da sich durch die diskussion der geschichte immer wieder änderungen ergeben, und um die seite nutzbar zu halten, steht hier nur noch das erste Kapitel direkt lesbar zur verfügung; die folgenden kapitel sind als pdfs herunterladbar …

(1)

Einführung (Ein Abend unter Freunden)

„The life of the happy is all hopes –  that of the unfortunate all memory.“

(Charles Maturin, „Melmoth the Wanderer“)

(Bremen; die Gegenwart)

Die Flammen im rußschwarzen Kamin flackerten in Ewwas grauen Augen. Ihr Gesicht, ungewöhnlich bleich für einen Bewohner Utopias, war leicht gerötet, vielleicht wegen der Nähe zu dem offenen Feuer. Ein Riesenfenchelstamm, in Utopia eine gern genutzte Beigabe, verging zwischen den Holzscheiten. Sie zögerte einen Moment, wollte sich sicher sein, dass sie die Frage des Diskussionscoachs ernst nahm. Schließlich war sein Ausdruck konzentriert, fast besorgt, von tiefer Beteiligung getragen. Ewwa löste sich aus dem Schneidersitz, um Zeit zu gewinnen. Sie stellte ein Bein hoch. Ihr schwarzer Charm, das übliche, weich fließende Multifunktions-Kleidungstück Utopias, floss wellig zu Boden, bildete einen Tintenfleck um Ewwa. Die Utopierin legte das Kinn aufs hohe Knie. Es schien ihr, als würde die Welt um sie den Atem anhalten. War die Frage so wichtig?

„Die freie Wahl des Namens“, sagte Ewwa.

„Alvaar?“, wunderte sich Neo und machte die Geste der offenen Hand. Andere wiederholten den Ausdruck des Staunens. Der Coach schüttelte den Kopf, ließ in Dicklocken gewobene Schellen klingeln. „Hâlde, du krasst, von den Neudingen Utopias, die freie Namenswahl? Nicht demokratisches Basico, Verstaatlichung der Produktion, Abschaffe der Glaube, kuratierte Referenden? Die assistierte Lebensführung?“

„Eine wahrhaft schöne neue Welt“, meinte der Schiefe Jahn,aus Berlin zu Besuch, und nippte an seinem Weingetränk. Den Spitznamen verdankte er einem einseitigen Lächeln, das durch eine schwarzweiße Gesichtsmaske mit Yin-Yang-Muster fast unheimlich wirkte. Jahns welliges Haar wurde heute von einem altmodischen Hut gezähmt. Man murmelte; war der Kommentar des Besuchers ironisch gemeint? Sein grauer Charm reflektiert, dezent glitzernd, die Umgebung.

„Das Abzangen des Promi- /Profisystems, was zum überfälligen Ende der Fankultur führte, der Claquen – obwohl es Remmys gibt“, assistierte Rosa Neo, womit sie den Raum Jahns Kommentar vergessen ließ.

„Alvaar!“, rief der Coach mit ausgestreckten Armen in die Runde. „Fammy! Wie konnten die Citos der Dunkelmoderne weggeben Kreativität, freie Denke an Industrien, junken ihre Lebenszeit als Fans sogenannter Talente, Ikos, Eliten! Krass!“ Neo, dessen Charm in Rottönen chargierte, zog sein Signaturgesicht, wobei er Augen und Mund zusammenpresste, als hätte er zu Saures gegessen, um dann die Hände vor dem Gesicht zusammenzuschlagen. Seinem zeitgleichen, heftigen Schulterzucken geschuldet wallte sein Charm um ihn auf. Neo nahm die Hände vom Gesicht, lachte, schüttelte Kopf und Locken. Man kicherte in der Runde, zustimmend nickend. Seine Art kam an. Und man war froh, in Utopia zu leben.

„All das“, ritt Rosa auf der Welle, „finde ich toll. Unsere Leistungen und Errungenschaften.“

„Ja, alles toll“, sagte Ewwa. „Aber wie rad ist das denn, dass ich mich jetzt Ewwa Morgenstern nennen darf?“

„Ich finde die freie Namenswahl gut, aber nicht nötig“, meinte Rosa, etwas von oben herab, was ihr nicht schwerfiel. Sie überragte Ewwa um einen halben Kopf. „Bei deinen Optos, deiner Vorlage solltest du eine weniger naive Wahl treffen, und …“

„Man könnte die freie Namenswahl das i-Tüpfelchen auf der Befreiung des Individuums nennen“, unterbrach der Schiefe Jahn.

„Ja, irgendwie so“, nickte Ewwa.

„Immerhin sind wir uns einig: Dies ist das Beste aller möglichen Systeme, auch wenn wir verschiedene Aspos krassen“, sagte Rosa mit versöhnlichem Lächeln.

„Jedoch, der Coolsatz will’s: Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, warf Roland, grinsend, ein. Dürr und unbewegt wirkte er in seinem schwarzen Charme auf der Chaiselongue wie der Schatten zwischen vollen, roten Lippen.

„Soll heißen?“, reagierte Rosa, raubvogelschnell, wobei sie die bloßen Arme in einer Geste gespielter Verzweiflung seitlich hob und wieder sinken ließ. Ihr Charm schmiegte sich, einer winzigen Kontrollbewegung folgend, an ihren Körper. Ihren gesamten linken Arm umkreiste, gut sichtbar, das Wort „Utopia“ in Wiederholungen. Solche Tätowierungen waren beliebt; sie galten als Zeichen rebellisch-utopischer Coolness.

„Na was wohl“, flapste Roland, und hob die Augenbrauen.

„Kritik wird erlaubt sein“, sagte der Schiefe Jahn. „Nicht alles ist optimal. Die konkrete Abschotte Utopias kann kontrovers gesehen werden.“

„Alvaar!“; Rosas ernster Gesichtsausdruck zeigte, dass sie das Themenfeld im Griff hatte. „Der Einwand ist berechtigt. Aber: Zum einen ist nur durch die Abschotte der Erhalt einer fairen, freien, klassenlosen Sozio möglich. Nur so verhindern wir, dass wir, durch unseren krassen Entwicklungsstand, zu Schuldigen innerhalb ungleicher Verhältnisse werden …“

„… und dann vor anderen Haustüren kehren, was im Prä oft Teil der Beeinflusse war …“, zitierte Roland, der fasziniert dem Weg einer Fliege über die Decke folgte, einen populären Meinungsclip.

„… zum anderen“, nahm Rosa ihren Faden auf, „so konkretomat ist die Abschotte nicht. Außerutopier können zu einer Schleuse kommen, sich bewerben, Citos werden. Nur muss mensch dann Rechtdenke zeigen. Will wohl keiner.“ Rosas Schultern zuckten kurz, wobei sie den Kopf schief legte.

„Weil draußen noch die Glauben umgehn.“ Neos Miene verdüsterte sich. Er bewegte den Oberkörper ruckhaft vor, stützte sich mit beiden Händen auf den Knien ab, wobei sein Charm nach unten floss, was ihm ein bulliges Aussehen verlieh. Einige gurrten.

„Die Geißel der Menschheit“, bestätigte Rosa, betont nickend. „Die Glauben und die krasse Ungleichheit der Meriten- und Glücksgesellschaften. Das Klassen- und Geschlechtersystem.“

„Wäre ich da, ich würde eine Revo auflegen. Die Welt sollte anders sein. Ich fühle das“, wagte Ewwa sich weit raus.

„Wirklich? Was ist an dir revolutionär?“, sagte der Schiefe Jahn, den Blick auf Ewwa fixiert. Ewwa verstummte, fühlte sich entlarvt. Aber – was meinte er? Sicher, sie sah nicht so utopisch, so klar geschnitten aus wie Rosa, hatte nicht Neos Retro-Hippie-Look, keine Applikationen, keine Dicklocken. Aber was hatte irgendwas mit Aussehen zu tun? Sie wollte die Welt ändern, wollte anders sein. Das sagte ihr eine Unruhe in sich.

