WAS BISHER GESCHAH: Die Utopierin Ewwa Morgenstern, eine Außenseiterin in ihrer von optimierten Meinungen und Coolsätzen bestimmten, nachapokalyptischen Gesellschaft, kam auf die Idee, die großen Katastrophen der berichteten Geschichte zu beheben, darunter Weltkriege, Faschismus, Kapitalismus, Klimakrise und auch Fanismus. Mit einer von ihrem Assistenten Aa konstruierten, experimentellen Zeitmaschine reist sie in das Wien des Jahres 1854 …

„Früher galt ich bei andern, jetzt gelte ich mir selbst etwas. Viele ziehen das erste, wenige das zweite vor.“

(Caspar David Friedrich)

Das Monochron fuhr sich ein, die Pedale verschmolzen mit dem Stabkörper. Ewwa löste Aa von dem wieder wie ein schwarzer Gehstock wirkenden Gerät und befestigte ihren Assistenten, wie gewohnt, am linken Arm. In ihren Tragus war ein Mini-Empfänger implantiert, über den Aa ihr Details zur zurückgelegten Strecke, Zeitdistanz und Reisedauer mitteilte. Die schlichten Ohrstecker beinhalteten Elemente, die unauffällig Ewwas Umgebung erfassten und die Kommunikation erlaubten – auch über größere Distanzen, sollte sie Aa einmal nicht bei sich führen. Vor ihnen lag „Wien/1854“, wie sie, auf den Zeichnungen auf der Tafelwand in der Wabe, den Zielpunkt ihrer dahingekritzelten Zeitpfeile benannt hatten. Ewwa sah sich um. Im sanften Morgengrauen ragten Kirchtürme in den Himmel über den nahen Vorstädten. Die Stadtmauer türmte sich, abweisend und massiv, auf der anderen Seite des Glacis auf. Ewwa fand, die Szene wurde den handgemalten Bildern, die sie in den Museen Utopias gesehen hatte, gerecht. Sie lächelte, sog die frische Luft ein, schwang das Monochron, spazierte von der Stadtmauer weg. In der Ferne spielte, kaum hörbar, eine Zither. Was konnte passieren?

Der Schock durch die direkte Konfrontation mit einer anderen Zeit kam, zumindest für Ewwa, unerwartet. Der erste Bewohner der Vergangenheit, dem sie begegnete, war eine alte Frau. Sie war klein und bucklig, ihr Gesicht faltig und vom Leid gezeichnet, bog um eine Ecke und lehnte sich dann gegen die Wand einer Hütte nahe am Rand des Glacis. Die Hütte dürfte während des Tages als Verkaufsstand dienen. Zu Ewwas Verwunderung bildete sich langsam eine Pfütze unter der Frau. Sie bemerkte irritiert einen dünnen, gelblichen Strom, der die dürren Beine der Frau hinunterlief und die Pfütze speiste.

„Was ist das?“, fragte sie Aa vorsichtig, denn sie hatte noch nie Menschen im Verfall gesehen. Aa erläuterte ihr, dass Biologische vor Utopia das Altern über lange Strecken als Vergehen ihrer Körper erlebt hatten. Ewwa erblasste, zitterte etwas. Eine Ahnung stieg in ihr hoch. Sie fragte Aa, ob ihr das auch bevorstünde.

„Dein Körper ist gesünder, und ich werde dir helfen, ihn auch ohne die Mittel Utopias gesund zu erhalten“, beruhigte Aa sie über die Ohrsprecher. Er riet ihr, in die Stadt hinein zu gehen. Kurz darauf begegneten sie einem verwahrlosten Mann, der auf dem Trottoir lag. Er schlief wohl. Neben ihm warb ein Schild um eine „milde Gabe“. Ewwa spürte eine fiebrige Neugierde, wollte sich nähern, aber Aa wies sie an, sich zu entfernen. Sie könnten seine Not nicht lindern. An der nächsten Ecke bemerkte sie den Kadaver einer Katze. Fliegen krabbelten über den regungslosen Körper. Ewwa schluckte. Aa riet ihr, weiterzugehen.

Ihre Umwelt nahm sie, nun tiefer in die morgendliche Stadt außerhalb des Glacis eingedrungen und bald mit den die Straßen langsam füllenden Menschen der fremden Welt konfrontiert, als laut, hektisch, feindlich wahr. Die anfängliche Euphorie wich dem Gefühl, gegen einen Strom anzukämpfen. Die Wiener lärmten, da der Tag nun begonnen hatte, boten oft lautstark Waren an. Bettler, demjenigen, den sie schlafend gesehen hatte nicht unähnlich, stellten ihre Not aus. Reiche präsentierten unverhohlen ihren höheren Stand. Die Menschen verhielten sich nicht, wie es die soziale, egalitäre Ordnung Utopias Ewwa für die Vergangenheit hatte erwarten lassen. Sie fühlte sich als Fremde, gestrandet in einer fremden Zeit. Es war ein sensorischer Schock, der sie, nach den friedlichen, ja euphorischen Momenten der Ankunft, um ihre Fassung ringen ließ. Jeder Eindruck glich einer Explosion. Ein Mädchen heulte ihre Weigerung in die Welt, ihre Mutter schlug ihr, für Ewwa brutal, mit der flachen Hand ins Gesicht. Einbeinige Drehorgelmänner kurbelten Lieder, die schief durch die Straßen hallten. Und die Pferde. Ewwa hatte noch nie so große lebende Tiere gesehen. In Utopia gab es keine sogenannten Nutztiere; die Fauna war durch die Klimakrise stark dezimiert worden, eine Zucht zur Nahrungsmittelproduktion gab es nicht mehr. Hier aber zogen mächtige, vierbeinige Wesen schnaubend Droschken durch die Straßen, wurden gepeitscht, wieherten. Ewwa fürchtete zum ersten Mal um ihr Leben. Sie sah sich hilfesuchend um. Fast panisch bemerkte sie dabei, wie … alt? … viele, viele der Passanten aussahen. Verwelkt, hinfällig, vergehend. Hässlich. Nicht so krass und vereinzelt wie die alte Frau im Glacis, aber dennoch. Der Verfall war hier normal, konstatierte etwas in ihr, kalt, er war eine nicht verhandelbare Realität. Etwas loderte in ihr hoch, heiße Wut, bittere Verzweiflung machten sich in ihr breit. Doch sie durfte nicht nachgeben. In Utopia waren die Menschen langlebig und blieben, von Assistenten angeleitet, fit und, dank der medizinischen Wirkstoffe, relativ konstant. Sie hatte passiv gewusst, die Vergangenheit hatte anders funktioniert, aber … Sie durfte sich ihre Panik nicht anmerken lassen. Auch in Utopia gab es Menschen mit Entstellung, erinnerte sie sich, bedingt durch die Klimakrise, die brutalen Auseinandersetzungen, die Chemo-Demos, die Erbgutveränderungen, die Seuchen … Aber solche Menschen trugen, wie der Schiefe Jahn, eine Hautmaske. Hier wurde alles brutal, schamlos ausgestellt, empfand sie. Dennoch. Der Gedanke, die Menschen hier fehlten nur Masken, beruhigte sie ein wenig. Sie atmete tief durch. Ein verwachsener Mann humpelte auf sie zu, greinte Unverständliches. Ihm fehlten Zähne und ein Auge. Er schien unglücklich. Einem grässlichen, würdelosen Zusammenbruch nahe. Er streckte ihr eine schmutzige Hand hin. Er erinnerte an ein verwundetes Tier, fand die Utopierin, an die alten Filme, die sie zuweilen in Formatierungssälen gesehen hatte. Ewwa schreckte zurück, drückte sich in eine schmutzige Durchfahrt, die in einen dunklen Hof führte. Gerüche empörten ihre Nase, sie hielt sich die Hände schützend vors Gesicht. Der Mann winkte ab, spuckte vor ihr aus, humpelte davon. Ewwa nahm seine Bewegungen abgehackt, wie zerschnitten wahr. Aa, unter ihrem Ärmel versteckt, redete beruhigend auf die Utopierin ein. Eine Pfeife gellte, Kirchenglocken schlugen hohl, jemand schrie etwas über das Ende der Welt, jedenfalls war es das, was Ewwa verstand. Zu allem Elend erregte sie Aufsehen, nicht nur wegen ihres Verhaltens. Ihr Aufzug schien einigen Zeitbewohnern, wie sie mit Entsetzen bemerkte … ungewohnt. Aufreizend? Unpassend? Sie erhielt Zurufe, deren Sinn sie nicht erfasste, wurde als „Mannweib“ bezeichnet, auf ihr unerklärliche, unfreundliche Art begutachtet. Die Welt drehte sich um sie, brach in sich zusammen. Zersplitterte in scharfe Scherben. Nur Aas Stimme hielt sie aufrecht, war ihr ein Seil, an dem sie sich weiter durch die Straßen hangelte. Wohin? Sie versteckte sich für einen Moment in einer dunklen Ecke. Holte Luft und ging dann weiter.

