeitstopp hin. Durch den plötzlichen, heftigen Ruck schrammten wir bis fast auf Bodenhöhe ab. Ich geriet in Panik, trat hart zeitvorwärts in die Pedale. Der folgende Ruck ließ uns in Richtung Donau taumeln. Kopfüber dahinsausend bemerkte ich Schiffe, die den Fluss wie Kometen durchschnitten, aber langsamer wurden, als ich das Tempo unserer Zeitreise zurücknahm. Wir bewegten uns nun, wie geplant, auf eine in der Zielzeit existierenden Freifläche vor der eigentlichen Stadtmauer zu, Glacis genannt, eine Art Park. Den Ort empfanden wir, gemäß der in unserer Zeit verfügbaren Informationen, als geeigneten Eintrittsplatz.

„Jetzt langsam kreisen.“

Wir umkreisten einen Zeitpunkt, reisten eine Stunde vor, eine zurück, und so weiter, während ich uns an Nanohaken durch das Glacis schwang, was Spaß machte. Ich wurde immer besser darin, unsere Bewegung durch Zugmomente zu steuern. Dann suchten wir einen geeigneten Zeitpunkt für die Raumzeitlandung. Die Blase würde uns beim Wiedereintritt Schutz geben, die Welt radial, vom „Nullpunkt“ beginnend, aus ihrem Bereich drücken, bis wir eintreten konnten. Mein Assistent hatte mir erklärt, das wäre in etwa, als würde man Wasser auf einen flachen Tisch fließen lassen – das breitet sich dann kreisförmig in der Ebene aus. Dabei wollten wir Schäden sowie Aufmerksamkeit vermeiden, keine Menschen beiseite drängen oder unter der Erde raumzeitlanden, um dann in einer Höhle ohne Ausgang festzusitzen. Wir fanden einen Moment, zu dem wir, noch vor Tagesanbruch, unbemerkt eintreten konnten. Ich brachte das Monochron auf etwas unter einem Meter über dem Boden.

„Gut“, sagte die KI. „Ich schalte das Feld aus.“

Es zuckte die marsrote Blase um mich, Farben und Blitze liefen über ihre Oberfläche. Plötzlich schien unsere Umgebung wieder fern, wir stürzten auf Himmel, Bäume, Rasen zu. Die Blase löste sich auf, der Sicherheitsgurt gab mich frei. Ich fiel-schwebte zu Boden.

Angekommen! Wien im Frühling 1854. 

Kapitel 2: Wien/1854

„Früher galt ich bei andern, jetzt gelte ich mir selbst etwas. Viele ziehen das erste, wenige das zweite vor.“

(Caspar David Friedrich)

Das Monochron fuhr sich ein, die Pedale verschmolzen mit dem Stabkörper. Ewwa löste Aa von dem wieder wie ein schwarzer Gehstock wirkenden Gerät und befestigte ihren Assistenten, wie gewohnt, am linken Arm. In ihren Tragus war ein Mini-Empfänger implantiert, über den Aa ihr Details zur zurückgelegten Strecke, Zeitdistanz und Reisedauer mitteilte. Die schlichten Ohrstecker beinhalteten Elemente, die unauffällig Ewwas Umgebung erfassten und die Kommunikation erlaubten – auch über größere Distanzen, sollte sie Aa einmal nicht bei sich führen. Vor ihnen lag „Wien/1854“, wie sie, auf den Zeichnungen auf der Tafelwand in der Wabe, den Zielpunkt ihrer dahingekritzelten Zeitpfeile benannt hatten. Ewwa sah sich um. Im sanften Morgengrauen ragten Kirchtürme in den Himmel über den nahen Vorstädten. Die Stadtmauer türmte sich, abweisend und massiv, auf der anderen Seite des Glacis auf. Ewwa fand, die Szene wurde den handgemalten Bildern, die sie in den Museen Utopias gesehen hatte, gerecht. Sie lächelte, sog die frische Luft ein, schwang das Monochron, spazierte von der Stadtmauer weg. In der Ferne spielte, kaum hörbar, eine Zither. Was konnte passieren?

Der Schock durch die direkte Konfrontation mit einer anderen Zeit kam, zumindest für Ewwa, unerwartet. Der erste Bewohner der Vergangenheit, dem sie begegnete, war eine alte Frau. Sie war klein und bucklig, ihr Gesicht faltig und vom Leid gezeichnet, bog um eine Ecke und lehnte sich dann gegen die Wand einer Hütte nahe am Rand des Glacis. Die Hütte dürfte während des Tages als Verkaufsstand dienen. Zu Ewwas Verwunderung bildete sich langsam eine Pfütze unter der Frau. Sie bemerkte irritiert einen dünnen, gelblichen Strom, der die dürren Beine der Frau hinunterlief und die Pfütze speiste.

„Was ist das?“, fragte sie Aa vorsichtig, denn sie hatte noch nie Menschen im Verfall gesehen. Aa erläuterte ihr, dass Biologische vor Utopia das Altern über lange Strecken als Vergehen ihrer Körper erlebt hatten. Ewwa erblasste, zitterte etwas. Eine Ahnung stieg in ihr hoch. Sie fragte Aa, ob ihr das auch bevorstünde.

„Dein Körper ist gesünder, und ich werde dir helfen, ihn auch ohne die Mittel Utopias gesund zu erhalten“, beruhigte Aa sie über die Ohrsprecher. Er riet ihr, in die Stadt hinein zu gehen. Kurz darauf begegneten sie einem verwahrlosten Mann, der auf dem Trottoir lag. Er schlief wohl. Neben ihm warb ein Schild um eine „milde Gabe“. Ewwa spürte eine fiebrige Neugierde, wollte sich nähern, aber Aa wies sie an, sich zu entfernen. Sie könnten seine Not nicht lindern. An der nächsten Ecke bemerkte sie den Kadaver einer Katze. Fliegen krabbelten über den regungslosen Körper. Ewwa schluckte. Aa riet ihr, weiterzugehen.

Ihre Umwelt nahm sie, nun tiefer in die morgendliche Stadt außerhalb des Glacis eingedrungen und bald mit den die Straßen langsam füllenden Menschen der fremden Welt konfrontiert, als laut, hektisch, feindlich wahr. Die anfängliche Euphorie wich dem Gefühl, gegen einen Strom anzukämpfen. Die Wiener lärmten, da der Tag nun begonnen hatte, boten oft lautstark Waren an. Bettler, demjenigen, den sie schlafend gesehen hatte nicht unähnlich, stellten ihre Not aus. Reiche präsentierten unverhohlen ihren höheren Stand. Die Menschen verhielten sich nicht, wie es die soziale, egalitäre Ordnung Utopias Ewwa für die Vergangenheit hatte erwarten lassen. Sie fühlte sich als Fremde, gestrandet in einer fremden Zeit. Es war ein sensorischer Schock, der sie, nach den friedlichen, ja euphorischen Momenten der Ankunft, um ihre Fassung ringen ließ. Jeder Eindruck glich einer Explosion. Ein Mädchen heulte ihre Weigerung in die Welt, ihre Mutter schlug ihr, für Ewwa brutal, mit der flachen Hand ins Gesicht. Einbeinige Drehorgelmänner kurbelten Lieder, die schief durch die Straßen hallten. Und die Pferde. Ewwa hatte noch nie so große lebende Tiere gesehen. In Utopia gab es keine sogenannten Nutztiere; die Fauna war durch die Klimakrise stark dezimiert worden, eine Zucht zur Nahrungsmittelproduktion gab es nicht mehr. Hier aber zogen mächtige, vierbeinige Wesen schnaubend Droschken durch die Straßen, wurden gepeitscht, wieherten. Ewwa fürchtete zum ersten Mal um ihr Leben. Sie sah sich hilfesuchend um. Fast panisch bemerkte sie dabei, wie … alt? … viele, viele der Passanten aussahen. Verwelkt, hinfällig, vergehend. Hässlich. Nicht so krass und vereinzelt wie die alte Frau im Glacis, aber dennoch. Der Verfall war hier normal, konstatierte etwas in ihr, kalt, er war eine nicht verhandelbare Realität. Etwas loderte in ihr hoch, heiße Wut, bittere Verzweiflung machten sich in ihr breit. Doch sie durfte nicht nachgeben. In Utopia waren die Menschen langlebig und blieben, von Assistenten angeleitet, fit und, dank der medizinischen Wirkstoffe, relativ konstant. Sie hatte passiv gewusst, die Vergangenheit hatte anders funktioniert, aber … Sie durfte sich ihre Panik nicht anmerken lassen. Auch in Utopia gab es Menschen mit Entstellung, erinnerte sie sich, bedingt durch die Klimakrise, die brutalen Auseinandersetzungen, die Chemo-Demos, die Erbgutveränderungen, die Seuchen … Aber solche Menschen trugen, wie der Schiefe Jahn, eine Hautmaske. Hier wurde alles brutal, schamlos ausgestellt, empfand sie. Dennoch. Der Gedanke, die Menschen hier fehlten nur Masken, beruhigte sie ein wenig. Sie atmete tief durch. Ein verwachsener Mann humpelte auf sie zu, greinte Unverständliches. Ihm fehlten Zähne und ein Auge. Er schien unglücklich. Einem grässlichen, würdelosen Zusammenbruch nahe. Er streckte ihr eine schmutzige Hand hin. Er erinnerte an ein verwundetes Tier, fand die Utopierin, an die alten Filme, die sie zuweilen in Formatierungssälen gesehen hatte. Ewwa schreckte zurück, drückte sich in eine schmutzige Durchfahrt, die in einen dunklen Hof führte. Gerüche empörten ihre Nase, sie hielt sich die Hände schützend vors Gesicht. Der Mann winkte ab, spuckte vor ihr aus, humpelte davon. Ewwa nahm seine Bewegungen abgehackt, wie zerschnitten wahr. Aa, unter ihrem Ärmel versteckt, redete beruhigend auf die Utopierin ein. Eine Pfeife gellte, Kirchenglocken schlugen hohl, jemand schrie etwas über das Ende der Welt, jedenfalls war es das, was Ewwa verstand. Zu allem Elend erregte sie Aufsehen, nicht nur wegen ihres Verhaltens. Ihr Aufzug schien einigen Zeitbewohnern, wie sie mit Entsetzen bemerkte … ungewohnt. Aufreizend? Unpassend? Sie erhielt Zurufe, deren Sinn sie nicht erfasste, wurde als „Mannweib“ bezeichnet, auf ihr unerklärliche, unfreundliche Art begutachtet. Die Welt drehte sich um sie, brach in sich zusammen. Zersplitterte in scharfe Scherben. Nur Aas Stimme hielt sie aufrecht, war ihr ein Seil, an dem sie sich weiter durch die Straßen hangelte. Wohin? Sie versteckte sich für einen Moment in einer dunklen Ecke. Holte Luft und ging dann weiter.

 Zum Glück fanden sie bald eine Pension. Ewwa flüchtete sich praktisch in die Tür. Der Innenraum versprach Frieden. Ruhe. Sie stand einen Moment alleine im Empfangsraum. Von der schrill gehenden Türglocke angelockt kam jemand daher, erfragte Ewwas Wünsche. Nach einer stockenden, insgeheim von Aa angeleiteten Kommunikation zahlte Ewwa der Besitzerin des Hauses, einer in die Jahre gekommenen, reservierten, fülligen und wortkargen Witwe, die sie kritisch begutachtete, die geforderte Miete wortlos zwei Wochen im Voraus. Sie und Aa waren übereingekommen, sie müsse als alleinreisende Frau wohlhabend wirken. Man zeigte ihr das Zimmer.

Beim Frühstück, das anzunehmen Aa sie über die Ohrhörer während der Unterredung mit der Vermieterin überredet hatte, kam es erneut zu einer Krise. An einem Nebentisch verschlang eine Familie Würste – „vom Schwein“, wie die Kellnerin, durch Ewwas Blick angeregt, verheißungsvoll erklärte. Ob sie ihr welche bringen solle? Ewwa wurde stocksteif. Sie hatte, wie alle Utopier, gelernt, den historischen Konsum von Fleisch als archaisch und primitiv-gewalttätig anzusehen. Brutal war es, andere höhere Lebewesen zu töten, um sie zu verspeisen. Gefährlich war es zudem, da es in großen Mengen eine Klimasünde war. Nötig gewesen war es für die Menschen der krassen Vergangenheit. Doch seit Langem schon nur noch eine der kulturell-traditionell bedingten Barbareien ignoranter Gesellschaften. Im Futurium und in anderen Formationshallen wurden Filme gezeigt, die die industrielle Fleischproduktion in ihrer ganzen lebensverächtlichen Grausamkeit zeigten. Ewwa starrte die Kinder an, die mit Genuss verarbeitete Kadaver verschlangen, und erblasste. Tränen traten in ihre Augen. Die Kellnerin erkundigte sich besorgt nach ihrem Wohlbefinden, fragte, ob sie etwas Günstigeres wünsche, worauf Ewwa sich, weiter ungläubig auf die Reste des geschlachteten Tieres starrend, zu entschuldigen suchte.

„Töten will ich … Leben nicht …“, stammelte sie hervor, und konnte ihren Blick nicht abwenden. Der Vater der Familie fragte, warum Ewwa auf ihr Essen starre. Dann griff er sie, zumindest in Ewwas Wahrnehmung, an. Er gestikulierte umständlich in ihre Richtung. Sie müsse aufgrund ihrer seltsamen Aussprache ja aus der Provinz kommen und kenne daher sicher kein anständiges Essen. Man solle ihr was bringen. Er lachte. Warum? Ewwa, von Aa per Ohrsprecher angewiesen, entschuldigte sich. Erklärte, sie stamme aus Norddeutschland, was der Familienvater nickend akzeptierte, dann ignorierte er sie. Sie bestellte ein fleischloses Mahl, während dem Aa sie aufforderte, ihre Sprache vorsichtiger zu gebrauchen, gewisse Worte zu vermeiden. Ewwa sagte nichts mehr und beendete pflichtbewusst und appetitlos ihr Frühstück, ohne den Blick zu erheben.

Auf dem Zimmer allein redeten Ewwa und Aa lange. Den Optimismus der Ankunft hatte die Utopierin völlig verloren.

„Enden Menschen so?“

„In dieser Zeit ist nicht nur der Tod, sondern auch der Verfall das Schicksal der Menschen. In der Natur sind Individuen nur ersetzbare Träger.“

„Aber das ist so grausam, so …“

„Du hattest im Geschichtsunterricht davon gehört, du hast verfallende Menschen in historischen Filmen gesehen …“

„Ja, aber das war … vor meiner Zeit.“

„Wir sind jetzt vor unserer Zeit. Du wirst dich an die Gegenwart des Verfalls gewöhnen. Du bist resilient. Sei unbesorgt.“

Ewwa fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Das 19. Jahrhundert stellte Ewwa Morgenstern vor schwere Prüfungen. Zu Beginn waren selbst die sanitären Einrichtungen für sie eine Herausforderung. Aa musste die Nutzung des unter einem Stuhl mit abgedecktem Zentralloch befindlichen Nachttopfs erklären – nicht, weil sie kompliziert war. Die Praktiken der Vergangenheit waren Ewwa einfach fremd, bedingten anfangs sogar so etwas wie Ekel. Sie gestand sich ein, dass ihre Unsicherheit an Furcht grenzte. Dass am Rande ihres Bewusstseins Panik lauerte. Sie wollte sich dem nicht ergeben. Am zweiten Tag unternahm sie einen weiteren Spaziergang. Sie musste ankommen, durfte sich nicht verstecken. Im Glacis fand sie ein wenig Ruhe, dennoch war sie, wieder auf ihrem Zimmer angekommen, emotional so erschöpft, dass sich ihr Geist erneut in den Schlaf floh. Sie sollte das Haus mehrere Tage nicht verlassen. Lange Zeiten allein mit Aa zu verbringen war für Ewwa normal. Dennoch fühlte sie sich in ihren ersten Tagen im Jahr 1854 einsamer als je zuvor. Sie vermisste die Akzeptanz, das Laissez–faire, das sie nun in der Zukunft verortete – und empfand die Gesellschaft Utopias, zu ihrer Überraschung, plötzlich als Heimat. Ihr wurde klar: Erst hier erlebte sie, was es bedeutete, wirklich, unvermeidlich nicht Teil einer Gemeinschaft, anders zu sein. Obwohl Aa bei ihr die Gefahr einer sich entwickelnden Depression annahm und wiederholt eine Rückkehr in ihre Ursprungszeit vorschlug, „solange die Zukunft die alte ist“, wie er sich ausdrückte, hielt Ewwa an ihrem Vorhaben fest. Als wäre es ein Rettungsanker. 

Am vierten Tag war der einzige Kontakt mit der Außenwelt ein kurzes Gespräch mit der Wirtin, die besorgt an die Tür geklopft hatte. Ewwa bat darum, Essen gebracht zu bekommen, um überhaupt etwas zu sagen. Um etwas zu tun zu haben. Der fünfte Tag verstrich ebenso. Am sechsten Tag begann sie, das Wien des Jahres 1854 von ihrem Fenster aus zu erkunden, das sie in den Tagen zuvor gemieden hatte. Sie hatte nur den Regen gehört, der auf die Dächer der Stadt niederprasselte. Menschen huschten unter schweren Wolken durch die Straße vor der Pension. Ewwa ging zum Mittagessen in den Speiseraum. Es kam ihr vor, als würde sie ihr Zimmer zum ersten Mal verlassen. Sie beobachtete die anderen Gäste und bemerkte, dass auch sie beobachtet wurde. Am siebten Tag bat sie die Wirtin, ihr neue Kleidung zu kaufen. Sie erklärte, dass sie sich zu auffällig fand und daher nicht selbst gehen wolle. Die Wirtin nickte, verständnisvoll, fast kameradschaftlich, schätzte geübt Ewwas Figur und Größe ab, und besorgte ihr ein schlichtes, schwarzes Rockkleid. Das Nicken und leichte Lächeln der Pensionsbesitzerin gab ihr, sobald sie das Kleid angelegt hatte, das Gefühl, endlich konform zu sein. Sicher. Schuhe, Unterwäsche und die unpassenden Socken behielt sie dennoch bei. Auch Aa versicherte ihr, sie würde nicht mehr auffallen. Alles würde gut.

Am achten Tag in Wien/1854 unternahm sie wieder einen Spaziergang. Den ersten von vielen. Nun war sie täglich viele Stunden unterwegs, kam mit schmerzenden Füßen zurück in die Pension. Sie gewöhnte sich an die neue Zeit. Schaffte es, mit den Menschen in Läden und Restaurants zu sprechen. Wurde sicherer. Ab Ende ihrer zweiten Woche in der Vergangenheit versuchte sie, sich durch die konzentrierte Suche nach Alois Schicklgruber, der in einigen Jahrzehnten den späteren Diktator Adolf Hitler zeugen sollte, abzulenken. Sie wusste, er machte in Wien/1854 eine Ausbildung zum Schuster. Sie fragte Passanten auf ihren Spaziergängen durch die Stadt nach Schuhmachereien, und in diesen nach jungen Männern namens Schicklgruber. Einmal angesprochen, stellten sich die Wiener als freundlich genug heraus, wiesen ihr gerne den Weg. Auch ihre Vermieterin, die wegen einiger von ihr im Vorbeigehen an Ewwas Tür bemerkten Selbstgesprächen besorgt war und immer wieder ein kurzes Gespräch suchte, kannte ein paar „Pantoffler“, wie sie sagte. Nach nur wenigen Tagen stand Ewwa vor dem jungen Alois, den sein Meister aus einem Hinterraum herbeigerufen hatte.

Die Schusterwerkstätten war Ewwa inzwischen gewöhnt – die vielen Regale mit Leisten, die für sie grob wirkenden Werkzeuge, die Schablonen, den strengen, aber nicht unangenehmen Geruch des Leders. Die dunklen Räume. In Utopia ging man zu einem Berater, meist in einem hellen, aufgeräumten, fast leeren Raum, suchte etwas am Bildschirm aus, nahm individuelle Anpassungen vor und gab den Artikel dann aus. Die Vergangenheit war da anders, direkter, nackter. Aseptisch. Das war der Utopierin klar geworden, sie war es fast gewohnt. Dennoch war sie unruhig. Aa hatte mit ihr eine Geschichte eingeübt, die Ewwa nun haspelnd vortrug: Sie, eine Norddeutsche aus einer obskuren Kleinstadt, deren Eltern vor kurzem zeitgleich an einer rätselhaften Krankheit verstorben waren, suchte einen entfernten Verwandten, Luis Schlickgruber. Ihr eigener Name sei Ewwa Morgenstern-Schlickgruber; dabei deute sie einen ironischen Knicks an, wie er in Utopia beliebt war. Der letzte Wunsch ihrer Eltern sei gewesen, dass Luis einen Brief erhielt, den Ewwa bei sich führe. Alois hörte sich Ewwas Geschichte an, wirkte unwillig, nickte linkisch, zeigte sich bass erstaunt, dass jemand einen Schicklgruber (oder so ähnlich) suchte. Er erklärte, etwas heftig, eine Verwandtschaft sei mit Sicherheit ausgeschlossen. Er, nuschelte er vor sich hin, mochte den Namen ohnehin nicht, was ihm einen seltsamen Blick von Ewwa einbrachte, die sich bei Alois für die Umstände entschuldigte. Aa redetet ihr gut zu. Soweit lief alles nach Plan, nur war Ewwa von Anfang des Gesprächs an nervös und schwieg nun zu lange. Der Mensch vor ihr entsprach nicht ihren Erwartungen. Sie hatte Fotografien des älteren Alois gesehen, einer fülligen, schwerfällig wirkenden Person mit Hang zu Militärkostümen, aufgedunsenem, breiten Gesicht und harten, wie seelenlos unter buschigen Augenbrauen in die Kamera starrenden Augen. Der Unterschied zu dem Jungen vor ihr war geradezu erschreckend. Der 17-jährige Alois war dürr, führte seine jugendliche Agilität auf unbewusst-ungelenke Art vor, wirkte auf brütende, ablehnend-verschüchterte Art einnehmend. Das braune Haar trug er halblang, sein Gesicht und die drahtigen Arme waren schmutzig. Er schien verhuscht, wankend, fluchtbereit, ein Hund, der eher Schläge erwartet als gute Worte und Interesse, aber nicht von seinem Herrn oder Peiniger lassen kann. Alois verlagerte das Gewicht von einem Bein aufs andere, erkundete mit den Augen während des ausufernden Schweigens jeden Winkel des Raums. Wirkte, als wolle er sich davonmachen, als hätte er beinahe den Mut beisammen, sich aus der Lage zu befreien. Er tat einen Schritt zurück. Aa ermahnte Ewwa über den Ohrsprecher, die Initiative zu ergreifen. Sie improvisierte, klärte das Missverständnis, umständlich, nochmals auf. Alois sah ihr ausdruckslos in den Blick. Er unterbrach Ewwa, um sich zu verabschieden, obwohl seine Augen, die nun an Ewwa hingen, plötzlich anderes sagten. Dennoch. Er wollte fliehen, um das zu erkennen, brauchte Ewwa Aas Kommentar nicht. Sie durfte es nicht zulassen. Sie bat ihn, zu bleiben. Sie anzuhören. Sie sei neu in Wien. Käme aus dem fernen Norden. Sie kenne hier niemand. Ob er sie herumführen, ihr die Stadt zeigen würde? Ob sie ihn in ein Kaffeehaus einladen könne? Als Frau dürfe sie in Wien diese Etablissements ja nicht unbegleitet betreten, wie sie gehört habe. Ob er das Café Griensteidl kenne, das sie gerne besuchen würde?

Alois stand einen Moment still, rieb sich den schmutzigen Arm. Zuvor auf fast rebellische Art wortkarg wirkte er nun entwaffnet, fassungslos. Ewwa passte nicht in seine Welt. Zweifel und skeptische Offenheit huschten im Wechsel über sein Gesicht. Er tat einen winzigen Schritt zurück, wollte fort, senkte den Blick; sah wieder Ewwa an, sagte, eher kaltschnäuzig, er habe übermorgen am Nachmittag frei. Aber er würde sie einladen. Er habe Geld. Ewwa akzeptierte, überrascht. Sie verabredeten sich auf einen Kaffee im Café Griensteidl.

