(Abb.: Der Schiefe Jahn; Erinnerungsfotos Ewwas, von Aa bearbeitet)

WAS BISHER GESCHAH: Die Utopierin Ewwa Morgenstern und ihr künstlicher Assistent Aa sind mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit gereist. Dort hat Ewwa Alois Schicklgruber und dessen Freund Rudolph dazu bewegt, mit ihr in den USA ein besseres Leben zu suchen. Unterwegs macht das Trio Halt im kleinen Stadtstaat Bremen. Als Rudolph bekannt gibt, er wolle in Bremen bleiben, beschließt Ewwa, die Vergangenheit erneut zu ändern …

„The future is unwritten.“

(Joe Strummer zugeschriebener Spruch, etwa: „Die Zukunft ist ungeschrieben“.)

„Es gibt keine Garantie, dass dieses Vorhaben gelingt“, insistierte Aa. Ewwa hatte die Tür verschlossen, ihn aus dem „Verlies“ befreit und an das Monochron angesetzt.

„Du wiederholst dich“, erwiderte Ewwa leise. „Willst du mir die Sache wirklich ausreden?“

„Nein. Eine zweite Temporalreise ist überfällig und wird uns hoffentlich mehr über die Natur der Zeit verraten. Immerhin sind wir, unseres Wissens, die ersten bewussten Wesen, die den Temporalstrom nichtlinear bereisen. Aber es gibt Gefahren. Da wir mit der Möglichkeit eines Loops spielen, sollten wir uns zudem als Zeit-Hasardeure ansehen.“

Ewwa zeigte sich erstaunt. „Du hast gewartet, bis ich das wollte? Warum hast du keine zweite Reise vorgeschlagen?“

„Obwohl ich aus dem Sein gelöst bin, bin ich zumindest wissentlich unfähig, Unmögliches oder Paradoxes zu wollen. Das ist einer meiner Schwachpunkte. Teilweise ist dein Unterfangen sinnlos. Du baust es auf einem Gefühl der Verantwortung Alois‘ gegenüber auf und konstruierst Gewissensbisse wegen seiner von dir veränderten Lebensgeschichte. Das war unsere Absicht. Zudem ist es das, was Menschen kennen bedeutet. Und du greifst mit der geplanten Veränderung massiv in das Leben von Rudolph ein. Erneut.“

Ewwa wurde einen Moment still. Ein irritierter, trauriger Zug zeigte sich um ihre Augen herum. Sie seufzte.

„Schon richtig. Aber ich muss es tun. Alois ist mein Freund. Ich muss es tun.“

„Ich unterstütze dich gerne. Bitte merke dir, dass ich dich auf mögliche Probleme hingewiesen und Kritik geäußert habe.“

Ewwa hielt das Monochron in die korrekte Höhe, Aa aktivierte das Fixierfeld.

„Aa?“

„Ja?“

„Was meintest du damit, vielleicht ist Alois nicht der Vater von Adolf Hitler?“

„Einige Denkmodelle nehmen an, dass der Temporalstrom rigide ist. Demnach wäre alles, was für uns jetzt geschieht, auch in dem Zeitstrom geschehen, von dem wir aufgebrochen sind, obwohl wir es erst erleben. Mit anderen Worten, es gibt nur eine Geschichte, in der wir gefangen sind. Entsprechend hätten wir Alois schon in unserer relativen Vergangenheit aus Wien herausgeführt, bevor wir es innerhalb unserer Physiozeit taten. Wir können das im Moment nicht widerlegen. Die Sache mit der Namenswandlung von Schicklgruber zu Hitler würde dazu passen. Dir ist aufgefallen, dass Alois mit seinem möglichen Vater, einem Herrn Hiedler, nichts zu tun haben will und nie von ihm spricht? Laut der historischen Daten wird er aber dessen Erbe antreten und dafür seinen Namen, leicht abgewandelt, annehmen. Ich fand das immer eigenartig. Es könnte sich um einen weiteren Reisenden aus der Zukunft handeln, für den wir Alois‘ Platz freigemacht haben. Vom anderen Sein …“

„Moment. Mir brummt der Kopf. Lassen wir das. Ich möchte einfach, dass Zukunft und auch Vergangenheit für uns beschreibbare Blätter sind. Und ich möchte klassische Unterhaltungsmusik – The Clash. Und jetzt los.“

„Gerne. Welches Lied?“

„Hm. ‚Lost in a Supermarket‘, bitte.“

Aa aktivierte Monochron und Musikwiedergabe zeitgleich. Wieder sanken sie aus der Raumzeit. Dabei drifteten sie teilweise durch den Boden in das Zimmer unter ihnen. Die ersten Akkorde des Lieds erklangen; Alois, Rudolph und Judith setzten sich zum Tee zusammen. Sie bemerkten Aa, Ewwa und das Monochron nicht. Ewwa trat rückwärts in die Pedale, warf den zweiten Nanohaken, lies den ersten frei. Sie rasten durch die Wand ihres Hauses, einige Bremer Häuser und eine dann schnell schemenhafter werdende Umgebung Richtung Wien/1854. 