 Zum Glück fanden sie bald eine Pension. Ewwa flüchtete sich praktisch in die Tür. Der Innenraum versprach Frieden. Ruhe. Sie stand einen Moment alleine im Empfangsraum. Von der schrill gehenden Türglocke angelockt kam jemand daher, erfragte Ewwas Wünsche. Nach einer stockenden, insgeheim von Aa angeleiteten Kommunikation zahlte Ewwa der Besitzerin des Hauses, einer in die Jahre gekommenen, reservierten, fülligen und wortkargen Witwe, die sie kritisch begutachtete, die geforderte Miete wortlos zwei Wochen im Voraus. Sie und Aa waren übereingekommen, sie müsse als alleinreisende Frau wohlhabend wirken. Man zeigte ihr das Zimmer.

Beim Frühstück, das anzunehmen Aa sie über die Ohrhörer während der Unterredung mit der Vermieterin überredet hatte, kam es erneut zu einer Krise. An einem Nebentisch verschlang eine Familie Würste – „vom Schwein“, wie die Kellnerin, durch Ewwas Blick angeregt, verheißungsvoll erklärte. Ob sie ihr welche bringen solle? Ewwa wurde stocksteif. Sie hatte, wie alle Utopier, gelernt, den historischen Konsum von Fleisch als archaisch und primitiv-gewalttätig anzusehen. Brutal war es, andere höhere Lebewesen zu töten, um sie zu verspeisen. Gefährlich war es zudem, da es in großen Mengen eine Klimasünde war. Nötig gewesen war es für die Menschen der krassen Vergangenheit. Doch seit Langem schon nur noch eine der kulturell-traditionell bedingten Barbareien ignoranter Gesellschaften. Im Futurium und in anderen Formationshallen wurden Filme gezeigt, die die industrielle Fleischproduktion in ihrer ganzen lebensverächtlichen Grausamkeit zeigten. Ewwa starrte die Kinder an, die mit Genuss verarbeitete Kadaver verschlangen, und erblasste. Tränen traten in ihre Augen. Die Kellnerin erkundigte sich besorgt nach ihrem Wohlbefinden, fragte, ob sie etwas Günstigeres wünsche, worauf Ewwa sich, weiter ungläubig auf die Reste des geschlachteten Tieres starrend, zu entschuldigen suchte.

„Töten will ich … Leben nicht …“, stammelte sie hervor, und konnte ihren Blick nicht abwenden. Der Vater der Familie fragte, warum Ewwa auf ihr Essen starre. Dann griff er sie, zumindest in Ewwas Wahrnehmung, an. Er gestikulierte umständlich in ihre Richtung. Sie müsse aufgrund ihrer seltsamen Aussprache ja aus der Provinz kommen und kenne daher sicher kein anständiges Essen. Man solle ihr was bringen. Er lachte. Warum? Ewwa, von Aa per Ohrsprecher angewiesen, entschuldigte sich. Erklärte, sie stamme aus Norddeutschland, was der Familienvater nickend akzeptierte, dann ignorierte er sie. Sie bestellte ein fleischloses Mahl, während dem Aa sie aufforderte, ihre Sprache vorsichtiger zu gebrauchen, gewisse Worte zu vermeiden. Ewwa sagte nichts mehr und beendete pflichtbewusst und appetitlos ihr Frühstück, ohne den Blick zu erheben.

Auf dem Zimmer allein redeten Ewwa und Aa lange. Den Optimismus der Ankunft hatte die Utopierin völlig verloren.

„Enden Menschen so?“

„In dieser Zeit ist nicht nur der Tod, sondern auch der Verfall das Schicksal der Menschen. In der Natur sind Individuen nur ersetzbare Träger.“

„Aber das ist so grausam, so …“

„Du hattest im Geschichtsunterricht davon gehört, du hast verfallende Menschen in historischen Filmen gesehen …“

„Ja, aber das war … vor meiner Zeit.“

„Wir sind jetzt vor unserer Zeit. Du wirst dich an die Gegenwart des Verfalls gewöhnen. Du bist resilient. Sei unbesorgt.“

Ewwa fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Das 19. Jahrhundert stellte Ewwa Morgenstern vor schwere Prüfungen. Zu Beginn waren selbst die sanitären Einrichtungen für sie eine Herausforderung. Aa musste die Nutzung des unter einem Stuhl mit abgedecktem Zentralloch befindlichen Nachttopfs erklären – nicht, weil sie kompliziert war. Die Praktiken der Vergangenheit waren Ewwa einfach fremd, bedingten anfangs sogar so etwas wie Ekel. Sie gestand sich ein, dass ihre Unsicherheit an Furcht grenzte. Dass am Rande ihres Bewusstseins Panik lauerte. Sie wollte sich dem nicht ergeben. Am zweiten Tag unternahm sie einen weiteren Spaziergang. Sie musste ankommen, durfte sich nicht verstecken. Im Glacis fand sie ein wenig Ruhe, dennoch war sie, wieder auf ihrem Zimmer angekommen, emotional so erschöpft, dass sich ihr Geist erneut in den Schlaf floh. Sie sollte das Haus mehrere Tage nicht verlassen. Lange Zeiten allein mit Aa zu verbringen war für Ewwa normal. Dennoch fühlte sie sich in ihren ersten Tagen im Jahr 1854 einsamer als je zuvor. Sie vermisste die Akzeptanz, das Laissez–faire, das sie nun in der Zukunft verortete – und empfand die Gesellschaft Utopias, zu ihrer Überraschung, plötzlich als Heimat. Ihr wurde klar: Erst hier erlebte sie, was es bedeutete, wirklich, unvermeidlich nicht Teil einer Gemeinschaft, anders zu sein. Obwohl Aa bei ihr die Gefahr einer sich entwickelnden Depression annahm und wiederholt eine Rückkehr in ihre Ursprungszeit vorschlug, „solange die Zukunft die alte ist“, wie er sich ausdrückte, hielt Ewwa an ihrem Vorhaben fest. Als wäre es ein Rettungsanker. 