„Du musst vorsichtiger sein“, ermahnte Aa Ewwa, die aufgrund ihres Erfolgs breit lächelnd durch die Straßen gezogen, ja gesprungen war und freudig Fremde gegrüßt hatte. Nun lag sie glücklich auf ihrem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. „Du bist hier eine ungewohnte Erscheinung, trotz deiner nun zeitgemäßen Kleidung. Vergiss nicht, wir befinden uns in einem finsteren Zeitalter. Die Gesellschaft ist stark reglementiert, die meisten Menschen haben keinerlei verbriefte Freiheiten. Hier haben noch nicht einmal Männer gleiches Wahlrecht. Erst vor kurzem wurde eine Revolution unterdrückt. Die Mehrheit dieser Zeitregion sieht zu, dass sie ihren Unterhalt verdient, für den Rest werden höhere, berufenere Mächte als zuständig angesehen.“

„Alois ist rad nicht, was ich erwartet hatte“, warf Ewwa, sich auf den Bauch drehend, unvermittelt ein. Und stützte das Kinn auf ihre Hände.

„Natürlich nicht. Er ist jung. Aber auch, und schon, ein Produkt seiner Zeit.“

Ewwa schwieg, zog eine Augenbraue hoch. Sie hatte angenommen, einen hohen Preis für das Umlenken der Geschichte zahlen zu müssen, für die Realisierung ihres Ziels, das sie als altruistisch, wertgebend eingestuft hatte. Geträumt hatte. Der Plan hatte vorgesehen, sich mit Alois anzufreunden und ihn dazu zu bringen, mit ihr in die USA auszuwandern. So würde der deutsche Faschismus vielleicht verhindert werden, so wäre vielleicht ein besseres Europa möglich, so würde die Dunkelmoderne vielleicht nicht ganz so dunkel werden, die Klimakrise vielleicht vermieden. Die Welt schneller besser werden. Ewwa lächelte. Vielleicht würde es so kommen. Nur war der Preis ein ganz anderer. Es war ein guter Tag gewesen, ihr Abenteuer in der Vergangenheit, fühlte sie, begann nun richtig. Denn ihr wurde klar: Was folgen würde, war, notwendigerweise, ungeplant. Sie jauchzte, wirbelte wieder auf den Rücken, seufzte. Irgendwie, dachte sie bei sich, wirkte Alois sogar nett.

Zwei Tage später traf sie Alois Schicklgruber wie verabredet an der Ecke Herren- und Schauflergasse vor dem Café Griensteidl. Er kam in Begleitung, und es regnete.

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(Rudolph)

„´s regnet Schusterbuben“, sagte ich bei der Ankunft am Griensteidl zum Alois, der meine pfiffige Bemerkung, wie üblich, kaum pfiffig fand, egal, der Einwurf sollte ohnehin eher die fesche Dame amüsieren, die uns, mit der praktischen Vernunft ihres Geschlechts, unter der Marquise erwartete. Alois führte uns ein – die Bekanntschaft war aus dem fernen Norden, was an ihrer seltsamen Sprache überklar erkenntlich war. Eine pudelhübsche Piefke, war mir recht. Wunderlich war ihr dunkler Teint – wo mochte sie den her haben? Aber nun, wer weiß, wie man sich in Hyperborea arrangiert … Ich nannt‘ die Katz „Katz“, und erklärte den Ausdruck, was gehörig Eindruck schindete. Gut so, denn auch ich war deutlich von der Dame beeindruckt. Mehr als modern, burschikos, allein ihr Auftreten musste Aufmerksamkeit erregen. Sie wirkte zwar ein wenig wie ein Nonnerl in dem schlichten Schwarzen, aber die Augen blickten so gar nicht religiös, eher herausfordernd, auffordernd; die eine unpassende und ungewöhnliche Socke blitze wie ein Juwel am Fuß; ich mache jede Wette, dem Alois ist das nicht mal aufgefallen. Ihre Haltung war immer korrekt, wie ein Gardesoldat hielt sie sich, dazu sprach sie ihren Vornamen seltsam aus, der Herkunft aus einer Region geschuldet, in der man ein bis zur Unverständlichkeit unfeines Deutsch pflegte, oder: eben nicht pflegte. Gebrochene Erscheinung durch und durch, eine junge, moderne Frau, ganz im Jetzt, ganz Heute. Patent.

„Es ist kaum zufällig, dass Sie uns in der Freiheitsgasse treffen wollten?“, bemerkte ich, um die Dame sanft zu testen. Sie blickte mich einen Moment fast schon moros an; dann legte sie die Hand ans linke Ohr und sagte zu meiner Überraschung: „Sie meinen im ‚Café National‘? Es ist allgemein bekannt.“ Respekt!

„Der Rudolph hat nur Revolution im Kopf“, meinte Alois, gschamig, wie immer, „was ihn glauben lässt, er würd‘ in einer andren Zeit existieren. Gehn wir hinein.“

Ich zog Alois im Gegenzug ein wenig auf und erwähnte, er hätte sich ohne sein Rosalinchen kaum unter die Revolutionäre verirrt. Das wäre nun aber doch ein arger Verlust für mich; es mag überhaupt das beste Werk der biederen Existenz dieser ja schon im goldenen Käfig einer ehrenwerten Ehe eingekehrten, typischen Salonjugendlichen sein. Geworfen soll sie auch schon haben. Das verschüchterte Faverl wurde bis zu den Ohren rot und wagte keinen Widerspruch. Drinnen empfing das Griensteidl uns in praller Pracht. Die Räume erhellten luxuriöse Lüster, die zur Erbauung des Auges individuell, aber dezent, geformte und gestaltete Möbel, Durchgänge und Fenster beleuchteten. Ernste Männer saßen ernst an den Tischen, lasen Zeitungen aus aller Welt, und stärkten sich am allzeit hervorragenden hiesigen Kaffee, die Speisen nicht verachtend. Denn auch der Geist braucht Sustenance. Das Glück war uns hold, wir fanden einen freien Platz: klein, aber fein. Ich koordinierte die Bestellungen; es blieb beim Kaffee, da die Dame sich als „Vegetarierin“ erwies. Sie verzichtet also freiwillig auf den Genuss von Fleisch. Na Hallo! Ich vermutete einen religiösen Hintergrund, eine Fastenzeit, doch sie hatte andere, tiefere, ja weltanschaulich-politische Gründe. Ihre Erläuterungen waren interessant und bewegten mich, mir selbst eine Zukunft als „Vegetarier“ vorzustellen, denn das Fräulein Eva entsagte dem Fleischgenuss nicht nur, um das grausame Los der (wie sie meinte enger mit uns verwandten???) Tiere zu erleichtern, sondern auch, um eine gute Ernährung aller Menschen zu ermöglichen, besonders der ärmeren Klassen, was durch die geringeren Ansprüche in Sachen Landfläche durch den Vegetarismus erleichtert würde. Na also. Ich hatte mich nicht getäuscht, die Dame war gut national gesinnt, eine Demokratin, ihr Gedankengut utopisch. Ich erwähnte nebenbei meine Beteiligung an den von der hiesigen Herrscherriege schändlich niedergeschlagenen Aufständen von 48/49 und gab meine Enttäuschung mit meiner Heimat zu, deren Obrigkeit das Blut Blums und anderer großer Männer vergossen hatte und in ihrer Ignoranz – oder Perfidität – eine kleindeutsche Lösung praktisch erzwang, obwohl Wien doch nun natürlich die Hauptstadt eines jeden deutschsprachigen Reiches kulturell-internationaler Bedeutung sein musste. Nun, noch war die nationale Sache nicht ganz verloren … Dann lenkte ich das Gespräch auf moderne Forderungen, wie die allgemeine Suffrage für Männer, und rannte, zu meinem entzückten Erstaunen, offene Türen ein, ja zuweilen gingen ihre Ansichten gar ein bisserl weiter als meine. Manche erschienen mir geradezu weltfremd. Sie schien „Kernfamilie“ (die Familie überhaupt?), Religion und Erbrecht abschaffen und eine Art umverteiltes Grundeinkommen – ohne Arbeitsleistung oder Not! – einführen zu wollen, wenn ich sie recht verstanden habe. Naja. Dann würde ja nun sicher kein Schusterknabe mehr schustern tun, scherzte ich, aber bitte. Ich war fasziniert und hakte weiter nach, denn im Grunde war sie eher wortkarg oder halt schüchtern. Aber einmal angestachelt sprach sie gerne vom „Missverständnis des Kapitalismus“ und erwähnte kommunistische Kerngedanken. Hatte sie Marx gelesen? Sie verneinte, meinte aber, jeder wisse schon, wie das mit Kapitalanhäufungen und Ware-Käufer-Gesellschaften so sei. Ich regte sie zu ergänzenden Erläuterungen an, da ich nicht so recht verstand, was sie da, so abgekürzt, zu sagen meinte. Sie erwähnte die Akkumulation von Reichtum oder Ruhm als wirtschaftlichen Aspekt, womit sie sicher die Fürsten kritisierte, verwendete dabei das seltsame Wort „Fan“, wird aus ihrem Mutterdialekt stammen, wofür sie sich nach Nachfrage von mir entschuldigte und solche Leute als, den genauen Wortlaut erinnere ich nicht mehr, „sich unterordnendes Klatschvolk“ (Gläubige? Katholiken?) definierte, sprach sich gegen „Interpretations- und Wertehoheiten“ und auch Statusdenken aus, sicher eine Klatsche gegen Klerus und Kirchengänger, und erwähnte weitere, mir sicher nur wegen ihrer wunderlichen Ausdrucksweise unbekannte Konzepte. Kurz: was ein wunderbares, schillerndes Weibszimmer! Alois, wie üblich, beteiligte sich wenig am Gespräch. Seine Ansichten waren ohnehin nicht recht politisch, er war ja zwar herzensgut, interessierte sich inzwischen jedoch mehr für eine praktische oder „realistische“ Karriere. Folge seiner Enttäuschung durch die Damenwelt. Er hatte sogar erwähnt, er würde in den Beamtenstand treten wollen – das Lederhandwerk lag ihm wohl nicht so (was sagt eigentlich die Vegetarierin dazu? Sie schien dies fein zu ignorieren?). Wie dem auch sei, er trägt das Herz am rechten Fleck, ist lieb, ganz nach Art unserer Stadt und Kultur. Wo er konnte half er, arm genug, den Ärmsten, und modernen, ideologischen Ideen gegenüber war er im Herzen aufgeschlossen. Ja, sicher wollte er eine fesche Frau finden und einen Hausstand gründen, in seinem Alter war es normal, zu versuchen, die Zukunft zu greifen, zu planen, statt sich dem unsteten Meer der Ideale zu verschreiben und ins Ungewisse zu schaun; dennoch, ich hege weiter die Hoffnung, ihn als meinen Mitstreiter für die Sache unserer nationalen Demokratie zu behalten.

Fräulein Eva, dem Wesen ihres Geschlechts gerecht, versuchte immer wieder rührend, Alois in unser Gespräch einzubinden, interessierte sich für sein Leben, seine Vergangenheit. So erfuhr ich manch Neues über ihn. Ich wusste ja gar nicht, dass er unehelich war, den Vater nicht kannte, seine Mutter schwieg sich in der Sache aus, sie wird gute Gründe haben. Sein Stiefvater aber wolle, was ja nicht unverständlich ist, als Vater gelten, oder könnte es wohl sein. Fräulein Eva hatte eine einfühlsame, fast mütterliche Art. Man merkte, wie sie sich für die Menschen recht echt interessierte, so ist es kein Wunder, dass selbst Alois wärmer wurde, obwohl er sonst oft wie in sich verloren wirkte, wie ja viele von uns so wirken. Aktuell ist das verbreitet, nach der unterdrückten Revolution zogen sich durchaus einige frühere Idealisten ins Private zurück. Aber lassen wir das. Zum Abschluss, es war ein wunderbarer Abend im Griensteidl, an dessen Ende wir uns für das Wochenende zum Besuch des Wurstelpraters – auch wenn der Name für nordische „Vegetarier“ sicher Eigentümliches hat – verabredeten.

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In den nächsten Wochen zeigten Alois und Rudolph Ewwa bereitwillig Wien. Es hatte für Ewwa etwas unerwartet Dörfliches, wozu auch die klar dargestellte Wehrhaftigkeit beitrug. „Bald aber werden die Befestigungen weggemacht, ihr werdet’s schon sehen, und dann macht die Stadt sich her“, kommentierte Rudolph auf dem Weg von den Vorstädten durch den Glacis zur eigentlichen Stadt, vorbei an den hier üblichen Verkäufern und Schaustellern. Unweigerlich endeten die Ausflüge des Trios mit langen Gesprächen in einem Kaffeehaus oder Weingarten. Die beiden Österreicher teilten Ewwas Meinung oft nicht. Dennoch versuchten sie nie eine höhere moralische oder intellektuelle Stellung ihr gegenüber einzunehmen, was Ewwa ihnen, trotz Aas Warnung, dass der Grund in einer geschlechtsspezifischen Eigenheit der Männer dieser Zeit und Kultur liegen könnte, positiv anrechnete. Die Utopierin erwähnte Aa gegenüber immer wieder gerne, wie angenehm Rudolph und Alois als Gesprächspartner verglichen mit Rosa aus der Zukunft waren. Ewwa fand in ihren Begegnungen mit den beiden Freunden nun wirklich in die Welt des Jahres 1854 hinein. Die Zweifel und Probleme der ersten Wochen waren wie vergessen, sie war nun eher wie ein Schwamm, der alles, und mit echtem Genuss, aufnahm. Sie begann, freier zu sprechen. Die Furcht, zurückgewiesen zu werden, die sie lange Zeit ihres Lebens begleitet hatte, war wie fortgewaschen. Die Utopierin vertrat mit größter Selbstverständlichkeit Ansichten, die Rudolph in seinem Tagebuch gerne als „etwas wirre Ergänzungen meiner fortschrittlichen und national-freiheitlichen Ideen“ bezeichnete. Es waren meist Coolsätze. Ewwa verstand, dass Diskussionen in ihrer früheren Welt, der Zukunft, anders geführt wurden, auch wenn sie sich in Gesprächen mit religiösen Menschen aus Wien/1854 oft an den Rechtglauben Utopias erinnert fühlte. Aber es gab etwas Neues. Die Möglichkeit des Anders- oder Neudenkens lag, wie sie fand, in der Luft. Dennoch ermahnte Aa sie zuweilen sich zurückzuhalten, wenn stark abweichende Meinungen ausgedrückt wurden, was in ihrer direkten Umgebung aber nur selten geschah. Alois äußerte bald häufig demokratische Ansätze, die Ewwas Meinungsäußerungen folgten – besonders, wenn andere Männer sich an den Gesprächen beteiligen wollten, was zuweilen vorkam. Ewwa und Aa wurde klar, dass Alois und auch Rudolph sich in die Utopierin verliebten, oder zumindest einen Sikk für sie entwickelten, wie man in ihrer Ursprungskultur eine sinnliche Faszination nannte.

Ewwa wurde, von Aa unterstützt, gegenüber der allgemeinen Außenwelt schnell selbstsicherer. Wie schon erwähnt: nach den anfänglichen Schwierigkeiten bot die Vergangenheit ihr das Gefühl, Neues schaffen zu können und, so seltsam es klingen mag, sich nicht anpassen zu müssen, um akzeptiert zu werden. Zwar kam es wegen ihrer für die Zeit für Frauen, trotz der neuen Kleidung, eigenwilligen Wirkung immer wieder zu grenzwertigen Kommentaren, doch Ewwa fühlte sich dadurch eher bestätigt, und Alois und Rudolph standen stets zu ihr. Auch ihr Verhältnis zu Aa wandelte sich. Vom Assistenten und zeitweilig elternhaften Begleiter wurde er für sie zu einem Partner, der, wie ihr klar wurde, nicht immer nur ihren Wünschen folgte, sondern eine eigene Agenda vertrat. Dennoch verfolgten sie beide ein gemeinsames Ziel: die Realisierung ihres Projekts. Sie begann, auf Anraten Aas, bei den Kaffeehausdiskussionen von einem möglichen besseren Leben zu sprechen, und gefiel sich dabei in der Rolle der Avantgarde ihres Publikums. Aa drängte darauf, die nächste Phase zu starten. Also erwähnte Ewwa ihre Absicht, in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern, um dort ein utopisches Leben fernab der Zwänge und engen Traditionen des alten Europa zu führen, obwohl es Ewwa in Wien gefiel. Sie spielte ihre Rolle gut. Schon beim zweiten relevanten Gespräch entwickelte sie, in ihrer Beschreibung der Neuen Welt, eine ansteckende Begeisterung, die rückhaltlos aufgenommen wurde. Dazu las sie Alois und Rudolph Auszüge aus einer Übersetzung des im aktuellen Jahr in den USA erschienen Buchs „Walden“ von H. D. Thoreau vor, die Aa aus dem WikiRAM gezogen und über den Objektprinter ausgegeben hatte. Die kleine Zeitfälschung fiel natürlich nicht auf. Ewwa pries die Vorzüge der Neuen Welt, erwähnte dabei öfters, dass ein Auswandern für sie als Frau allein unsicher wäre … Alois, den „Walden“ tief beeindruckte („Ich will nicht leben, was nicht Leben ist“ wurde sein Wahlspruch), und auch Rudolph zeigten sich fasziniert und bereit, Ewwa zu begleiten. Rudolph steckte die Behandlung der „revolutionären Bevölkerung“ durch die „Kaiserriege“ am Ende der Revolutionsmonate noch demonstrativ in den Knochen. Er hielt den Kopf in Trauerhaltung, bedeckte die Augen mit der rechten Hand, als er sagte, er habe im Herzen jede Hoffnung für die Zukunft des Kaisertums Österreich und eine national-demokratischen Einigung der deutschsprachigen Länder unter Wiens Führung verloren. Eine „neue Welt“, das würde ihm „passen“. Das Auswandern als Trio war bald beschlossene Sache.

Inzwischen hatten die beiden Männer sich daran gewöhnt, dass Ewwa über mehr Geld verfügte als sie und sich erlaubte, großzügig damit umzugehen. Neben dem Erbe ihrer Eltern, so erklärte sie beiläufig, habe ein Onkel, der – fiktive – Händler Aaron Morgenstern, ihr Geld vermacht. Auf Anraten Aas erklärte sie, dass es sich um eine stille Beteiligung an einer Reederei handele, die ihr geringe monatliche Einkünfte zusichere. Alois beschloss, sein Handwerkszeug mitzunehmen, als mögliche Einkommensquelle für unterwegs. Rudolph besaß selbst ein Erbe. So kam es, dass, nur wenige Monate nach Ewwas Ankunft im Jahr 1854, ein Trio Abenteurer Wien hinter sich ließ und die lange Reise an die Nordsee antrat. Zuvor war die Absicht im Kreis der Familie Rudolphs kontrovers diskutiert worden, besonders sein Bruder Karl meinte, er könne in Wien etwas werden, solle kein „Depp“ sein. Aber da Rudolph firm blieb wünschten ihm alle Glück und verabschiedeten ihn und seine beiden Freunde mit einem opulenten Abendessen. Alois meinte, er müsse niemandem von seinem Weggehen berichten. Seine Mutter sei bereits Tod. „Und dem Hiedler muss ich nichts sagen“, wie er mit einem trotzigen Gesicht ausspuckte. Nicht zum ersten Mal dachte Ewwa, dass die Menschen der Vergangenheit weniger, nun, selbstbewusst waren. Mehr in und durch ihre Familie lebten. Egal. Es ging aus Wien hinaus! Transportmittel der Wahl war für die erste Etappe die Postkutsche, die Reise führte über teilweise holprige, aber gepflegte Landstraßen nach Prag.

Das Trio erreichte die böhmische Hauptstadt mit von der Reise etwas strapazierten Körpern und richtete sich in einer zentrumsnahen Pension ein; man wollte die Stadt vor der Weiterreise erkunden. Klein im Vergleich zu Wien war die Atmosphäre Prags faszinierend. Ewwa konnte sich an den Dekadenz und auch Kultur ausstrahlenden Palästen und Theaterbauten kaum sattsehen. Am dritten Tag in Prag überquerten sie die Steinbrücke zur wenig bebauten Burgseite der Moldau. Sie sahen, von einem Hügelpfad aus, die von in den Himmel strebenden, stolzen Türmen und Kirchen geprägte einstige „Residenz der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches“, wie Rudolph die Stadt gerne nannte. Ein älterer Passant erkundigte sich, nachdem er Ewwas seltsame Aussprache bemerkt hatte, nach ihrer Herkunft und wies sie, stolz, auf die Namen der verschiedenen, auf der anderen Seite des Flusses sichtbaren Kirchen hin. An Rudolph und Alois gerichtet meinte er, zwar könne sich Prag in Sachen Größe nicht mit Wien messen, aber an Anmut und kultureller Bedeutung wären sich beide Städte sicher gleich. Sie mögen ihm Wien beschreiben. Man setzte sich auf eine nahe Bank, auf der Alois und Rudolph dem Passanten, der dabei die Augen schloss und häufig Fragen mit religiösem Hintergrund stellte, Wien beschrieben. Nachdem sein Wissensdurst befriedigt war, öffnete er die Augen mit einem seeligen Lächeln, dankte den beiden Männern und der „Dame aus der Fremde“, wünschte ihnen eine gute Zeit in Prag, und warnte sie vor den „Nationalen“. Als der Alte um die nächste Wegbiegung verschwunden war, befragte Ewwa ihre Freunde zu der seltsamen Warnung. Hatten beide ihre demokratischen Tendenzen nicht oft als „national“ bezeichnet?

„Manche Böhmen, die wird er gemeint haben, wollen partout einen eigenen Staat hermachen“, erläuterte Rudolph, der am Tag zuvor in einem Kaffeehaus mit Pragern ins Gespräch gekommen und darauf bis spät diskutieren war. „Vertreter der hiesigen slawischen Minderheiten erachten die Mehrheitsbevölkerung, die in der letzten Zeit durch die Zuwanderung der Landleut‘ an Mehrheit verloren hat, pauschal als Teil des Herrschaftsapparats – und damit als Fremde, ja Besatzer, wenn man so mag. Wiener besonders, hier hat man mir schon ins Gesicht gemeint, man würde sich lieber den Preußen anschließen, als beim Wienerreich zu bleiben. Na, dann mal gute Nacht. Und man mag es nicht glauben, aber doch, die Niederschlagung des demokratischen Aufstands hier wird von manchen myopischen, ich sag‘ mal freundlich, ‚Regionalern‘ gar als ethnische Angelegenheit angesehen, wobei das doch klar zum Register ‚Klassenkampf‘ gehörte. Die wollen halt gerne eine neue Grenze geben, sich einen auf bauernschlaue Art erfundenen Feind herzaubern, und erklären daher Deutschsprachler durchweg zu Unterdrückern. Leider. Dabei haben wir im Herzbusen ja doch alle dasselbe Ziel. Eine neue, demokratische Nation …“

„Immer dieses Gerede von Nationen …“, warf Ewwa ein.

„Deine Ideen sind ohnehin, sagen wir mal … fatal. Aber um’s kurz zu machen: Es gibt da disparate Tendenzen; die Stadt ist ja schon interessant. Nur, die Atmosphäre hier nach der Niederschlagung erinnert ein bisserl negativ an Wien. Ich gebe zu: Ein klein weng verstehe ich hier besser, was du gegen die Notio der Nation hast … Aber darüber wollten wir nicht mit dir reden.“ Rudolph und Alois hatten Ewwa, ungewöhnlich offiziell, nach ihrer Rückkehr auf die städtische Seite der Moldau am frühen Abend zu einem Getränk in einem Gartenlokal aufgefordert. Bunte Öllampen erhellten das als traditionell geltende Etablissement am Fluss.