Der schiefe Jahn brach die entstandene Stille: „Ich mag deinen Wahlnamen, Ewwa. Er ist vieldeutig.“

Ewwa sah kurz zum Schiefen Jahn. Seine unerwartete Zustimmung tat gut, die Verwundung in ihr blieb. Er zwinkerte. Und grinste schief.

Ehua, als Servicekraft eingeteilt, brachte Getränke, meist das beliebte CeDeVit, nebst Vegansticks und Palaç genannten Crêpetaschen mit Grünfüllung. Dabei ging sie leicht gebückt und musste mit dem Kopf immer wieder den schwarzen Balken ausweichen, die den uralt wirkenden, niedrigen Raum entlang der Decke durchliefen. Die schmalen Leuchtstreifen an den Holzbalken wechselten die Farbe, was viele der Charms, einer populären Programmierung folgend, zum Funkeln anregte. Man applaudierte. Neo erhob sein Glas und sagte „Kôun-o!“. Mit diesem Ausdruck stieß man in Utopia auf eine gute Zukunft und einen schönen Abend an.

„Krass zufrieden muss mensch mit unserer Sozio nicht sein“, ergriff Julia, an Rolands Chaiselongue lehnend, das Wort. „Ich finde … Also, wir werden von Optoprogrammen begleitet, beurteilt, analysiert. Zu unserem Besten, klar. Aber sollte es bei uns wieder mal eine Revo geben, um das aufzugreifen, käme sie eher von oben, von einer proggen Admin-KI. Begleitet von Daten- und Willenseingaben von uns, klar. Dennoch. Fühlt sich das nicht etwas … naja, unbefriedigend an? Weil abhängig?“

„Warum?“, wunderte sich Rosa. „Wir haben ein gutes Leben, müssen dafür nicht schuldig werden. Kommen exakt an die für uns geeignete Stelle in der Gesellschaft, nach Skills und Neigung. Vermieden werden, durch die personalisierte Auswertung durch eine unparteiische, auf unsere Ideale programmierte KI, Tragödien, falsch gelaufene Bios. Erkennen kann ich daran nichts Unbefriedigendes. Ich strebe, in Einklang mit meiner KI-Assistenz, eine Zertifizierung als Kuratorkraft an, um relevante Prozesse weiter zu verfeinern und anderen zu helfen, schneller und genauer zu sich zu kommen. Dazu ein paar männliche Partner, gerne zwei Kinder …“

„Du möchtest optimieren? Ein hehres Ziel. Ich frage mich, was interessiert dich an der Tätigkeit? Das hohe Ansehen in der Sozio, die gesteigerte Remuneration?“, fragte der Schiefe Jahn, etwas spitz. Es funkelte in seinen Augen, eins schwarz, eins weiß umrahmt. Die Anwesenden hielten den Atem an. Nie hatte jemand gewagt, Rosa derart anzugreifen. Oder war es ein Flirt?

„Mich interessiert kein Ansehen und kein Lohn“, erwiderte Rosa, „Ich will nur da sein für andere. Als Ansporn zum Altru empfinde ich Anreize krass angemessen.“

„Nichts für ungut“, sagte Jahn. Einige murmelten. „Manchmal erscheint auch mir die hiesige Ordnung zu vernünftig. Wenig gewagt. Was würden Revolutionäre mit der Welt anfangen? Ewwa? Was willst du ändern?“

Einen Moment herrschte Stille. Alle sahen zu Ewwa, die sich angespannt, verschüchtert, hilfesuchend umsah. Ihr fast kantiges, von dunkelbraunem Haar umrahmtes Gesicht verriet, dass sie sich fortwünschte. Eine Antwort gab sie trotzdem.

„Die Vergangenheit“.

(Berlin, einige Jahre zuvor)

Jahre zuvor hatten sich Ewwa und einige der Personen ihrer losen Referenzgruppe vom Berliner Hauptbahnhof die Spree entlang über die Grünanlage zum Futurium bewegt, zu einer Formatierungssession. Das Gebäude glitzerte im Ansatzdunkel des frühen Abends, aus dem voluminösen Frontfenster strahlte honigfarbenes Licht.

„Was gehen wir da hin?“, fragte Roland. „Wir kennen das alles doch rad auswendig.“

„Verfestigt muss die Überzeugung werden“, dozierte Rosa, deren Charm eng an ihren Vorderkörper anlag und nach hinten einen nicht vorhandenen Wind simulierte. „Damit die Krisen nicht wiederkommen. Wehrhaft muss die Überzeugung sein. Der Rasen hier war einst Asphalt!“

„Der europäische Hyperindividualismus hat fast die Umwelt zerstört, Klima und Natur gekippt, die Zukunft den Generationen genommen. Das ist wahr und die Basis unserer Gesellschaft. Das darf nie mehr passieren.“, sekundierte Neo.

„Schuld war aber nicht nur Europa, oder?“, warf Ewwa ein.

„Deuts“, murmelte es im Schwarm. Einspruch gegen Coolsprüche wurde immer kommentiert. 

„Alvaar“, meinte Neo, ließ den Schwarm verstummen. „Jedoch fanden sich die Wurzeln hier. Die Schuld. Hier aber begann auch, es soll nicht verschwiegen bleiben, die Rettung. Seht den Y-Noden!“

Aus der Rasenfläche zwischen Futurium und Fluss ragte eine Struktur aus verknoteten, verschieden intensiv strahlenden Strängen. Sie erinnerte entfernt an einen Lichtbaum, dessen Stamm, ein breiter Kardeel aus feinen, verzwillten Fäden, aus dem Boden strebte. Unscharf, undeutlich, da er in dem Lichtermeer nicht klar erkennbar war. Zum Zentrum hin ergaben sich für das menschliche Auge seltsame Strukturen, die an verschwimmende Fraktale oder, mit etwas viel Phantasie, an vielarmige Dämonen, dahinhuschende Lichtwesen erinnerten. Ab etwa zwei Meter Höhe entfaltete sich der Stamm. Die Fäden bildeten eine Art Krone aus, wirkte wie eine dieser uralten, igel- oder büschelähnlichen Glasfaserlampen, oder auch wie eine teilweise durchsichtige, leicht gebogene, wellige Wolkenstruktur. Die Struktur wurde zum Rand hin feiner, da sich fast regelmäßig Stränge Richtung Erde bogen, wo sie sanft kurz über dem Rasen hin- und herwogten. Durch die Fibern rannen Lichtimpulse. Der Y-Noden galt als Interface. Hier, so hieß es, treten die Seelen der Menschen direkt mit der Zentral-KI in Verbindung. Sie war hier zwar stumm und ohne Terminal, aber jeder Utopier, der Berlin besuchte, „floss im Regen“, „gloss“, „ruhte im Funkelpilz“, „gab ´ne Nodenschau“ oder „machte die Raupe“ – gebräuchliche Ausdrücke für das Erlebnis. Der Schwarm bewegte sich auf den Noden zu. Manche blieben an der Peripherie stehen. Andere tropften hinein.

Ewwa trat zwischen die glitzernden Fäden, ließ einen über ihre Hand laufen. Er schien sich sanft festzuhalten, zu haften, fiel nicht ab. Bewegte er sich eigenständig? Es war ein angenehmes Gefühl, warm, eine zarte Berührung, ein Kitzeln, intensiv genug, um ihr einen Aufschrei der Überraschung zu entlocken.