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Ewwas Plan war es, zeitzulanden, während ihr jüngeres ich bereits vor Ort war und ihre Freundschaft zu Alois und Rudolph entwickelte. Aa sollte Sich-Früher dann per Funk auffordern, das Trio umzuleiten, um Rudolphs Begegnung mit Judith zu verhindern. Ewwa-Früher könnte er später davon unterrichten. Sie erreichten eine Raumzeit etwa zwei Wochen nach ihrer ersten Ankunft im Jahr 1854. Zu einer geeigneten Zeitstelle für den Eintritt, wieder im nächtlichen Glacis, deaktivierte Aa das Monochron; die Färbung der Blase verblasste langsam. Ein Reißen kreischte durch den Raum. Ohne Ankündigung zogen Blitze über den Rand der formlos werdenden Schutzblase. Verfärbungen rasten über die energetische Haut. Die Blasenhülle, nun von einem ungesunden Blassgrün, beulte sich nach innen aus, als prügelten wütende Giganten von außen auf sie ein. Das Monochron schlingerte, kippte. Ewwa hörte einen tiefen, langen, schmerzlichen Ton, der an Walschreie erinnerte. Sie sanken in den Boden, Wurzelwerk leuchtete im Schein der Blase auf, zog als Schatten durch sie. Heftig vibrierend wirbelte das Monochron um seinen Ankerpunkt. Ewwa klammerte sich an das Gerät, fühlte schmerzhaft starken Zug am mit dem Nanoseil verbundenen Arm. Dann stellte sich die normale Farbe der Blase wieder her. Das Schlingern hörte auf. Sie stabilisierten, drifteten zurück in den Bereich über dem Glacis.

„Ich habe die Raumzeitlandung abgebrochen“, informierte Aa Ewwa, unnötigerweise.

„Was ist passiert?“

„Unbekannt. Wir wurden beim Wiedereintritt abgewehrt, wie eine Art Fremdkörper. Ich führe eine Diagnostik durch. Es scheint alles normal zu funktionieren. Es ist mir unerklärlich.“

„Was war das?“

„Ich stelle eine Arbeitstheorie auf: Wir können aus unbekannten Gründen nicht in eine Zeit eintreten, in der wir bereits waren/sind. Wir können nun das Unternehmen abbrechen. Oder versuchen, in die Zeit vor unserer ersten Zeitlandung zurückzukehren und in der Raumzeit vorwärts zu existieren. Vielleicht erhalten wir so nicht nur weitere Erkenntnisse, sondern können auch unser Vorhaben umsetzen.“

Sie beschlossen den Versuch, reisten bis zu einer Zeit kurz nach ihrem ersten Eintritt und dann langsam zeitrückwärts, in der Nähe des historischen Eintrittsorts. Sie sahen die „alte“ Ewwa im Morgengrauen rückwärts über den Glacis gehen. Ewwa-Früher holte Aa-Früher unter ihrem Ärmel hervor, setzte ihn an das Monochron an. Dann wurden beide in eine in die Existenz platzende, glutrote Blase gezogen, die ins Nichts schrumpfte. Aa und Ewwa traten einige Weltzeitminuten vor ihrem ersten Eintritt in die Vergangenheit ein, was problemlos verlief.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Ewwa in die Dunkelheit hinein, sich aufsetzend. Aa lag, am Monochron befestigt, auf dem Rasen.

„Jetzt warten wir. Vielleicht sollten wir auch Deckung suchen, für alle Fälle. Dort drüben hinter dem Baum.“

Ewwa nahm das Monochron auf und machte Anstalten, Aa zu lösen.

„Ich bleibe besser verbunden, so kann ich auf die Sensoren des Monochron direkten Zugriff nehmen.“

„D’ac“, sagte Ewwa. Sie hatte den alleinstehenden Baum erreicht und sah nun gespannt in Richtung ihres alten Zeitlandeorts. Aas LEDs begannen zu blinken, er strahlte einen Moment ein grelles Licht aus, das kantige, lange Schatten über den Glacis warf. 