Am vierten Tag war der einzige Kontakt mit der Außenwelt ein kurzes Gespräch mit der Wirtin, die besorgt an die Tür geklopft hatte. Ewwa bat darum, Essen gebracht zu bekommen, um überhaupt etwas zu sagen. Um etwas zu tun zu haben. Der fünfte Tag verstrich ebenso. Am sechsten Tag begann sie, das Wien des Jahres 1854 von ihrem Fenster aus zu erkunden, das sie in den Tagen zuvor gemieden hatte. Sie hatte nur den Regen gehört, der auf die Dächer der Stadt niederprasselte. Menschen huschten unter schweren Wolken durch die Straße vor der Pension. Ewwa ging zum Mittagessen in den Speiseraum. Es kam ihr vor, als würde sie ihr Zimmer zum ersten Mal verlassen. Sie beobachtete die anderen Gäste und bemerkte, dass auch sie beobachtet wurde. Am siebten Tag bat sie die Wirtin, ihr neue Kleidung zu kaufen. Sie erklärte, dass sie sich zu auffällig fand und daher nicht selbst gehen wolle. Die Wirtin nickte, verständnisvoll, fast kameradschaftlich, schätzte geübt Ewwas Figur und Größe ab, und besorgte ihr ein schlichtes, schwarzes Rockkleid. Das Nicken und leichte Lächeln der Pensionsbesitzerin gab ihr, sobald sie das Kleid angelegt hatte, das Gefühl, endlich konform zu sein. Sicher. Schuhe, Unterwäsche und die unpassenden Socken behielt sie dennoch bei. Auch Aa versicherte ihr, sie würde nicht mehr auffallen. Alles würde gut.

Am achten Tag in Wien/1854 unternahm sie wieder einen Spaziergang. Den ersten von vielen. Nun war sie täglich viele Stunden unterwegs, kam mit schmerzenden Füßen zurück in die Pension. Sie gewöhnte sich an die neue Zeit. Schaffte es, mit den Menschen in Läden und Restaurants zu sprechen. Wurde sicherer. Ab Ende ihrer zweiten Woche in der Vergangenheit versuchte sie, sich durch die konzentrierte Suche nach Alois Schicklgruber, der in einigen Jahrzehnten den späteren Diktator Adolf Hitler zeugen sollte, abzulenken. Sie wusste, er machte in Wien/1854 eine Ausbildung zum Schuster. Sie fragte Passanten auf ihren Spaziergängen durch die Stadt nach Schuhmachereien, und in diesen nach jungen Männern namens Schicklgruber. Einmal angesprochen, stellten sich die Wiener als freundlich genug heraus, wiesen ihr gerne den Weg. Auch ihre Vermieterin, die wegen einiger von ihr im Vorbeigehen an Ewwas Tür bemerkten Selbstgesprächen besorgt war und immer wieder ein kurzes Gespräch suchte, kannte ein paar „Pantoffler“, wie sie sagte. Nach nur wenigen Tagen stand Ewwa vor dem jungen Alois, den sein Meister aus einem Hinterraum herbeigerufen hatte.

Die Schusterwerkstätten war Ewwa inzwischen gewöhnt – die vielen Regale mit Leisten, die für sie grob wirkenden Werkzeuge, die Schablonen, den strengen, aber nicht unangenehmen Geruch des Leders. Die dunklen Räume. In Utopia ging man zu einem Berater, meist in einem hellen, aufgeräumten, fast leeren Raum, suchte etwas am Bildschirm aus, nahm individuelle Anpassungen vor und gab den Artikel dann aus. Die Vergangenheit war da anders, direkter, nackter. Aseptisch. Das war der Utopierin klar geworden, sie war es fast gewohnt. Dennoch war sie unruhig. Aa hatte mit ihr eine Geschichte eingeübt, die Ewwa nun haspelnd vortrug: Sie, eine Norddeutsche aus einer obskuren Kleinstadt, deren Eltern vor kurzem zeitgleich an einer rätselhaften Krankheit verstorben waren, suchte einen entfernten Verwandten, Luis Schlickgruber. Ihr eigener Name sei Ewwa Morgenstern-Schlickgruber; dabei deute sie einen ironischen Knicks an, wie er in Utopia beliebt war. Der letzte Wunsch ihrer Eltern sei gewesen, dass Luis einen Brief erhielt, den Ewwa bei sich führe. Alois hörte sich Ewwas Geschichte an, wirkte unwillig, nickte linkisch, zeigte sich bass erstaunt, dass jemand einen Schicklgruber (oder so ähnlich) suchte. Er erklärte, etwas heftig, eine Verwandtschaft sei mit Sicherheit ausgeschlossen. Er, nuschelte er vor sich hin, mochte den Namen ohnehin nicht, was ihm einen seltsamen Blick von Ewwa einbrachte, die sich bei Alois für die Umstände entschuldigte. Aa redetet ihr gut zu. Soweit lief alles nach Plan, nur war Ewwa von Anfang des Gesprächs an nervös und schwieg nun zu lange. Der Mensch vor ihr entsprach nicht ihren Erwartungen. Sie hatte Fotografien des älteren Alois gesehen, einer fülligen, schwerfällig wirkenden Person mit Hang zu Militärkostümen, aufgedunsenem, breiten Gesicht und harten, wie seelenlos unter buschigen Augenbrauen in die Kamera starrenden Augen. Der Unterschied zu dem Jungen vor ihr war geradezu erschreckend. Der 17-jährige Alois war dürr, führte seine jugendliche Agilität auf unbewusst-ungelenke Art vor, wirkte auf brütende, ablehnend-verschüchterte Art einnehmend. Das braune Haar trug er halblang, sein Gesicht und die drahtigen Arme waren schmutzig. Er schien verhuscht, wankend, fluchtbereit, ein Hund, der eher Schläge erwartet als gute Worte und Interesse, aber nicht von seinem Herrn oder Peiniger lassen kann. Alois verlagerte das Gewicht von einem Bein aufs andere, erkundete mit den Augen während des ausufernden Schweigens jeden Winkel des Raums. Wirkte, als wolle er sich davonmachen, als hätte er beinahe den Mut beisammen, sich aus der Lage zu befreien. Er tat einen Schritt zurück. Aa ermahnte Ewwa über den Ohrsprecher, die Initiative zu ergreifen. Sie improvisierte, klärte das Missverständnis, umständlich, nochmals auf. Alois sah ihr ausdruckslos in den Blick. Er unterbrach Ewwa, um sich zu verabschieden, obwohl seine Augen, die nun an Ewwa hingen, plötzlich anderes sagten. Dennoch. Er wollte fliehen, um das zu erkennen, brauchte Ewwa Aas Kommentar nicht. Sie durfte es nicht zulassen. Sie bat ihn, zu bleiben. Sie anzuhören. Sie sei neu in Wien. Käme aus dem fernen Norden. Sie kenne hier niemand. Ob er sie herumführen, ihr die Stadt zeigen würde? Ob sie ihn in ein Kaffeehaus einladen könne? Als Frau dürfe sie in Wien diese Etablissements ja nicht unbegleitet betreten, wie sie gehört habe. Ob er das Café Griensteidl kenne, das sie gerne besuchen würde?