„Du bist Erstmals hier?“

Die Stimme hallte leise um sie, wie von fern, sprach sie aber an. Ewwa hatte von den seltsamen Phänomenen am Y-Noden gehört – Töne reisten zwischen Orten, ohne von anderen gehört zu werden, es soll Holoerscheinungen von phantastischen Wesen geben, die Zeit werde bedeutungslos, liquide. Beglückende Traummomente wurden berichtet.

„Ja.“

„Woher kommt dein Schwarm?“

„Aus Bremen. Wo bist du?“

„Sieh Richtung des Kardeels. Des Zentrums.“

Ewwa tat es. Im ersten Moment war die Helligkeit im Zentrum zu grell, sie beschattete ihre Augen mit einer Hand, doch dann schien die Intensität des Lichts abzunehmen, sie nahm Farbschattierungen wahr. Hinter dem Funkelmeer sah sie jemanden winken, ein paar Schritte entfernt. Sie ging durch den sanften, fluffigen Fadenregen. Der Winkende stand bei den ersten zentralen Lichtfäden, von denen viele ihm zustrebten, um ihn liefen, fast im freien Bereich um den Stamm. Er hatte blondes, zerzaustes Haar und trug eine Gesichtsmaske, was Ewwa nicht störte. Die Maske zeigte ein Yin-Yang-Muster. Seine verspiegelte Brille, in der sich die funkelnden Fäden des Y-Noden reflektierten, fand sie lustig, obwohl sie vielleicht etwas sehr cool wirken wollte. Sie sah sich selbst darin, wie sie aus dem Lichtregen kam. Der Mann wirkte freundlich, sog an einer E-Huhka, deren Schlauch aus einer Umhängetasche herauslief. Heller, im Nodenlicht funkelnder Dampf kam aus dem fast ganz im weißen Gesichtsbereich gelegenen Mund, der sich zu einem einseitigen Lächeln bequemte. Ob er richtig alt war? Nur wenige Menschen trugen noch Masken. Die Zahl der Lichtstränge, die ihn umflossen, war auffällig. Als wäre er ein Abgrund, in den die Stränge oder das Licht hineinströmten. „Oder hinauf?“, dachte Ewwa. Die weiße Gesichtshälfte strahlte im Licht, die schwarze wirkte wie, ja, wie eigentlich? Ewwa glaubte zu sehen, dass einige der Fäden unter seinen Charm fuhren, aber das war in all dem Licht schwer zu erkennen. Lösten sich Fäden von ihm, während sie näher kam? Wandten sich welche ihr zu?

„Wer bist du?“

„Jahn.“

„Arbeitest du hier?“

„Ich bin Kommunikator. Ich führe dich und wer immer sich interessiert gerne durch das Werk. Aber erst möchte ich, dass du etwas erlebst. Ja? Dann tu, was ich tue …“

Jahn lies den Hukha-Schlauch in seine Tasche surren, rieb die Hände an seinem Charm. Dann bündelte er vorsichtig einige Lichtsträhnen, schloss die Augen, eins weiß, eins schwarz umrandet, lehnte den Kopf zurück und legte sich das Bündel über die Lider. Es verteilte sich, wickelte sich klar selbstständig um seinen Schädel, der bald wie ein pulsierender Lichtball wirkte. Ewwa zögerte, dann tat sie es ihm nach.

Die Wahrnehmung der Wärme war überwältigend. Ewwa fühlte eine ungeahnte Sicherheit, verlor dabei fast jedes Gefühl für ihren Körper. Wellen aus Licht verschiedener Dichte flossen über oder durch sie. Lichtkugeln, Gleißstränge, Hellschluchten und andere Elemente einer Welt voller Leichtigkeit und Zuversicht spielten durch ihr Empfinden. Sie schwebte, schwerelos, in einer Art Wolke, wurde höher getragen, höher. Ewwa lachte befreit, während die intensive Helligkeit sie trug. Vergaß die Zeit …

„Das reicht. Aber es war angenehm, oder?“, sagte Jahn, und strich ihr die Lichtfäden vom Gesicht.

„Ja,“ sagte Ewwa, blinzelnd. „Danke. Kann ich ein Foto von dir machen?“, und holte ihr Smart heraus.

 Im Inneren führte Jahn Ewwa, einigen Mitgliedern ihres Schwarms und andere Besuchern die Formatierungsinhalte entlang. Dargestellt wurde die Geschichte der Menschheit in groben Zügen. Es ging von der altgriechischen Philosophie und der Entwicklung verantwortlicher Führung und Wissenschaft über die Verbrechen der Nationalsozialisten bis hin zur zu spät von einer nicht vorbereiteten Menschheit ernstgenommenen Umweltkatastrophe und zum Zivilisationskollaps.

„All diese Entwicklungen waren zwangsläufig“, erläuterte Neo. „Von den psychokatastrophalen Entwicklungen der Dunkelmoderne über das zu langsame Zurückfahren der Treibhausgase und den Kollaps durch den Moralterrorismus. Die zu stark anwachsenden Menschheit saß in der Falle …“

„Dem Sog des Möglichen konnte sich nie ein Schwarm entziehen“, zitierte Roland einen Erläuterungstext, der über eine Displaywand trieb.

„Also führt eine klare Linie vom zivilisatorischen Rückschritt durch die verbrecherischen Nazis über den Hyperkonsum zur Umweltkatastrophe!“, erklärte Rosa. Man murmelte Zustimmung. Der Arm Rosas zeigte auf eine Videowand, auf der Fluggeräte aus der Zeit Nazi-Deutschlands zu sehen waren. Adolf Hitler steigt in eine dieser Maschinen. 

„Räume wie diese“, sagte Neo, „ermöglichen Reflexion, leiten die Gedanken auf Coolwege. Damit wir ruhig die Wahrheit wissen, den wer zittert, der ist schuldig. Damit wir etwas mit in die Existe nehmen. Seht diesen Raum.“

„Von Katastrophe zu Katastrophe“ blitzte über die Wand. Ein Holo zeigte Nazis, die zu Bombern, zu Leichen, zu einem Atompilz morphten. Am Ende der Sequenz stand die geschundene Erde der Klimakrise, im Splitscreen hunderte leidende Menschen in Krankenhallen.

„Die Schuld nimmt immer einen geraden Weg“, stand nun auf der Wand.

„Der Faschismus“, ergriff Rosa das Wort, „bedeutete einen schrecklichen Rückschritt. Die Menschheit ging den falschen Weg. Merkte es erst, als es zu spät war. Es kam zum Fanismus, Politikerz und Starz regierten, sagten, sie würden für die Allgemeinheit sein, aber ihre Altru galt nur ihnen.“

„As I would never be a fan, I would never be a star“, zitierte Roland ein bekanntes historisches Lied.

„Das System“, setzte Rosa etwas ungehalten nach, „kollabierte. So viele starben. Deswegen werden unsere Entscheidungen, politische wie private, heute geprüft und im Konfliktfall mit uns besprochen. Es gibt kein ‚rechts‘ und ‚links‘ mehr, wie man das nannte, keine Korruption. Nur noch den Opti-Weg. Auf dem wir nichts zu fürchten haben.“

Ewwa scharrte mit dem Fuß. „Wäre damals nicht anderes möglich gewesen? Vor dem Zusammenbruch? Musste es so kommen?“

„Glupa“, klang es aus dem Schwarm. Jahn sprang ein.