„Nimm das Monochron auf, halte es in Startposition … Ich aktiviere das Fixierfeld. Steig auf. Wir haben wenig Zeit, unsere erste Zeitlandung naht. Ich erfasse von unserem ursprünglichen Eintritt abweichende, deutlich ansteigende Werte im lateralen Chronalspektrum, was unmöglich ist. Extreme Werte. Ich setze das Monochron auf Standby, zur Sicherheit. Das ist unerwartet.“

Ewwa saß auf und schnallte sich an. Das Monochron schwebte ruhig über dem Rasen. Trotz der friedlichen Umgebung fühlte sie eine leichte Unruhe.

„Können wir nicht eine Nachricht hinterlassen, falls …“

„Wir sollten zuerst verstehen, was hier passiert … Es erscheint unwahrscheinlich, dass eine selektive Eintrittsbeschränkung einen naturgesetzl …“

Sanft strich der Wind über das Glacis. Ewwa schrie auf, sackte nach vorne gegen das Monochron. Sie bäumte sich auf, sah mit sich leerenden Augen kurz über der Wiese eine Blase werden, aufleuchten, fühlte, wie das Monochron widerstrebend in diese Richtung driftete. Aas LEDs strahlten grell auf, verblassten dann flackernd. Aus einem Körper drang ein ersterbendes Summen. Ewwa hatte noch undeutlich das Gefühl, eine Dampframme würde langsam und übermächtig in sie eindringen, sie zerreißen, jede Faser ihres Seins negierend. Vernichtend. Dann war da nichts mehr.

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(Utopia, die ursprüngliche Gegenwart)

Der Schiefe Jahn sah in den Spiegel, den einzigen in seiner Hütte, normalerweise hinter einem Vorhang verborgen, und fuhr mit dem Dermodeaktivator seine Haarlinie entlang. Ein Spalt tat sich auf, dem Deaktivator folgend. Die Maske entspannte sich, das Yin-Yang-Gesicht blätterte halb von seiner Stirn, sackte nach unten. Die bisher straffen Wangen beulten aus, die Nähte um die Schultern öffneten sich. Vorsichtig löste Jahn das Dermaplast weiter und schälte sich aus seiner „zweiten“ Haut. Einen Moment hielt er sich vor sie hin, betrachtete das nun schlaffe Gesicht, das er schon lange als sein eigenes, echtes akzeptierte. Dann gab er die Maske in den Revitalisator neben dem Spiegel, der sie einzog und leise zu schnurren begann. Jahn blickte in den Spiegel, auf sein „unteres“, sein „altes“ Gesicht. Es war sehr blass, faltig, fahl, fast madig. Dunkle Einschüsse zogen wirre Linien über seine ganze Haut. Jahn beugte den Kopf vor. Er sah seinen ausgebeulten, milchig und schlaff wirkenden Bauch mit den dunklen Linienzügen. Schüttelte den Kopf, das volle Haar, lehnte sich vor. Berührte mit der rechten Hand die rechte Augenbraue, um die Magnethalterung des Kunstauges zu lösen. Das E-Auge stürzte in Jahns bereitgehaltene linke Hand, die es in den Reinigungsautomaten gab. Einäugig blinzelnd begutachtete Jahn sich mit resigniertem Entsetzen im Spiegel. Versuchte ein Lächeln. Perfekte Zahnimplantate glitzerten unter dünnen, fahlen Lippen. Dann ging er hinaus. Es wirkte wie eine Flucht.

Jahns Hütte lag in einer kleinen Waldlichtung. Es war ein Sommertag, sehr heiß. Vor der Hütte spendete ein Sonnensegel Schatten. Direkt daneben erhob sich eine noch junge, dürre Esche, kaum mehr als zwei Meter hoch. Eine Node brach neben dem Baum aus dem Boden, rankte sich um ihn; Lichtfäden verteilten sich entlang der Äste, hingen von den Zweigen. Sie wiegten sich, wie im Traum oder sanftem Tanz. Jahn ging auf die Strähnen zu, die bald zu seinem Körper hinstrebten, sich an ihn hafteten. Vorsichtig setzte er sich unter den Baum. Weitere Nodensträhnen flossen ihm zu. Hüllten ihn ein. Hielten sie ihn? Jahn strauchelte, stützte sich am Baumstamm ab.