„Wir wollen, ich sag’s geradeaus, Tacheles reden. Du bist gescheid, dir wird also aufgefallen sein, wie Alois und ich zu dir stehen. Und auch, dass wir uns, vielleicht auf dem schönen Umweg über dich, um recht einiges näher gekommen sind, als wir es waren, ja, wir sind wirkliche, wahre Seelenbrüder geworden. Und wir haben über unsere Situation geredet, weil, ja nun, wir wollen diese Freundschaft nicht durch Schweigen schädigen. Und eins ist mir auch doch wichtig: Egal, was du sagst, der Plan, gemeinsam auszuwandern, der bleibt, das verspreche ich, das versprechen wir, auf die Seele. Auch wenn’s hier schön ist, man könnte ja fast bleiben wollen …“

„Ich will nicht …“

„Wir wollen …“, übernahm Alois den Faden, „… wollen dich direkt fragen, ob du … Ob du eine Wahl zwischen uns treffen wirst.“

Ewwa blickte Alois bestürzt an; damit hatte sie nicht gerechnet.

„Improvisiere“, riet Aa ihr über die Ohrsprecher, „und sei weitgehend ehrlich. Das wird das Beste sein.“

Ewwa schluckte. Die beiden jungen Männer sahen sie erwartungsvoll an; Alois‘ Gesicht rötete sich. Hinter ihm raschelten Sträucher im flackernden Licht der Öllampen. Jemand kicherte am Nebentisch.

„Das ist meine Absicht nicht“, platzte es, nach einem Moment des Schweigens, aus Ewwa heraus. „Nicht, dass ihr mir nicht beide lieb und wichtig wärt. Paar zu werden war aber nie mein Plan. Erstrebenswert finde ich sexuelle Beziehungen und andere Bedingungsverbindungen nicht, ich hab das versucht, Schwur, und Kinder wollte ich rad nie haben … Ich werde und möchte also keinen von euch ‚wählen‘, wie ihr es genannt habt. Ich wünsche mir aber, dass wir einfach Freunde bleiben. Und hoffe, das ist D’ac.“

Ewwa verstummte, schluckte, errötete, und wartete auf eine Reaktion. Rudolph und Alois wurden beide blass um die Nasen. Auch Aa schwieg. Ewwa hätte den beiden genauso gut eröffnen können, dass sie mit einem künstlichen Assistenten auf einer Art Zeitfahrrad aus der fernen Zukunft zu ihnen gereist war, um Alois‘ Lebenslauf und das Schicksal der Welt zu ändern. Einen langen Moment bewegte sich nichts in den Augen der beiden Österreicher. Rudolph starrte wie abwesend in die tiefdunkle Nacht über dem träge dahinziehenden Fluss, wirkte verwirrt. Ein Fisch sprang. Alois fasste sich zuerst.

„Das ist – ‚D’ac‘?“, sagte er, etwas flach, aber mutig. Ewwa atmete auf, schenkte ihm ein Lächeln und bestellte Wein, um den Moment zu entschärfen.

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Der Aufenthalt in Prag blieb kurz. Von dort ging es in die Sächsische Schweiz, wo das Trio die geografischen Eigenheiten sowie die zahlreichen Steinbrüche der Region bestaunte – riesige Abbauflächen, gleißende, bleiche Wunden in der sonst grünen Landschaft. Sie wohnten im Städtchen Königstein und erklommen, nachdem sie zum auf der anderen Seite der Elbe gelegenen Bad Schandau übergesetzt waren, eine lokal Lilien– oder Ylgenstein genannte Erhöhung. Der weitgehend unerschlossene, urtümliche Tafelberg ragte wie eine Faust aus dem dichten Wald der Gegend, der Aufstieg war teilweise nicht ohne Risiko. Vom stark bewaldeten Plateau aus sahen sie die massive, wehrhafte Bergfestung Königstein, die wie ein Fiebertraum aus dem Fels wuchs und das andere Flussufer dominierte. Dahinter erstreckten sich unendlich wirkende Waldflächen. Der Blick berührte Ewwa, die in ihrem Leben urbane Umgebungen nur selten verlassen hatte. Am nächsten Tag besuchten sie eine neu eröffnete Steinbrücke vor dem sogenannten Basteifelsen, einer eigentümlichen Felsformation, die um die Brücke herum aus dem Boden strebte. Rudolph verglich die Felsen mit den Riesenfingern einer Steinhand; Alois fühlte sich an Ruinen erinnert; Ewwa meinte, es seien steinerne Sandwürmer, womit ihre Freunde nichts anfangen konnten. Um das Thema zu wechseln (und dem seit ihrer Eröffnung, keinen der beiden „wählen“ zu wollen, oft auftretenden Schweigen vorzubeugen) zeigte Ewwa sich erstaunt, wie viele Menschen vor Ort waren, um die Naturattraktionen zu bestaunen. Ein junger Mann mit lockigen Haaren und Stutzer sprach sie an und bat, das Trio auf der Brücke ablichten zu dürfen. Er wolle „Postkarten“ erstellen und fand, sie würden ein ansprechendes, modernes Gruppenbild vor der ungezähmten Landschaft abgeben. Sie ließen es zu. Nachdem der Fotograf sie angewiesen hatte, sich nicht zu bewegen, verschwand er unter einem schwarzen Tuch und wurde eins mit seinem Apparat, während nahebei Schaulustige verhalten murmelten. Bald schälte sich der Fotograf wieder unter dem Überwurf hervor, bedankte sich und pries, im Laufe einer kurzen Unterhaltung, in höchsten Tönen die Wunder der modernen Technik, die er nutzte. Zudem sagte er der Region eine dank der zahlreicher werdenden Besucher finanziell und kulturell rosige Zukunft voraus. Aa versuchte später, das Bild im WikiRAM zu finden, das sie mit sich führten (dies wäre ein Hinweis auf eine starre Zeitlinie gewesen), fand aber nichts.

Nach ein paar Tagen reisten sie per Boot weiter in die Stadt Pirna, von wo es mit der Bahn Richtung Dresden ging, der Hauptstadt des Königreichs Sachsen. Obwohl beide in Wien Eisenbahnen erlebt hatten, zeigten Alois und Rudolph sich vom Anblick der „Dampfdrachen“, die bei der Einfahrt tüchtig weißen Rauch schnaubten, beeindruckt. Man hatte sich ein Abteil geleistet, ein Bahnangestellter öffnete die Tür und reichte der Dame die Hand zum Einstieg. Es gab gepolsterte Sitze in gesetzten Farben und Ablagen fürs Gepäck. Man richtete sich ein. Dann erklang der Pfiff zur Abfahrt.

Die Fahrt mit der Bahn versetzte die beiden jungen Österreicher in eine Art Rausch. Aus den Fenstern blickend versuchten sie, ihren Blick an vorbeiziehenden Einzelheiten festzumachen, aber bevor sie ein Detail fixieren konnten, war es schon aus ihrem Sichtfenster verschwunden, rettungslos hinweggewischt vom „Teufel der Geschwindigkeit“, wie Rudolph meinte. Sie redeten auf für Ewwa nur schwer verständliche Art über das Erlebnis und wunderten sich, dass die Utopierin sich kaum oder zumindest auf andere Art beeindruckt zeigte. Ewwa war froh, da die beiden nun wieder zu ihrer alten Vertrautheit fanden. Die Freunde gaben schließlich zu, dass es ihre erste Fahrt mit dem modernen Fortbewegungsmittel war, in dem sie, wie Rudolph meinte, der Zukunft entgegenrasten. In Dresden, wo sie drei Tage blieben, wurde, wie im nun fernen Wien, viel gebaut. Auf ihrem kurzen Besuch zeigte Rudolph sich vom „Gewinner der Reaktion“, wie er die Stadt mit Bezug auf die Dresdner Konferenzen von 1850/51 nannte, absichtlich wenig beeindruckt. Ewwa und Alois dagegen genossen die geschmackvollen, detailreich ausgeführten Gebäude und das kulturelle Flair des Ortes. Von Dresden ging es nach Hannover. Dort erlebten sie einen abendlichen Umzug zu Ehren der britischen Königin Victoria. Eine Menschenmenge verfolgte das Spektakel, verlor sich in den im Fackelschein schillernden Paradewaffen, im reich verzierten Geschirr der Pferde, in der üppigen Pracht der königlichen Kutsche. Sie zogen mit der hingerissenen Masse zum Ort der Rede, sahen schon von Ferne die Wand des Rathauses, auf dessen tiefrot schimmernder Backsteinmauer im Wind schaukelnde Öllampen übergroße Schatten malten. Vor dem Gebäude war ein mit farbenfrohen Blumen geschmücktes Podest aufgebaut, das die Monarchin, aus der Prunkkutsche aussteigend, bestieg. Nach einer triumphalen Musikeinlage sprach die mütterlich wirkende Königin, deren enormer Reifrock, kräftig gefärbte Schärpen und glitzernde Applikationen die Menge zu Ausdrücken der Bewunderung anregte, von der Ehre des Todes auf dem Schlachtfeld. Sie rief Hannovers Männer auf, sich einem gerechten Krieg ihres Imperiums im Osten anzuschließen. Ewwa stampfte entrüstet mit dem Fuß auf. Zu Rudolphs und Alois Erstaunen begann sie, das Auftreten der Monarchin lautstark als kühl kalkulierten, primitiven Manipulationsversuch zu kritisieren. Einige nahe Besucher sahen sie scharf an, diskutierten murmelnd untereinander, zeigten auf sie. Alois und Rudolph machten sich schützen größer als sie waren. Auf Anraten Aas schlug Ewwa vor, die Menschenmasse zu verlassen. Ein Militärorchester spielte auf, während sie sich vom Platz drängten. Im Licht der großzügigen Gasbeleuchtung Hannovers erreichten sie eine Wirtschaft.

„Wie kann man von einem Statusposten herab werben um den Tod der Menschen?“, fauchte Ewwa, aufgebracht, die Wangen sanft vom Wein gerötet. „Wie können die … Leute ein solches Spektakel akzeptieren? Sich Dingen verpflichtet fühlen, die nichts mit ihrer Existenz zu tun haben, sondern, in diesem Fall, nur mit eingebildeten Gendynastien und politischen Konstrukten?“

Gendynastien?“, fragte Rudolph. „Was immer dein Wort nun bedeuten will, es leuchtet doch ganz leicht ein, dass Nationen, um ein Bild zu brauchen, ganz wie ein Körper sind? Hände und Beine müssen machen, was der Kopf als für den Korpus günstig erkennt, so wird dann jeder im Organismus an den rechten Ort gegeben, füllt seine Rolle geradeaus aus, woraus er Glück und Sicherheit gewinnt. Die Generationen vererben einander Schuld wie Profit, wie es zwischen Eltern und Kindern Tradition und Habitus ist. Jaja, du wirst deinen Individualismus ins Feld führen, aber, naja, um es so zu sagen, der Einzelne allein wird eh nie Großes tun, so ist‘s eben im Leben. Nur wenn der Fähige, der Kenntnisreiche, der Künstler, nur wenn der Genius den Kopf des Nationalkorpus bildet, befreit von der Fieselei, den Nöten des kruden Lebenserhalts, erhoben aus den Niederungen der Existenz, nur dann sind eben Höchstleistungen möglich, von denen das Ganze profitiert. Ja, er kann dann, als Politiker wirkend, den nationalen Körper selbst zu Höchstem befähigen. Zum Opfer, zum liebevollen, herzigen, kreativen Akt der Selbstgabe. Und da gibt es eben die, die Kommandieren, Werke schaffen, Fragen stellen können und das halt auch sollen – und die, die jenen Gerufenen Handlungsraum schenken, und als Adjutum Anweisungen, Erbauung und Antworten erhalten. Ich bin ja doch eigentlich ganz sicher, das passt gut zu unseren Ideen von nationaler Demokratie und Sozialismus – ganz jeder nach seinem Talent, jeder nach seiner Not, jeder an seinen Platz, dann wird alles gut.“

Eine eigentümliche Stille fiel über den Tisch; Ewwa legte eine Hand auf ihr rechtes Ohr und wog ihren Kopf hin und her, schien in Gedanken verloren. Eine Zornesfalte spielte über ihre Stirn. Alois erzählte, um den Moment zu entschärfen, einen Witz. Und legte Rudolph die Hand auf die Schulter.

 Von Hannover ging es am nächsten Tag entlang einer erst vor wenigen Jahren eröffneten Bahnstrecke in den Stadtstaat Bremen, den die Gruppe im Herbst 1854 erreichte.

KAPITEL 3: Bremen 1854-55

„Buten und binnen/wagen und winnen.“

(Inschrift am Haus der Bremer Handelskammer, dem Schütting, 1899 angebracht, etwa: „Zuhause und auf Reisen/Wagen und gewinnen“)

Im Vergleich zur Halbmillionenstadt Wien und zur ehemaligen Kaiserstadt Prag, die es laut den WikiRAM-Daten zu jener Zeit auf um die 140.000 Personen brachte, wirkte Bremen klein. Aber auch hier war Wachstum spürbar, die Stadt wuchs an den Rändern über sich hinaus, es wurde viel gebaut. Das Leben in den Straßen und Kaffeebrauereien, in denen man sich zum „Kaffeeisieren“ traf, war durchaus quirlig. Bei ihrer Ankunft wollte Ewwa sich am Bahnhof nach möglichen Unterkünften erkundigen. Sie ließ ihre beiden Freunde stehen und sprach einen Bahnangestellten an. Die Unterhaltung gestaltete sich anfangs schwierig, aber der befragte Mann zeigte sich geduldig, wechselte in ein passables Schriftdeutsch und wies der Utopierin den Weg zu einem nahen Gasthof. Alois und Rudolph sahen sich fragend an – ihnen war schlagartig klar geworden, dass Ewwa die lokale Sprache kaum besser verstand als sie. Auch die Sprachmelodie des Bremers erinnerte nur entfernt an Ewwas „Singsang“, wie man die Umgangssprache Utopias nannte. Rudolph zog die rechte Augenbraue hoch, als Ewwa sich umdrehte und in die gewiesene Richtung davongehen wollte. Er lies sie demonstrativ nicht wieder herunter. Vor Ewwa rückwärts daherlaufend fragte er, scherzhaft ihren Tonfall nachahmend, aus welchem Norden sie denn sei? Sie hielt an, antwortete, nach einem kurzen Moment des Überlegens, hastig und von Aa angeleitet, ihre Eltern stammen eigentlich aus dem fernen Island, wo es eine deutschstämmige Gemeinde gäbe. Sie selbst wäre isoliert auf einem Hof auf dem Land aufgewachsen. Im Grunde, scherzte sie, nun wieder selbstsicher, sei sie von Nirgendwo, zog die linke Augenbraue hoch, und trieb Rudolph, schneller gehend, vor sich her. Wie sie spreche, so sprechen die Leute eben Nirgendwo. Rudolph ging zu Boden. Alle lachten, die Männer gaben sich mit der flapsigen Erklärung zufrieden.

Die Neuankömmlinge hatten Glück. Nach kaum einer halben Woche in einem der zahlreichen, einfachen Auswanderergasthöfe, in denen Menschen aus ganz Mitteleuropa auf ein Schiff ab Bremerhaven warteten, konnten sie ein möbliertes, erst vor kurzem fertiggestelltes Haus außerhalb der eigentlichen Stadt beziehen. Ein Musikerehepaar hatte es kürzlich erworben, musste es aber aufgrund einer überraschenden Anstellung in Hamburg vermieten. Die Straße selbst war im Entstehen begriffen, wie das ganze Viertel um sie herum. Sie sahen sogar, wie ein junger Arbeiter den Namen der Straße an ein Eckhaus malte: Adlerstraße. Ein hübscher Name, fand Alois. Überall entstanden zweistöckige Häuser, zwar in ihren Dimensionen recht ähnlich, doch durchaus individuell in der Ausführung. Manche hatten Rundbögen über den Fenstern, manche nutzten Kastenfenster, die Treppen zum für diese „Bremer Häuser“ typischen Hochparterre waren unterschiedlichst ausgestaltet. Wie das scheidende Ehepaar erläuterte, war die rasante Entwicklung der Aufhebung der Torsperre zu verdanken. Aa erklärte Ewwa per Ohrhörer, dass der Stadtstaat Bremen bis vor wenigen Jahren seine Tore zur Nacht verschlossen hatte. Geöffnet wurden sie dann nur gegen Zahlung eines Torgeldes. Er fügte hinzu, dass in der Zukunft unbekannt war, ob dies aus Angst vor Überfällen oder zur Geldeinnahme und Schikane geschah. Dann verabschiedeten sich die Besitzer des Hauses.

Die drei neuen Bewohner standen im Wohnzimmer und sahen sich um. Es war fast leer. Neben einem niedrigen Tisch gab es ein Sofa, ein Tafelklavier, ungefüllte, gleichsam wartende Bücherregale und einen hübschen, minzgrünen Kachelofen. Eine dunkelblaue Fleur-de-Lys-Tapete lies den Raum wohnlich erscheinen. Ewwa grinste Alois und Rudolph an; hob die Arme und drehte sich im Kreis.

„Schön ist es!“, rief sie, und ließ sich auf das Sofa fallen. Alois und Rudolph setzten sich auf den Tisch. Man machte Pläne.

Ewwa wählte in ihrer neuen Bleibe ein Zimmer mit Fenster zur Straße. Es war nüchtern eingerichtet, wirkte unbeschrieben. Neben einem schmucklosen Bett gab es eine leere Bücherwand, einen Stuhl und einen verschnörkelten Schreibtisch mit Applikationen. Der Besitzer des Hauses hatte ihr, augenzwinkernd, eine Besonderheit des Schreibmöbels gezeigt – es verfügte über ein Geheimfach hinter einer Spiegelfläche, das sich durch den gleichzeitigen Druck auf zwei andere Elemente des „Sekretärs“, wie der Musiker das Möbel nannte, öffnen ließ. Er beschrieb das Fach als guten Ort, um „private“ Briefe zu verstecken. Am nächsten Morgen schlug Aa vor, seinen Körper dort zu verwahren. Ewwa fragte, ob ihm der lichtlose Ort nicht zu unheimlich wäre.

„Meine Wahrnehmung erfolgt anders als deine. Ich werde die Feeds aus den Kameras und Mikrophonen in deinen Ohrapplikationen empfangen und kann meine Umgebung auf nicht-optische Art erfassen, oder durch LEDs illuminieren. Mach dir keine Sorgen.“

„Wie du meinst. Aber dennoch. Ich mauere dich nur ungern ein, Fortunato …“

„Danke. Leider bin ich in dieser Zeit darauf angewiesen, dass du mich bewegst. Das war aber von Anfang unseres Abenteuers an klar. Es wird einfacher für dich sein, mich nicht dauernd an deinem Körper verstecken zu müssen. Vertraue mir. Wir werden über einen Radius von etwa drei Kilometern kommunizieren können.“

Ewwa gab Aa zusammen mit dem WikiRAM in das Geheimfach. Sie schloss es langsam, und langsam umfing Aa völlige Dunkelheit; gleichzeitig sah er, durch die Ohrkameras, wie Ewwa die Abdeckung des Fachs zudrückte, zum Fenster ging und auf die Straße hinaussah.

„Es wird ein schöner Tag“, sagte er über die Ohrsprecher. 

Alois und Rudolph bezogen die übrigen Räume im Obergeschoss; alle drei Zimmer waren eher klein, aber ausreichend. Das Erdgeschoss bestand fast ausschließlich aus dem großzügigen Wohnzimmer. Betrat man das Haus durch die über ein paar Stufen erreichbare Eingangstür, eröffnete ein kleiner Bereich, in dem auch Mäntel und Regenschirme ihren Platz fanden, den Zugang zu den verschiedenen Stockwerken. Eine sehr steile Treppe führte hinauf zu den Privaträumen, hinter und unter dem Aufgang fanden sich die Stufen in das Souterrain mit Küche und Waschraum. Rechts vom Abgang öffnete sich eine Holztür ins Wohnzimmer. Von innen war diese Tür mit derselben blauen Tapete wie die umliegende Wand verkleidet und entsprechend fast unsichtbar. Vom Souterrain führte eine Tür nach hinten hinaus in einen kleinen Hof, in dem sich das Toilettenhäuschen fand.

„Ich erkenne die Stadt kaum, nur hier und da …“, murmelte Ewwa, an Aa gerichtet, während eines Spaziergangs durch die Nachbarschaft. 

„Laut der Allgemeinen Deutschen Real-Enzyklopädie für die gebildeten Stände von 1851, Brockhaus-Verlag, leben in Bremen 72.820 Seelen, davon 49.700 in der Stadt selbst, der Rest auf die entlang der Weser vorgelagerten Hafenflecken Vegesack und Bremerhaven und 58 zur Stadt gehörende Dörfer verteilt. Die Stadt zerfällt in Alt-, Neu- und Vorstadt, wobei letztere mit der Altstadt einen Halbkreis rechts der Weser beschreibt. Der Altstadt gegenüber am linken Ufer liegt die Neustadt, von welcher zwei Brücken über den Hauptstrom und eine über einen an dieser Stelle mündenden Arm bestehen, die sogenannte Kleine Weser. Die Festungswerke sind seit Anfang des 19. Jahrhunderts in öffentliche Spaziergänge umgewandelt, die in geschmackvoller Anlage in dieser Art ihres Gleichen suchen. Bemerkenswerte Bauwerke sind der um 1050 gegründete Dom und das 1405 begonnene gothische Rathaus mit dem berühmten Weinkeller darunter und dem Steinbilde des Roland vor demselben … Bremen ist reich an milden Stiftungen aller Art, an Schulanstalten und an Anlagen zum Besten des Handels und der Schiffahrt. Die Stadt liegt am Anfangspunkte der Unterweser, wo der Wechsel von Ebbe und Flut noch schwach empfunden wird. Sie ist noch zugänglich für Küstenfahrer und andere Seeschiffe von breitem Bau und geringem Tiefgang, wie sie in alter Zeit gewöhnlich waren; jetzt ist indes die große Mehrzahl genötigt, weiter unterhalb der Stadt zu ankern, in den zu diesem Zweck gegründeten Orten Vegesack und Bremerhaven. Um ein der Wirklichkeit entsprechendes Bild von Bremens Bedeutung als  Seeplatz und Weltmarkt zu gewinnen muss die ganze Uferstrecke von der Stadt bis Bremerhaven in einem Überblick zusammengefasst werden. Der neuere Aufschwung des bremer Seehandels ist den zahlreichen Niederlassungen seiner Bürger in den Vereinigten Staaten von Amerika, Westindiens und dem vormals spanischen und portugiesischen Teil Amerikas zu verdanken. Die Hauptartikel der Einfuhr sind Tabak, Thran, Zucker, Kaffee, Wein, Reis, Baumwolle, Häute und Getreide; die der Ausfuhr deutsche Manufakturwaren, Glas- und Eisenwaren, Bergwerksprodukte, Getreide, Lebensmittel, Spirituosen. Außerdem dient Bremen der deutschen Auswanderung seit 1827 als Hauptverschiffungsplatz; die Zahl der aus Bremen sich einschiffenden Auswanderer variierte in den letzten Jahren von 28.000 – 32.000 …“

„Dann sind wir ja am richtigen Ort. Aber genug jetzt mit dem Vorlesen. Ich will mich einfach nur umsehen,“ beendete Ewwa Aas Informationsfluss.