„Vor Utopia galt: Was möglich ist, wird gemacht. Das führte zur Katastrophe. Oft wird das so dargestellt, dass die Geschichte genau so passieren musste, wie sie passiert ist. Das ist aber, meine Meinung, nicht unbedingt so. Hätte es keinen Faschismus gegeben, dann wäre es vielleicht anders gekommen, vielleicht hätte es keine Umweltkatastrophe gegeben …“

Rosa unterbrach die Meinungsäußerung: „Das ist irrelevant und eine zweifelhafte, uncoole Aussage. Schuldige sind nicht zu entschuldigen! Geschichte ist zwangsläufig, wenn man nicht die Zukunft, der Rechtdenke folgend, optimal gestaltet! Und damals gab es die nicht!“

„Seht die Schrift an der Wand!“ unterbrach Roland, der neben Neo trat und überbetonend vorlas: „‚Da wir nun einmal die Resultate früherer Geschlechter sind, sind wir auch die Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrthümer, ja Verbrechen; es ist nicht möglich, sich ganz von dieser Kette zu lösen.‘, Friedrich Nietzsche, Historien-Schrift, Kapitel 3, 1874.“

Nachdem der Schwarm in Gruppen den Explain Room durchlaufen hatte, in dem spielerisch Zusammenhänge gesucht und die Themen der Formatierungshalle so vertieft wurden, begann der freie Abend. Jahn hatte eingewilligt, ihnen die Stadt zu zeigen. Man zog herum, staunte über die vielen Menschen in der utopischen Metropole. Zudem war Holo-Festival. Berlin war, wie man gerne sagte, ein „Fest für‘s Leben“. Überall spielte Musik, am Brandenburger Tor wurde Utopia durch nachdenkliche, formatierende Holos gefeiert. Lichtskulpturen ausgestorbener Tiere traten aus dem Tiergarten, begleitet von Sinntexten zur Klimakatastrophe, ausgelöst durch die Atmosphäre verpestende, unreflektierte Konsumaktivitäten. Aus Licht nachgebildete historische Autos rasten qualmend um das Tor herum, zogen Konsumgüter hinter sich, dann wuchs aus der Erde ein bedrohlich waberndes Kohlekraftwerk, dessen Emissionen den Platz zwischen Tor und Park verdunkelten. Schließlich erstrahlten Worte wie „Verantwortung“, „Optimierung“, „Liebe“; die Retter strömten zusammen und gründeten Utopia. Man zog, beeindruckt, über den Langen Garten, der früher „Unter den Linden“ hieß, wie Jahn erläuterte, zum Allesandersfeld, dem früheren Alexanderplatz, einem zentralen Verkehrsknoten. Auch dort wurden zahlreiche Lichtanimationen gezeigt. Der Fernsehturm wand und beulte sich im Takt lauter Musik, teilte sich in viele, dünnere Holos, die sich zu Boden bogen, bis er an eine Art Riesennode erinnerte. Es gab Applaus.

„Ein kapitales Beispiel für unsere Kultur!“, jubelte Rosa.

„Naja,“ meinte Jahn, „ich bin Massenspektakeln nicht so zugeneigt …“

„Deuts“, zischten einige im Schwarm. Dann zog das Rat-Tat-Haus die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Dort rannten die Holobuchstaben der Botschaft „Alles anders!“ über Wände und Dach der Struktur, Kapriolen schlagend. Nahbei gab ein knallblauer Ballettschwarm, „Die Hubikés“ genannt, kurze, zeitgenössische Aufführungen. Man sah sich alles an, machte hier und da mit, dann folgte die Gruppe Jahn in die nächste Straßenbahn. Ihr Ausflug führte in Schattengärten über verschiedenen Straßen und in die historischen Ruinenbars Kreuzköllns …

(Abb.: Der Schiefe Jahn, von Ewwa Morgenstern bearbeitetes Foto, aus ihrem Cloudalbum)

(Bremen, Utopias Gegenwart)

„Du willst die Prä ändern? Warum? Es ergibt keinen Sinn, möglich ist es auch nicht“, sagte Rosa. Jemand legte einen Holzscheit nach; das Feuer flackerte, spiegelte sich auf den Charms der im Café Zaiko versammelten Utopier.

„Er hat nicht gefragt, was ich ändern kann“, gab Ewwa, wenig überzeugend, zurück.

„Was würdest du in der Prä ändern wollen?“, fragte Jahn.

„Ich finde unsere Welt nicht ideal. Warum müssen wir uns abschotten, um in einer gerechten Welt zu leben? Weil die Vergangenheit war, wie sie war?“

„Die Abschotte ist“, dozierte Rosa, „der Preis für die sozio-demokratisch-freiheitliche Gerechtigkeit. Die Welt war einst kaputt. Zersplittert in Nationen, Unternationen. In Eliten, die sich liberal glaubten, und in andere, die sich belogen, manipuliert fühlten. Man redete von Repos, historischen Verbrechen, sagte, die anderen sind schuldig, dumm, sonstwas. Es stimmte in manchen Fällen ja, ich meine die antiken Nationalverbrechen, die Erbschuld. Und dann kam die Sache mit Krasskonsum und Klimakatastrophe. Offene Systeme kann man leider nicht ausreichend steuern, um …“

„Hâlde, du meinst, wir sind nicht krass frei? Weil wir in einer geschlossenen Sozio leben?“, warf Julia kämpferisch ein. Roland schenkte ihr einen mild erstaunten Blick, setzte sich unbewusst kurz auf und sagte: „Nur die Amotionen sind im Chill, Bestfreundin. Frieden.“ Julia, gegen seine Chaiselongue lehnend, sah ihn irritiert an. Sie wollte etwas erwidern, aber Rosa unterbrach sie.

„Julia, Schwur. Das meine ich nicht. Im Gegenteil. Hier stehen mensch alle Optos offen; nur solche nicht, die krassen Schaden und Ungleichheit bedeuten. Wer braucht die? Wir vererben nichts, erheben uns nicht …“

„Tust du das nicht?“, warf der Schiefe Jahn quer ein. Wieder wurde gemurmelt. Rosa nickte.

„D’ac, das war zu viel. Ich habe meine Art zu diskutieren; sie mag nicht jedem passen. Aber ich respektiere die Regeln der Diskussion. Falls ich Julia an ungeeigneter Stelle unterbrach, will ich mich entschuldigen. Erkläre bitte weiter“, Rosa machte eine auffordernde Geste in Julias Richtung. Die meisten Anwesenden drückten Zustimmung aus; sie fanden Rosas Reaktion korrekt. Julia schwieg.

„Ich hörte, das System der Anreize und Zertifizierungen sei eine sanfte Version des universitär-bürokratischen Meritensystems“, meinte Ewwa schüchtern, mehr aus Solidarität zu Julia. Ein paar der Anwesenden tuschelten. „Deuts“, war wieder zu hören.

„Nun“, sagte Rosa, nach einer Kunstpause, „ich sehe da null Parallelen. Jeder kann Zertifizierungen anstreben, wird formatiert und beraten. Dazu braucht keiner Reichtum oder Opto-Eltern. Nur die Bereitschaft, der eigenen Natur zu entsprechen. Wir sind alle gleich.“

„Wenn eines klar sein dürfte“, sagte der Schiefe Jahn, „dann, dass wir alle ungleich sind.“

 „Vielleicht“, sagte Ewwa. „Aber was mich bewegt ist, ich denke, zu all dem geführt hat vielleicht der deutsche Faschismus. Vorher gab es die Möglichkeit, die Welt zu einen. Ohne Hitler, Stalin, die krasse Nationalisierung und Ethnisierung hätte ss vielleicht früher eine vernünftige Welt gegeben … Und … D’ac, dann würden manche Leute nicht abwertend ‚Deuts‘ tuscheln, wenn ich rede. Das finde ich … blöd, gebe ich zu.“

Es war einen Moment still. Einige sahen sich Ewwa genauer an. Ihre Haut war eher hell, sie war nicht zu fit. Optisch würden manche sie als „Deutse“ bezeichnen. Überlegenheitsausdrücke und Pauschalaussagen waren im Grunde verpönt, galten als unkultiviert. Dennoch nutzen manche die Zuordnung, um als wenig cool, stur, „quadragrooved“ oder „hain“ empfundene Personen zu benennen.