Alois stand einen Moment still, rieb sich den schmutzigen Arm. Zuvor auf fast rebellische Art wortkarg wirkte er nun entwaffnet, fassungslos. Ewwa passte nicht in seine Welt. Zweifel und skeptische Offenheit huschten im Wechsel über sein Gesicht. Er tat einen winzigen Schritt zurück, wollte fort, senkte den Blick; sah wieder Ewwa an, sagte, eher kaltschnäuzig, er habe übermorgen am Nachmittag frei. Aber er würde sie einladen. Er habe Geld. Ewwa akzeptierte, überrascht. Sie verabredeten sich auf einen Kaffee im Café Griensteidl.

„Du musst vorsichtiger sein“, ermahnte Aa Ewwa, die aufgrund ihres Erfolgs breit lächelnd durch die Straßen gezogen, ja gesprungen war und freudig Fremde gegrüßt hatte. Nun lag sie glücklich auf ihrem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. „Du bist hier eine ungewohnte Erscheinung, trotz deiner nun zeitgemäßen Kleidung. Vergiss nicht, wir befinden uns in einem finsteren Zeitalter. Die Gesellschaft ist stark reglementiert, die meisten Menschen haben keinerlei verbriefte Freiheiten. Hier haben noch nicht einmal Männer gleiches Wahlrecht. Erst vor kurzem wurde eine Revolution unterdrückt. Die Mehrheit dieser Zeitregion sieht zu, dass sie ihren Unterhalt verdient, für den Rest werden höhere, berufenere Mächte als zuständig angesehen.“

„Alois ist rad nicht, was ich erwartet hatte“, warf Ewwa, sich auf den Bauch drehend, unvermittelt ein. Und stützte das Kinn auf ihre Hände.

„Natürlich nicht. Er ist jung. Aber auch, und schon, ein Produkt seiner Zeit.“

Ewwa schwieg, zog eine Augenbraue hoch. Sie hatte angenommen, einen hohen Preis für das Umlenken der Geschichte zahlen zu müssen, für die Realisierung ihres Ziels, das sie als altruistisch, wertgebend eingestuft hatte. Geträumt hatte. Der Plan hatte vorgesehen, sich mit Alois anzufreunden und ihn dazu zu bringen, mit ihr in die USA auszuwandern. So würde der deutsche Faschismus vielleicht verhindert werden, so wäre vielleicht ein besseres Europa möglich, so würde die Dunkelmoderne vielleicht nicht ganz so dunkel werden, die Klimakrise vielleicht vermieden. Die Welt schneller besser werden. Ewwa lächelte. Vielleicht würde es so kommen. Nur war der Preis ein ganz anderer. Es war ein guter Tag gewesen, ihr Abenteuer in der Vergangenheit, fühlte sie, begann nun richtig. Denn ihr wurde klar: Was folgen würde, war, notwendigerweise, ungeplant. Sie jauchzte, wirbelte wieder auf den Rücken, seufzte. Irgendwie, dachte sie bei sich, wirkte Alois sogar nett.

Zwei Tage später traf sie Alois Schicklgruber wie verabredet an der Ecke Herren- und Schauflergasse vor dem Café Griensteidl. Er kam in Begleitung, und es regnete.

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(Rudolph)

„´s regnet Schusterbuben“, sagte ich bei der Ankunft am Griensteidl zum Alois, der meine pfiffige Bemerkung, wie üblich, kaum pfiffig fand, egal, der Einwurf sollte ohnehin eher die fesche Dame amüsieren, die uns, mit der praktischen Vernunft ihres Geschlechts, unter der Marquise erwartete. Alois führte uns ein – die Bekanntschaft war aus dem fernen Norden, was an ihrer seltsamen Sprache überklar erkenntlich war. Eine pudelhübsche Piefke, war mir recht. Wunderlich war ihr dunkler Teint – wo mochte sie den her haben? Aber nun, wer weiß, wie man sich in Hyperborea arrangiert … Ich nannt‘ die Katz „Katz“, und erklärte den Ausdruck, was gehörig Eindruck schindete. Gut so, denn auch ich war deutlich von der Dame beeindruckt. Mehr als modern, burschikos, allein ihr Auftreten musste Aufmerksamkeit erregen. Sie wirkte zwar ein wenig wie ein Nonnerl in dem schlichten Schwarzen, aber die Augen blickten so gar nicht religiös, eher herausfordernd, auffordernd; die eine unpassende und ungewöhnliche Socke blitze wie ein Juwel am Fuß; ich mache jede Wette, dem Alois ist das nicht mal aufgefallen. Ihre Haltung war immer korrekt, wie ein Gardesoldat hielt sie sich, dazu sprach sie ihren Vornamen seltsam aus, der Herkunft aus einer Region geschuldet, in der man ein bis zur Unverständlichkeit unfeines Deutsch pflegte, oder: eben nicht pflegte. Gebrochene Erscheinung durch und durch, eine junge, moderne Frau, ganz im Jetzt, ganz Heute. Patent.

„Es ist kaum zufällig, dass Sie uns in der Freiheitsgasse treffen wollten?“, bemerkte ich, um die Dame sanft zu testen. Sie blickte mich einen Moment fast schon moros an; dann legte sie die Hand ans linke Ohr und sagte zu meiner Überraschung: „Sie meinen im ‚Café National‘? Es ist allgemein bekannt.“ Respekt!

„Der Rudolph hat nur Revolution im Kopf“, meinte Alois, gschamig, wie immer, „was ihn glauben lässt, er würd‘ in einer andren Zeit existieren. Gehn wir hinein.“