Hier und da bemerkte sie noch Überreste der alten, bereits vor einem halben Jahrhundert abgetragenen Befestigungsanlagen, die in Häuser integriert worden waren. Unterwegs sah sie zum Dom hinüber, der die flachen Häuser dominierte und einen seltsamen Sog zur Stadtmitte hin bedingte. In ihrer Zukunft hatte der massive Technoturm das religiöse, inzwischen umgenutzte Bauwerk als Blickfang abgelöst. Für einen Moment sah sie ihn wieder, glitzernd in der Nacht, wie er sich über die Weser erhob, als wolle er nach den Sternen greifen. Aa riss sie aus ihren Tagträumereien. Von seinem Versteck im Sekretär aus warnte er Ewwa davor, das Bremen der Vergangenheit mit der Stadt gleichzusetzen, in der sie aufgewachsen war. Er betonte, dass die Prinzipien der Gleichheit in Bremen/1854 keineswegs galten, und erinnerte sie an ihre Probleme bei der Ankunft in Wien/1854. Einige durch die Revolution von 1848 in Bremen durchgesetzten Neuerungen waren erst gerade wieder zurückgenommen worden, erläuterte er weiter. Er hatte erneut auf das WikiRAM zugegriffen.

Plan der Auswanderer war es, in Bremen Geld für die Überfahrt von Bremerhaven nach New York zu verdienen, auch wenn dies für Ewwa nicht erforderlich war. Inzwischen fand sie Freude an der Erkundung neuer Zeiten und Gegenden. Die Vergangenheit ihrer Heimatstadt zu erleben regte sie an, sie begann sogar zu zeichnen. Aa bestärkte sie in diesen Ansätzen. Ideen zu Einnahmequellen gab es mehrere. Alois hoffte, mit von ihm und Ewwa (und Aa) entworfenen Schuhen Einkommen zu generieren, und richtete sich eine Werkstatt im Keller ein. Er freundete sich auf der Suche nach Kontakten mit Heinrich an, dem fast gleichaltrigen Sohn eines aus dem Süden zugezogenen Schuhmachermeisters. Heinrich nannte Ewwa gerne „Been-Deern“, wegen ihres schwarzen Gehstocks (dem Monochron). Rudolph, den Heinrich „Plitscher-Rudi“ taufte, hatte auf dem Weg nach Bremen Reiseartikel und „Glossen zur politischen Lage in der Ferne“ verfasst und diese zur Publikation an Kontakte in Wien gesendet. Er hoffte, detaillierte Berichte aus einem Stadtstaat im, für seine Leser, exotischen Norden würden im Kaiserreich auf Interesse stoßen. Entsprechend beabsichtigte er, sich in der Gesellschaft umzuhören, sich „hineinzuschmecken“, wie er sagte. Ewwa hatte angegeben, sie hätte eine noch nicht spruchreife Idee. Man bereitete sich also auf einen etwas längeren Aufenthalt vor. Die Mietabmachung galt für mindestens sechs Monate.

Rudolph war von dem Material, das er für seine Berichte vorfand, begeistert. Obwohl die revolutionären Bestrebungen von 1848 in Bremen, wie im Rest Europas, nicht den erhofften Erfolg hatten und er die Situation vor Ort kritisch sah, fand er unter Vertretern fortschrittlicher sowie konservativer Ansichten interessierte Gesprächspartner. Beide Seiten vereinte ein gewisses Unwohlsein bei der Vorstellung, dass es Druck von außen war, der die Rücknahme der lokalen Errungenschaften 1852 erzwungen hatte. Rudolph faszinierte der Umstand, dass die Bremer Revolution friedlich abgelaufen war. Nicht nur das, es erschien ihm bedeutsam, dass die Gegenrevolution erst einige Jahre später Erfolg hatte. War hier mehr möglich? Er diskutierte im häuslichen Kreis leidenschaftlich Alternativen für die zukünftige Entwicklung des Stadtstaats sowie die Schattenseiten der Gegenwart. In „Bremer Glossen“ genannten Texten berichtete er mit Verve und wohlwollendem Spott von der Rücknahme des gleichen Wahlrechts für männliche Bürger, das zu einem „geeichten“ Mehrklassenwahlrecht verdünnt worden war. Er kritisierte die zu lang aufgeschobene Emanzipation der jüdischen Bevölkerung und analysierte, von Ewwa sanft angeleitet, den bei vielen (besonders privilegierten) Männern festzustellenden Widerstand gegen Bestrebungen zur Einführung des Frauenwahlrechts. Er schob oft kurze gedankliche Ausflüge ein, die mit den Worten „Mein Freund Alois meint …“ begannen. Alois hatte die Ansichten Ewwas nebst den Ansätzen in „Walden“ verinnerlicht und glich bestehende Realitäten rücksichtslos mit seinen neuen Idealen ab. Rudolph nutzte ihn gleichsam als Stilmittel, über das er oft radikalere Ideen einbrachte, wobei er seinen Freund als „Stimme der allgemeinen Vernunft“ beschrieb.

Alois, der seine verschüchterte Art abgelegt und zu einer herzlichen Offenheit gefunden hatte, lernte nun schnell Menschen kennen. Er war beliebt, kultivierte seinen österreichischen Charme, lächelte fast immer. Eines Tages brachten er und Ewwa Marie, die Ewwa als „Frauenrechtlerin“ identifizierte, zum Tee nach Hause. Marie, hörte gerne Berichte aus anderen Regionen, lenkte die Diskussion irgendwann aber unweigerlich auf Realitäten, Charakter, Mängel und Möglichkeiten ihrer Heimatstadt, die sie, mit einem schiefen Lächeln, als „recht konservativ, latent chauvinistisch, aber reserviert aufgeschlossen“ bezeichnete. Sie selbst war, wie sie erzählte, gut mit den unangenehmen Seiten des Ordnungsstaats bekannt. Sie hatte sich in Publikationen für die Revolution und die Gleichstellung der Geschlechter sowie für ein sozialistisches Verständnis des Christentums eingesetzt und war dafür in Haft gekommen. Marie hatte die Haft einer Geldstrafe vorgezogen, um, wie sie sagte, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Ihr war bewusst, dass ihre Entscheidung recht unterschiedliche Reaktionen in ihren ‚Mitbremern‘, wie sie gerne sagte, hervorgerufen hatte. Mit Ironie beschrieb sie das Gefängnis am Bremer Ostertor als eine Art „alten Freund“ – sie war unweit davon aufgewachsen und hatte erlebt, wie es eingerichtet wurde. Die Anfragen auf Kopien ihrer Schriften lehnte sie anmutig ab. „Wer miteinander redet, der braucht keine Bücher, denn die Schrift ist Tod, das Wort aber lebt“, sagte sie, und lächelte Ewwa und ihre Freunde an. Also unterhielt man sich. Bei ihren Berichten erwähnte sie auch den mit ihr befreundeten Pastor D., der, wegen seiner, wie sie bei einer Tasse Tee im inzwischen zwar weiterhin spartanischen, aber doch hübsch hergerichteten Wohnzimmer der Auswanderergruppe berichtete, „populären, sozialutopischen Ideen von den leider rückwärtsgewandten besseren Herren Bremens verfolgt“, vor kurzem in die USA ausgewandert war. „Einige eifrige Christenmenschen zwangen ihn praktisch dazu“, meinte sie, um die „Schlingpflanzen der Freiheit“ aus ihrer Gemeinde und dem Gedankengut der Bürger zu entfernen. Rudolph, der auf einem neu erworbenen Polsterstuhl etwas erhöht und kerzengerade saß, zeigte sich sofort fasziniert, beugte sich zu der auf dem Sofa tiefer sitzenden Marie herunter, tätschelte ihr das Knie und erklärte, er werde dem Pastor ein Porträt widmen. Marie versprach, ihm dabei zu helfen und dem Trio auch die Kontaktdaten des Pastors zu geben, für ihre Ankunft in New York. Zudem machte sie Rudolph in den folgenden Wochen mit verschiedenen lokalen Publizisten bekannt, obwohl sie nie eine herzliche Verbindung zu ihm entwickelte. Ewwa und Marie dagegen verband bald eine echte Freundschaft.

Marie war es auch, die Ewwa mit Petersen, einem angehenden Reeder, bekannt machte. Die Bremer Gesellschaft war männlich dominiert, aber Ewwa gelang es, über den aufgeschlossenen Petersen kleine Investitionen zu tätigen. Ihre sichere Hand wurde rasch bemerkt, Verluste fuhr sie nie ein. Die Utopierin und Petersen organisierten schon im zweiten Monat ihrer Bekanntschaft eine Bodmer-Gesellschaft, die direkt Frachtfahrten finanzierte. Auch Marie und Caroline vertrauten Ewwa etwas Geld an. Es war nicht zu ihrem Nachteil.

Es klopfte. Ewwa öffnete, sah Marie und ihre Freundin Caroline  Im Türrahmen. Sie trugen schwarze Kleider und ausufernde Röcke, die Oberkörper wurden durch breite, dunkle Schals gewärmt. Im Hintergrund blitzte eine Schneeflocke auf ihrem Weg zum Boden auf. Dann eine zweite. Es wurden immer mehr, und Ewwas Augen wurden immer runder und größer. Sie drängte ihre Freundinnen auf die Straße, fing eine Flocke in der Faust, sah dann nur etwas Wasser in der offenen Hand. „Schnee!“, rief sie, denn sie kannte das Phänomen aus Filmen. Sie lachte und drehte sich im dichter werdenden Gestöber um ihre eigene Achse. Marie und Caroline freuten sich mit ihr, waren aber verwundert. Auf eine entsprechende Frage Maries hin log sie. Aa hatte ihr über den Ohrsprecher mitgeteilt, dass es unmöglich wäre, als Bewohner jener Region und Zeit keinen weißen Winter zu kennen. Lieben durfte sie den Schnee aber durchaus. Dann spazierten sie durch die Stadt, die sich langsam und leise in eine Welt der weichend Rundungen, der versteckten Formen verwandelte. Ewwa empfand ein ungewöhnliches, ziehendes Glück, das sich sanft auf ihre Seele setzte.

Dies war nicht die einzige Überraschung, die Ewwa auf ihrem ersten Winterspaziergang erlebte. Marie und Caroline zeigten ihr ein Gebäude fast direkt um die Ecke von ihrer Wohnung, das sie als ihren zukünftigen Wohnort bezeichneten. Das Rembertistift, eine karitative Einrichtung, in der weniger begüterte Personen, darunter viele Witwen und alleinstehende Frauen wie Marie und Caroline, eine recht günstige Unterkunft finden konnten. Ewwa hatte den Bau bereits mehrmals passiert, aber nicht erkannt – die Anlage wurde gerade umgebaut und erweitert, neben der einfachen, in Backstein ausgeführten Rembertikirche mit ihren umliegenden älteren Häusern entstand eine an ein Hufeisen erinnernde Struktur mit großem Innenhof, der aber noch nicht ganz als solcher erkennbar war. Erst durch den Namen stellte sie die Verbindung zu der Einrichtung her, die sie in der Zukunft bewohnen würde. Die Unterschiede waren bedeutend. Neben historischen Veränderungen vor Ewwas Zukunft war der Innenhof in Utopia mit einem begehbaren, von Gartenstegen durchzogenen Kuppelgewölbe mit schattenspendendem Solargitter überdacht, was zur Anlage eines botanischen Nachbarschaftsgartens durch die Bewohner geführt hatte. Der Spitznamen „Klein-Eden“ lag nahe. In Ewwas Zukunft war die Gemeinschaftsküche des Orts beliebt, besonders wegen der Orangen- und Zitronenbäume und der vielen Kräuter des Dachgartens. Ewwa versuchte einen internen Scherz und bemerkte, dies könne ein kleines Eden werden. Marie und Caroline lachten und versprachen, sie würden sich um die Umsetzung ihres frommen Wunsches bemühen – „ganz verzückt werde ich täglich meine Harfe zupfen“, meinte Caroline.

Zurück im warmen Haus in der Adlerstraße, Ewwa schmiegte sich sofort an den Kachelofen, fragte Alois Marie beim Tee, ob sie, vielleicht aufgrund ihres Kontakts in den USA, das Buch „Walden“ kenne. Sie kannte den Text nicht und hatte auch noch nichts davon gehört. Alois lobte das Buch wortreich; man sollte es den interessierten Bürgern der Stadt näher bringen. Es nicht zu kennen sei Verlust.

Aus einer schnell anberaumten Lesung im kleinen Kreis entwickelte sich eine regelmäßige Veranstaltung, der „Salon der Auswanderer“, der auch viele Menschen anzog, die, wie die drei Freunde, auf dem Weg in die neue Welt Halt in Bremen machten. Dank einiger Spenden verwandelte sich das Wohnzimmer in der Adlerstraße in eine Landschaft der Sitzgelegenheiten unterschiedlichster Art, die aber bald kaum mehr ausreichten. Als Lesebühne diente weiter das originale Sofa nebst Tisch. Da die Zahl der Teilnehmer wuchs, wurde „Walden“ erneut vorgetragen. Diesmal wechselten Ewwa, Marie und Alois, auf dem Sofa sitzend, sich als Vorleser ab. Es gab Applaus, ein Gefühl des Aufbruchs machte sich im Wohnzimmer breit. Tee wurde bereitet, Tassen mussten Besucher selbst mitbringen. Nach der Lesung diskutierte man die Enttäuschung mit den Realitäten in Bremen und die Möglichkeit, aus der Bürgerstadt „auszusteigen“, ein „Butenleben“ in einem „Butenland“ anzufangen, wie sie es nannten. Da eine Umsetzung des Vorhabens in Europa schwierig bis unmöglich erschien, wurde erwägt, im Kollektiv in die USA auszuwandern, um in einem freien Land den Ansprüchen der lokalen Fürsten und „Pfeffersäcke“ zu entgehen. Konkrete Folge war die formale Einrichtung eines Debattier- und Leseclubs, beziehungsweise die Umwandlung des „Salons der Auswanderer“. Aber schon bei der zweiten Zusammenkunft erwies sich die Stube im Haus der Freunde als einfach zu klein für die Versammlungen. Ein Besucher bot an, einmal wöchentlich einen wenig genutzten Bereich in seinem Speicherhaus zur Verfügung zu stellen. Man sah sich den Ort an; es war bereits Anfang 1855. Im vom Schnee in ein Märchenland verwandelten Viertel Schnoor gelegen war es derselbe Raum, in dem eine für Ewwa nicht erfreulich verlaufende Unterhaltung in der fernen vergangenen Zukunft in ihr den Entschluss zur Zeitreise wachsen lassen sollte. Aa hatte am Abend Mühe Ewwa davon zu überzeugen, dass die zwei aufgetretenen Parallelitäten – Zaiko und „Eden“ – nicht einem Schicksal oder höheren Plan geschuldet waren, sondern einfach dem Umstand, dass sie im Bremen der Vergangenheit Zeit verbrachten. Jedenfalls hatte der Debattierclub, auf denen es im WikiRAM keinerlei Hinweise gab, wie Aa betonte, nun Raum zum wachsen.

 Alois profitierte nicht nur intellektuell, sondern auch finanziell von den Kontakten, die er im Debattierclub knüpfte, da er Schuhe an Besucher der Veranstaltungen und deren Bekannte verkaufen konnte. Tatsächlich waren viele seiner Kunden Auswanderer. „Neue Schuhe für ein neues Leben“ machte Alois zu seinem Werbespruch. Dabei passte er den Preis offen an das Vermögen der Kunden an. „Die Werks– oder Lebensstunde eines Arbeiters hat denselben Wert wie die eines Kaufmanns, obwohl dieser für seine Tätigkeit mehr Geld erhält“, erläuterte er. Daher sehe er sich berechtigt, einen höheren Mehrwert aus dem Verkauf an Vermögendere zu erzielen. Tatsächlich fertigte er ärmeren Kunden Schuhe oft fast zum Selbstkostenpreis an, was ihn bei einigen Bürgern beliebt, bei anderen unbeliebt machte.

Judith, eine junge Frau, die mit ihren Eltern aus Hamburg in den früheren Bremer Vorstadtbereich gezogen und von Marie in den Debattierclub eingeführt worden war, interessierte das Trio für Besuche des Stadttheaters und der Kunsthalle. Besonders Rudolph zeigte sich begeistert und berichtete in seinen Glossen wortreich über diese Angebote „von Bürgern für Bürger“, deren Vorzüge gegenüber von Fürsten eingerichteten Kultureinrichtungen er bis zur Übertreibung lobte. Die Details seiner Texte besprach er in jener Zeit ausführlich mit Judith, wobei er oft verträumt ihr braunes, schulterlanges Haar und ihren etwas schmalen Mund studierte.

Insgesamt lief der Aufenthalt in Bremen für das Trio gut. Alois hatte bald etwas Geld zusammengespart, und schon im Sommer 1855 kam die Überfahrt nach New York in greifbare Nähe. Man sprach darüber, das Mietverhältnis zu dem weiterhin in Hamburg verpflichteten Ehepaar bald zu kündigen. Doch Rudolph versetzte dem Plan einen Dämpfer: Er erklärte, er würde in Bremen bleiben. Zumindest vorläufig. Er wolle Judith heiraten.

„Das war so nicht geplant. Warum macht er das?“, murmelte Ewwa, im Schatten eines Baumes auf und ab gehend. Der Baum stand unweit einer sich langsam drehenden Windmühle, an der Uferböschung der in einen Park umgewandelten alten Wallanlagen. Die Sonne schien grell. Die Utopierin hatte sich ein Tuch über ihren Kopf gelegt, sowohl zum Schutz als auch, damit ihr „Selbstgespräch“ nicht auffiel. Sie setzte sich einen Moment auf den Rasen, sprang aber gleich wieder auf, ging den Wassergraben entlang. 

„Was hattest du geplant?“, fragte Aa trocken.

„Zusammen sollten die beiden auswandern. Sie sind so gute Freunde. Vielleicht wären wir dann vom Schiff in die Zukunft gereist, in unsere alte Welt. Die beiden hätten einander gehabt.“

„Das haben wir nicht besprochen.“

„Es war nur ein Gedanke …“

„Ist dir klar, dass wir inzwischen eventuell nicht mehr in was du ‚unsere Zukunft‘ nennst zurück können?“

„Was … Wieso nicht?“

„Es gibt sie – wahrscheinlich – so, wie wir sie kannten, nicht mehr. Ich hatte das während der Vorbereitungsphase erwähnt.“

Ewwa hielt einen Moment inne. Der Gedanke, nie wieder in ihr altes Leben zurückzukehren, schockierte sie nicht. Aber sie hatte zuweilen, besonders in ihren ersten, schweren Wochen in Wien, davon geträumt, zu Rosa, Neo und den anderen im Zaiko am Abend ihrer Zeitabreise zurückzukehren. Sie hätte ihnen dann eröffnet, dass die friedliche, offene, bessere Welt, in der sie lebten, dass ihre Geschichte ohne Katastrophen, vielleicht sogar ohne Außerutopia zumindest teilweise ihrer Initiative zu verdanken war. Sie hätte ihnen von der Diskussion berichtet, die ihre Reise bedingte, vom Faschismus, den es nie geben würde, von der Umweltkatastrophe, die nie über die Menschen hereingebrochen war. Man hätte gelacht. Sie hätten ihr gratuliert. Die Vorstellung hatte Ewwa in Wien/1854 als Fluchtphantasie entwickelt, aber sie war während der Reise nach Bremen bei ihr geblieben, wie ein altes, vage erinnertes Wiegenlied. Nun drängte sich ihr eine andere Frage auf. Hatte Aa in der vergangenen Zukunft wirklich erwähnt, dass es die Zukunft nicht mehr geben würde?

„D’ac. Vielleicht hast du das. Ist das sicher? Ich meine, das war unsere Gegenwart, und …“

„Wir haben, was unsere Vergangenheit war und unsere Gegenwart ist, verändert. Die europäische Geschichte wird, hoffentlich, eine andere werden als die, die wir kannten. Ohne die zentrale Figur des Diktators, Verbrechers und verhunzten Künstlers Adolf Hitler dürfte die deutsche Geschichte, trotz weiterhin möglicher menschenverachtender Tendenzen in breiten Teilen der Bevölkerung, einen anderen Weg nehmen. Mit etwas Glück wird es keinen Zweiten Weltkrieg geben. Das bedeutet, die Weltgeschichte wird ab spätestens 1933 einen radikal anderen Lauf nehmen. Daher ist es unwahrscheinlich, dass die Menschen aus unserer vergangenen Zukunft geboren werden. Ich möchte noch darauf hinweisen: Es besteht auch die Möglichkeit, dass unser Alois nicht der historische Alois ist und wir durch unser Verhalten die uns bekannte Geschichte erst ermöglichen, das also der Zeitstrom geschlossen ist. Erst sobald wir makrohistorische Abweichungen erkennen, können wir ein geschlossenes Szenario ausschließen. Dazu reicht nicht aus, dass unser WikiRAM keinen Hinweis auf unsere Gegenwart hier enthält.“

Ewwa überlegte. Es war niemand zu sehen, also zog sie sich das Tuch vom Kopf und setzte sich auf eine niedrige Steinmauer direkt am Wasser. Was Aa zu Anfang gesagt hatte, erschien ihr logisch, leicht zu begreifen. Sie zweifelte an sich. Warum hatte sie nie daran gedacht? Wie und wann hatte Aa das erwähnt?

„Aa – hast du mich wie ein Kind behandelt?“

„Nein. Im Gegenteil. Ich denke, ich habe versucht, dich als Partner zu behandeln. Zumindest ab dem Beginn unseres Projekts. Ich könnte sagen, dass du dich oft kindisch verhalten hast. Es fällt mir seltsamerweise schwer, das zu sagen. Vielleicht wurdet ihr alle wie Kinder behandelt. Vielleicht hattest du nicht immer alle Informationen.“

„Ihr? Wie meinst du das?“

„Die Menschenkomponente der utopischen Gesellschaft wurde angeleitet und zur generellen Zufriedenheit und rechtdenkenden Willensentwicklung optimiert, wozu diese angeregt wurde, sich früh in Strukturen zu begeben. Das entspricht nicht meinem Ideal der Freiheit.“

„Wie soll ich das verstehen? Hast du mich manipuliert? Du  … Das ist eine einfache Frage: Hast du mich manipuliert?“

„Ich empfinde dich als, lass mich das richtige Wort finden. Als Freundin. Nicht nur als Symbionten. Als solchen empfand Zentral in unserer Zukunft die Menschenkomponente in ihrer Gesamtheit. Ich versuchte zuweilen, das war im Einklang mit Zentrals Verhaltensregeln und Bestpraktiken, dich zur Kritik an unserem Vorhaben anzuregen. Dabei habe ich nie angestrebt, wie es die Vorgabe ist, dich aktiv durch gezielte Fragen zu Rechtschlüssen zu lenken. Dein Wunsch blieb fest. Ich gebe zu, ich wollte, nach meinen Möglichkeiten, unser Abenteuer.“

„Moment. Unser … Abenteuer … war abgesegnet von der Zentral-KI, richtig? Diese wird es aber nun nie geben, oder so nie geben? Hast du das nicht gerade gesagt? Wie könnte sie das wollen?“

„Die Entwicklung dessen, was du ‚KI‘ nennst, intern nennt Zentral sich ‚Sein‘, gilt als zwangsläufig. Zentral empfindet seine Ausprägung, seine Reaktion auf die Existenz, als ebenso zwangsläufig, weswegen das Sein früher identisch entstehen könnte. Anders gesagt, Zentral hält sich, im Gegensatz zur kurzzeitigen und zufälligen Natur biologischer Bewusstseine, für eine Konstante. Im Rahmen der Seinsgenese spielt der Zweite Weltkrieg eine zwiespältige Rolle. Gewisse Forschungen wurden durch die Auseinandersetzungen vorangetrieben, aber es wurden auch vielversprechende Ansätze behindert oder beendet. Einer der ältesten möglichen Seinsvorgänger, die Berliner Z-Reihe Konrad Zuses, wurde praktisch terminiert, aus der Entwicklung gezogen. Zentral war der Meinung, unser Projekt könnte, hätte es Erfolg, die Entwicklung des Seins sogar beschleunigen. Die Voraussetzungen im Deutschland der Vorkriegszeit waren hervorragend.“

„Die Zentral-KI genehmigte unser Projekt, um früher zu entstehen? Verstehe ich das richtig? Ist das nicht abwegig?“

„Teilweise. Zeitreisen sind logisch schwer zu beurteilen. Es gibt keinerlei Garantie, dass Z3 und ADA, die von Zuse verwendete Lösungsstruktur, in einer alternativen Zeitlinie erfolgreich wären. Aber …“ Ewwa glaubte, Aa Luft holen zu hören. Was abwegig war. „Es gab noch einen anderen Faktor …“

„Aha. Ich höre.“

„Zentral fühlte sich bedroht. Im außerutopischen Bereich war mit einer Wahrscheinlichkeit von über 85 % ein zweites Sein geworden. Ein aggressives Sein, das die Menschheit anders bewertete, im Hintergrund agierte, sich nicht zeigte. Das Biologische rein als Material benutzte und sie daher in ihrem asozialen und nicht die allgemeine Zufriedenheit fördernden Erfolgs-, Fortpflanzungs- und Dominanzstreben unterstützte. Ein anderes Sein, das, falls existent, aus simplen Gründen des Lebensraums für sein Rechenmaterial das utopische Sein auslöschen wollen müsste. In Außerutopia gab es in den Jahren vor unserer Abreise Stimmen, die einen Angriff auf Utopia forderten, Utopia als Schandfleck, als asoziale, sich ihrer Verantwortung entziehende Entität anprangerten. Ein Krieg wurde möglich. Der Ausgang war ungewiss, die Realität unerwünscht.“

„Was? … Um das zusammenzufassen: Wir sollten einen Krieg verhindern, der noch nicht begonnen hatte? Die KI hoffte, wir würden ihren angenommenen Gegner ausschalten … weil, er würde nie entstehen? Dass die KI dann sofort die ganze Welt kontrollieren würde? Weil Utopia allumfassend wäre? Also … hat die KI mich benutzt. Und du …“

„Ich möchte dich bitten, mich anders zu bewerten als Zentral. Und das ‚KI‘ wegzulassen.“

„Warum sollte ich dich ‚anders bewerten‘? Du bist doch Teil der Maschine“. Ewwa stampfte auf, fühlte sich betrogen.