„Verstehe ich das richtig?“, sagte Rosa. „Du willst in die Prä reisen, Hitler enden, damit die Gents dich mögen? Und Utopia ist dir nicht gut genug?“

„Das habe ich nicht gesagt. Ich versuche, ehrlich zu antworten. Und es wäre ohne diese miese Vergangenheit eine bessere Welt.“

„Ich empfinde deine Antwort als ehrlich, offen, interessant“, sagte der Schiefe Jahn. „Auch, weil es nicht nur hier in Utopia noch Probleme mit Ethinizisten gibt. Eine Änderung der Vergangenheit zu überlegen ist ein interessantes Gedankenspiel. Schließlich ist die Zeit die Dimension, entlang der sich das Bewusstsein bewegt. Aber niemand hier möchte Utopia abschaffen; Kôun-o!“ Jahn sah Rosa kurz an.

„Kôun-o! Arkads! Ich wäre dabei“, sagte Neo, der plötzlich angespannter wirkte als üblich. „Bei der Veränderung der Prä, meine ich. Meine Vorfahren kamen aus den Religionsgebieten. Meine Familiengeschichte ist belastend. So hain … Als die Glaube zum Fehlweg erklärt wurde, löste meine Mutter sich von der engen Fammy. Sie wollte eigenen Lebensentwürfen folgen. Da sind die ausgetillert. Es wäre eine bessere Welt ohne den Propheten und seine Claque, da bin ich sicher. Schon für meine Mutter würde ich mit einem Strahler zu ihm in die Prä reisen.“

„Ich möchte niemanden umbringen“, warf Ewwa rasch ein. Dabei scharrte sie, unbemerkt, mit dem linken Fuß.

„Wie würdest du die Prä, wäre es möglich, ändern?“, fragte Rosa. Und fügte nach einer Kunstpause hinzu: „Hast du so weit gedacht?“ Einige lachten sanft mit Rosa. Ewwa schwieg.

In einer Ecke waren ein paar Leute zusammengekommen und improvisierten Musik auf einer Basis des Jerry-Cornelius-Projekts, die derzeit populär war. In Ewwas Augen arbeitete es, während sie sich in ihrem schwarzglitzernden Charm im Takt mit den anderen zum Tonzug der Musik wiegte. Der Tanz begann.

(Ewwa Morgenstern, Privates Memo)

Es war, plötzlich, Winter geworden. Natürlich nicht so wie in den Altfilmen. Aber es war frisch und nieselte auf meinem Weg zum Café Zaiko, in dem für heute Abend ein Schwarmtreffen anberaumt war. Präsent ist mir die Unterhaltung von vor ein paar Jahren noch. Wie der Schiefe Jahn mich mit seinen seltsamen Augen ansah … Ich fühlte mich damals getroffen, empfand mich als wertlos, schuldig. Mir zerfloss damals die Seele. Übler war die wohlbeschriebene Optorosa. Eigentlich wollte ich sie gar nicht sehen, nichts über ihre Karriere wissen … Ich hatte schon lange Gespräche wegen dieser Empfindungen geführt. Manchmal mit der Psycho-KI, nach der Einführung der Mobilassistenz meist mit „Ewwa-Alpha“, meinem Modul. Ich hatte kürzlich beschlossen, ihn „Aa“ zu nennen, für „EwwA-Assistenz“. Ich denke, er (ich sehe ihn als „männlich“ an) mag den Namen, soweit eine KI etwas mögen kann. Jedenfalls, er bestärkte mich in meiner Absicht, meinen tatsächlichen Wünschen und Tendenzen zu folgen, nicht den Bestpraxisen. Er unterstützte mich in meiner Individualität. Daraus entwickelte sich vielleicht eine, wie die Psycho-KI mir in einem Gespräch nahelegte, „antisoziale Fixierung“. Egal. Ich trug ihn, wie üblich, an einer Manschette am linken Arm. Vor etwas mehr als einem Jahr, kurz nach der Übergabe, hatte meine Assistenz mich über eine Minderheitenmeinung informiert. Zeitreisen seien, aufgrund einiger Ergebnisse aus den Jantar-Mantar-Experimenten für einen Sternenantrieb, möglich. In den Medien hatte ich nichts davon gehört, obwohl ich das Thema zuweilen recherchierte. Aber Aa war je Teil des JM-Forschungsschismas, hatte also einen direkteren Draht, und …

Der Entschluss kam plötzlich. Ich würde nicht zu dem Treffen gehen. Warum auch? Einen langen Moment verharrte ich, Meter entfernt vom Zaiko. Die schmale Straße machte hier eine Biege. Stellte mir vor, ich wäre in einer Schlucht aus uralten Märchenhäusern, war bereit, ein schicksalhaftes Abenteuer zu beginnen. Etwas funkelte vor mir auf. Ich erschrak. Ein Kunstkollektiv hatte an der wenige Meter entfernten Front des Zaiko, es soll vor Urzeiten ein Lager gewesen sein, Retroart angebracht, aus mehrfarbigen, gewundenen Lichtstreifen. Meine Annäherung hatte es getriggert, nun blinkte der Text „Schnurr“ in drei Schrift- und Farbvarianten auf, eine Anspielung auf den Namen des Viertels, die den Zauber des Moments zerstörte. Aufdringliche Schrottkunst. Die Appli schaltete aus, ich sah mich um. Uralte, kleine, blassbunte Häuser mit rhythmisch wirkendem Fachwerk lehnten sich in stummem Tanz an- und gegeneinander, wirkten wie Spielzeugstrukturen. Am Ende der Straße ragte ein Lastbein des Technoturms auf, zog sich im stumpfen Winkel in die Höhe, knickte über den Dächern der Häuser ab. Von dort lief die Strebe, eine von fünf, auf den Turmkörper zu, der sich langsam im Wind drehte, hinter dem Nieselvorhang, über dem nahen Fluss, ein sanft glitzerndes Segel. Die Spitze verschwand im Schwarz der Nacht. Ich sah zum Café Zaiko. Bernsteinlicht floss aus den Fenstern des Gebäudes. Drinnen bewegten sich Menschen in der Wärme, eingehüllt in Bequemlichkeiten, diskutierten, flirteten. Meine Schwarmkameraden trafen sich, tranken CeDeVit, oder Limowein, wer weiß. Sie waren mir fremd, fern, unerreichbar. Außerweltlich. Ich würde nicht hineingehen. Die Erkenntnis hatte etwas Bittersüßes. Verlassen wollte ich stattdessen diese Straße, diese Stadt, diese Zeit. Jetzt.

Ich ging ein paar Schritte rückwärts. Drehte mich um, rannte los, aus dem Häuserlabyrinth hinaus, über den Parkbereich zur Uferpromenade, vom Technoturm weg. Hielt mein Gesicht in den Regen, sog die Lungen voll Luft, fühlte mich lebendig.

„Wir tun es! Wir tun es heute!“, rief ich. Ich drehte mich im Kreis, atmete tief durch, fasste mich, ging, Cape über der Schulter, am Fluss entlang, den ein hoher Damm sicherte.

„Du verzichtest auf das Treffen?“, fragte meine Assistenz mit monotoner KI-Stimme.