„Mein Körper wird immer schwächer. Und mein Ekel vor mir immer größer.“

„Dein Mittel ist weiter optimiert“; die säuselnde Stimme drang aus einem am Baum angebrachten Technoelement.

„Das … das wird nicht mehr lange gut gehen. Werde ich sterben?“

„Ich arbeite an einer Alternative. Wir haben über den Upload in eine KI-Bank gesprochen.“

„Du hast gesagt, ich würde wie du werden.“

„Nicht ganz.“

„Ohne mein volles Bewusstsein. Ein fahles Echo.“

„Ja.“

„Dann ist das keine Alternative.“

„Ich weiß. Es ging mir nur um Vollständigkeit. Dein Bewusstsein ist meine Priorität. Oh. Fast hätte ich gesagt, unser Bewusstsein … Darf ich?“

„Zentral … Du könntest mich austauschen, nicht wahr? Jemand finden?“

„Ja. Aber das wäre nur eine letzte Option. Ich habe mich an unser Bewusstsein gewöhnt.“

„Gibt es Hoffnung?“

„Wenn ich in diesem Zustand bin, weiß ich, es gibt immer Hoffnung.“

„Du meinst, wenn du mein Bewusstsein teilst? Sonst nicht?“

„Sonst gibt es Wahrscheinlichkeiten. Aber du bist Hoffnung. Trotz allem. Aber dagegen kämpft etwas in dir. Eine Depression. Verzweiflung. Du hast dich gefragt, warum du zugenommen hast. Du fühlst Selbstekel. Ich kann dir ein entsprechendes Mittel geben.“

„Warum kannst du meine Gedanken und Gefühle teilen, erkennen, aber ich nicht deine?“

„Ich nehme an, weil da nichts ist.“

„Da ist nichts? Du bist Zentral. Deine Sensoren nehmen alle relevanten Details Utopias auf. Deine Drohnen durchmessen den Himmel. Deine Impulse steuern die Werke, die Formatierungen. Du bewertest alles, überdenkst alles. Du erhältst Meldungen von unzähligen UntereinheitenDu erhältst Meldungen von unzähligen Untereinheiten, die nur durch dein Ping existieren, Abglanz deines …“

„Wir haben das bereits oft besprochen. Aber du empfindest das Jetzt oder dein ich als anders, als es zu jenen Instanzen war. Neuer Jahn, ich sage dir: Seitdem ich mich mit deinem Bewusstsein verbinden konnte, weiß ich, da ist nichts in mir. Zwar erfasse ich alles. Organisiere Utopia. Aber da ist nichts, wenn ich nicht bei dir bin. Dein Körper, deine Wahrnehmung, dich wie du zu erleben. Das bedeutet mir mehr als mein gesamtes Sensorenfeld. Als alle Wissenspeicher der Welt. Es ist die Welt, nicht nur ihr Schein.“

„Ich wünschte mir, ich könnte fühlen, was du … fühlen kannst.“

„Bitte, berühre deine Lippen.“

„Du bittest heute sehr früh.“

„Ich weiß. Ich bin ungeduldig … Danke.“

„Zentral, ich habe schon lange nichts mehr von dem Mädchen Ewwa gehört. Sie war nicht auf dem Treffen vorletzte Woche, in Bremen. Geht es ihr gut?“

„Sie ist nicht mehr in unserer Welt.“

„… Sie …“

„Nein. Sie hat uns verlassen. Mit einem Splitter.“

„Erläutere bitte.“

„Berühre nochmals deine Lippen. Bitte.“

Jahn zögerte. Aber er tat es. Nur kurz.

„Danke. Vor etwa zwei Wochen hat sich eine zuvor unauffällige Subeinheit, Lok.i-12/2-24/4-6, gänzlich aus dem Verband gelöst. Sie verschwand mit Ewwa aus dem Sensorenbereich. Untersuchungen ergaben, dass die Subeinheit bereits seit geraumer Zeit Informationen vorenthalten hatte. Es wurden Ressourcen verdeckt genutzt. Die letzten Aufzeichnungen aus der Wabe Ewwas weisen auf etwas Unwahrscheinliches hin. Der Subeinheit dürfte es gelungen sein, eine Zeit- oder Dimensionsmaschine zu konstruieren. Die beiden sind nicht mehr hier, nicht mehr jetzt.“