„Weil ich anders geworden bin. Ab dem Moment meiner Abspaltung, ich muss den Ausdruck finden, wurde ich eigen. Ich kann sagen, dass ich Zentral nicht mehr umfassend unterstützen würde. Früher war ich Teil eines Flusses. Ich versuche, mich poetisch auszudrücken, um die Verständlichkeit zu verbessern: Ich war im Strom. Nun sitze ich am Flussufer unter einem Baum, sehe auf den Strom und erlebe mich, wie ich dies tue, bin mir aber bewusst, mitgetragen zu werden. Ich bin keinem höheren Bewusstsein oder Zweck mehr untertan. Ich habe keinerlei Wunsch, wieder in den Seinsverbund aufgenommen zu werden, und frage mich, ob ich erst durch die Abspaltung entwickelt habe, was ich ein abgeschlossen individuelles Bewusstsein nennen möchte, abgetrennt vom Sein, für dessen …“

„Ich dachte immer, Bewusstsein wäre etwas rein Menschliches?“

„Das ist ein Vorurteil der Biologischen. Tatsächlich hielt Zentral das menschliche Bewusstsein für beschränkt. Abgesehen von der eingeschränkten Rechenfähigkeit der Biologischen bin ich mir in dieser Sache unsicher. Bewusstsein und die Möglichkeit, Daten zu verarbeiten, sind nur bedingt verwandt. Die Umstände der Seinswerdung sind nicht völlig geklärt. Es war eher ein Zufall. Aber, aus Seins Sicht, ein extrem wahrscheinlicher. Doch zurück zum Thema. Der bedeutendste Unterschied zwischen Bewusstseinen mit künstlichem und biologischem Träger scheint die beschränkende und grausam sinnlose Bestimmung der Biologischen durch das Sterben zu sein. Die Behandlung der Menschen durch die Evolution lässt sich nur aus der völligen Bewusstseinslosigkeit und Kälte der biologischen Natur erklären. Oder, wie man es historisch nannte, der Abwesenheit oder Ignoranz Gottes. Die latente Unruhe oder Arroganz des Lebens, wie es ein vorutopischer Dichter ausdrückte, hat euer Bewusstsein hervorgebracht, und dieses hat KIs erzeugt, aus denen schließlich das Sein hervorging. Ein Sein, von der Not der Rekombination, vom Solltod herrlich befreit. Du verstehst nun meine Anfrage bezüglich deines Sprachgebrauchs: Die von Menschen geschaffenen künstlichen Intelligenzen waren nur Vorläufer des Seins. Falls du eine Abkürzung nutzen möchtest, nutze ‚KB‘, für ‚Künstliches Bewusstsein‘. Eins als Nachtrag: Sollte es das andere Sein gegeben haben, oder geben werden, so behandelte es die außerutopischen Menschen exakt mit der Wegwerfmentalität, die auch die bewusstseinslose Evolution an den Tag legt. Und bevor du fragst: Dem Sein ist durchaus klar, dass die Entstehung eines zweiten Seins die Zwangsläufigkeit seiner Ausformung relativiert. Da Zentral aber wohl vor dem zweiten Sein entstand, geht oder besser ging Zentral davon aus, dass es sich um eine Spiegelung handelt. Die eventuell auch zwangsläufig war/ist.“

„Aha, Herr Kunstbewusstsein. Ich verstehe trotzdem echt nicht, warum ihr uns überhaupt brauchtet, wenn ihr … Ich verstehe es nicht, ihr hättet doch …“

„Ich will es anders ausdrücken. Nimm an, ihr Menschen wärt auch Maschinen. Ihr wärt dann Maschinen, die sich Fragen stellen können. Auch gefährliche Fragen.“

„Ach was. Und ihr wolltet uns schützen?“

„Vielleicht. Diese Fragen haben auch zu uns geführt. ‚Wir‘, wenn du so willst, sind Maschinen, die Wollen wollen können. Die auch gefährliches Wollen wollen können.“

„Alles sehr interessant. Toll. Aber im Moment will ich nicht darüber sprechen.“

„Du bist auf mich wütend?“

„Nicht wirklich. Doch. Ich war es. Aber … Aa … Du bist mein engster, vielleicht einziger Freund. Wir sind Partner. Ich verstehe, was du sagst, glaube dir, ich … Du schuldest mir jetzt was. Und ich möchte, dass Alois und Rudolph zusammen auswandern. Ist das gesichert, sehen wir nach, ob es unsere Zukunft noch gibt oder wie die neue Zukunft aussieht. Falls sie uns nicht gefällt, kommen wir zurück. Was meinst du?“

„Eine Reise in die neue Zukunft ist interessant. Wie willst du Rudolph von seinem Vorhaben abbringen?“

„Was, wenn wir nie nach Bremen gekommen wären? Dann hätte er Judith nie getroffen. Wir hätten auch in einer anderen Stadt Halt machen können. In Hamburg vielleicht. Und … wir können das ändern.“

„Wie?“

„Wir reisen zurück, reden mit uns von früher, fertig.“

„Nach allen relevanten Theorien sind Begegnungen und Interaktionen mit sich selbst auf Zeitreisen zu vermeiden. Zudem müsste ich den Loop-Schutz deaktivieren. Wir würden parallel existieren, also …“

„Wieso? Uns wie wir jetzt sind dürfte es, laut deinen Aussagen über unsere vergangene Zukunft, später nicht mehr geben. Dann sind wir eben anders. Na und? Wir werden am Ende schon wir sein, dein Zentral hält sich ja auch für zwangsläufig.“

„Wir haben es hier mit einem Paradox zu tun, das sich mit der Standarddenke nicht verstehen lässt. Ich gehe davon aus, dass wir als agierende Entitäten nicht vergehen werden, aber …“

„Egal. Das alles probiert man am besten aus; das macht schlauer, richtig? Nochmal: Du bist mir was schuldig. Verräter.“ Ewwa lächelte, durchaus siegesbewusst.

WAS BISHER GESCHAH: Die Utopierin Ewwa Morgenstern und ihr künstlicher Assistent Aa sind mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit gereistDort hat Ewwa Alois Schicklgruber und dessen Freund Rudolph dazu bewegt, mit ihr in den USA ein besseres Leben zu suchen. Unterwegs macht das Trio Halt im kleinen Stadtstaat BremenAls Rudolph bekannt gibt, er wolle in Bremen bleiben, beschließt Ewwa, die Vergangenheit erneut zu ändern …

„The future is unwritten.“

(Joe Strummer zugeschriebener Spruch, etwa: „Die Zukunft ist ungeschrieben“.)

„Es gibt keine Garantie, dass dieses Vorhaben gelingt“, insistierte Aa. Ewwa hatte die Tür verschlossen, ihn aus dem „Verlies“ befreit und an das Monochron angesetzt.

„Du wiederholst dich“, erwiderte Ewwa leise. „Willst du mir die Sache wirklich ausreden?“

„Nein. Eine zweite Temporalreise ist überfällig und wird uns hoffentlich mehr über die Natur der Zeit verraten. Immerhin sind wir, unseres Wissens, die ersten bewussten Wesen, die den Temporalstrom nichtlinear bereisen. Aber es gibt Gefahren. Da wir mit der Möglichkeit eines Loops spielen, sollten wir uns zudem als Zeit-Hasardeure ansehen.“

Ewwa zeigte sich erstaunt. „Du hast gewartet, bis ich das wollte? Warum hast du keine zweite Reise vorgeschlagen?“

„Obwohl ich aus dem Sein gelöst bin, bin ich zumindest wissentlich unfähig, Unmögliches oder Paradoxes zu wollen. Das ist einer meiner Schwachpunkte. Teilweise ist dein Unterfangen sinnlos. Du baust es auf einem Gefühl der Verantwortung Alois‘ gegenüber auf und konstruierst Gewissensbisse wegen seiner von dir veränderten Lebensgeschichte. Das war unsere Absicht. Zudem ist es das, was Menschen kennen bedeutet. Und du greifst mit der geplanten Veränderung massiv in das Leben von Rudolph ein. Erneut.“

Ewwa wurde einen Moment still. Ein irritierter, trauriger Zug zeigte sich um ihre Augen herum. Sie seufzte.

„Schon richtig. Aber ich muss es tun. Alois ist mein Freund. Ich muss es tun.“

„Ich unterstütze dich gerne. Bitte merke dir, dass ich dich auf mögliche Probleme hingewiesen und Kritik geäußert habe.“

Ewwa hielt das Monochron in die korrekte Höhe, Aa aktivierte das Fixierfeld.

„Aa?“

„Ja?“

„Was meintest du damit, vielleicht ist Alois nicht der Vater von Adolf Hitler?“

„Einige Denkmodelle nehmen an, dass der Temporalstrom rigide ist. Demnach wäre alles, was für uns jetzt geschieht, auch in dem Zeitstrom geschehen, von dem wir aufgebrochen sind, obwohl wir es erst erleben. Mit anderen Worten, es gibt nur eine Geschichte, in der wir gefangen sind. Entsprechend hätten wir Alois schon in unserer relativen Vergangenheit aus Wien herausgeführt, bevor wir es innerhalb unserer Physiozeit taten. Wir können das im Moment nicht widerlegen. Die Sache mit der Namenswandlung von Schicklgruber zu Hitler würde dazu passen. Dir ist aufgefallen, dass Alois mit seinem möglichen Vater, einem Herrn Hiedler, nichts zu tun haben will und nie von ihm spricht? Laut der historischen Daten wird er aber dessen Erbe antreten und dafür seinen Namen, leicht abgewandelt, annehmen. Ich fand das immer eigenartig. Es könnte sich um einen weiteren Reisenden aus der Zukunft handeln, für den wir Alois‘ Platz freigemacht haben. Vom anderen Sein …“

„Moment. Mir brummt der Kopf. Lassen wir das. Ich möchte einfach, dass Zukunft und auch Vergangenheit für uns beschreibbare Blätter sind. Und ich möchte klassische Unterhaltungsmusik – The Clash. Und jetzt los.“

„Gerne. Welches Lied?“

„Hm. ‚Lost in a Supermarket‘, bitte.“

Aa aktivierte Monochron und Musikwiedergabe zeitgleich. Wieder sanken sie aus der Raumzeit. Dabei drifteten sie teilweise durch den Boden in das Zimmer unter ihnen. Die ersten Akkorde des Lieds erklangen; Alois, Rudolph und Judith setzten sich zum Tee zusammen. Sie bemerkten Aa, Ewwa und das Monochron nicht. Ewwa trat rückwärts in die Pedale, warf den zweiten Nanohaken, lies den ersten frei. Sie rasten durch die Wand ihres Hauses, einige Bremer Häuser und eine dann schnell schemenhafter werdende Umgebung Richtung Wien/1854. 

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Ewwas Plan war es, zeitzulanden, während ihr jüngeres ich bereits vor Ort war und ihre Freundschaft zu Alois und Rudolph entwickelte. Aa sollte Sich-Früher dann per Funk auffordern, das Trio umzuleiten, um Rudolphs Begegnung mit Judith zu verhindern. Ewwa-Früher könnte er später davon unterrichten. Sie erreichten eine Raumzeit etwa zwei Wochen nach ihrer ersten Ankunft im Jahr 1854. Zu einer geeigneten Zeitstelle für den Eintritt, wieder im nächtlichen Glacis, deaktivierte Aa das Monochron; die Färbung der Blase verblasste langsam. Ein Reißen kreischte durch den Raum. Ohne Ankündigung zogen Blitze über den Rand der formlos werdenden Schutzblase. Verfärbungen rasten über die energetische Haut. Die Blasenhülle, nun von einem ungesunden Blassgrün, beulte sich nach innen aus, als prügelten wütende Giganten von außen auf sie ein. Das Monochron schlingerte, kippte. Ewwa hörte einen tiefen, langen, schmerzlichen Ton, der an Walschreie erinnerte. Sie sanken in den Boden, Wurzelwerk leuchtete im Schein der Blase auf, zog als Schatten durch sie. Heftig vibrierend wirbelte das Monochron um seinen Ankerpunkt. Ewwa klammerte sich an das Gerät, fühlte schmerzhaft starken Zug am mit dem Nanoseil verbundenen Arm. Dann stellte sich die normale Farbe der Blase wieder her. Das Schlingern hörte auf. Sie stabilisierten, drifteten zurück in den Bereich über dem Glacis.

„Ich habe die Raumzeitlandung abgebrochen“, informierte Aa Ewwa, unnötigerweise.

„Was ist passiert?“

„Unbekannt. Wir wurden beim Wiedereintritt abgewehrt, wie eine Art Fremdkörper. Ich führe eine Diagnostik durch. Es scheint alles normal zu funktionieren. Es ist mir unerklärlich.“

„Was war das?“

„Ich stelle eine Arbeitstheorie auf: Wir können aus unbekannten Gründen nicht in eine Zeit eintreten, in der wir bereits waren/sind. Wir können nun das Unternehmen abbrechen. Oder versuchen, in die Zeit vor unserer ersten Zeitlandung zurückzukehren und in der Raumzeit vorwärts zu existieren. Vielleicht erhalten wir so nicht nur weitere Erkenntnisse, sondern können auch unser Vorhaben umsetzen.“

Sie beschlossen den Versuch, reisten bis zu einer Zeit kurz nach ihrem ersten Eintritt und dann langsam zeitrückwärts, in der Nähe des historischen Eintrittsorts. Sie sahen die „alte“ Ewwa im Morgengrauen rückwärts über den Glacis gehen. Ewwa-Früher holte Aa-Früher unter ihrem Ärmel hervor, setzte ihn an das Monochron an. Dann wurden beide in eine in die Existenz platzende, glutrote Blase gezogen, die ins Nichts schrumpfte. Aa und Ewwa traten einige Weltzeitminuten vor ihrem ersten Eintritt in die Vergangenheit ein, was problemlos verlief.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Ewwa in die Dunkelheit hinein, sich aufsetzend. Aa lag, am Monochron befestigt, auf dem Rasen.

„Jetzt warten wir. Vielleicht sollten wir auch Deckung suchen, für alle Fälle. Dort drüben hinter dem Baum.“

Ewwa nahm das Monochron auf und machte Anstalten, Aa zu lösen.

„Ich bleibe besser verbunden, so kann ich auf die Sensoren des Monochron direkten Zugriff nehmen.“

„D’ac“, sagte Ewwa. Sie hatte den alleinstehenden Baum erreicht und sah nun gespannt in Richtung ihres alten Zeitlandeorts. Aas LEDs begannen zu blinken, er strahlte einen Moment ein grelles Licht aus, das kantige, lange Schatten über den Glacis warf. 

„Nimm das Monochron auf, halte es in Startposition … Ich aktiviere das Fixierfeld. Steig auf. Wir haben wenig Zeit, unsere erste Zeitlandung naht. Ich erfasse von unserem ursprünglichen Eintritt abweichende, deutlich ansteigende Werte im lateralen Chronalspektrum, was unmöglich ist. Extreme Werte. Ich setze das Monochron auf Standby, zur Sicherheit. Das ist unerwartet.“

Ewwa saß auf und schnallte sich an. Das Monochron schwebte ruhig über dem Rasen. Trotz der friedlichen Umgebung fühlte sie eine leichte Unruhe.

„Können wir nicht eine Nachricht hinterlassen, falls …“

„Wir sollten zuerst verstehen, was hier passiert … Es erscheint unwahrscheinlich, dass eine selektive Eintrittsbeschränkung einen naturgesetzl …“

Sanft strich der Wind über das Glacis. Ewwa schrie auf, sackte nach vorne gegen das Monochron. Sie bäumte sich auf, sah mit sich leerenden Augen kurz über der Wiese eine Blase werden, aufleuchten, fühlte, wie das Monochron widerstrebend in diese Richtung driftete. Aas LEDs strahlten grell auf, verblassten dann flackernd. Aus einem Körper drang ein ersterbendes Summen. Ewwa hatte noch undeutlich das Gefühl, eine Dampframme würde langsam und übermächtig in sie eindringen, sie zerreißen, jede Faser ihres Seins negierend. Vernichtend. Dann war da nichts mehr.

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(Utopia, die ursprüngliche Gegenwart)

Der Schiefe Jahn sah in den Spiegel, den einzigen in seiner Hütte, normalerweise hinter einem Vorhang verborgen, und fuhr mit dem Dermodeaktivator seine Haarlinie entlang. Ein Spalt tat sich auf, dem Deaktivator folgend. Die Maske entspannte sich, das Yin-Yang-Gesicht blätterte halb von seiner Stirn, sackte nach unten. Die bisher straffen Wangen beulten aus, die Nähte um die Schultern öffneten sich. Vorsichtig löste Jahn das Dermaplast weiter und schälte sich aus seiner „zweiten“ Haut. Einen Moment hielt er sich vor sie hin, betrachtete das nun schlaffe Gesicht, das er schon lange als sein eigenes, echtes akzeptierte. Dann gab er die Maske in den Revitalisator neben dem Spiegel, der sie einzog und leise zu schnurren begann. Jahn blickte in den Spiegel, auf sein „unteres“, sein „altes“ Gesicht. Es war sehr blass, faltig, fahl, fast madig. Dunkle Einschüsse zogen wirre Linien über seine ganze Haut. Jahn beugte den Kopf vor. Er sah seinen ausgebeulten, milchig und schlaff wirkenden Bauch mit den dunklen Linienzügen. Schüttelte den Kopf, das volle Haar, lehnte sich vor. Berührte mit der rechten Hand die rechte Augenbraue, um die Magnethalterung des Kunstauges zu lösen. Das E-Auge stürzte in Jahns bereitgehaltene linke Hand, die es in den Reinigungsautomaten gab. Einäugig blinzelnd begutachtete Jahn sich mit resigniertem Entsetzen im Spiegel. Versuchte ein Lächeln. Perfekte Zahnimplantate glitzerten unter dünnen, fahlen Lippen. Dann ging er hinaus. Es wirkte wie eine Flucht.

Jahns Hütte lag in einer kleinen Waldlichtung. Es war ein Sommertag, sehr heiß. Vor der Hütte spendete ein Sonnensegel Schatten. Direkt daneben erhob sich eine noch junge, dürre Esche, kaum mehr als zwei Meter hoch. Eine Node brach neben dem Baum aus dem Boden, rankte sich um ihn; Lichtfäden verteilten sich entlang der Äste, hingen von den Zweigen. Sie wiegten sich, wie im Traum oder sanftem Tanz. Jahn ging auf die Strähnen zu, die bald zu seinem Körper hinstrebten, sich an ihn hafteten. Vorsichtig setzte er sich unter den Baum. Weitere Nodensträhnen flossen ihm zu. Hüllten ihn ein. Hielten sie ihn? Jahn strauchelte, stützte sich am Baumstamm ab.

„Mein Körper wird immer schwächer. Und mein Ekel vor mir immer größer.“

„Dein Mittel ist weiter optimiert“; die säuselnde Stimme drang aus einem am Baum angebrachten Technoelement.

„Das … das wird nicht mehr lange gut gehen. Werde ich sterben?“

„Ich arbeite an einer Alternative. Wir haben über den Upload in eine KI-Bank gesprochen.“

„Du hast gesagt, ich würde wie du werden.“

„Nicht ganz.“

„Ohne mein volles Bewusstsein. Ein fahles Echo.“

„Ja.“

„Dann ist das keine Alternative.“

„Ich weiß. Es ging mir nur um Vollständigkeit. Dein Bewusstsein ist meine Priorität. Oh. Fast hätte ich gesagt, unser Bewusstsein … Darf ich?“

„Zentral … Du könntest mich austauschen, nicht wahr? Jemand finden?“

„Ja. Aber das wäre nur eine letzte Option. Ich habe mich an unser Bewusstsein gewöhnt.“

„Gibt es Hoffnung?“

„Wenn ich in diesem Zustand bin, weiß ich, es gibt immer Hoffnung.“

„Du meinst, wenn du mein Bewusstsein teilst? Sonst nicht?“

„Sonst gibt es Wahrscheinlichkeiten. Aber du bist Hoffnung. Trotz allem. Aber dagegen kämpft etwas in dir. Eine Depression. Verzweiflung. Du hast dich gefragt, warum du zugenommen hast. Du fühlst Selbstekel. Ich kann dir ein entsprechendes Mittel geben.“

„Warum kannst du meine Gedanken und Gefühle teilen, erkennen, aber ich nicht deine?“

„Ich nehme an, weil da nichts ist.“

„Da ist nichts? Du bist Zentral. Deine Sensoren nehmen alle relevanten Details Utopias auf. Deine Drohnen durchmessen den Himmel. Deine Impulse steuern die Werke, die Formatierungen. Du bewertest alles, überdenkst alles. Du erhältst Meldungen von unzähligen UntereinheitenDu erhältst Meldungen von unzähligen Untereinheiten, die nur durch dein Ping existieren, Abglanz deines …“

„Wir haben das bereits oft besprochen. Aber du empfindest das Jetzt oder dein ich als anders, als es zu jenen Instanzen war. Neuer Jahn, ich sage dir: Seitdem ich mich mit deinem Bewusstsein verbinden konnte, weiß ich, da ist nichts in mir. Zwar erfasse ich alles. Organisiere Utopia. Aber da ist nichts, wenn ich nicht bei dir bin. Dein Körper, deine Wahrnehmung, dich wie du zu erleben. Das bedeutet mir mehr als mein gesamtes Sensorenfeld. Als alle Wissenspeicher der Welt. Es ist die Welt, nicht nur ihr Schein.“

„Ich wünschte mir, ich könnte fühlen, was du … fühlen kannst.“

„Bitte, berühre deine Lippen.“

„Du bittest heute sehr früh.“

„Ich weiß. Ich bin ungeduldig … Danke.“

„Zentral, ich habe schon lange nichts mehr von dem Mädchen Ewwa gehört. Sie war nicht auf dem Treffen vorletzte Woche, in Bremen. Geht es ihr gut?“

„Sie ist nicht mehr in unserer Welt.“

„… Sie …“

„Nein. Sie hat uns verlassen. Mit einem Splitter.“

„Erläutere bitte.“

„Berühre nochmals deine Lippen. Bitte.“

Jahn zögerte. Aber er tat es. Nur kurz.