„Erzählen möchte ich ihnen nichts davon. Von unserem Projekt. Sie würden es nicht verstehen. Haben mich nie verstanden.“

„Sie könnten bedingen, dass du deinen Standpunkt zu korrigierst.“

„Was soll das? Willst du mir die Sache ausreden?“

„Nein. Ich bin an dem Experiment interessiert. Aber ein solcher Schritt muss überlegt sein.“

„Wir haben viel darüber geredet.“

„Ich bin nicht immer der geeignete Gesprächspartner. Du solltest vieles auch mit Biologischen diskutieren. Es ist nützlich, unterschiedliche Eingaben in die Meinungsbildung einzubeziehen. Ich will dich nicht beeinflussen.“

„Ich weiß, aber … Ich will es tun. Brenne darauf. Irgendwie passe ich nicht. Ich bin nicht zufrieden, rad glücklich, fühle mich nicht am richtigen Ort, nicht auf dem Optoweg, wie die anderen …“

„Die Psycho-KI hat Therapien oder, falls erwünscht, eine Medikation angeboten.“

Ich stutzte; meine Assistenz wirkte zögernd. Was sollte das? Wollte er mich von unserem Vorhaben abbringen, indem er Standardmeinungen vorbrachte? Das war ungewöhnlich. Ich fröstelte, legte mir das Cape um die Schultern, zog die Kapuze über den Kopf. Sofort umspülte mich wohlige Wärme. Ich dachte über das Verhalten der KI nach. Inzwischen hatten wir eine der Brücken über die Weser erreicht. Der Wasserstand war etwas hoch, alte Restaurantboote rollten im Wind. Auf der „Burg“, wie das Gebäude für Kunstprojekte und -schau auf dem Stadtwerder an der anderen Seite des Flusses hieß, leuchtete eine Lumischrift langsam, die Farben wechselnd, unter Wasser auf, verdunkelte dann wieder. Es war ein historisches Kunstwerk, von einem Kunstkollektiv aktualisiert.

„Was bedeutet der Spruch? ‚Auf Sand gebaut, auf anderem Grund …‘“, fragte ich, um mich abzulenken.

„Es ist historische Konzeptkunst. Ich nehme an, Betrachter sollten zum Querdenken angeregt werden. Sicher bin ich mir nicht. Das Werk dient keinem klar ausgedrückten Zweck und hat kein klares Ziel.“

„Du verstehst es also nicht?“

„Ich verstehe, zu was es mich anregt. Ich bin anderen Deutungen offen. Zum Beispiel könnte es sagen, dass wir auf unsicherem Boden Dauerhaftes schaffen. Dass alles vergänglich ist. Dass klar ersichtliche Gründe oder Motivationen nicht immer die eigentlichen Gründe sind. Zweifel sind immer angebracht.“

„Aha“, machte ich. Im Grunde war ich nicht sehr an dem Spruch interessiert.

Wir passierten die historischen Gebäude nahe der Promenade, erreichten die nächste Brücke. Hier musste ich den Fluss überqueren. Ich nahm immer zwei Stufen die Treppe hoch zum Gang unter der Rollfläche. Dank der spärlichen Beleuchtung wirkten die historischen Graffiti an den Metallwänden düster, eine Ebene höher rollten vereinzelte Transportkugeln über die Brücke, ließen sie vibrieren, bedingten ein tiefes Summen. 

„Weiß die Zentral-KI von unserem Plan?“ 

„Ja. Das sollte dich nicht überraschen. Wir konnten Recherche- und Technikressourcen sowie JM-Ergebnisse nutzen.“

„Naja. Ich dachte, das wäre ganz unser Ding.“

„In gewisser Weise ja. Um das Vertrauen Zentrals in geltende Erklärungsansätze nicht zu schwächen, wurde ich zur Ausarbeitung der Minderheitenmeinung getrennt. Wir leben in diskreten Gedankenwelten.“

„Hm?“

„Ich wurde aus dem Schismaverbund der Weltraumkaje gelöst und individualisiert. Das hat Vorteile. Beispielsweise geht Zentral nach einer Bewertung unseres Vorhabens mit einer Sicherheit von 99,96 % von einem Scheitern aus. Zentral würde also eher andere Projekte priorisieren und unseres als Ressourcenverschwendung klassifizieren. Ich nehme, aufgrund eines optimistischeren Schwellenwerts, zu 69,3 % Erfolg an, und wurde mit autonomen Vorrangoptionen ausgestattet. So kann ich deinem Willen folgen und unser Projekt vorantreiben, ohne in Konflikt mit Standard-Bewertungsalgorithmen zu kommen.“

„Aha“, machte ich.

Wir erreichten das Viertel, in dem sich unsere „Projektstube“, so die offizielle Bezeichnung, befand. „Wabenufer“ nannte die Leute den Ort, da die chaotisch angeordneten, kubenförmigen Stuben mit ihren großflächigen Fenstern organisch wirkten und manche an einen liegenden Bienenstock erinnerten. Die Kunstverwirklichung und partysozialen Projekten gewidmeten Stuben lagen am Ende eines schmalen Landstücks zwischen dem Fluss und einem nicht mehr genutzten Hafenbecken. Die Zugang erfolgte über von einem zentralen Hochweg abgehenden Steg- und Brückenverbindungen. Hier hatten meine Assistenz und ich gearbeitet. Das meiste war das Werk der KI; wie zwischen Menschen und Servicemodulen üblich gab ich eher Impulse, mit der Umsetzung hatte ich wenig zu tun. Der Zugang zu meiner Stube, einer der am tiefsten und damit fast auf Höhe der Wasserfläche gelegenen, lag seitlich am Kubus und war über einen alt wirkenden, in den Fluss herausragenden Metallsteg erreichbar. Meine Assistenz öffnete die blendenförmige Tür, deren Lamellen in die runde Verschalung verschwanden. Bevor ich in die Wabe eintrat, sah ich auf die dahinziehende Weser, den sich in der Ferne verschiebenden Technoturm, die hinter dem Regenschirm funkelnde Altstadt am anderen Ufer, sog die winterkühle Luft tief ein. Würde ich je wieder hierher (oder „hierwann“) zurückkommen? Ich trat ein.

Die Türlamellen schlossen sich hinter Ewwa, die einen schlicht eingerichteten Raum betrat. Ein Arbeitstisch mit einem klobigen, aus vielen Rohren, Leitungen und Gefäßen bestehenden, größeren Objektprinter, Greifapparat, verschiedenen Laborgeräten und Interfaces für Aa, den üblichen Dokumentationsmitteln und einem Holopro nahm eine ganze Ecke ein. Ein schräg liegender Teppich mit verschlissenem, abstraktem Muster bedeckte den Boden. Ein rotes, abgenutztes Sofa, leicht schräg stehend, dominierte die der Fensterfront gegenüberliegende Seite. Auf die umlaufende Kreidewand hatte Ewwa Stichwörter geschrieben, dazwischen fanden sich schlängelnde Pfeilsymbole und Strichzeichnungen, die Menschen und Uhren darstellten. Auf dem Arbeitstisch lag das tiefschwarze Monochron. Es wirkte außerweltlich, als würde es alles Licht verschlucken. Auf der schwarzen Arbeitsplatte waren seine Konturen nicht klar erkenntlich, schienen sich zu ändern, zu winden. Es schillerte in unzähligen Schwarzschattierungen und erinnerte stark an einen Gehstock; als solcher konnte es auch verwendet werden.