Ich zog Alois im Gegenzug ein wenig auf und erwähnte, er hätte sich ohne sein Rosalinchen kaum unter die Revolutionäre verirrt. Das wäre nun aber doch ein arger Verlust für mich; es mag überhaupt das beste Werk der biederen Existenz dieser ja schon im goldenen Käfig einer ehrenwerten Ehe eingekehrten, typischen Salonjugendlichen sein. Geworfen soll sie auch schon haben. Das verschüchterte Faverl wurde bis zu den Ohren rot und wagte keinen Widerspruch. Drinnen empfing das Griensteidl uns in praller Pracht. Die Räume erhellten luxuriöse Lüster, die zur Erbauung des Auges individuell, aber dezent, geformte und gestaltete Möbel, Durchgänge und Fenster beleuchteten. Ernste Männer saßen ernst an den Tischen, lasen Zeitungen aus aller Welt, und stärkten sich am allzeit hervorragenden hiesigen Kaffee, die Speisen nicht verachtend. Denn auch der Geist braucht Sustenance. Das Glück war uns hold, wir fanden einen freien Platz: klein, aber fein. Ich koordinierte die Bestellungen; es blieb beim Kaffee, da die Dame sich als „Vegetarierin“ erwies. Sie verzichtet also freiwillig auf den Genuss von Fleisch. Na Hallo! Ich vermutete einen religiösen Hintergrund, eine Fastenzeit, doch sie hatte andere, tiefere, ja weltanschaulich-politische Gründe. Ihre Erläuterungen waren interessant und bewegten mich, mir selbst eine Zukunft als „Vegetarier“ vorzustellen, denn das Fräulein Eva entsagte dem Fleischgenuss nicht nur, um das grausame Los der (wie sie meinte enger mit uns verwandten???) Tiere zu erleichtern, sondern auch, um eine gute Ernährung aller Menschen zu ermöglichen, besonders der ärmeren Klassen, was durch die geringeren Ansprüche in Sachen Landfläche durch den Vegetarismus erleichtert würde. Na also. Ich hatte mich nicht getäuscht, die Dame war gut national gesinnt, eine Demokratin, ihr Gedankengut utopisch. Ich erwähnte nebenbei meine Beteiligung an den von der hiesigen Herrscherriege schändlich niedergeschlagenen Aufständen von 48/49 und gab meine Enttäuschung mit meiner Heimat zu, deren Obrigkeit das Blut Blums und anderer großer Männer vergossen hatte und in ihrer Ignoranz – oder Perfidität – eine kleindeutsche Lösung praktisch erzwang, obwohl Wien doch nun natürlich die Hauptstadt eines jeden deutschsprachigen Reiches kulturell-internationaler Bedeutung sein musste. Nun, noch war die nationale Sache nicht ganz verloren … Dann lenkte ich das Gespräch auf moderne Forderungen, wie die allgemeine Suffrage für Männer, und rannte, zu meinem entzückten Erstaunen, offene Türen ein, ja zuweilen gingen ihre Ansichten gar ein bisserl weiter als meine. Manche erschienen mir geradezu weltfremd. Sie schien „Kernfamilie“ (die Familie überhaupt?), Religion und Erbrecht abschaffen und eine Art umverteiltes Grundeinkommen – ohne Arbeitsleistung oder Not! – einführen zu wollen, wenn ich sie recht verstanden habe. Naja. Dann würde ja nun sicher kein Schusterknabe mehr schustern tun, scherzte ich, aber bitte. Ich war fasziniert und hakte weiter nach, denn im Grunde war sie eher wortkarg oder halt schüchtern. Aber einmal angestachelt sprach sie gerne vom „Missverständnis des Kapitalismus“ und erwähnte kommunistische Kerngedanken. Hatte sie Marx gelesen? Sie verneinte, meinte aber, jeder wisse schon, wie das mit Kapitalanhäufungen und Ware-Käufer-Gesellschaften so sei. Ich regte sie zu ergänzenden Erläuterungen an, da ich nicht so recht verstand, was sie da, so abgekürzt, zu sagen meinte. Sie erwähnte die Akkumulation von Reichtum oder Ruhm als wirtschaftlichen Aspekt, womit sie sicher die Fürsten kritisierte, verwendete dabei das seltsame Wort „Fan“, wird aus ihrem Mutterdialekt stammen, wofür sie sich nach Nachfrage von mir entschuldigte und solche Leute als, den genauen Wortlaut erinnere ich nicht mehr, „sich unterordnendes Klatschvolk“ (Gläubige? Katholiken?) definierte, sprach sich gegen „Interpretations- und Wertehoheiten“ und auch Statusdenken aus, sicher eine Klatsche gegen Klerus und Kirchengänger, und erwähnte weitere, mir sicher nur wegen ihrer wunderlichen Ausdrucksweise unbekannte Konzepte. Kurz: was ein wunderbares, schillerndes Weibszimmer! Alois, wie üblich, beteiligte sich wenig am Gespräch. Seine Ansichten waren ohnehin nicht recht politisch, er war ja zwar herzensgut, interessierte sich inzwischen jedoch mehr für eine praktische oder „realistische“ Karriere. Folge seiner Enttäuschung durch die Damenwelt. Er hatte sogar erwähnt, er würde in den Beamtenstand treten wollen – das Lederhandwerk lag ihm wohl nicht so (was sagt eigentlich die Vegetarierin dazu? Sie schien dies fein zu ignorieren?). Wie dem auch sei, er trägt das Herz am rechten Fleck, ist lieb, ganz nach Art unserer Stadt und Kultur. Wo er konnte half er, arm genug, den Ärmsten, und modernen, ideologischen Ideen gegenüber war er im Herzen aufgeschlossen. Ja, sicher wollte er eine fesche Frau finden und einen Hausstand gründen, in seinem Alter war es normal, zu versuchen, die Zukunft zu greifen, zu planen, statt sich dem unsteten Meer der Ideale zu verschreiben und ins Ungewisse zu schaun; dennoch, ich hege weiter die Hoffnung, ihn als meinen Mitstreiter für die Sache unserer nationalen Demokratie zu behalten.

Fräulein Eva, dem Wesen ihres Geschlechts gerecht, versuchte immer wieder rührend, Alois in unser Gespräch einzubinden, interessierte sich für sein Leben, seine Vergangenheit. So erfuhr ich manch Neues über ihn. Ich wusste ja gar nicht, dass er unehelich war, den Vater nicht kannte, seine Mutter schwieg sich in der Sache aus, sie wird gute Gründe haben. Sein Stiefvater aber wolle, was ja nicht unverständlich ist, als Vater gelten, oder könnte es wohl sein. Fräulein Eva hatte eine einfühlsame, fast mütterliche Art. Man merkte, wie sie sich für die Menschen recht echt interessierte, so ist es kein Wunder, dass selbst Alois wärmer wurde, obwohl er sonst oft wie in sich verloren wirkte, wie ja viele von uns so wirken. Aktuell ist das verbreitet, nach der unterdrückten Revolution zogen sich durchaus einige frühere Idealisten ins Private zurück. Aber lassen wir das. Zum Abschluss, es war ein wunderbarer Abend im Griensteidl, an dessen Ende wir uns für das Wochenende zum Besuch des Wurstelpraters – auch wenn der Name für nordische „Vegetarier“ sicher Eigentümliches hat – verabredeten.

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In den nächsten Wochen zeigten Alois und Rudolph Ewwa bereitwillig Wien. Es hatte für Ewwa etwas unerwartet Dörfliches, wozu auch die klar dargestellte Wehrhaftigkeit beitrug. „Bald aber werden die Befestigungen weggemacht, ihr werdet’s schon sehen, und dann macht die Stadt sich her“, kommentierte Rudolph auf dem Weg von den Vorstädten durch den Glacis zur eigentlichen Stadt, vorbei an den hier üblichen Verkäufern und Schaustellern. Unweigerlich endeten die Ausflüge des Trios mit langen Gesprächen in einem Kaffeehaus oder Weingarten. Die beiden Österreicher teilten Ewwas Meinung oft nicht. Dennoch versuchten sie nie eine höhere moralische oder intellektuelle Stellung ihr gegenüber einzunehmen, was Ewwa ihnen, trotz Aas Warnung, dass der Grund in einer geschlechtsspezifischen Eigenheit der Männer dieser Zeit und Kultur liegen könnte, positiv anrechnete. Die Utopierin erwähnte Aa gegenüber immer wieder gerne, wie angenehm Rudolph und Alois als Gesprächspartner verglichen mit Rosa aus der Zukunft waren. Ewwa fand in ihren Begegnungen mit den beiden Freunden nun wirklich in die Welt des Jahres 1854 hinein. Die Zweifel und Probleme der ersten Wochen waren wie vergessen, sie war nun eher wie ein Schwamm, der alles, und mit echtem Genuss, aufnahm. Sie begann, freier zu sprechen. Die Furcht, zurückgewiesen zu werden, die sie lange Zeit ihres Lebens begleitet hatte, war wie fortgewaschen. Die Utopierin vertrat mit größter Selbstverständlichkeit Ansichten, die Rudolph in seinem Tagebuch gerne als „etwas wirre Ergänzungen meiner fortschrittlichen und national-freiheitlichen Ideen“ bezeichnete. Es waren meist Coolsätze. Ewwa verstand, dass Diskussionen in ihrer früheren Welt, der Zukunft, anders geführt wurden, auch wenn sie sich in Gesprächen mit religiösen Menschen aus Wien/1854 oft an den Rechtglauben Utopias erinnert fühlte. Aber es gab etwas Neues. Die Möglichkeit des Anders- oder Neudenkens lag, wie sie fand, in der Luft. Dennoch ermahnte Aa sie zuweilen sich zurückzuhalten, wenn stark abweichende Meinungen ausgedrückt wurden, was in ihrer direkten Umgebung aber nur selten geschah. Alois äußerte bald häufig demokratische Ansätze, die Ewwas Meinungsäußerungen folgten – besonders, wenn andere Männer sich an den Gesprächen beteiligen wollten, was zuweilen vorkam. Ewwa und Aa wurde klar, dass Alois und auch Rudolph sich in die Utopierin verliebten, oder zumindest einen Sikk für sie entwickelten, wie man in ihrer Ursprungskultur eine sinnliche Faszination nannte.