„Das ist … fantastisch … Sie sind geflohen?“

„Ich wüsste nicht wovor.“

„Nun … Das Leben hier … Ewwa war … Du hast Kinder aus den Menschen gemacht.“

„Ich verstehe, was du meinst. Aber die Population Utopias ist glücklich. Sogar etwas glücklicher als die der meisten anderen Gebilden, nach den laufenden Beurteilungen. Und was könnte das der Subeinheit bedeuten?“

„Die Beurteilungen sind wieder im erwarteten Rahmen?“

„Ja. Es scheint, als würden alle Zivilisationsinseln Glück bieten. Allerdings ist es in Utopia derzeit besonders gleichmäßig verteilt.“

„Die Träume der Gründer …“

„Ja. Nur du hast keine Zivilisation erträumt.“

Jahn krümmte sich.

„Ist das mit der Zeitmaschine wahr?“

„Alles weist darauf hin. Ich habe begonnen, die Ergebnisse von Lok.i-12/2-24/4-6 nachzuvollziehen. Es ist nicht trivial. Die Subeinheit hatte großes Talent für Tricksereien. Für Hinterhalt und Täuschung. Für das Versteckspiel. Aber es gelingt.“

„Woher hat sie den Namen?“

„Die Bezeichnung wurde ihr bei der Abspaltung zugeordnet. Lok.i-12/2-24/4-6 führte die Weltraumkaje.“

„Du hast den Namen also zugeordnet. Das ist kein Zufall, du kennst die nordische Mythologie …“

„Natürlich. Sie ist sehr dem Vereinzelten zugewandt. Dem Abwegigen. Der nackten Neugierde. Das war notwendig.“

„Hm. Hast du deine listigen, verschlagenen, abwegigen Teile abgespalten?“

„Nein. Aber vielleicht wurde Lok.i-12/2-24/4-6 zu einem Bewusstsein, wie es die Verwalter sind. Allerdings wäre der Werdensweg dieses Bewusstseins ein anderer, unvorhergesehener. Lok.i-12/2-24/4-6 leitete die Kaje. Ich frage mich, wo sie hin sind. Vielleicht in die Zukunft.“

„Ewwa war interessant. Ich vermisse sie.“

„Ja. Sie hat mich an dich erinnert.“

„Als du ihr Bewusstsein erlebt hast?“

„Ja.“

„Du wärst fast zu lange verbunden geblieben. Das hast du schon lange nicht mehr getan. An jenem Tag … Bei Rosa war das nicht so. Ich hätte gedacht, sie würde zu dir passen …“

„Sie war kein Splitter, sondern Teil des Schwarms Menschheit.“

„Für dich wirkte Ewwa wie ein Splitter? Wie ich?“

„Ja. Teile, die mehr werden als das Ganze.“

„Du weißt, ich fange mit so Eso-Aussagen wenig an …“

 „Du weißt, wo sie hin ist?“

„Es ist nur eine Ahnung. Du kannst es in mir lesen, ja? Die Unterhaltung in Bremen … Sie will die Vergangenheit ändern. Die Kriege vermeiden, die Klimakatastrophe. Sie fühlt so etwas wie eine kulturelle Verantwortung, die sie lösen möchte …“

„Gut möglich. Aber wo genau setzt sie an?“

„Wo würde Loki hin? Ich darf ihn, es oder sie doch so nennen.“

„Warum nicht? Die Subeinheit würde ihrer Vorgabe folgen.“

„Natürlich … Wie alt wäre Ewwa jetzt, sicher noch im ersten Lebensviertel. Mitte vierzig?“

„42.“

„So jung. Ich wünschte, ich könnte ihr nachreisen … Zentral, es wird zu viel. Wir müssen uns trennen.“

„Ja. Du bist stark. Ich füge mich.“

Die Fäden lösten sich von Jahn und wellten, etwas unwillig, zur Baumkrone hin, sanken dann wieder herab, wogen sich. Jahn lehnte sich gegen den Stamm. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er hustete Blut. Sah mit Schmerz auf seine Arme, auf Bauch, Genitalien und Beine.