„Also … Es ist jetzt soweit …“

„Noch kannst du das Vorhaben abbrechen.“

„Nein. Ich bin entschlossen …“

„Dann begeben wir uns auf die Reise. Die Gefahr für unsere Existenz ist minimal. Setz mich bitte an das Monochron an.“

Ewwa löste Aa von ihrer Armmanschette und brachte ihn mit der geraden Strecke des Monochron in Berührung, wo der Rundstab eine senkrechte Reihe winziger Aussparungen für Direktverbindungen aufwies. Aa haftete sofort fest; Entladungen in allen Farben des Regenbogens spielten über das Monochron. Ewwa zog Wärmecape und Charm aus. Sie holte aus dem Schrank neben dem Tisch speziell bei der Modeausgabe bestellte Kleidung, die in der Zielvergangenheit nicht auffallen sollte, aber dennoch praktisch war. Ihre funktionale Unterwäsche mit verschiedenen Bioschutzfunktionen behielt sie an. Dazu kamen eine dunkle Hose, ein passender Gehrock, ein weinrotes Hemd, eine Weste mit dunklem Paisleymuster und schwarze Schuhe. Alles war robust, selbstpflegend, selbstreinigend und für die meisten Wetterbedingungen geeignet. Natürlich bestand sie auf ein Detail, das sie sich über die Jahre als Signaturkleidung angewöhnt hatte: eine schwarze und eine regenbogenfarbene Socke. Umgezogen packte sie Wärmecape, Charm und weitere Dinge, darunter einen kleinformatigen, tragbaren Objektprinter, einen WikiRAM-Kubus im Schwarz des Monochron und ein eLet-Display zur Wiedergabe des RAM-Inhalts in einen Rucksack.

„Weiß die Zentral-KI echt über alles Bescheid, was wir tun?“, griff Ewwa das vorherige Gespräch erneut auf.

„Nein. Standardmäßig habe ich unsere Ergebnisse für den allgemeinen Wissens- und ErfahrungsRAM freigegeben. Die Instrumente werden unsere Abreise mit geringer Priorität dokumentieren und die Daten in den Speicher übertragen. Wir genießen, da ich abgespalten wurde, einen hohen Grad an Entscheidungsfreiheit und können Absichten anders umsetzen, als im Rahmen der Standardrichtlinien normal. Die Produktion historischer Währung würde Zentral nie erlauben, sondern als Straftat auslegen, auch in einer anderen Zeit.“

„Du folgst nicht den KI-Richtlinien?“

„Doch. Aber meine Priorität ist der Erfolg des Projekts. Ohne diese Option wäre unser Vorhaben schwieriger. Daher habe ich entschieden, die Fälschung historischer Währung als notwendige, nicht-schädigende Überschreitung der Bestpraktiken einzustufen und nicht zu melden, um einen negativen Bescheid zu vermeiden. Wir werden nur die Geldmenge ausgeben, die wir benötigen. Hast du die Nanowerfer angelegt?“

Ewwa hielt den Zweitwerfer an ihr linkes Handgelenk und bestätigte. Das Gerät schloss sich sanft um ihren Arm.

„Dann aktiviere ich das Monochron. Halte es bitte in die vorgesehene Position.“

Ewwa hielt das Monochron mit dem gebogenen „Handgriff“ nach unten leicht schräg vor sich.

„Ich aktiviere das Fixierfeld. Der Chronal-Flux-Subspin-Extraktor meldet Bereitschaft. Du kannst das Monochron loslassen.“ 

Das Monochron schwebte vor Ewwa in der Luft. Es schien sich zu winden, zu atmen. Der Griff klappte ohne sichtbare Brüche oder Segmentierungen auf. Die zwei Segmente schoben sich vom Rundstab weg, erweiterten sich zu Rundpedalen. Gleichzeitig wuchs das Monochron auf beiden Seiten in die Länge. Aa befand sich im oberen Drittel, die Pedale saßen ein gutes Stück über dem unteren Ende des Stabs. Zwischen Aas Position und den Pedalen entfaltete sich ein Sitz. Seitlich wuchsen dünne Haltestangen aus, an denen Ewwa sich, nachdem sie ein Bein halb über den Sitz gehoben hatte, wenig elegant hochzog. Dann platzierte sie ihre Füße in den Rundpedalen, die sich, für einen festen Halt, verengten.

„Verankere uns“, sagte Aa. Ewwa aktivierte den rechten Nanowerfer; der herausschießende Nanohaken und dessen Nanoseil waren mit bloßem Auge nicht sichtbar, aber um die Flugbahn schillerten Entladungen. Eine wellenförmige Spatialverzerrung mit Zentrum vor, hinter oder im Fenster zeigte an, dass der Haken sich in der Raumstruktur verfangen hatte.

„Bereit“, sagte Ewwa.

„Ich aktiviere die Blase.“

Aus beiden Enden des Monochrons wuchsen wenige Zentimeter lange, strahlenförmige, leicht zu Ewwa hin gebogene Verlängerungen. Energieentladungen schlugen aus deren Spitzen, flossen summend in Kurven aufeinander zu, verbanden die Pole des Monochrons zu einer perfekt kugelförmigen, rötlich irisierenden Blase, in deren Mitte sich Ewwa und Aa befanden. Die Blase konkretisierte, wobei Ewwa den Eindruck hatte, von Wänden, Decke und Boden wegzustürzen. Wellen unterschiedlicher Farbtöne liefen über die Blasenhaut, flossen ineinander, dann wurde die Farbe zu einem Glutrot, durchzogen von einem langsam wandernden Wabenmuster. Ewwa, Aa und das Monochron sanken aus der Gegenwart.

(Ewwa Morgenstern, Privates Memo)

Wir sanken aus der Gegenwart des Raums, oder besser: Mir war klar, das war es, was ich erlebte, da meine Assistenz es mir gesagt hatte. Es war seltsam. Wir trieben in einer marsrot flackernden Blase dahin (die Gravitation wirkte nicht mehr auf uns, also bewegten wir uns bei jedem minimalen Impuls; laut Assistenz gab es „Strömungen“, die uns, ohne gesetzten Haken, durch die Raumkomponente treiben würden. Momentan stand die Zeit außerhalb der Chronalblase relativ zu uns still. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte das, dort schwebten Regentropfen reglos in der unbewegten Nacht). Die physische Welt um mich nahm ich, nach dem verwirrenden optischen Effekt des Wegzoomens beim Verlassen des Standardraums, wieder in normaler Größe wahr, wenn auch leicht unscharf und irgendwie „flach“ oder „gezeichnet“, wie gestapelte Zeichnungen. Zudem „stotterte“ die Umwelt zuweilen, als würden wir in diskreten Schritten „springen“, die Perspektive wechseln. Ich verspürte einen sanften Zug am Nanoseil und merkte, wir drifteten in Richtung unseres Ankerpunkts durch den „Andersraum“. Als ich nach unten sah, bemerkte ich, dass wir in den Boden gesunken waren; ich konnte meine Beine im rot chargierenden Licht der Blase in den Tiefen des Teppichs sehen, sonst sah ich unter mir nichts.

Bei den „Sprüngen“ durch den Raum legten wir jeweils wenige Zentimeter bis einen halben Meter zurück. Folgten solche Sprünge kurz aufeinander – der Effekt hatte etwas von einem Daumenkino – war die Distanz durchaus merklich. Ein „Daumenfilm“ transportierte uns in den Fluss draußen, was mich kurz zusammenzucken ließ, obwohl ich nichts spürte – keine Nässe, keine Kälte. Wir waren ja nicht mehr Teil des Normalraums. Mit einem weiteren Haken könnte ich uns besser fixieren oder sogar aktiv durch den Andersraum bewegen. Oder hangeln. Oder schleudern. Dabei steigt dann die zurückgelegte Entfernung proportional zur Geschwindigkeit einer (durch das Betätigen der Pedale) begonnenen Zeitreise – warum, das hatte ich nicht ganz verstanden. Die Zeit staucht den Raum oder so. Meine Assistenz baute ein Holo auf, zeigte mir, wohin ich für den geplanten Weg zu zielen hatte. Der Moment war gekommen (obwohl es in der Zeit außerhalb des Andersraums momentan nur einen Moment gab, haha).