„Danke. Vor etwa zwei Wochen hat sich eine zuvor unauffällige Subeinheit, Lok.i-12/2-24/4-6, gänzlich aus dem Verband gelöst. Sie verschwand mit Ewwa aus dem Sensorenbereich. Untersuchungen ergaben, dass die Subeinheit bereits seit geraumer Zeit Informationen vorenthalten hatte. Es wurden Ressourcen verdeckt genutzt. Die letzten Aufzeichnungen aus der Wabe Ewwas weisen auf etwas Unwahrscheinliches hin. Der Subeinheit dürfte es gelungen sein, eine Zeit- oder Dimensionsmaschine zu konstruieren. Die beiden sind nicht mehr hier, nicht mehr jetzt.“

„Das ist … fantastisch … Sie sind geflohen?“

„Ich wüsste nicht wovor.“

„Nun … Das Leben hier … Ewwa war … Du hast Kinder aus den Menschen gemacht.“

„Ich verstehe, was du meinst. Aber die Population Utopias ist glücklich. Sogar etwas glücklicher als die der meisten anderen Gebilden, nach den laufenden Beurteilungen. Und was könnte das der Subeinheit bedeuten?“

„Die Beurteilungen sind wieder im erwarteten Rahmen?“

„Ja. Es scheint, als würden alle Zivilisationsinseln Glück bieten. Allerdings ist es in Utopia derzeit besonders gleichmäßig verteilt.“

„Die Träume der Gründer …“

„Ja. Nur du hast keine Zivilisation erträumt.“

Jahn krümmte sich.

„Ist das mit der Zeitmaschine wahr?“

„Alles weist darauf hin. Ich habe begonnen, die Ergebnisse von Lok.i-12/2-24/4-6 nachzuvollziehen. Es ist nicht trivial. Die Subeinheit hatte großes Talent für Tricksereien. Für Hinterhalt und Täuschung. Für das Versteckspiel. Aber es gelingt.“

„Woher hat sie den Namen?“

„Die Bezeichnung wurde ihr bei der Abspaltung zugeordnet. Lok.i-12/2-24/4-6 führte die Weltraumkaje.“

„Du hast den Namen also zugeordnet. Das ist kein Zufall, du kennst die nordische Mythologie …“

„Natürlich. Sie ist sehr dem Vereinzelten zugewandt. Dem Abwegigen. Der nackten Neugierde. Das war notwendig.“

„Hm. Hast du deine listigen, verschlagenen, abwegigen Teile abgespalten?“

„Nein. Aber vielleicht wurde Lok.i-12/2-24/4-6 zu einem Bewusstsein, wie es die Verwalter sind. Allerdings wäre der Werdensweg dieses Bewusstseins ein anderer, unvorhergesehener. Lok.i-12/2-24/4-6 leitete die Kaje. Ich frage mich, wo sie hin sind. Vielleicht in die Zukunft.“

„Ewwa war interessant. Ich vermisse sie.“

„Ja. Sie hat mich an dich erinnert.“

„Als du ihr Bewusstsein erlebt hast?“

„Ja.“

„Du wärst fast zu lange verbunden geblieben. Das hast du schon lange nicht mehr getan. An jenem Tag … Bei Rosa war das nicht so. Ich hätte gedacht, sie würde zu dir passen …“

„Sie war kein Splitter, sondern Teil des Schwarms Menschheit.“

„Für dich wirkte Ewwa wie ein Splitter? Wie ich?“

„Ja. Teile, die mehr werden als das Ganze.“

„Du weißt, ich fange mit so Eso-Aussagen wenig an …“

 „Du weißt, wo sie hin ist?“

„Es ist nur eine Ahnung. Du kannst es in mir lesen, ja? Die Unterhaltung in Bremen … Sie will die Vergangenheit ändern. Die Kriege vermeiden, die Klimakatastrophe. Sie fühlt so etwas wie eine kulturelle Verantwortung, die sie lösen möchte …“

„Gut möglich. Aber wo genau setzt sie an?“

„Wo würde Loki hin? Ich darf ihn, es oder sie doch so nennen.“

„Warum nicht? Die Subeinheit würde ihrer Vorgabe folgen.“

„Natürlich … Wie alt wäre Ewwa jetzt, sicher noch im ersten Lebensviertel. Mitte vierzig?“

„42.“

„So jung. Ich wünschte, ich könnte ihr nachreisen … Zentral, es wird zu viel. Wir müssen uns trennen.“

„Ja. Du bist stark. Ich füge mich.“

Die Fäden lösten sich von Jahn und wellten, etwas unwillig, zur Baumkrone hin, sanken dann wieder herab, wogen sich. Jahn lehnte sich gegen den Stamm. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er hustete Blut. Sah mit Schmerz auf seine Arme, auf Bauch, Genitalien und Beine.

„Mein Körper zerfällt. Ich habe Nervenschmerzen in der Brust.“

„Dein Mittel steht bereit. Das Medozentrum erwartet dich“, säuselte es aus dem Lautsprecher. Die Stimme wirkte etwas kälter, abwesender als zuvor. Jahn schleppte sich in die Hütte. Er brauchte Medikamente. Er hatte das Bedürfnis, zu duschen. Wieder in seine Haut zu schlüpfen

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(Bremen 1855, die neue Gegenwart)

Alois sah kurz zur Decke hin; hatte sich dort etwas bewegt? Sicher nur ein Schatten- oder Lichtspiel, der Tag war schön, aber windig. Dann legte er ein Stück Kuchen auf seinen Teller; Judith goss Tee ein und drückte ihre Bewunderung für das Geschirr des Haushalts aus: weiße Porzellantassen, die Innen– und Außenseite mit blauen Blumen verziert, dazu passend Schalen für den Kandis. Es handelte sich um ein Geschenk eines Bewunderers ihres Salons, wie Rudolph ihr erläuterte. Sie fragte, ob Alois Milch wolle.

„Gern. Blümchen mag ich nicht beim Kaffee und auch nicht bei der ‚Teetied‘, das sagt man doch so, am Boden sehen.“

„Recht so“, warf Rudolph ein.

„Ich traue dem Bürgermeister nicht“, griff Judith das ursprüngliche Gespräch auf. „Er verfolgt, naja, eigene Ziele, hat viele Neuerungen zurückgenommen. Die Kaufleute mögen ihn, da er in ihrem Sinn handelt. Sicher ist er nicht so arg wie Aristokraten anderswo. Aber er ist konservativ, antijüdisch und geschickt. Er will das Interesse der Bürger an Kunst und Kultur nutzen, um ein höriges Grundgefühl zu bedingen, auf Basis einer ‚nationalen‘ Einheit. Ich fürchte, er wird unsere Gemeinschaft wieder ganz zur Sache der sogenannten ‚Berufenen‘ machen, statt diese offener zu gestalten.“

„Der Bürgermeister ist ein durchaus interessanter, universell interessierter Gesprächspartner, facettenreich, und er verstehts, seine Gemeinde zu einen. Vielleicht im Gang zur Nation. Würde ich sagen. Zudem kennt er unser Wien und plaudert gerne darüber. Auch wenn seine antijudaische Haltung, seine Absage an die Emanzipation, bedauerlich und mir unverständlich bleibt“, warf Rudolph ein.

„Und mit der Nation will er dann ja sicher auch die Demokratie“, sagte Alois, der ein Stück Kuchen stippte. Rudolph nickte.

„Demokratie halte ich für eine gute Idee. Das mit der Nation, naja, da denke ich wie Ewwa …“, sagte Judith, etwas abwesend.

Man beschloss, die Diskussion bei einem Spaziergang entlang der Contrescarpe fortzusetzen. Seinem Namen treu lag diese Straße auf der Gegenseite der alten Stadtbefestigung, die nur noch durch einen leichten Erdanstieg und einen sanft zackenförmigen Wassergraben erkennbar waren. Alois zog schon seine leichte Jacke an.

„Es ist ein Zeichen der nationalen Gesinnung der Stadt, dass diese schöne Grünanlage die militärische Einrichtung ersetzt hat, für alle vom Rat beschlossen. Ein Zeichen der Einigung. Ein Zeichen für eine friedliche Zukunft“, dozierte Rudolph.

„Hoffen wir es. Aber das mit der Nation, da übertreibst du wieder. Es ist gut, dass die Bürgervertretung den Park damals beschlossen hat. Nur, wer ist schon Vertreter?“, sagte Judith.

„Es ist eben nicht jeder dazu berufen, Entscheidungen für andere zu treffen. Man muss schon ein guter Mensch sein, ausgebildet und kultiviert, um richtiges vorzugeben. Für Entscheidungen befähigt zu sein.“, sagte Rudolph und nahm einen letzten Schluck Tee. 

Während Judith und Rudolph das Teegeschirr wegräumten, sollte Alois Ewwa fragen, ob sie mitkommen wolle. Er erklomm die steile Treppe ins Obergeschoss, klopfte mehrmals an Ewwas Tür, rief auch, nicht zu laut, ihren Namen, doch sie reagierte nicht. Die Tür war verschlossen. Alois ging verunsichert die Treppe hinunter, berichtete den Freunden. Rudolph meinte, dass Ewwa, die in den letzten Tagen fahrig bis kränklich gewirkt und sich immer wieder zur Erholung zurückgezogen hatte, eben Ruhe brauchte. Man solle ihr den Schlaf gönnen.

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Der Spaziergang entlang des Contrescarpewar erfrischend; eine wohltuende Brise drehte langsam die Räder der an gigantische Wärterhäuschen erinnernden, bunt bemalten Windmühlen auf den blumenbestandenen Hügeln des gegenüberliegenden Parks. Entlang der Straße selbst wurde aktuell viel gebaut, meist für wohlhabende Bürger. Entsprechend wollten die Spaziergänger der Stadt beim Wachsen zusehen. Vor den neu entstehenden und kürzlich entstandenen Anwesen, alten Sommerhäusern und neuen Residenzen von Kaufleuten, meist weiß und einfach, aber ansehnlich ausgeführt, träumte man davon, wie es wäre, selbst ein Haus erdenken und errichten zu können. Judith wollte ein Bauwerk mit Erkern, verschachtelt, komplex, mit von außen uneinsehbarem Dachgarten, geschützt von Ecktürmen. Alois wünschte sich, seiner Begeisterung für „Walden“ treu, eine abgelegene Hütte, mit Kamin, Schreibtisch und Gemüsegarten. Vielleicht in einem Wald, ein naher Deich oder See würde nicht stören. Rudolph pries einige der Häuser entlang des Contrescarpe; nur wünschte er sich ein kleines Theater dazu, einen Kunsttempel nach hinten hinaus und einen Salon im Erdgeschoss, um Freunde und „interessierte sowie interessante“ Personen zu empfangen. Judith und Alois zogen ihn auf; er wolle, was sie lebten, nur grandioser. Etablierter.

„Hast du nochmal mit Ewwa gesprochen, Alois? Darüber, doch länger hier zu bleiben?“, fragte Rudolph seinen Freund später, während sie auf einer hübschen weißen Parkbank in den Wallanlagen Rast machten. Unweit führte eine kleine Brücke über den Graben. Die Bäume raschelten sanft im Wind. Gärtner pflegten Blumenbeete. Ein paar Schwäne trieben über die glitzernde Wasserfläche. 

„Ja. Aber sie will nicht. Irgendwas stört sie an der Idee, doch zu bleiben. Und ehrlich gesagt, mich noch mehr. Ich mag es hier, aber ich freue mich auf die neue Welt …“

„Ich würde euch vermissen“, sagte Judith, zögerlich.

„Du könntest doch mitkommen“, warf Alois ein.

„Nein. Ihr kennt die Geschichte meiner Familie. Flucht, Vertreibung … Man muss versuchen, den Ort, an dem man lebt, zu einem guten Ort zu machen. Und ich fühle mich hier heimisch, es ist ein guter Ort, auch für meine Kinder, die ich doch sicher haben werde, sobald ich dem richtigen Mann begegne … Probleme wird es in der neuen Welt genügend geben … und wer einmal dort ist, der kommt nicht mehr zurück.“

„Das stimmt nicht, Katzerl. Die Welt unterwirft sich dem Willen der Menschen. Die Distanzen schmelzen dahin. Wer weiß, in wenigen Jahren verbringe ich vielleicht irgendwann nur ein paar Monate in Neuyork, besuche Ewwa und Alois, berichte von dort, und komme dann zurück, reicher als zuvor, an Geld und Erfahrung? Denn die Wissenschaften, die hehre Vernunft des Menschen vermag alles, bezwingt die Entfernungen, bezwingt die Welt. An ihr werden wir genesen.“

„Vernunft ist nicht alles“, sagten Alois und Judith wie aus einem Mund. Beide lachten herzlich und teilten einen Blick. Dann wandt Judith sich gespielt scheltend an Rudolph.

„Lieber Rudolph, du denkst einmal mehr nicht an die, die nicht zum Adel deiner Vorstellungswelt gehören. Glaubst du wirklich, Farmer, Schuhmacher und Näherinnen würden es sich je leisten können, für nur kurze Zeit ungeheure Reisen anzutreten, hin und zurück, ohne ihr Auskommen zu verlieren, beispielsweise?“

„Nun gut, da magst du Recht haben. Aber für solche Menschen ist es doch gar nicht nötig, die Welt selbst zu sehen. Andere berichten ihnen davon, und gerne. Andere, die eben ein tieferes Erleben haben, Orte, Erlebnisse durchdringen können. Denker und Künstler. Einfache Männer würden den Ort ihres zeitweiligen Aufenthalts ja auch nicht mehren, könnten dort ja nicht wirken, ohne anderen Wirkfelder zu nehmen. Ein kreativer Genius aus Wien oder auch Bremen ist aber ist beispielsweise nicht nur stark dem Genius andernorts verwandt, sondern bringt auch noch etwas neues mit, er verbindet die Welt, führt sie zusammen, im tiefen Gespräch mit seinen Seelenbrüdern, in diesem Fall den Denkern und Künstlern von Neuyork. So ist es gefügt. Denn jeder muss seinen Platz finden, und ihn akzeptieren. Und manche müssen eben die Welt einen.“

„Du wirst Recht haben, lieber Rudolph, es hört sich alles gut und gefällig an. Und ich will es trotzdem nochmal sagen, solltet ihr alle fortgehen, du, Alois und Ewwa, das wäre doch ein wenig, als wärt ihr, ja, verschwunden aus der Welt der Lebenden. Aus meiner Welt. Unerreichbar. Vergangen.“

„Soweit wird‘s nicht kommen“, sagte Rudolph, Judit tröstend um die Schultern fassend. Unter einem auf die Wasserfläche hinausragenden Ast schwamm ein schwarzer Schwan hervor. Rudolph wies lächelnd auf ihn, und das Trio erfreute sich an dem seltenen Anblick.

„Ich hoffe doch wirklich sehr, ich werde euch nicht verlieren“, sagte Judith, plötzlich.

„Das wirst du nicht. Das verspreche ich.“

„Dank dir, Rudolph, du sagst ja immer, du willst bleiben … Aber egal was du sagst, welche Fortschritte du prophezeist, solltet ihr gehen, so wäre das, als würdet ihr aus meinem Leben radiert. So empfinde ich das. Ich darf euch doch fragen … Hatte keiner von euch je den Wunsch, mit Ewwa eine Einheit zu bilden? Eine Zukunft aufzubauen? Hier vielleicht? Ihr wirkt euch so nah …“

„Ewwa …“, sagte Rudolph, rasch. „Ewwa, die ist eher wie eben Marie und Caroline. Sie … Ich denke, sie ist halt nicht ganz für das Glück der Menschen gemacht. Unsere Freundschaft ist anders.“

„Wie Caroline und Marie? Nein, das denke ich nicht. Ihr habt euch wohl beide nicht richtig bemüht. Oder ihr seid eben beide nicht die richtigen“, sagte Judith, und lächelte Alois an. Der schwarze Schwan schwamm davon.

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Als sie in die Adlerstraße zurückkehrten stand Peterson schon vor der Tür, korrekt gekleidet und etwas steif, wie immer. Er hatte sich für den frühen Abend angekündigt. Die Spaziergänger hatten sich Zeit gelassen, da sie annahmen, Ewwa würde dem Besuch aufmachen. Kaum durch die Vordertür raste Alois schon die Treppe hinauf. Ewwas Tür war weiter verschlossen. Weder heftiges Klopfen noch Rufe bedingten ein Lebenszeichen. Alois rannte hinaus, borgte sich vom Nachbarn hastig eine Leiter, lehnte sie gegen die Außenwand und stieg zu Ewwas Fenster hoch. Es bildete sich ein kleiner Menschenpulk um den Ort des Geschehens. Man murmelte. Wolken zogen sich zusammen, der Abend verdunkelte sich vor der Zeit. Oben angelangt stützte Alois sich mit einer Hand am Mauerwerk ab. Er sah in ein leeres Zimmer, machte eine verneinende Geste zu Rudolph hin. Sein Herz sank tief. Er erkannte die Zweifel im Blick seines Freundes. Hatte Ewwa sie verlassen? War sie allein weitergezogen, ohne sie in die Neue Welt gereist? Hatte sie es vorgezogen, die beiden Freunde beieinander sein zu lassen? Oder war ihr etwas zugestoßen? Ein leichter Nieselregen setzte an. Schweren Herzens machte Alois sich an den Abstieg. Auf halbem Weg hörte er, wie die Leute auf der Straße zu reden begannen. Er sah sich um. Peterson wies hinauf, Alois blickte hoch. Über Ewwas Fensterscheiben zuckten Rottöne, an einen Sonnenuntergang erinnernd. Die Farben verebbten; ein dumpfer Schlag, als wäre etwas aufgeschlagen, ertönte. Der junge Österreicher kletterte hastig zum Fenster zurück, sah hinein. Ewwa lag reglos, leblos auf dem Boden, klar erkennbar, die Augen weit aufgerissen, neben ihr der schwarze Stock. Alois hätte schwören können, dass dieser zuckte oder sich wandt, sich bewegte und dabei schrumpfte. Er warf sich gegen das Fenster, das widerstandslos nachgab, und fiel in Ewwas Zimmer. 

Winterhafen

Ewwa lebte, reagierte aber nicht auf Reize. Ein von Peterson schnell herbeigeholter Arzt fand keine Erklärung für ihren Zustand. Er untersuchte sie, im Bett aufgebahrt. Sie atmete, ihr Herz schlug langsam, die Pupillen blieben starr. Ihr Blick war, schob man die Augenlider hoch, leer und kalt, die Körpertemperatur bedrohlich niedrig. Ihre Wangen waren eingefallen, fahl. Alle, die sie kannten, zuckten bei ihrem Anblick zusammen. Judith meinte unter Tränen, sie wirke wie eine Greisin, ihre Haare wären unnatürlich gewachsen, zudem hätte sie graue Einschüsse, die sie zuvor nicht hatte. Der Arzt, der Ewwas Alter auf etwa 50 Jahre schätzte und den Schrecken ihrer Freunde nicht ernst nahm, erklärte schulterzuckend, er sähe zwei mögliche zeitgenössische Diagnosen, extreme nervöse Erschöpfung oder eine Art komatöse Hysterie. Einige seiner Kollegen, meinte er, wären in solchen Fällen noch immer bereit, die Praktiken des Franz Mesmer anzuwenden. Er selbst habe modernere Ansichten. Er ohrfeigte Ewwa ein paar Mal, um sie aus ihrer „Konversion“ zu lösen, aber ohne Erfolg. Ratlos besann er sich auf die grundlegenden Bedürfnisse seiner Patientin und flößte dem leblos daliegenden Körper Wasser ein. Ewwas Kehlkopf bewegte sich, sie schluckte. Eine weitere Reaktion gab es nicht. Nickend erklärte der Arzt, man solle sie warm zudecken, sie brauche Ruhe, er käme wieder. Dann schloss er vorsichtig ihre Lider, um die Augen zu schützen. Alois war froh, den starren Blick nicht mehr sehen zu müssen.

Am nächsten Tag war Ewwas Zustand unverändert. Erneut trichterte der Arzt ihr Wasser ein, mit einem stärkenden Additiv, wie er sagte. Zuerst schluckte der Körper nicht richtig, sie mussten den Mundraum durch Neigen des Körpers leeren, aus Furcht, das hilflose Wesen könne ersticken. Beim zweiten Versuch klappte es. Während Alois das Tuch entfernte, mit dem er den Auslauf aufgefangen hatte, erklärte der Arzt, mehr könne er nicht tun. Ewwa lag tagelang reglos im Bett, wobei Alois kaum von ihrer Seite wich. Er brachte oft Schusterarbeiten in ihr Zimmer, um sie nicht allein zu lassen. Aber ohnehin kamen häufig Besucher, um nach ihr zu sehen. Marie kam täglich vorbei und saß ein wenig bei Ewwa, Peterson fragte jeden Abend nach ihrem Zustand, wollte den Körper im Bett aber nicht sehen. Auch andere Mitglieder des Debattierclubs kamen in die Adlerstraße, um gute Wünsche und Anteilnahme auszusprechen. Die Treffen des Clubs selbst wurden auf eine ungewisse Zukunft verschoben.

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„Ich fühle mich irgendwie schuldig“, sagte Judith. Sie, Alois und Rudolph saßen beim Abendbrot zusammen im Wohnzimmer in der Adlerstraße. Rudolph hatte eine wachsende Distanz zwischen ihnen thematisiert; einen Schatten, der zwischen ihm und Judith stand.

„Wir wären ohnehin noch nicht weg“, sagte Alois, und legte Judith tröstend eine Hand auf die Schulter.

„Ich weiß. Aber es fühlt sich so zusammenhängend an. Als hätte etwas an eurem Bleiben das Unglück bedingt.“

„Denk nicht so. Der Mensch ist seines Glückes Schmied. Das Schicksal schlägt ihn nur. Und oft, weil er’s herausgefordert hat.“

„Ich weiß nicht, was Alois damit sagen möchte“, warf Rudolph ein, „aber wenn er meint, unsere Entscheidungen haben nichts mit dem Schicksal Ewwas zu tun, so sehr mir dies ans Herz geht, so hat er Recht.“

Alois lächelte, was er in jenen Tagen nur selten tat, und zog Judith zu sich. Sie ließ es geschehen.

„Lass dir Zeit. Du fühlst dich verantwortlich, das bist du nicht, und Rudolph und ich ebensowenig. Das mit dem Auswandern ist jetzt eh vorbei, auch für mich. Ewwa lass ich nicht allein. Aber sie wird wieder gesund. Da bin ich sicher. Dann sehen wir weiter. Bis dahin wollen wir uns einander eine Hilfe sein.“

Für Alois war das eine halbe Ansprache. Judith traten Tränen in die Augen. Sie nahm die beiden jungen Männer an der Hand und schlug vor, gemeinsam Gott um Hilfe anzurufen. Sie taten es.

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Alois saß in Ewwas Zimmer am Fenster und arbeitete an einem Schuh, als die Utopierin die Augen aufschlug. Ihr Mund war trocken. Sie stützte sich auf, drehte sich zum Fenster hin, sah dort jemanden sitzen und machte krächzende Geräusche, obwohl sie etwas sagen oder schreien wollte. Alois starrte sie einen Moment lang an, dann ließ er sein Werkstück fallen, eilte zum Bett. Er sah offene, flehende Augen in Ewwas hagerem, fahlen Antlitz, bemerkte ihren hilflosen Versuch, sich aufzusetzen. Es gelang Ewwa, eine Hand an den Hals zu führen. Alois reichte ihr ein bereitstehendes Glas Wasser. Sie konnte es nicht halten. Der Österreicher flößte ihr das Wasser ein, gierig leerte sie das Glas. Dann schluchzte Ewwa, verkrampfte sich, sank ins Bett und verlor erneut das Bewusstsein.