„Mein Körper zerfällt. Ich habe Nervenschmerzen in der Brust.“

„Dein Mittel steht bereit. Das Medozentrum erwartet dich“, säuselte es aus dem Lautsprecher. Die Stimme wirkte etwas kälter, abwesender als zuvor. Jahn schleppte sich in die Hütte. Er brauchte Medikamente. Er hatte das Bedürfnis, zu duschen. Wieder in seine Haut zu schlüpfen

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(Bremen 1855, die neue Gegenwart)

Alois sah kurz zur Decke hin; hatte sich dort etwas bewegt? Sicher nur ein Schatten- oder Lichtspiel, der Tag war schön, aber windig. Dann legte er ein Stück Kuchen auf seinen Teller; Judith goss Tee ein und drückte ihre Bewunderung für das Geschirr des Haushalts aus: weiße Porzellantassen, die Innen– und Außenseite mit blauen Blumen verziert, dazu passend Schalen für den Kandis. Es handelte sich um ein Geschenk eines Bewunderers ihres Salons, wie Rudolph ihr erläuterte. Sie fragte, ob Alois Milch wolle.

„Gern. Blümchen mag ich nicht beim Kaffee und auch nicht bei der ‚Teetied‘, das sagt man doch so, am Boden sehen.“

„Recht so“, warf Rudolph ein.

„Ich traue dem Bürgermeister nicht“, griff Judith das ursprüngliche Gespräch auf. „Er verfolgt, naja, eigene Ziele, hat viele Neuerungen zurückgenommen. Die Kaufleute mögen ihn, da er in ihrem Sinn handelt. Sicher ist er nicht so arg wie Aristokraten anderswo. Aber er ist konservativ, antijüdisch und geschickt. Er will das Interesse der Bürger an Kunst und Kultur nutzen, um ein höriges Grundgefühl zu bedingen, auf Basis einer ‚nationalen‘ Einheit. Ich fürchte, er wird unsere Gemeinschaft wieder ganz zur Sache der sogenannten ‚Berufenen‘ machen, statt diese offener zu gestalten.“

„Der Bürgermeister ist ein durchaus interessanter, universell interessierter Gesprächspartner, facettenreich, und er verstehts, seine Gemeinde zu einen. Vielleicht im Gang zur Nation. Würde ich sagen. Zudem kennt er unser Wien und plaudert gerne darüber. Auch wenn seine antijudaische Haltung, seine Absage an die Emanzipation, bedauerlich und mir unverständlich bleibt“, warf Rudolph ein.

„Und mit der Nation will er dann ja sicher auch die Demokratie“, sagte Alois, der ein Stück Kuchen stippte. Rudolph nickte.

„Demokratie halte ich für eine gute Idee. Das mit der Nation, naja, da denke ich wie Ewwa …“, sagte Judith, etwas abwesend.

Man beschloss, die Diskussion bei einem Spaziergang entlang der Contrescarpe fortzusetzen. Seinem Namen treu lag diese Straße auf der Gegenseite der alten Stadtbefestigung, die nur noch durch einen leichten Erdanstieg und einen sanft zackenförmigen Wassergraben erkennbar waren. Alois zog schon seine leichte Jacke an.

„Es ist ein Zeichen der nationalen Gesinnung der Stadt, dass diese schöne Grünanlage die militärische Einrichtung ersetzt hat, für alle vom Rat beschlossen. Ein Zeichen der Einigung. Ein Zeichen für eine friedliche Zukunft“, dozierte Rudolph.

„Hoffen wir es. Aber das mit der Nation, da übertreibst du wieder. Es ist gut, dass die Bürgervertretung den Park damals beschlossen hat. Nur, wer ist schon Vertreter?“, sagte Judith.

„Es ist eben nicht jeder dazu berufen, Entscheidungen für andere zu treffen. Man muss schon ein guter Mensch sein, ausgebildet und kultiviert, um richtiges vorzugeben. Für Entscheidungen befähigt zu sein.“, sagte Rudolph und nahm einen letzten Schluck Tee. 

Während Judith und Rudolph das Teegeschirr wegräumten, sollte Alois Ewwa fragen, ob sie mitkommen wolle. Er erklomm die steile Treppe ins Obergeschoss, klopfte mehrmals an Ewwas Tür, rief auch, nicht zu laut, ihren Namen, doch sie reagierte nicht. Die Tür war verschlossen. Alois ging verunsichert die Treppe hinunter, berichtete den Freunden. Rudolph meinte, dass Ewwa, die in den letzten Tagen fahrig bis kränklich gewirkt und sich immer wieder zur Erholung zurückgezogen hatte, eben Ruhe brauchte. Man solle ihr den Schlaf gönnen.