Ewwa wurde, von Aa unterstützt, gegenüber der allgemeinen Außenwelt schnell selbstsicherer. Wie schon erwähnt: nach den anfänglichen Schwierigkeiten bot die Vergangenheit ihr das Gefühl, Neues schaffen zu können und, so seltsam es klingen mag, sich nicht anpassen zu müssen, um akzeptiert zu werden. Zwar kam es wegen ihrer für die Zeit für Frauen, trotz der neuen Kleidung, eigenwilligen Wirkung immer wieder zu grenzwertigen Kommentaren, doch Ewwa fühlte sich dadurch eher bestätigt, und Alois und Rudolph standen stets zu ihr. Auch ihr Verhältnis zu Aa wandelte sich. Vom Assistenten und zeitweilig elternhaften Begleiter wurde er für sie zu einem Partner, der, wie ihr klar wurde, nicht immer nur ihren Wünschen folgte, sondern eine eigene Agenda vertrat. Dennoch verfolgten sie beide ein gemeinsames Ziel: die Realisierung ihres Projekts. Sie begann, auf Anraten Aas, bei den Kaffeehausdiskussionen von einem möglichen besseren Leben zu sprechen, und gefiel sich dabei in der Rolle der Avantgarde ihres Publikums. Aa drängte darauf, die nächste Phase zu starten. Also erwähnte Ewwa ihre Absicht, in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern, um dort ein utopisches Leben fernab der Zwänge und engen Traditionen des alten Europa zu führen, obwohl es Ewwa in Wien gefiel. Sie spielte ihre Rolle gut. Schon beim zweiten relevanten Gespräch entwickelte sie, in ihrer Beschreibung der Neuen Welt, eine ansteckende Begeisterung, die rückhaltlos aufgenommen wurde. Dazu las sie Alois und Rudolph Auszüge aus einer Übersetzung des im aktuellen Jahr in den USA erschienen Buchs „Walden“ von H. D. Thoreau vor, die Aa aus dem WikiRAM gezogen und über den Objektprinter ausgegeben hatte. Die kleine Zeitfälschung fiel natürlich nicht auf. Ewwa pries die Vorzüge der Neuen Welt, erwähnte dabei öfters, dass ein Auswandern für sie als Frau allein unsicher wäre … Alois, den „Walden“ tief beeindruckte („Ich will nicht leben, was nicht Leben ist“ wurde sein Wahlspruch), und auch Rudolph zeigten sich fasziniert und bereit, Ewwa zu begleiten. Rudolph steckte die Behandlung der „revolutionären Bevölkerung“ durch die „Kaiserriege“ am Ende der Revolutionsmonate noch demonstrativ in den Knochen. Er hielt den Kopf in Trauerhaltung, bedeckte die Augen mit der rechten Hand, als er sagte, er habe im Herzen jede Hoffnung für die Zukunft des Kaisertums Österreich und eine national-demokratischen Einigung der deutschsprachigen Länder unter Wiens Führung verloren. Eine „neue Welt“, das würde ihm „passen“. Das Auswandern als Trio war bald beschlossene Sache.

Inzwischen hatten die beiden Männer sich daran gewöhnt, dass Ewwa über mehr Geld verfügte als sie und sich erlaubte, großzügig damit umzugehen. Neben dem Erbe ihrer Eltern, so erklärte sie beiläufig, habe ein Onkel, der – fiktive – Händler Aaron Morgenstern, ihr Geld vermacht. Auf Anraten Aas erklärte sie, dass es sich um eine stille Beteiligung an einer Reederei handele, die ihr geringe monatliche Einkünfte zusichere. Alois beschloss, sein Handwerkszeug mitzunehmen, als mögliche Einkommensquelle für unterwegs. Rudolph besaß selbst ein Erbe. So kam es, dass, nur wenige Monate nach Ewwas Ankunft im Jahr 1854, ein Trio Abenteurer Wien hinter sich ließ und die lange Reise an die Nordsee antrat. Zuvor war die Absicht im Kreis der Familie Rudolphs kontrovers diskutiert worden, besonders sein Bruder Karl meinte, er könne in Wien etwas werden, solle kein „Depp“ sein. Aber da Rudolph firm blieb wünschten ihm alle Glück und verabschiedeten ihn und seine beiden Freunde mit einem opulenten Abendessen. Alois meinte, er müsse niemandem von seinem Weggehen berichten. Seine Mutter sei bereits Tod. „Und dem Hiedler muss ich nichts sagen“, wie er mit einem trotzigen Gesicht ausspuckte. Nicht zum ersten Mal dachte Ewwa, dass die Menschen der Vergangenheit weniger, nun, selbstbewusst waren. Mehr in und durch ihre Familie lebten. Egal. Es ging aus Wien hinaus! Transportmittel der Wahl war für die erste Etappe die Postkutsche, die Reise führte über teilweise holprige, aber gepflegte Landstraßen nach Prag.

Das Trio erreichte die böhmische Hauptstadt mit von der Reise etwas strapazierten Körpern und richtete sich in einer zentrumsnahen Pension ein; man wollte die Stadt vor der Weiterreise erkunden. Klein im Vergleich zu Wien war die Atmosphäre Prags faszinierend. Ewwa konnte sich an den Dekadenz und auch Kultur ausstrahlenden Palästen und Theaterbauten kaum sattsehen. Am dritten Tag in Prag überquerten sie die Steinbrücke zur wenig bebauten Burgseite der Moldau. Sie sahen, von einem Hügelpfad aus, die von in den Himmel strebenden, stolzen Türmen und Kirchen geprägte einstige „Residenz der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches“, wie Rudolph die Stadt gerne nannte. Ein älterer Passant erkundigte sich, nachdem er Ewwas seltsame Aussprache bemerkt hatte, nach ihrer Herkunft und wies sie, stolz, auf die Namen der verschiedenen, auf der anderen Seite des Flusses sichtbaren Kirchen hin. An Rudolph und Alois gerichtet meinte er, zwar könne sich Prag in Sachen Größe nicht mit Wien messen, aber an Anmut und kultureller Bedeutung wären sich beide Städte sicher gleich. Sie mögen ihm Wien beschreiben. Man setzte sich auf eine nahe Bank, auf der Alois und Rudolph dem Passanten, der dabei die Augen schloss und häufig Fragen mit religiösem Hintergrund stellte, Wien beschrieben. Nachdem sein Wissensdurst befriedigt war, öffnete er die Augen mit einem seeligen Lächeln, dankte den beiden Männern und der „Dame aus der Fremde“, wünschte ihnen eine gute Zeit in Prag, und warnte sie vor den „Nationalen“. Als der Alte um die nächste Wegbiegung verschwunden war, befragte Ewwa ihre Freunde zu der seltsamen Warnung. Hatten beide ihre demokratischen Tendenzen nicht oft als „national“ bezeichnet?