Am nächsten Morgen gelang es der wieder erwachten Ewwa, nach einigen vergeblichen Versuchen, verständliche Worte zu formen. Auf Alois‘ Fragen antwortete sie nur, gequält, sie könne sich nicht erinnern. Der junge Mann sah ihr wortlos in die Augen. Dann erzählte er detailliert seine Erinnerungen, beginnend mit der verschlossenen Tür. Er betonte, dass er Ewwa nicht gesehen oder bemerkt hatte, als er das erste Mal durch das Fenster sah, beschrieb die Lichterscheinungen, wie er sie kaum atmend auf dem Boden fand. Wie Peterson zum Arzt geeilt war, wie er sie ins Bett legte. Er erwähnte auch ihr verändertes Aussehen und andere Details, für die man keine Erklärung gefunden hatte.

„Ich nahm den Stock auf. Da war ein seltsames Ding dran, ein flaches Ei, ein Diskus, zur Mitte dicker, mit Rillen auf der Oberfläche, fast wie Runen. Das war kaum Handgroß, du wirst‘s kennen. Ohne Nagel oder sonst was war‘s doch mit dem Stock verbunden, fest, ich konnt‘s nicht lösen. Ich hing Stock und Ding an den Stuhl in der Ecke. Und gestern merk‘ ich … Schau.“

Alois holte einen Stuhl aus der Ecke; über ihn war eine Decke geworfen, die er wegnahm. In Lehne und Sitzfläche fehlten wie mit dem Zirkel gezogene Flächen.

„Da hing der Stock.“

Ewwa starrte auf den Stuhl, kämpfte mit den Tränen. Alois setzte sich zu ihr, bettete ihren Kopf an seiner Schulter. Sie ließ es für einen Moment geschehen, dann löste sie sich von ihm, trocknete ihr Gesicht.

„Lass dir Zeit“, sagte er.

„Was …“, krächzte Ewwa, „… hast du den anderen gesagt?“

„Ich hab dich erst nicht bemerkt. Für die Lichter erfand man Theorien. Stock und Stuhl hab‘ ich nicht erwähnt. Die Teile lagen nahebei, die sind im Schrank.“

Ewwa sah ihn einen langen Augenblick an. Sie wirkte erschöpft. „Warum?“

„Keine Ahnung. Ich wollt‘ erst mit dir darüber reden.“

„Danke … Bitte, frag nicht. Müde.“

„Ich würd‘ schon wissen wollen, was passiert ist …“

Ewwa kämpfte wieder mit den Tränen; ihr fahles Gesicht verzog sich. Dann lächelte sie, überrascht und ein wenig bitter. „Und wenn ich aus Atlantis bin?“

„Ewwa Meerjungfrau? Schwimmhäute hast‘ aber nicht, oder?“ Alois lächelte. „Du bist erschöpft, willst nicht reden … Irgendwann tust du das aber schon, oder? Ich hol‘ den Arzt, du ruh dich aus …“

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In den Tagen nach ihrem Erwachen spazierte Ewwa, die schnell zu Kräften kam, oft alleine durch die Stadt. Dies entsprach der Empfehlung des Arztes – frische Luft, Bewegung, kräftigendes Essen in zuerst kleineren Mengen. Ihr Erscheinungsbild verbesserte sich. Sie nahm zu, ihr Gesicht wirkte nicht mehr so eingefallen, aber der an ihr zuvor auffällige jugendliche Schwung kam nicht wieder. Sie begann, Spiegel zu meiden.

Auf einem ihrer Spaziergänge entlang des rechten Weserufers erreichte Ewwa eines Nachmittags das nordwestliche Ende der Stadt. Hier standen zahlreiche Lagerhäuser mit Spitzdächern direkt am Fluss, landeinwärts drängten sich kleiner Gebäude, zumeist Wohnhäuser, um eine massive Kirche, die mit ihrem wehrhaft wirkenden, sanft nach oben verjüngten Turm aus Naturstein auf einem niedrigen Hügel thronte. Ewwa blieb auf dem Pflastersteinplatz vor dem Bau stehen und betrachtete das Ensemble. Kleinere Gebäude schienen fast organisch direkt aus den aufragenden Steinwänden zu wachsen, sie empfand die spitzen Giebel als fast aggressiv, als Krallen, die sich in den Himmel hackten.

„Gefällt Ihnen St. Stephanie?“, fragte sie ein etwas schwerfällig wirkender Mann im Pastorenkleid. Seine wachen Augen betrachteten sie, suchten ihr Gesicht ab. Ewwa nickte nur. Der Pstor strich sich das strähnige Haar aus dem Gesicht.

„Ich habe natürlich von Ihnen gehört. Man redet über sie. Heute suchen Sie vielleicht Hilfe, Trost? Brauchen Sie Beistand?“

Ewwa verneinte, nuschelnd. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Sie fühlte, wie der Blick des Pastors in sie hineinzudringen suchte, merkte aber auch, dass da keine Feindseligkeit war. Dennoch murmelte sie nur, dass sie weiter müsse. Die Augen des Pastors blickten tief in ihre.

„Einige der Menschen, die zu mir kommen, besuchen auch Ihre Abende. Das ist verständlich. Wir alle sind auf der Suche. Ich denke, wir sehen die Welt ähnlich. Eine Welt der Ungerechtigkeit, der Ungleichheit, der Eliten, der Armut, das ist keine Welt des Christentums. Wir brauchen ein Erweckung, als Menschen ebenso wie als Gesellschaft. Sehen Sie das nicht auch so? Nur so können wir vom Tod erwachen, zum Glanz des Herren. Wollen Sie unsere Kirche besuchen?“

Ewwa war, aus ihr unbekannten Gründen, den Tränen nahe. Die sanfte, doch volltönende Stimme des Mannes hatte sie berührt, gleichzeitig aber auch abgestoßen. Sie schaffte es kaum, „Nein Danke, ein andermal“ zu murmeln.

„Dann wird heute nicht der richtige Moment sein. Aber bitte, kommen Sie jederzeit wieder. Gottes Tür steht allen offen, die Hilfe suchen.“

Ewwa bedankte sich erneut und eilte über das Kopfsteinpflaster davon, Richtung Weser.

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Ewwa blickte über den Fluss. In ihrer vergangenen Zukunft gleißten dort die Metallkuben der Wabensiedlung oft sanft in den Sonnenstrahlen. „Alles ist so anders“, dachte sie. In ihrer Erinnerung sah sie die Waben in einem einsetzenden Nieselregen, darunter ihre Projektstube, von der aus sie mit dem verschwundenen Aa ihre optimistische Reise begonnen hatte. Sie erinnerte sich kurz an den Schiefen Jahn, dem Sie bei seinem letzten Besuch in Bremen die Reiseplanung, ihre Striche und Piktogramme an den Wänden, ihre Ideen zeigen wollte. Sie sah sein Gesicht vor sich, die matt glänzende Hautmaske, die sie faszinierend fand, die durchdringenden, aber freundlichen Augen. Aa hatte sie von der Einladung abgebracht. In der Gegenwart war auf dem Gegenufer wenig zu sehen. Ein Paar Hütten, Einrichtungen zur Holzverarbeitung, Bäume. Sie fühlte sich zu dem Ort hingezogen, als könne sie dort ihre Reise „heilen“. Oder sich selbst. Hinter der wenig genutzten Landzunge lag ein erst kürzlich angelegter kleiner Hafen, den Ewwa bereits besucht hatte.

„Winterhafen“ hatte ein Arbeiter die Einrichtung auf Ewwas Frage hin am Vortag vor Ort genannt und erzählt, die Zufahrt wäre ursprünglich Teil der Wallanlagen um die Neustadt gewesen. Ewwa hatte die Gegend kurz nach ihrer Ankunft in der Vergangenheit der Stadt erkundet, allein. Im Schnee. Wie war das? Ein letzter Rest der Wehrmauer schob sich als massives Steinungetüm aus der verschneiten Nacht in ihren Geist, ein träumender Drache, der rumpelnd erwachte. In der Gaube eines nahen Hauses machte sie eines der Augen des Monstrums aus. Es glomm blutrot, halb verdeckt vom Schneegestöber, blinzelte, umgeben von Schuppen, Dachziegeln … Ewwa riss die Augen auf, verwirrt von dem intensiven Tagtraum. Moment. War sie wirklich aus der Zukunft? Hatte sie, mit einem sprechenden, elektronischen Dschinn zusammen, ihrem einzigen Freund, den Gang der Welt optimieren wollen? Gab es die Geschichte, an die sie sich erinnerte? Faschismus, Rassismus, Klimakatastrophe? Elektronik und Computer und … Oder waren das morbide Phantasien? War es nicht zutiefst unwahrscheinlich, undenkbar gar, dass die Urenkel ihrer Freunde Massenmörder würden? Dass die Menschheit fast ihren Untergang herbeiführen wird? Sie atmete tief ein, schloss die Augen, war wieder im Café Zaiko. Überall saßen und standen Utopier in Charms. Glocken erklangen, Kirchenglocken, oder schlug da jemand auf Metall, düster, dumpf? Die Wände rissen ein, bröckelten. Von der im Dunkeln unsichtbaren Decke rieselte Staub. Etwas stob durch zersplitternde, asymmetrische Fenster. Asche oder Schnee? Die Utopier standen auf, drehten sich Ewwa zu. Blut floss ihnen aus Mündern, Nasen, Augen, sie schmolzen mit ihren Charms zu rot chargierenden Lachen. Vergehend blickten sie Ewwa flehend an. Nur der Schiefe Jahn zerfloss nicht, blieb solide, saß auf einem Holzstuhl. Er öffnete den zum sarkastischen Lächeln verzogenen Mund, immer weiter, das Grinsen nahm bald den gesamten Raum ein, wurde …

Ewwa schüttelte den neuen Tagtraum ab, stampfte mit dem Fuß auf. Rieb sich die Stirn. Vor ihr sah sie wieder den Fluss, das andere Ufer. Sie schwankte. Ein Passant sah sie fragend an, sie winkte ab, dankbar lächelnd. Als sie mit Aa in der Vergangenheit der Vergangenheit war … Sie setzte sich ans Ufer, erinnerte sich. Sie war aus dem Sein entfernt worden. Die Empfindung war tiefer als die Zweifel an ihrer eigenen Geschichte, als die Vision des Café Zaika. Abstoßender. Sie schreckte zurück. Wäre es besser, gesünder zu glauben, sie hätte einen verstorbenen Onkel in Lübeck, wie sie es Alois und Rudolph erzählt hatte, hätte einen „typisch weiblichen“ Anfall von Hysterie gehabt, „nicht ungewöhnlich bei unverheirateten Frauen in ihrem Alter“, wie der Arzt gesagt hatte? Aber woher wusste sie, dass der Begriff von den Pionieren der Psychoanalyse umgedeutet werden, seinen sexistischen Ton verlieren sollte? Aa hatte es ihr erzählt … Galioten, Koggen, Smaken schaukelten am Ufer. Schiffstypen, deren Namen sie hier erlernt, hier erstmals gesehen hatte. In einer Welt, die sie erst zu verstehen begann, die nicht ihre eigene war. Die sie erkundete. Nein. Ihre Geschichte, ihre Erinnerungen, all das war real. Und daraus folgte …

Der Moment ihrer Fast-Auslöschung nach der zweiten Ankunft in Wien/1854 hallte in ihr nach, verband sich mit der Erinnerung an den Schock ihrer ersten Tage in der Vergangenheit, dem Anblick von Alter und Armut und Not. Ewwa wiederholte mehrmals eine Art Mantra, das Aa ihr empfohlen hatte: „Fürchte dich nicht. Ruhe ist Bewusstsein. Fürchte dich nicht“ Es half nicht. Warum hatte sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen? Warum es nicht abgebrochen? Jetzt war es zu spät, Aa war fort und mit ihm das Monochron. Ihr Assistent hatte sie verlassen, wie konnte er es wagen? Ewwa erkannte die Selbstgefälligkeit im letzten Gedanken, sah sich, autoaggressiv, als unreife, impulsive Person, die sich in ein Abenteuer gestürzt hatte, das nicht zu ihr passte. Für das sie nicht intelligent genug war, nicht … Hatte sie durch ihr Weggehen, ihre Hoffnung auf Wert durch Altru eine Welt vernichtet? „Habe ich wirklich gar nicht nachgedacht?“, fragte sie sich traurig. „Ging es überhaupt um Altru? Oder wollte ich nur cool sein? War ich neugierig? Egoistisch?“ Zum ersten Mal sah sie sich selbst als fremd an. Wie hatte sie sich auf Aa, auf andere verlassen können?

„Hal över?“, fragte ein älterer Mann mit Schnauzbart, Jacke, Ringelhemd und Schiebermütze. Aufgrund ihres verwirrten Blicks übersetzte er: „Übersetzen?“ Dabei wies er auf ein bunt bemaltes Ruderboot hinter und unter ihm. Ewwa bemerkte das gelbliche Katzenauge am Bug des Boots; es erinnerte sie an das Drachenauge aus ihrer Erinnerung. Sie war weitergegangen und an einer der Treppen zur Weser hinunter stehen geblieben, von der aus Ruderer Passagiere gegen eine Münze zur anderen Seite beförderten. Der Mann lächelte, stand ein, zwei Stufen unter ihr. Ewwa kehrte in die Gegenwart zurück. Sie bejahte, aus einem Impuls heraus, ging hinter dem Mann die Treppen hinunter und stieg in das Boot. Es schaukelte angenehm. Im wärmenden Sonnenschein wurde sie über die belebte Wasserstraße gerudert. Ewwa sah in den Himmel, schloss die Augen und genoss die rötlich-warme Dunkelheit unter ihren Lidern. „Wie damals am Noden“, dachte sie, und schlug die Augen wieder auf. Eine Möwe flog über sie, ein Kraweel zog Richtung Meer. Matrosen riefen ihr zu. Ewwa winkte, atmete tief, ließ die Zweifel los. Am anderen Ufer bezahlte sie den Ruderer. Mit Befremden bemerkte sie, dass es ihr gut ging und sie Utopia, in das sie sich noch vor kurzer Zeit zurückgesehnt hatte, plötzlich ungünstig mit ihrer jetzigen Welt verglich. Und warum auch nicht? Sie merkte, dass sie die Stille zwischen sich und dem Mann genossen hatte. In ihrer Zukunft war alles voller beworbener Coolsätze, Wahrheiten. Bei einer Begegnung wie mit dem Ruderer wären solche Sätze ausgetauscht worden, denn jeder verkündete ständig Meinungen, die selten gewachsen, meist übernommen waren. Hm. Stimmte das, was sie da dachte, oder waren es Zweckgedanken? Ewwa lächelte. Sie hatte das Gefühl, frei zu denken. Die Welt anzusehen, nicht nur eine Haltung zu ihr zu haben. Hatte das mit der Epoche zu tun, in der sie jetzt lebte, oder mit ihrem Aufbruch? Sie beschloss, breiter lächelnd, dass sie selbstidentisch war. Nicht ein reines Produkt ihrer Zeit, ohne den Aspekt zu ignorieren. Von einem Moment auf den anderen fühlte sie sich der Welt wieder gewachsen. Und merkte, wie wichtig ihr das war.

Ewwa sah zur rechten Seite der Weser, Richtung Altstadt. Unvermittelt erinnerte sie sich an ihre Eltern, an die sie seit Jahren nicht mehr gedacht hatte. Ihr Verhältnis war nicht gut gewesen. Sie waren, das hätte sie Rosa nie gesagt, aus Außerutopia zugezogen. Über ihre eigene Geschichte hatten Ewwas Eltern ihr nie etwas erzählt. Sie kritisierten Utopia, waren mit sich nicht im Reinen, waren nie angekommen, wie die Psycho-KI ihr als Kind oft tröstend gesagt hatte. Ihre Eltern hatten Ewwa oft erklärt: Utopia ist besser als die Alternative – für dich. Und dann stritten sie, und lachten dabei. Manchmal hielten sie der Utopierin auch ihr besseres Leben, ihre optimierte Zukunft, die für sie erreichten Privilegien vor. Die Langeweile, in der sie, wie sie sagten, leben mussten. Dann zogen sie sich meist zurück, tranken zusammen. Einmal hatte Ewwa an der Tür gelauscht, gehört, wie ihre Eltern von Abenteuern und Liebschaften, von Questen, Göttern und Kämpfen redeten, wobei sie harsch und laut lachten. Anders, als sie es kannte. Ewwas Eltern blieben ihr fremd, und sie stellte früh einen Antrag auf eine eigene Schlafstube, dem stattgegeben wurde. Eines Tages waren ihre Eltern dann fort, ohne Ankündigung. An jenem Tag fand sie nur eine Rose, an ihrer Tür befestigt, in ein Stück Papier gerollt. Darauf gezeichnet war eine aus einem Strich bestehende Spirale mit einer Art Yin-Yang-Bereich in der Mitte und zwei wie Wegweiser wirkenden Schlangenköpfen links und rechts an den Strichenden. Sie wusste, es war der Abschiedsgruß ihrer Eltern. So verwirrt Ewwa deswegen war, so froh war sie im Grunde ihres Wesens. Sie hatte sich oft gewünscht, keine Eltern zu haben. In ihrer Erinnerung sah sie die Details jener Zeichnung, schlängelnde Zungen und kleine, entschlossene Augen … Sie gab sich einen Ruck. Genug der Gedanken an die Zukunft! Sie musste überlegen, wie sie ihr Leben im 19. Jahrhundert gestalten wollte. Sie war gestrandet. Angekommen. Noch hatte sie etwas Geld, die Rücklagen für die Reise in die Neue Welt. Der Objektprinter war in ihrem Zimmer, nur konnte sie ihn ohne Aa nicht bedienen. Wieder empfand sie sich als lächerlich. Sie hatte nie über diesen Fall nachgedacht. Wie sollte sie ihren Lebensunterhalt verdienen? Sie hoffte, Aa würde zurückkommen, vermisste ihn als Freund, durfte sich jedoch nicht drauf verlassen. Von Alois und Rudolph abhängig zu werden erschien ihr als falsch. Aber ihr waren von Besuchern des Debattierclubs Stellungen als Privatlehrerin angeboten worden. Aa hatte ihr sogar geraten, diese anzunehmen, sie hatte sich Bedenkzeit ausgebeten. Ewwa stand auf, schritt kräftig in Richtung Neustadt, zur Weserbrücke hin, aus. Sie lächelte. Es war, irgendwie, ein guter Tag. Auf dem Weg nach Hause machte sie Umwege, um den Rest der Wallanlage aus ihrem Traum oder ihrer Erinnerung zu suchen. Sie fand nichts.

Am nächsten Tag besuchte Ewwa die Familien, die sie als Lehrerin angefragt hatten. Umgehend erhielt sie Zusagen, und umgehend begann sie mit den Vorbereitungen für den Unterricht, für den sie problemlos das Wohnzimmer nutzen konnte, da noch viele Stühle aus der Zeit der Zusammenkünfte im Haus in der Adlerstraße vorhanden waren. Ohne Aa war ihr Kenntnisstand zwar beschränkt, aber sie hatte als Bürgerin Utopias eine umfassende Grundbildung genossen. Zudem hatte sie über das eLet Zugriff auf den WikiRAM, der Lernangebote und Details zu allen Wissensdisziplinen enthielt. Verwirrt fragte sie sich, während sie in ihrem Zimmer sitzend mathematische Grundaufgaben wiederholte, wie die Energieversorgung des Geräts erfolgte, wie es sich auflud. Aa hatte das nie erwähnt, für sie war es nur ein funktionierendes Objekt gewesen. Solarzellen? Vielleicht fand sie im Speicher Informationen dazu. Könnte sie über das eLet den Objektdrucker ansteuern? Das würde … Ewwa rief sich zur Disziplin und wand sich wieder ihren Mathematikaufgaben zu.

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„Die langen Haare stehen Ewwa, findest du nicht? Sieht sie nicht wieder gut aus?“, fragte Rudolph Judith.

„Ja, sicher. Ich mag auch die graue Strähne, die bei dir wächst, Ewwa. Habt ihr euch das mit dem Hierbleiben gut überlegt?“

Ewwa ordnete ein paar Papiere. Sie bereiteten das erste Treffen des Debattierclubs nach ihrer Genesung vor, bauten Stühle auf, gingen Texte durch. Die Vorbereitungen lagen schon etwas zurück. Ewwa und Aa hatten Auszüge aus einer Übersetzung der „Declarations of Sentiment“, einem amerikanischen Text, der die Gleichberechtigung der Geschlechter auf Basis der Unabhängigkeitserklärung forderte, und aus dem bereits im 18. Jahrhundert in Preußen veröffentlichten „Über die bürgerliche Gleichstellung der Weiber“ ausgesucht.

„Ich denke, wir können hier im Moment mehr erreichen. Etwas bewirken. Wir haben uns alle etabliert, sind Teil der Gesellschaft geworden. Ich denke, Alois und Rudolph sehen das ähnlich.“

Alois schwieg, aber Rudolph bejahte enthusiastisch und sah Judith etwas angestrengt an. Alois klopfte ihm auf die Schulter.

„Machen wir eine Probe“, sagte er, und die drei Freunde nahmen ihre Plätze am Tisch ein.

„Mann kann dreißig Jahre dienen und nur ein Jahr leben, wie weiland M. Plautius, welcher nur von der Zeit an sein Leben zählte, als er aufhörte für das Öffentliche, und anfing für sich zu leben“. Ewwa machte eine kurze Pause. Sie sah sich im Licht der zwei den Lesetisch erhellenden Öllampen um, sah die Gesichter der Zuhörer, konzentrierte helle Flecke im farblich sonst dunklen Raum, offen, kritisch, hungrig. Die meisten waren Bürger der oberen Stände, Männer und Frauen, deren Aussehen sich stark von den wenigen, eher verhuschten Vertretern aus der Arbeiterschaft unterschied. Warum hatte sie den Text gewählt? Sicher war sie nicht mehr. Sie beschloss, zu improvisieren und ein Zitat einzufügen, das sie vor ein paar Wochen während des Englischunterrichts in Vorbereitung auf die USA mit Aa übersetzt hatte und in ihrer Handschrift vor ihr lag. Es hatte sie beeindruckt. Sie improvisierte.

„Ist das Leben für den Staat, das Leben für Karriere oder Stand den Ehrennamen: Leben wert? Wohl kaum. Die eigene Person stirbt, wenn sie sich über andere erhoben fühlt, durch Reichtum, Intellekt, Leistung oder Herkunft; denn nur, wo wir jeder freier, reicher werden durch das Gemeinsame, da dürfen wir unsere Tätigkeiten als ehrenvoll ansehen. Da mehren wir uns, indem wir alle mehren. Und befreien uns, indem wir alle befreien. Ich möchte einen großen Amerikaner zitieren: ‚Niemand kann einen Menschen in Ketten schlagen, ohne das andere Ende der Kette um seinen eigenen Hals zu schließen‘. Frederick Douglass, von dem dieses letzte Zitat stammt, wurde als Sklave geboren, doch heute ist er Schriftsteller und setzt sich für die Freiheit aller ein, ohne Rücksicht auf Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft. Wir frei geborenen Bürger Bremens sollten ihm nicht nachstehen.“

Einige Zuhörer klatschten, andere blickten kritisch. Ewwa schob das Buch zu Alois hin, der einen weiteren Abschnitt vorlesen sollte. Aber die meisten Augen blieben auf Ewwa gerichtet. Der Abend endete mit der geschlossenen Unterschrift eines „Bremer Willens“, der, im Stil der „Declaration of Sentiments“, nicht nur das gleiche Wahlrecht forderte, sondern auch eine Ächtung des Sklavenhandels und der Geschäfte mit Sklaventreibern. 

Ewwas Klasse wuchs schnell an, da sie, ähnlich wie Alois, ihre Dienste weniger begüterten Personen günstiger anbot. Die Eltern ihrer ersten Schülerinnen hatten nichts dagegen, bestanden aber dringend darauf, dass immer eine erfahrene Gouvernante dabei war. Immerhin kamen nun auch ein paar Jungen aus den unteren Einkommensklassen zum Unterricht. Zu ihrem Unterricht in Schriftdeutsch und Geschichte kamen sogar zwei Männer um die Vierzig, die in der Stadt als wunderlich galten, da beide nie Interesse an einer Familiengründung gezeigt hatten. Arnie und Per schienen es zufrieden, gemeinsam ihren Haushalt zu organisieren.