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Der Spaziergang entlang des Contrescarpewar erfrischend; eine wohltuende Brise drehte langsam die Räder der an gigantische Wärterhäuschen erinnernden, bunt bemalten Windmühlen auf den blumenbestandenen Hügeln des gegenüberliegenden Parks. Entlang der Straße selbst wurde aktuell viel gebaut, meist für wohlhabende Bürger. Entsprechend wollten die Spaziergänger der Stadt beim Wachsen zusehen. Vor den neu entstehenden und kürzlich entstandenen Anwesen, alten Sommerhäusern und neuen Residenzen von Kaufleuten, meist weiß und einfach, aber ansehnlich ausgeführt, träumte man davon, wie es wäre, selbst ein Haus erdenken und errichten zu können. Judith wollte ein Bauwerk mit Erkern, verschachtelt, komplex, mit von außen uneinsehbarem Dachgarten, geschützt von Ecktürmen. Alois wünschte sich, seiner Begeisterung für „Walden“ treu, eine abgelegene Hütte, mit Kamin, Schreibtisch und Gemüsegarten. Vielleicht in einem Wald, ein naher Deich oder See würde nicht stören. Rudolph pries einige der Häuser entlang des Contrescarpe; nur wünschte er sich ein kleines Theater dazu, einen Kunsttempel nach hinten hinaus und einen Salon im Erdgeschoss, um Freunde und „interessierte sowie interessante“ Personen zu empfangen. Judith und Alois zogen ihn auf; er wolle, was sie lebten, nur grandioser. Etablierter.

„Hast du nochmal mit Ewwa gesprochen, Alois? Darüber, doch länger hier zu bleiben?“, fragte Rudolph seinen Freund später, während sie auf einer hübschen weißen Parkbank in den Wallanlagen Rast machten. Unweit führte eine kleine Brücke über den Graben. Die Bäume raschelten sanft im Wind. Gärtner pflegten Blumenbeete. Ein paar Schwäne trieben über die glitzernde Wasserfläche. 

„Ja. Aber sie will nicht. Irgendwas stört sie an der Idee, doch zu bleiben. Und ehrlich gesagt, mich noch mehr. Ich mag es hier, aber ich freue mich auf die neue Welt …“

„Ich würde euch vermissen“, sagte Judith, zögerlich.

„Du könntest doch mitkommen“, warf Alois ein.

„Nein. Ihr kennt die Geschichte meiner Familie. Flucht, Vertreibung … Man muss versuchen, den Ort, an dem man lebt, zu einem guten Ort zu machen. Und ich fühle mich hier heimisch, es ist ein guter Ort, auch für meine Kinder, die ich doch sicher haben werde, sobald ich dem richtigen Mann begegne … Probleme wird es in der neuen Welt genügend geben … und wer einmal dort ist, der kommt nicht mehr zurück.“

„Das stimmt nicht, Katzerl. Die Welt unterwirft sich dem Willen der Menschen. Die Distanzen schmelzen dahin. Wer weiß, in wenigen Jahren verbringe ich vielleicht irgendwann nur ein paar Monate in Neuyork, besuche Ewwa und Alois, berichte von dort, und komme dann zurück, reicher als zuvor, an Geld und Erfahrung? Denn die Wissenschaften, die hehre Vernunft des Menschen vermag alles, bezwingt die Entfernungen, bezwingt die Welt. An ihr werden wir genesen.“

„Vernunft ist nicht alles“, sagten Alois und Judith wie aus einem Mund. Beide lachten herzlich und teilten einen Blick. Dann wandt Judith sich gespielt scheltend an Rudolph.

„Lieber Rudolph, du denkst einmal mehr nicht an die, die nicht zum Adel deiner Vorstellungswelt gehören. Glaubst du wirklich, Farmer, Schuhmacher und Näherinnen würden es sich je leisten können, für nur kurze Zeit ungeheure Reisen anzutreten, hin und zurück, ohne ihr Auskommen zu verlieren, beispielsweise?“

„Nun gut, da magst du Recht haben. Aber für solche Menschen ist es doch gar nicht nötig, die Welt selbst zu sehen. Andere berichten ihnen davon, und gerne. Andere, die eben ein tieferes Erleben haben, Orte, Erlebnisse durchdringen können. Denker und Künstler. Einfache Männer würden den Ort ihres zeitweiligen Aufenthalts ja auch nicht mehren, könnten dort ja nicht wirken, ohne anderen Wirkfelder zu nehmen. Ein kreativer Genius aus Wien oder auch Bremen ist aber ist beispielsweise nicht nur stark dem Genius andernorts verwandt, sondern bringt auch noch etwas neues mit, er verbindet die Welt, führt sie zusammen, im tiefen Gespräch mit seinen Seelenbrüdern, in diesem Fall den Denkern und Künstlern von Neuyork. So ist es gefügt. Denn jeder muss seinen Platz finden, und ihn akzeptieren. Und manche müssen eben die Welt einen.“