„Manche Böhmen, die wird er gemeint haben, wollen partout einen eigenen Staat hermachen“, erläuterte Rudolph, der am Tag zuvor in einem Kaffeehaus mit Pragern ins Gespräch gekommen und darauf bis spät diskutieren war. „Vertreter der hiesigen slawischen Minderheiten erachten die Mehrheitsbevölkerung, die in der letzten Zeit durch die Zuwanderung der Landleut‘ an Mehrheit verloren hat, pauschal als Teil des Herrschaftsapparats – und damit als Fremde, ja Besatzer, wenn man so mag. Wiener besonders, hier hat man mir schon ins Gesicht gemeint, man würde sich lieber den Preußen anschließen, als beim Wienerreich zu bleiben. Na, dann mal gute Nacht. Und man mag es nicht glauben, aber doch, die Niederschlagung des demokratischen Aufstands hier wird von manchen myopischen, ich sag‘ mal freundlich, ‚Regionalern‘ gar als ethnische Angelegenheit angesehen, wobei das doch klar zum Register ‚Klassenkampf‘ gehörte. Die wollen halt gerne eine neue Grenze geben, sich einen auf bauernschlaue Art erfundenen Feind herzaubern, und erklären daher Deutschsprachler durchweg zu Unterdrückern. Leider. Dabei haben wir im Herzbusen ja doch alle dasselbe Ziel. Eine neue, demokratische Nation …“

„Immer dieses Gerede von Nationen …“, warf Ewwa ein.

„Deine Ideen sind ohnehin, sagen wir mal … fatal. Aber um’s kurz zu machen: Es gibt da disparate Tendenzen; die Stadt ist ja schon interessant. Nur, die Atmosphäre hier nach der Niederschlagung erinnert ein bisserl negativ an Wien. Ich gebe zu: Ein klein weng verstehe ich hier besser, was du gegen die Notio der Nation hast … Aber darüber wollten wir nicht mit dir reden.“ Rudolph und Alois hatten Ewwa, ungewöhnlich offiziell, nach ihrer Rückkehr auf die städtische Seite der Moldau am frühen Abend zu einem Getränk in einem Gartenlokal aufgefordert. Bunte Öllampen erhellten das als traditionell geltende Etablissement am Fluss.

„Wir wollen, ich sag’s geradeaus, Tacheles reden. Du bist gescheid, dir wird also aufgefallen sein, wie Alois und ich zu dir stehen. Und auch, dass wir uns, vielleicht auf dem schönen Umweg über dich, um recht einiges näher gekommen sind, als wir es waren, ja, wir sind wirkliche, wahre Seelenbrüder geworden. Und wir haben über unsere Situation geredet, weil, ja nun, wir wollen diese Freundschaft nicht durch Schweigen schädigen. Und eins ist mir auch doch wichtig: Egal, was du sagst, der Plan, gemeinsam auszuwandern, der bleibt, das verspreche ich, das versprechen wir, auf die Seele. Auch wenn’s hier schön ist, man könnte ja fast bleiben wollen …“

„Ich will nicht …“

„Wir wollen …“, übernahm Alois den Faden, „… wollen dich direkt fragen, ob du … Ob du eine Wahl zwischen uns treffen wirst.“

Ewwa blickte Alois bestürzt an; damit hatte sie nicht gerechnet.

„Improvisiere“, riet Aa ihr über die Ohrsprecher, „und sei weitgehend ehrlich. Das wird das Beste sein.“

Ewwa schluckte. Die beiden jungen Männer sahen sie erwartungsvoll an; Alois‘ Gesicht rötete sich. Hinter ihm raschelten Sträucher im flackernden Licht der Öllampen. Jemand kicherte am Nebentisch.

„Das ist meine Absicht nicht“, platzte es, nach einem Moment des Schweigens, aus Ewwa heraus. „Nicht, dass ihr mir nicht beide lieb und wichtig wärt. Paar zu werden war aber nie mein Plan. Erstrebenswert finde ich sexuelle Beziehungen und andere Bedingungsverbindungen nicht, ich hab das versucht, Schwur, und Kinder wollte ich rad nie haben … Ich werde und möchte also keinen von euch ‚wählen‘, wie ihr es genannt habt. Ich wünsche mir aber, dass wir einfach Freunde bleiben. Und hoffe, das ist D’ac.“

Ewwa verstummte, schluckte, errötete, und wartete auf eine Reaktion. Rudolph und Alois wurden beide blass um die Nasen. Auch Aa schwieg. Ewwa hätte den beiden genauso gut eröffnen können, dass sie mit einem künstlichen Assistenten auf einer Art Zeitfahrrad aus der fernen Zukunft zu ihnen gereist war, um Alois‘ Lebenslauf und das Schicksal der Welt zu ändern. Einen langen Moment bewegte sich nichts in den Augen der beiden Österreicher. Rudolph starrte wie abwesend in die tiefdunkle Nacht über dem träge dahinziehenden Fluss, wirkte verwirrt. Ein Fisch sprang. Alois fasste sich zuerst.

„Das ist – ‚D’ac‘?“, sagte er, etwas flach, aber mutig. Ewwa atmete auf, schenkte ihm ein Lächeln und bestellte Wein, um den Moment zu entschärfen.

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Der Aufenthalt in Prag blieb kurz. Von dort ging es in die Sächsische Schweiz, wo das Trio die geografischen Eigenheiten sowie die zahlreichen Steinbrüche der Region bestaunte – riesige Abbauflächen, gleißende, bleiche Wunden in der sonst grünen Landschaft. Sie wohnten im Städtchen Königstein und erklommen, nachdem sie zum auf der anderen Seite der Elbe gelegenen Bad Schandau übergesetzt waren, eine lokal Lilien– oder Ylgenstein genannte Erhöhung. Der weitgehend unerschlossene, urtümliche Tafelberg ragte wie eine Faust aus dem dichten Wald der Gegend, der Aufstieg war teilweise nicht ohne Risiko. Vom stark bewaldeten Plateau aus sahen sie die massive, wehrhafte Bergfestung Königstein, die wie ein Fiebertraum aus dem Fels wuchs und das andere Flussufer dominierte. Dahinter erstreckten sich unendlich wirkende Waldflächen. Der Blick berührte Ewwa, die in ihrem Leben urbane Umgebungen nur selten verlassen hatte. Am nächsten Tag besuchten sie eine neu eröffnete Steinbrücke vor dem sogenannten Basteifelsen, einer eigentümlichen Felsformation, die um die Brücke herum aus dem Boden strebte. Rudolph verglich die Felsen mit den Riesenfingern einer Steinhand; Alois fühlte sich an Ruinen erinnert; Ewwa meinte, es seien steinerne Sandwürmer, womit ihre Freunde nichts anfangen konnten. Um das Thema zu wechseln (und dem seit ihrer Eröffnung, keinen der beiden „wählen“ zu wollen, oft auftretenden Schweigen vorzubeugen) zeigte Ewwa sich erstaunt, wie viele Menschen vor Ort waren, um die Naturattraktionen zu bestaunen. Ein junger Mann mit lockigen Haaren und Stutzer sprach sie an und bat, das Trio auf der Brücke ablichten zu dürfen. Er wolle „Postkarten“ erstellen und fand, sie würden ein ansprechendes, modernes Gruppenbild vor der ungezähmten Landschaft abgeben. Sie ließen es zu. Nachdem der Fotograf sie angewiesen hatte, sich nicht zu bewegen, verschwand er unter einem schwarzen Tuch und wurde eins mit seinem Apparat, während nahebei Schaulustige verhalten murmelten. Bald schälte sich der Fotograf wieder unter dem Überwurf hervor, bedankte sich und pries, im Laufe einer kurzen Unterhaltung, in höchsten Tönen die Wunder der modernen Technik, die er nutzte. Zudem sagte er der Region eine dank der zahlreicher werdenden Besucher finanziell und kulturell rosige Zukunft voraus. Aa versuchte später, das Bild im WikiRAM zu finden, das sie mit sich führten (dies wäre ein Hinweis auf eine starre Zeitlinie gewesen), fand aber nichts.