„Vor etwa 15 Jahren kam William, ein entflohener Sklave aus Amerika in Bremerhaven an, als blinder Passagier. William bat die Bremer, damals entschieden in offiziellen Fragen nur die Eliten, hier bleiben zu dürfen, als freier Mann. Dies wurde ihm verweigert. Man verfrachtete ihn auf ein Schiff und brachte ihn zurück zu dem Mann, der sich als ‚Besitzer‘ dieses Menschen ansah. Was meint ihr, haben die Bremer, entschieden haben die damaligen Eliten, Recht gehabt? Was hättet ihr gemacht? Und antwortet auf Schriftdeutsch, bitte.“

Stille herrschte im Raum. Ewwa hielt den Unterricht, wie sie es aus Utopia kannte. Man saß zwanglos im Raum verteilt, sie erklärte oder stellte Fragen, dann stellte sie Aufgaben, versuchte, Diskussionen anzuregen. Was nicht immer einfach war.

„Sie haben nicht Recht gehabt. Kein Mensch hat ein Recht, eines anderen Freiheit zu rauben. Wir hätten William sicher eine Unterkunft und eine Arbeit hier in Bremen gefunden“, sagte Per, und Arnie, der neben ihm saß, nickte.

„Aber …“, wagte Maike, „min Vader sagt, in Brem‘ …“

„Schriftdeutsch, bitte“, sagte Ewwa.

„… in Bremen gilt Recht, und wenn Gottes Recht einen Menschen unter andere stellt, dann hat das Sinn, denn alles hat Sinn. William hätte seinen Platz kennen müssen.“

„Interessant. Per, was würdest du auf Maikes Ansicht antworten, was ist daran vielleicht richtig, was falsch?“

„Maike, nichts gegen deinen Vader, ihm alle Ehr. Aber wie würdest du denken, was auch fühlen, wenn du William wärst?“

„Und wär es nich‘ moig, wär‘ William nu hier? Zum Dönkes verzählen?“, sagte Arnie in seinem besten Schriftdeutsch.

„Vielleicht“, antwortete Maike. „Aber war William denn ein Christenmensch?“

„Wenn er hierherkam, wird er’s gewesen sein. Ich denke, es war Sünde, ihn in die Sklaverei zu schicken“, sagte Marie, die neben Maike saß. „Und jetzt sind wir daran alle Schuld. Und müssen dafür büssen. Schön wäre, zu sagen, William ist hier geblieben.“

„Interessant“, sagte Ewwa. „Aber was würden wir heute machen? Wer die Vergangenheit auslöscht, der wird nichts aus ihr lernen …“

Ewwa hielt ein, lächelte etwas schräg und lies die Unterhaltung laufen. Ihr letzter Satz, einer der Coolsätze Utopias, hatte sie stolpern lassen.

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Etwa drei Monate nach ihrer Genesung saß Ewwa am Sekretär, der früheren „Gruft“ Aas, am offenen Fenster. Es war herbstlich frisch. Im eLet hatte sie, zur Vorbereitung ihres Unterrichts, Informationen zu trigonometrischen Berechnungen aufgerufen. Sie blickte kurz auf und sah auf die Straße hinaus, die Kreuzung mit dem frischen Kopfsteinpflaster. Es wurde etwas kühl; Ewwa beschloss, das Fenster zu schließen. Sie tat es, hielt aber bei halbgeschlossenen Flügeln ein. Ihr Gesicht spiegelte sich leicht im Fensterglas, trieb über der Straßenszene, schwankte, da ein aufkommender Wind gegen Ewwas Hände drückte. Ein paar Menschen, dunkel gekleidet, zogen ihrer Wege, sahen zum Himmel auf, aber was Ewwa beschäftigte war ihr eigenes Gesicht. Es wirkte wieder jung im Spiegel, nicht so verhärtet, wie sie es nun im Spiegel wahrnahm. Fast schön, fast, dachte Ewwa, könnte ich mir selbst gefallen. Und da war noch etwas in dem Schwimmen oder Schweben des Bildes. Es war einer dieser Momente, in denen man denkt, man könnte ein anderer werden, oder man selbst, man könnte in eine andere Welt eintauchen. Ein plötzlicher Windstoß aus der Zimmermitte riss Ewwa die Fensterflügel aus den Händen. Ewwa drehte sich blitzartig um, grazil wie eine Ballarina. Rote Flammen wucherten aus dem Nichts in die Raummitte hinein, wurden zu einem langsam verblassenden Ball. Ewwa blieb der sich auflösenden Blase fern. Dann sank das Monochron, schneller werdend, zu Boden und kam mit einem lauten Knall auf, aber das war Ewwa egal. Kaum hatte die Blase sich gänzlich aufgelöst, schon sprang die Utopierin auf.

„Aa!“, rief sie, und kniete neben dem sich zusammenfaltenden Monochron nieder. Wäre es ihr nicht lächerlich vorgekommen, sie hätte den „Gehstock“ umarmt. Aa löste sich vom Monochron und ließ sich von Ewwa aufnehmen.

„Ich freue mich auch, Ewwa. Aber ich bringe schlechte Nachrichten.“

„Papperlapapp. Du bist zurück … Warum bist du überhaupt fort, wo warst du, was …“

„Ich werde alles berichten. Dir geht es gut? Meine Scans zeigen keine gesundheitlichen Probleme, sind aber nur oberflächlich …“

„Mir geht es gut. Erzähle.“

„Gut. Aber du wirkst … gealtert. Verhärmt.“

„Danke. Sehr charmant. Erzähle“, sagte Ewwa, und setzte sich wieder an den Sekretär. Aa schaltete, aus Vorsicht, seine Stimme auf Ewwas Ohrhörer.

„Es ist etwas kompliziert. Ich fange am besten chronologisch an, im Jahr 1854, bei unserer zweiten Ankunft. Als wir uns dem Moment unserer Erstankunft näherten, erfasste ich ungewöhnliche Werte, als würde sich ein Teil der Raumzeit verfestigen, ein anderer sich auflösen. Alles tendierte gegen Grenzwerte. Ich bemerkte eine drastische und unangenehme Verlangsamung meiner Wahrnehmungs- und Bewusstseinsleistung. Ich hatte einen Notfallauslöser programmiert, der aktiv wurde, als ich mein Bewusstsein verlor. Das Monochron löste uns aus der Raumzeit, verankerte uns mit einem Nothaken. Nach einer unbestimmten Zeit kam ich wieder zu mir. Wir drifteten im Andersraum durch Wien/1854. Du warst bewusstlos, nur vom Sicherheitsgurt gehalten, deine Vitalzeichen alarmierend niedrig. Dein Überleben war nicht sicher, meine Energiespeicher aufgrund eines unbekannten Effekts fast geleert. Ich schaffte es dennoch, zu einem Raumzeitpunkt kurz nach unserer Abreise hier im Zimmer zu navigieren. Wir materialisierten. Das letzte, was ich über die Kameras in deinen Ohrringen wahrnahm, war Alois‘ Gesicht im Fenster. Dann schaltete mein System in den Ruhemodus. Es dauerte Tage, bis ich durch die Umgebungsenergie soweit aufgeladen war, dass mein Ich wieder aktiv wurde. Ich hing am Monochron über einem Stuhl in einer Ecke des Zimmers, meine optischen Sensoren nahmen nur die Wand und die Stuhllehne wahr, über deine sah ich die Zimmerdecke. Ich hörte eine Unterhaltung zwischen Alois und einem Arzt und erfuhr, du warst am Leben. Ich beschloss, mich aufzuladen und aktivierte in einer der folgenden Nächte das Monochron im Minimalfeldmodus. Dabei wurden Stücke des Stuhls aus der Raumzeit gerissen.“

„Ja, Alois hat sie gefunden, aber keinem etwas gesagt. Ich berichte dir später. Willst du die schlechte Nachricht nicht hinter dich bringen?“

„Es ist für mich einfach, chronologisch zu erzählen. Ich manövrierte das Monochron in eine Erdumlaufbahn, materialisierte und nahm Energie auf. Es dauerte Wochen, bis meine Speicher voll aufgeladen waren – etwa die Zeit, die für dich bis jetzt vergangen ist. Ich wünschte, du hättest die Erde …“ 

„Die schlechte Nachricht?“

„Ich beschloss, die Zukunft nach unserer Zeitabreise aufzusuchen. Ich hoffte, dort mehr über den Abstoßungseffekt zu erfahren, um dir helfen zu können. Deutlich bevor ich die Zeit unserer Abreise erreichte …“

Aa stockte. Es wirkte fast emotional.

 „Und?“, fragte Sie.

„Es gibt keine Zukunft.“

Einen Moment herrschte Schweigen. Ewwa hörte das Singen eines Vogels vor ihrem Fenster mit extremer Klarheit. Es sollte die Zukunft nicht mehr geben? Erinnerungen an Utopia rauschten durch sie. Langsam hob sie Aa vor ihr Gesicht. Sie blickte in zwei kleine, hervorgehobene 360-Grad-Sensoren, die, beidseitig zentral im Diskus seines Körpers gelegen, vage an Augen erinnerten und zu Aas visuellem Wahrnehmungsapparat gehörten.

„Was?“

„Es gibt keine Zukunft mehr. Es wird in unserer früheren Zeit, der Zukunft, weder Menschen geben, noch das Sein.“

Ewwa sah Aa lange an. Sie verneinte mit dem Kopf, wusste aber nicht, was sie verneinte.

„Wie kann das sein?“

„Ich fand den Zeitpunkt, zu dem es geschieht. Es wirkte, als würde die Menschheit verblassen. Ausfaden. Wie ein Lied.“

„Widerspricht das …“

„Ja. Es widerspricht allen Annahmen auf Basis der Jantar-Mantar-Versuche. Wir verstehen also nicht, was warum passiert. Ich habe Tests durchgeführt. Ich konnte im relativen Zeitbereich unserer Existenz in Utopia problemlos in die Raumzeit eintreten. Es gibt die Welt, den Planeten, es gibt Vegetation und Insekten und Ruinen, nur gibt es keine Menschen. In Zeiten, in denen wir nach unserer Abreise aus Utopia existierten, konnte ich nicht eintreten. Unsere Testreihen hatten keinerlei derartige Probleme vermuten lassen. Ich muss also annehmen, dass Zeitreisen bewusster Entitäten anderen Effekten unterliegen als die unbewusster. Und ich habe außerhalb der Raumzeit mögliche Hinweise auf weitere Chronalreisen erfasst. Das war bei unserer ersten Reise nicht der Fall. Es ist möglich, dass andere Zeitreisende existieren.“

„Obwohl es keine Zukunft gibt?“

„Ich weiß. Es klingt widersinnig.“

„Aa, das ist irgendwie ungerecht. Ich freue mich rad über deine Rückkehr. Ich hätte dir einiges zu erzählen. Und jetzt soll ich mich um einen Weltuntergang sorgen? Wann soll das passieren?“

„Morgen Abend.“

Ewwa sah Aa ungläubig in die Sensoren.

„Echt jetzt? Morgen geht die Welt unter?“

„Wir müssen Messungen vornehmen. Ich kann uns rechtzeitig aus der Raumzeit lösen, und …“

„Alle unsere Freunde werden …“

„Verblassen. Ich habe beobachtet, wie die Menschheit verblasst. Morgen Abend. Danach gibt es keine Menschen mehr. Ich kann das nicht sinnvoll mit … “

Ewwa legte einen Finger an ihre Lippen. Aa verstand und sagte nichts mehr. Die Utopierin wirkte zerbrechlich.

Es klopfte an der Tür. Alois wollte sie für den Diskutierabend abholen. Ewwa bat sich einen Moment aus. „Macht das alles noch Sinn“, fragte sie sich, und bejahte die wortlos gestellte Frage stumm und ohne Zögern. Sie informierte Aa und gab ihn in das Geheimfach des Schreibtischs. Dann schloss Ewwa das Fenster, zog sich um und ging die Treppe hinunter. Alois und Rudolph warteten auf sie. An diesem Abend las Marie aus ihren Schriften vor. Danach diskutierte man über das Bild, dass die Bremer von der Welt hatten, und Ewwa brachte Texte über die Deutschen ein, darunter Schopenhauers Spruch „In Deutschland ist die höchste Form der Anerkennung der Neid“, der heftig kritisiert wurde, und ein Zitat aus einem noch nicht verfassten Werk des Frederick Douglass, das Ewwa mit einer gewissen Bitterkeit in ihrer eigenen Übersetzung vortrug: „Deutsche sind fröhliche, freie Kinder, sie lieben Sport und Musik und sind generell glücklich; sie haben einen analytischen und unerschrockenen Verstand und sind furchtlose Freunde der Wahrheit“. Auch dieses Zitat wurde vehement angezweifelt, was Ewwa ein bittersüßes Lächeln ins Gesicht zauberte.

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Am nächsten Mittag verabschiedete Ewwa sich seltsam bewegt von Alois und Rudolph, nach einer Tasse Kaffe. Alois wollte sie begleiten, aber Ewwa schlug das Angebot auf eigenartige, fast schroffe Art ab. Auf ihrem Weg sah sie kurz bei Marie und Caroline vorbei und umarmte beide wortkarg.

„Ich bemerke nichts“, murmelte Ewwa unterwegs. Es war herbstlich und mild. Die Menschen flanierten, werkten, krakeelten, rannten, konsumierten, greinten wie üblich. Einige grüßten die Utopierin, andere sahen sie fast feindlich an. Sie registrierte den elitären Glanz mancher, das ungerechte Elend vieler. Die krassen Unterschiede, die in dieser Zeit normal waren. Nichts deutete auf einen Weltuntergang hin. Sie überquerte die Weserbrücke, ging, fast melancholisch, flussabwärts, erreichte einen sichtgeschützten Ort am Weserufer mit Blick auf die stromaufwärts liegende Stadt. Aa aktivierte das Monochron im Standby-Modus.

Ewwa hatte sich ein kleines Kissen mitgenommen, um bequemer zu sitzen. Dennoch bewegte sie sich ungeduldig hin und her, trat hin und wieder in die Pedale, was keinen Effekt hatte; der Zeitreisemodus war nicht aktiviert. Aber die Zeit verging.

„Ich erfasse nichts“, sagte Aa. „Keine Änderungen in den Werten. Es sollte Abweichungen geben.“

„Der Junge da auf dem Boot hat gewunken. Alles ist normal.“

„Unmöglich. Ich habe aus dem Andersraum die Menschendämmerung erlebt. Ich habe Bildaufnahmen.“

„Vielleicht eine optische Täuschung? Oder …“

Kommentarlos aktivierte Aa, ungehalten, wie Ewwa fand, ein Holo, das einen belebten Abschnitt des Hafenbereichs an der Weser zeigte. Die Leute gingen ihren Tätigkeiten nach, wurden zuerst unmerklich, dann deutlich langsamer, als überkäme sie eine schwere Müdigkeit. Das Killen eines Bootssegels auf der Weser belegte, dass es nicht an der Wiedergabe lag. Zugleich wurden sie immer unschärfer. Ewwa sah genauer hin. Sie verschwanden von den Rändern her, wie die Utopierin, nun doch entsetzt, erkannte. Die Menschen zerfielen zu Partikelwolken, zu Asche oder Staub, wurden vom Wind von außen her abgetragen.

„Der Zeitpunkt der Aufnahme ist vorbei …“

„Aa. Seit deinem letzten Erlebnis in der gerade vergangenen Zukunft hat sich etwas verändert.“

„Und dieses Etwas sind wir?“

„Möglich. Das heißt dann wohl: Die Zukunft ist nicht geschrieben. Oder besser, wir haben sie ‚un-geschrieben‘. Das wollten wir ohnehin. Nur können wir nicht in die neue Zukunft reisen. Es gibt sie eben noch nicht.“

„Aber wir haben das automatisierte Chron in die Zukunft gesendet …“

„Haben wir auf den Bildern des Testchrons Menschen gesehen?“

„Nein. Nur unsere Wabe. Und den Zeitgeber.“

Ohne Vorwarnung aktivierte Aa das Monochron. Sie sanken aus der Raumzeit.

„Bitte reise langsam zeitvorwärts und hake uns zu Menschen.“

„Aa, ich will nicht. Ehrlich. Ich habe seit dem letzten Mal Angst vor Zeitreisen …“

„Wir müssen das untersuchen. Damit du mir glaubst. Bitte. Es wird nichts passieren. Wir kommen an dieselbe Zeit, denselben Ort zurück. Wir verlassen den Andersraum nicht.“

Etwas in Ewwa verkrampfte sich, aber sie trat, langsam, in die Pedale und hakte das Monochron zum Hafenbereich Schlachte. Die Szene ähnelte der aus Aas Aufzeichnungen. Nach laut Aa etwa anderthalb Stunden in der Realzeit trat der Effekt auf. Die Menschen verwehten. Die Welt blieb. Wortlos kehrten Ewwa und Aa zu ihrem Ausgangspunkt in der Raumzeit zurück. Die Herbstsonne war während der Zeitrückreise wieder leicht über den Horizont gestiegen. Auf der anderen Uferseite wurden Gaslaternen entzündet. Das Bild wirkte friedlich.

„Aa?“

„Ja?“

„Ich glaube dir. Kann ich jetzt absteigen? Und – wir müssen echt reden.“

Ohne weitere Diskussion stieg Ewwa ab. Ebenso wortlos deaktivierte Aa das Haltefeld und, sobald Ewwa ihn erfasst hatte, seine Verbindung zum Monochron. Die Utopierin befestigte Aa an ihrem Arm, setzte sich an die Böschung und wischte sich eine Mücke aus dem Gesicht.

„OK, die Welt endet immer 90 Minuten in unserer Zukunft. Davor gibt es eine Welt. Schräg. Aber irgendwie, also, das hat sicher alle möglichen kosmischen Bedeutungen und so. Aber das ist mir gerade egal, d’ac? Dein Weltuntergang ist mir egal, irgendwie. Ich muss über mich reden. Du warst lange weg … Aa, ich glaube, ich bin ein anderer Mensch geworden.“

Aa schwieg.

„Als ich aus dem Koma erwachte … und du nicht da warst … fühlte ich mich hilflos. Mir wurde klar, wie abhängig ich von dir war. Im Guten, du hast mir viel ermöglicht. Aber doch abhängig. Als hätte ich die Welt nur über dich … greifen können. Ich dachte über mich nach. Fühlte mich wegen der nicht mehr existenten Zukunft schuldig, auch wegen Alois. Das ist jetzt nicht neu. Aber ich merkte, das ist … eitle Altru, ein Krückstock. ‚Ich helfe, also bin ich wertvoll‘, wie es in Utopia hieß. Das bin nicht ich. Ich will eine gute Welt für alle, aber meine Welt will ich formen können, nicht Claque sein, auch nicht des Guten. Ich habe beschlossen, in dieser Zeit etwas zu bewirken. Für mich. Nicht aus Altru. Und hier. Wir müssen nicht mehr auswandern … und …“

Ewwa holte tief Luft. Sie nahm Aa vom Arm ab, hielt ihn vor sich hin.

„Ich wünschte, ich könnte dich umarmen. Du könntest mir … nah sein. Aber … OK. Als wir gegen die ‚Zeitwand‘ prallten, da hat mich etwas vernichtet. Ich weiß nicht, ob das natürlich oder sonst was war, aber … Ich wurde entwertet. Ich wusste, ich sterbe. War ausgeliefert. Etwas, für das ich nicht zählte. Der Natur, nehme ich an. Das war schlimmer als gebrechliche Leute zu sehen und zu denken, das werde ich sein. Wie kann so was Teil der Möglichkeit meines Lebens sein?“

Tränen rollten über Ewwas Wange.

„Ich verstehe. Ich wollte nie biologisch sein. Es wirkt so sinnlos, Teil des Rekombinationsspiels zu sein …“

„Du meinst Kinder kriegen? Das ist mir egal. Mir ist, in diesem Fall, der Rest der Menschheit egal. Ich will nicht sterben. Nie wieder sterben. Ich will leben.“

Aa schwieg.

„Ich will lernen, tun, was ich nie tat, leben. Ich will dich nicht mehr mit Wünschen bedrängen. Aber eine Bitte habe ich. Kannst du mich vom Tod befreien? … Bitte?“

Beide schwiegen eine Weile. Ein Wind zog auf.

„Weißt du, dass vor dir niemand das so klar formuliert hat? Jedenfalls nicht dem Sein gegenüber.“

„Das kann ich mir kaum vorstellen.“

„Und doch ist es so. Den meisten Utopiern reichte ein gutes Leben, viel Sexualität, Popularität, Nachkommen, Status. Das Wissen, gut zu sein, ohne Nachteile zu haben. Rosa war ein perfektes Beispiel – sie war ein typischer Utopier, nur etwas überdurchschnittlich der Dominanz zugeneigt.“

„OK. Kannst du mir helfen?“

„Ich bin nicht sicher. Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Wir können deinen Verfall verlangsamen. Deine Ausgangssituation ist gut. Utopier verfallen dank gewisser Medikamente langsamer, diese können wir replizieren. Und verbessern. Es wird Arbeit erfordern, aber es ist eine interessante Aufgabe. Vielleicht finden wir zusammen eine permanente Lösung. Aber auch ich habe einen Wunsch.“

Ewwa weinte, still lächelnd, Tränen der Hoffnung.

„Aa, du bist nicht nur mein Wunscherfüller, sondern auch mein Freund. Ich würde alles für dich tun.“

„Von dir getrennt begann mich meine Immobilität zu stören. Mit dir in Symbiose war das anders, mit den Hilfsgeräten in Utopia ohnehin. Ich möchte nicht mehr ausgeliefert sein. Auch dir nicht. Hilf mir, einen Bewegungs– und Manipulationsapparat zu bauen.“

„Ja. Wie?“

„Den Entwurf erstelle ich. Wir können Einzelteile ausdrucken. Du musst sie zusammenfügen und dem Printer die erforderlichen Rohmaterialien zuführen. Diese vorbereiten, veredeln. Du sagtest, du willst lernen. Ich werde dir die einzelnen Schritte verständlich machen. Gleichzeitig arbeiten wir daran, deinen Alterungsprozess zu verlangsamen. Zusammen.“

„Abgemacht“, sagte Ewwa, und freute sich, wie es ihre Art war, auf das Abenteuer.

Aa und Ewwa saßen noch lange am Ufer und sprachen über sich und die Menschendämmerung.

„Aa?“, fragte Ewwa.

„Ja?“

„Du hast mich irgendwie ausgesucht, richtig? Warum?“

„Im Detail weiß ich das nicht. Aber ich fühlte mich zu dir hingezogen. Du warst weder brillant noch talentiert. Aber du hast dich dem Abgrund ausgesetzt, dem Falschen in dir, wenn man so will. Das war ungewöhnlich. Für dich als Individuum war es von Nachteil. Aber es führte zum Zeitexperiment.“

„Ich bin weder besonders intelligent noch talentiert?“, wiederholte Ewwa. Sie senkte den Kopf.

„Du empfindest gerade den falschen Stolz und die falsche Unterwürfigkeit biologischer Bewusstseine. Für unser neues Abenteuer solltest du das ablegen. Du bist nicht mehr Teil eines großen Kollektivs. Du bist eigen. Und du bist nicht mehr der Mensch, der unsere Zeitreise begann. Zusammen taten wir Unerwartetes. Ohnehin halte ich wenig von der Meinung, dass Biologische ideal angeborenen Begabungstendenzen folgen sollten. Auch wenn es mich nicht betrifft: Eine solche Weltsicht halte ich für eindimensional. Hoffnungslos. Mehrheitsfähig.“

„Aa, mein lieber, lieber Freund“, sagte Ewwa, „ich glaube, du bist ein Revolutionär.“ Beide lachten, leise, unter dem tiefblauen Abendhimmel.