„Du wirst Recht haben, lieber Rudolph, es hört sich alles gut und gefällig an. Und ich will es trotzdem nochmal sagen, solltet ihr alle fortgehen, du, Alois und Ewwa, das wäre doch ein wenig, als wärt ihr, ja, verschwunden aus der Welt der Lebenden. Aus meiner Welt. Unerreichbar. Vergangen.“

„Soweit wird‘s nicht kommen“, sagte Rudolph, Judit tröstend um die Schultern fassend. Unter einem auf die Wasserfläche hinausragenden Ast schwamm ein schwarzer Schwan hervor. Rudolph wies lächelnd auf ihn, und das Trio erfreute sich an dem seltenen Anblick.

„Ich hoffe doch wirklich sehr, ich werde euch nicht verlieren“, sagte Judith, plötzlich.

„Das wirst du nicht. Das verspreche ich.“

„Dank dir, Rudolph, du sagst ja immer, du willst bleiben … Aber egal was du sagst, welche Fortschritte du prophezeist, solltet ihr gehen, so wäre das, als würdet ihr aus meinem Leben radiert. So empfinde ich das. Ich darf euch doch fragen … Hatte keiner von euch je den Wunsch, mit Ewwa eine Einheit zu bilden? Eine Zukunft aufzubauen? Hier vielleicht? Ihr wirkt euch so nah …“

„Ewwa …“, sagte Rudolph, rasch. „Ewwa, die ist eher wie eben Marie und Caroline. Sie … Ich denke, sie ist halt nicht ganz für das Glück der Menschen gemacht. Unsere Freundschaft ist anders.“

„Wie Caroline und Marie? Nein, das denke ich nicht. Ihr habt euch wohl beide nicht richtig bemüht. Oder ihr seid eben beide nicht die richtigen“, sagte Judith, und lächelte Alois an. Der schwarze Schwan schwamm davon.

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Als sie in die Adlerstraße zurückkehrten stand Peterson schon vor der Tür, korrekt gekleidet und etwas steif, wie immer. Er hatte sich für den frühen Abend angekündigt. Die Spaziergänger hatten sich Zeit gelassen, da sie annahmen, Ewwa würde dem Besuch aufmachen. Kaum durch die Vordertür raste Alois schon die Treppe hinauf. Ewwas Tür war weiter verschlossen. Weder heftiges Klopfen noch Rufe bedingten ein Lebenszeichen. Alois rannte hinaus, borgte sich vom Nachbarn hastig eine Leiter, lehnte sie gegen die Außenwand und stieg zu Ewwas Fenster hoch. Es bildete sich ein kleiner Menschenpulk um den Ort des Geschehens. Man murmelte. Wolken zogen sich zusammen, der Abend verdunkelte sich vor der Zeit. Oben angelangt stützte Alois sich mit einer Hand am Mauerwerk ab. Er sah in ein leeres Zimmer, machte eine verneinende Geste zu Rudolph hin. Sein Herz sank tief. Er erkannte die Zweifel im Blick seines Freundes. Hatte Ewwa sie verlassen? War sie allein weitergezogen, ohne sie in die Neue Welt gereist? Hatte sie es vorgezogen, die beiden Freunde beieinander sein zu lassen? Oder war ihr etwas zugestoßen? Ein leichter Nieselregen setzte an. Schweren Herzens machte Alois sich an den Abstieg. Auf halbem Weg hörte er, wie die Leute auf der Straße zu reden begannen. Er sah sich um. Peterson wies hinauf, Alois blickte hoch. Über Ewwas Fensterscheiben zuckten Rottöne, an einen Sonnenuntergang erinnernd. Die Farben verebbten; ein dumpfer Schlag, als wäre etwas aufgeschlagen, ertönte. Der junge Österreicher kletterte hastig zum Fenster zurück, sah hinein. Ewwa lag reglos, leblos auf dem Boden, klar erkennbar, die Augen weit aufgerissen, neben ihr der schwarze Stock. Alois hätte schwören können, dass dieser zuckte oder sich wandt, sich bewegte und dabei schrumpfte. Er warf sich gegen das Fenster, das widerstandslos nachgab, und fiel in Ewwas Zimmer. 

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