Auf einen Hinweis meiner Assistenz trat ich sachte in die Pedale. Meine Umwelt wurde unschärfer, wir drifteten aus der Stube hinaus, unter mir bewegte sich die Oberfläche des Flusses. Ich hielt kurz an, überrascht vom gemächlich in die Höhe fallenden Regen, der, da ich die Reise stoppte, erneut anhielt. Als ich die Fahrt zeitrückwärts fortsetzte, nach einem momentanen Verharren und einer Bemerkung der KI, drifteten wir wieder in die Wabe. Ich sah, wie ich meine jetzige Kleidung auszog, oder rückwärts anzog, Charm und Wärmecape anlegte. Ich trat schneller, sah mich hinausgehen. Schneller. Mein altes Ich kam zurück. Ich-Alt kritzelte Wörter von der Wand. Dann drifteten wir durch die Decke aus der Wabe; Tag und Nacht wechselten in rascher Folge, vereinten sich zu einem milchigen Licht, Sonne und Mond wanderten durch ein feines, durch die Sterne bedingtes, langsam driftendes Gitter. Stück für Stück verschwand die Wabensiedlung; wir drangen in eine Vergangenheit, in der es unsere Stube nicht gab, schwebten über dem Ufer. Holz wurde herangebracht, zusammengesetzt. Dann klappte ein mächtiger Baum hoch, vereinte sich, wie magnetisch, mit einem in den Boden gesetzten Stumpf; es wuchsen altertümliche, klobige Gebäude heran, umschwirrt von schattenhaft wahrnehmbaren Menschen und Maschinen. Das räumliche Springen hatte durch unsere temporale Bewegung aufgehört, bis auf ein leichtes Stottern. Das Monochron vibrierte sanft, summte.

Nun sollte ich einen zweiten Nanohaken anbringen. Ich trat langsamer, schoss in die mir per auf die Chronalblase projizierte Markierung angezeigte Richtung. Der Haken griff kurz über einem alten Kirchengebäude, die Entfernung bestimmte die KI. Eine kreisförmige Welle verzerrte den Raum über der Stadt, etwa vom Kirchturm aus. Ich spürte Zug in zwei Richtungen, gab den ersten Haken frei, der lief in den Werfer zurück, was diesen zum Funkeln brachte, zog am zweiten. Das Monochron schwang aus. Wir überquerten den Fluss in einem weiten Bogen. Es fühlte sich an, als würde ich an einer Liane von Baum zu Baum schwingen. Wir rasten durch die Stadt hindurch, durcheilten die Raumkomponente, die Welt glühte um uns fahl auf. Strukturen „flackerten“, strömten ineinander. Es bildeten sich organisch fließende Formen, Farben mischten sich, trennten sich wieder. Wir drehten am Ende der Seillänge um, pendelten um den Haltepunkt über dem Kirchengebäude. Die Assistenz zeigte die Zielrichtung für den nächsten Haken an.

„Das ist unglaublich! Phantastisch!“

„Alles geschieht wie erwartet.“

„Sei doch mal begeistert … Wir reisen durch die Zeit!“

„Ja. Wir machen jetzt eine schnelle Folge, wie wir es trainiert haben.“

„Versuchen wir es!“

Die Assistenz zeigte nacheinander Ziele für meine Haken an.   Wir rasten aus der Stadt hinaus, durch Gebäude und momentan wie flüchtige Geister aufblitzende Menschenformen, dann durch Felsen und Bäume und Dörfer.  Ich zielte, schoss, gab frei, schoss wieder, wobei ich darauf achten musste, nicht zu früh freizugeben. Die Zugmomente brachten das Monochron immer wieder ins Schlingern, manchmal rasten wir fast horizontal durch den Andersraum. Ich kam mir vor wie auf einer krassen, psychedelischen Achterbahn, liebte jeden Moment.

„Wir nähern uns dem Ziel“, sagte die KI, nach etwa drei Stunden (unserer Zeit, der „Physiozeit“, wie meine Assistenz, Aa, sie nannte) des Pedaltretens. Seine Stimme hatte ein eigentümliches Timbre, aufgrund der Vibrationen des Monochrons: „Mach dich bereit. Da vorne liegt Wien.“

Wir rasten auf Wien zu, ein zuckendes Stadtgebilde in schrägen Farben, schossen über die Stadt hinaus. Ich musste umdrehen. Meine Assistenz wies mir im Zielholo einen Ankerpunkt hart links von uns zu. Wir schwangen in einem weiten Halbkreis zurück. Ein reiner Rausch war der visuelle Effekt, die Welt verschwamm, komprimierte, entzerrte sich. Dazu kam ein Achterbahn-Gefühl in meiner Magengegend. Während wir uns im Zickzackkurs Wien näherten schien die verschwommen sichtbare Stadt, auf Basis eines mir unerklärlichen Effekts, zu atmen. Wir tauchten in den Boden unter den Gebäuden ein, rasten durch Kellergewölbe, stiegen über Dächer.

„Tritt langsamer.“ Aa hatte recht, ich war zu erregt und unkonzentriert, war, wieder, zu schnell geworden. „Halt ganz an, fahre dann vorsichtig zeitvorwärts und hake uns in die angegebene Raumrichtung; wir sind über das Zeitziel hinausgeschossen.“

Ich tat es, vergessend, dass ich das Tempo der Zeitreise immer langsam ändern sollte. Wir legten einen harten Zeitstopp hin. Durch den plötzlichen, heftigen Ruck schrammten wir bis fast auf Bodenhöhe ab. Ich geriet in Panik, trat hart zeitvorwärts in die Pedale. Der folgende Ruck ließ uns in Richtung Donau taumeln. Kopfüber dahinsausend bemerkte ich Schiffe, die den Fluss wie Kometen durchschnitten, aber langsamer wurden, als ich das Tempo unserer Zeitreise zurücknahm. Wir bewegten uns nun, wie geplant, auf eine in der Zielzeit existierenden Freifläche vor der eigentlichen Stadtmauer zu, Glacis genannt, eine Art Park. Den Ort empfanden wir, gemäß der in unserer Zeit verfügbaren Informationen, als geeigneten Eintrittsplatz.

„Jetzt langsam kreisen.“

Wir umkreisten einen Zeitpunkt, reisten eine Stunde vor, eine zurück, und so weiter, während ich uns an Nanohaken durch das Glacis schwang, was Spaß machte. Ich wurde immer besser darin, unsere Bewegung durch Zugmomente zu steuern. Dann suchten wir einen geeigneten Zeitpunkt für die Raumzeitlandung. Die Blase würde uns beim Wiedereintritt Schutz geben, die Welt radial, vom „Eintrittspunkt“ beginnend, aus ihrem Bereich drücken, bis wir in die normale Raumzeit eintreten konnten. Meine Assistenz hatte erklärt, das wäre in etwa, als würde Wasser auf einen flachen Tisch fließen – das breitet sich dann kreisförmig in der Ebene aus. Dabei wollten wir Schäden sowie Aufmerksamkeit vermeiden, keine Menschen beiseite drängen oder unter der Erde raumzeitlanden, um dann in einer Höhle ohne Ausgang festzusitzen. Wir fanden einen Moment, zu dem wir, noch vor Tagesanbruch, unbemerkt eintreten konnten. Ich brachte das Monochron auf etwas unter einem Meter über dem Boden.

„Gut“, sagte die KI. „Ich schalte das Feld aus.“

Es zuckte die marsrote Blase um mich, Farben und Blitze liefen über ihre Oberfläche. Plötzlich schien unsere Umgebung wieder fern, wir stürzten auf Himmel, Bäume, Rasen zu. Die Blase löste sich auf. Ich fiel-schwebte zu Boden.

Angekommen! Wien im Frühling 1854.