Nach ein paar Tagen reisten sie per Boot weiter in die Stadt Pirna, von wo es mit der Bahn Richtung Dresden ging, der Hauptstadt des Königreichs Sachsen. Obwohl beide in Wien Eisenbahnen erlebt hatten, zeigten Alois und Rudolph sich vom Anblick der „Dampfdrachen“, die bei der Einfahrt tüchtig weißen Rauch schnaubten, beeindruckt. Man hatte sich ein Abteil geleistet, ein Bahnangestellter öffnete die Tür und reichte der Dame die Hand zum Einstieg. Es gab gepolsterte Sitze in gesetzten Farben und Ablagen fürs Gepäck. Man richtete sich ein. Dann erklang der Pfiff zur Abfahrt.

Die Fahrt mit der Bahn versetzte die beiden jungen Österreicher in eine Art Rausch. Aus den Fenstern blickend versuchten sie, ihren Blick an vorbeiziehenden Einzelheiten festzumachen, aber bevor sie ein Detail fixieren konnten, war es schon aus ihrem Sichtfenster verschwunden, rettungslos hinweggewischt vom „Teufel der Geschwindigkeit“, wie Rudolph meinte. Sie redeten auf für Ewwa nur schwer verständliche Art über das Erlebnis und wunderten sich, dass die Utopierin sich kaum oder zumindest auf andere Art beeindruckt zeigte. Ewwa war froh, da die beiden nun wieder zu ihrer alten Vertrautheit fanden. Die Freunde gaben schließlich zu, dass es ihre erste Fahrt mit dem modernen Fortbewegungsmittel war, in dem sie, wie Rudolph meinte, der Zukunft entgegenrasten. In Dresden, wo sie drei Tage blieben, wurde, wie im nun fernen Wien, viel gebaut. Auf ihrem kurzen Besuch zeigte Rudolph sich vom „Gewinner der Reaktion“, wie er die Stadt mit Bezug auf die Dresdner Konferenzen von 1850/51 nannte, absichtlich wenig beeindruckt. Ewwa und Alois dagegen genossen die geschmackvollen, detailreich ausgeführten Gebäude und das kulturelle Flair des Ortes. Von Dresden ging es nach Hannover. Dort erlebten sie einen abendlichen Umzug zu Ehren der britischen Königin Victoria. Eine Menschenmenge verfolgte das Spektakel, verlor sich in den im Fackelschein schillernden Paradewaffen, im reich verzierten Geschirr der Pferde, in der üppigen Pracht der königlichen Kutsche. Sie zogen mit der hingerissenen Masse zum Ort der Rede, sahen schon von Ferne die Wand des Rathauses, auf dessen tiefrot schimmernder Backsteinmauer im Wind schaukelnde Öllampen übergroße Schatten malten. Vor dem Gebäude war ein mit farbenfrohen Blumen geschmücktes Podest aufgebaut, das die Monarchin, aus der Prunkkutsche aussteigend, bestieg. Nach einer triumphalen Musikeinlage sprach die mütterlich wirkende Königin, deren enormer Reifrock, kräftig gefärbte Schärpen und glitzernde Applikationen die Menge zu Ausdrücken der Bewunderung anregte, von der Ehre des Todes auf dem Schlachtfeld. Sie rief Hannovers Männer auf, sich einem gerechten Krieg ihres Imperiums im Osten anzuschließen. Ewwa stampfte entrüstet mit dem Fuß auf. Zu Rudolphs und Alois Erstaunen begann sie, das Auftreten der Monarchin lautstark als kühl kalkulierten, primitiven Manipulationsversuch zu kritisieren. Einige nahe Besucher sahen sie scharf an, diskutierten murmelnd untereinander, zeigten auf sie. Alois und Rudolph machten sich schützen größer als sie waren. Auf Anraten Aas schlug Ewwa vor, die Menschenmasse zu verlassen. Ein Militärorchester spielte auf, während sie sich vom Platz drängten. Im Licht der großzügigen Gasbeleuchtung Hannovers erreichten sie eine Wirtschaft.

„Wie kann man von einem Statusposten herab werben um den Tod der Menschen?“, fauchte Ewwa, aufgebracht, die Wangen sanft vom Wein gerötet. „Wie können die … Leute ein solches Spektakel akzeptieren? Sich Dingen verpflichtet fühlen, die nichts mit ihrer Existenz zu tun haben, sondern, in diesem Fall, nur mit eingebildeten Gendynastien und politischen Konstrukten?“

Gendynastien?“, fragte Rudolph. „Was immer dein Wort nun bedeuten will, es leuchtet doch ganz leicht ein, dass Nationen, um ein Bild zu brauchen, ganz wie ein Körper sind? Hände und Beine müssen machen, was der Kopf als für den Korpus günstig erkennt, so wird dann jeder im Organismus an den rechten Ort gegeben, füllt seine Rolle geradeaus aus, woraus er Glück und Sicherheit gewinnt. Die Generationen vererben einander Schuld wie Profit, wie es zwischen Eltern und Kindern Tradition und Habitus ist. Jaja, du wirst deinen Individualismus ins Feld führen, aber, naja, um es so zu sagen, der Einzelne allein wird eh nie Großes tun, so ist‘s eben im Leben. Nur wenn der Fähige, der Kenntnisreiche, der Künstler, nur wenn der Genius den Kopf des Nationalkorpus bildet, befreit von der Fieselei, den Nöten des kruden Lebenserhalts, erhoben aus den Niederungen der Existenz, nur dann sind eben Höchstleistungen möglich, von denen das Ganze profitiert. Ja, er kann dann, als Politiker wirkend, den nationalen Körper selbst zu Höchstem befähigen. Zum Opfer, zum liebevollen, herzigen, kreativen Akt der Selbstgabe. Und da gibt es eben die, die Kommandieren, Werke schaffen, Fragen stellen können und das halt auch sollen – und die, die jenen Gerufenen Handlungsraum schenken, und als Adjutum Anweisungen, Erbauung und Antworten erhalten. Ich bin ja doch eigentlich ganz sicher, das passt gut zu unseren Ideen von nationaler Demokratie und Sozialismus – ganz jeder nach seinem Talent, jeder nach seiner Not, jeder an seinen Platz, dann wird alles gut.“

Eine eigentümliche Stille fiel über den Tisch; Ewwa legte eine Hand auf ihr rechtes Ohr und wog ihren Kopf hin und her, schien in Gedanken verloren. Eine Zornesfalte spielte über ihre Stirn. Alois erzählte, um den Moment zu entschärfen, einen Witz. Und legte Rudolph die Hand auf die Schulter.

 Von Hannover ging es am nächsten Tag entlang einer erst vor wenigen Jahren eröffneten Bahnstrecke in den Stadtstaat Bremen, den die Gruppe im Herbst 1854 erreichte.